Newsletter Equi Pages 8. Juni 2026 – DM Balve Dressur: Isabell Werth nennt „weniger Kontrolle“ als Erfolgsrezept, Dante's Pearl auf Überholspur

„Weniger Kontrolle“ – mehr Demut? Betrachtungen zur DM Dressur in Balve 2026

Standpunkt 10.06.2026
Der Newsletter auf EQUI PAGES. Immer aktuell. Immer montags. Immer wissen, was Sache ist. Foto: sportfotos-lafrentz.de Der Newsletter auf EQUI PAGES. Immer aktuell. Immer montags. Immer wissen, was Sache ist. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Die DM Dressur in Balve bot viele neue Eindrücke. Isabell Werth mit einem neuen Ansatz, nicht nur für Wendy, Charlott-Maria Schürmann und Dante's Pearl OLD auf der Überholspur und die U30-Cracks Semmieke Rothenberger und Raphael Netz. Schließlich noch Forster, das Pferd, das niemand haben wollte und das Fünfter wurde. Was sagt das aus über den Sport?
Jeden Montag macht sich Jan Tönjes im EQUI PAGES-Newsletter seine Gedanken über aktuelle Geschehnisse und kommentiert diese. Hier das Editorial vom 8. Juni 2026.

„Weniger Kontrolle“ – dieser Begriff in einer Überschrift der Erfolgsverlautbarungen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN)/Pferdesport Deutschland lässt aufhorchen. Die beiden Worte stammen aus einem Zitat, das Isabell Werth nach ihrem 19. Titelgewinn gegenüber der Presse bei den Deutschen Meisterschaften in Balve am vergangenen Wochenende geäußert hatte. Es war nur die Fortführung dessen, was schon in Hamburg im Rahmen des Dressur Derbys viel diskutiert worden war, und das die seit gestern zwanzigfache Deutsche Meisterin uns im Interview schon gesagt hatte. Nämlich, dass ihre erste Reaktion auf die sich häufenden Fehler in den Serienwechseln (vor allem mit Wendy) war, „mehr Kontrolle“ haben zu wollen. Ein Konzept, das nicht den gewünschten Erfolg brachte.


Neuer Ansatz für Werth


Deswegen hat Isabell Werth den Schalter umgelegt. Er steht jetzt eben auf „weniger Kontrolle“. Mehr „Légèreté“, wie Werth sagt. Es wäre eine etwas zu freie Interpretation, wenn man sagen würde, die Olympiasiegerin würde nach dem Disney-Klassiker Dschungelbuch, „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ agieren, aber in Balve erlebte man eine anders einwirkende Isabell Werth. Immer wieder habe es Momente in ihrer Karriere gegeben, in denen Pferde sie zum Umdenken gebracht hätten, sagt sie bilanzierend.


„Weniger Kontrolle“ – mehr Harmonie


Wendy, mit der Werth im Grand Prix Special ihren 19. nationalen Titel gewann, ist eines dieser Pferde. Die angestrebte Leichtigkeit – übrigens in Balve nicht mehr einhändig geritten – überträgt sich nicht nur auf die Serienwechsel, also die Lektion, die den (Um-)Denkprozess auslöste, sondern auch auf andere Momente. In Nuancen ist weniger mehr. Ein bisschen weniger Dampf auf dem Kessel lässt die Rückentätigkeit besser werden, den Schweif ruhiger pendeln und … voilá: Da ist die Harmonie, von der so viel die Rede ist. Sie ist angekommen im Prüfungsviereck.


Alle lieben Forster


Das ist vielleicht einer der zentralen Momente dieser Deutschen Meisterschaften gewesen. Auch, dass diese Sichtweise sich in Richterurteilen niederschlägt. Das beweist die Platzierung eines Paars aus der „zweiten Reihe“: Tobias Nabben hat mit Forster ein Pferd, in das meine Kollegin Dominique Wehrmann schon seit dem Finale des Louisdor Preis 2025 verschossen ist. (Aber nicht so, dass sie ihre journalistischen Werte schockverliebt über Bord werfen würde). Forster ist ein Pferd, das keiner haben wollte, weil er schwierig war, kurz davor „entsorgt“ zu werden. Seine Geschichte haben wir schon vor zwei Monaten aufgearbeitet. Der Hannoveraner ist ein eher unscheinbares Pferd. Wenn er sich in Bewegung setzt, dann erkennt man seine gute Ausbildung.


