Interview Isabell Werth über Viva Gold und Wendy sowie die neue Taktik, fliegende Galoppwechsel zu reiten

Interview Isabell Werth über Viva Gold und Wendy sowie die neue Taktik, fliegende Galoppwechsel zu reiten

Interview 19.05.2026
Isabell Werth und Viva Gold. Fotos: sportfotos-lafrentz.de Isabell Werth und Viva Gold. Fotos: sportfotos-lafrentz.de
Dass Isabell