Warum Forster ein Zeichen setzt


Herzklopfen hat das bei mir aber ehrlich gesagt erstmal nicht verursacht. Ich kann mich für gut gerittene Pferde begeistern. Selbst in der Vielseitigkeitsdressur gibt es Momente wunderbaren Reitens, in dem man feststellt, wie schön auch ein nicht ausschließlich auf Dressurveranlagung gezüchtetes Pferd im Viereck aussehen kann. Nicht, dass Forster meiner Meinung nach in den Busch gehört, aber die wirkliche Begeisterung brauchte bei mir etwas. Spätestens nach der ersten Piaffe und den ersten Passagen guckte ich auf einmal anders hin. Dieses Leichte. Tänzerische. Diese Einheit von Pferd und Reiter. Diese – da haben wir sie schon wieder – Harmonie. Einfach schön. Und noch schöner, dass solch ein Pferd unter dem Sattel eines vielleicht nicht No Names aber maximal Local Hero dann im DM-Finale Fünfter werden kann.


DM Dressur: Ausfälle vorher und vor Ort


Man kann jetzt argumentieren, dass das Starterfeld durch Ausfälle im Vorfeld (Katharina Hemmer Denoix) und vor Ort – Fieber und Quarantäne für Quick Decision und Boxennachbarn – dezimiert war, und dadurch neue Gesichter größere Chancen hat. Das mag sein, aber Forster bekam von Olympiarichtern 77,5 Prozent. Und daran gibt es nichts zu deuteln.


Bronze für Dante’s Pearl OLD und Charlott-Maria Schürmann


Stichwort neue Gesichter: Dante’s Pearl OLD und Charlott-Maria Schürmann sind für regelmäßige Leserinnen und Leser unseres Newsletters ja mittlerweile schon alte Bekannte. Die beiden hatten ihren großen Moment bei der DM: Bronze im Grand Prix Special, im Grand Prix einen Punkt hinter Mannschaftsolympiasieger Frederic Wandres mit Bluetooth OLD, Vierte in der Kür. Anschließend wurde das Paar für den Nationenpreis in Hagen nominiert. Damit sind sie im Kreis derjenigen angekommen, die sich Hoffnungen auf eine WM-Nominierung machen dürfen. (Wer die beiden näher kennenlernen möchte: Wir haben uns lange mit Charlott-Maria Schürmann unterhalten und 10 Fakten über das neue Traumpaar zusammengetragen).


Raphael Netz setzt ein Zeichen


Einen – und damit endet meine doch recht umfangreich ausgefallene persönliche Analyse der Meisterschaftstage von Balve –, der zwar nicht im Nationenpreis-Team von Hagen gelandet ist, sollte man aber noch nicht abschreiben: Raphael Netz. Er hatte zwei Pferde im Grand Prix Special unter den Top 10. Beide in vielem verbessert. Mit Great Escape Camelot gewann er Bronze in der Kür. Ich könnte auch ihn mir gut in Aachen bei der Weltmeisterschaft vorstellen. Aber bis dahin sind es ja noch ein paar Wochen.


In diesem Sinne, beste Grüße und bis nächsten Montag!


Jan Tönjes

jan.toenjes@equi-pages.de




Dieser Text wurde erstmals am 18. Mai 2026 veröffentlicht. Immer montags kommentiert Jan Tönjes auf EQUI PAGES das Geschehen der vergangenen Woche in unserem Newsletter.


HIER KANN MAN DEN NEWSLETTER ABONNIEREN!


Newsletter abonnieren.

 


WP Wehrmann Publishing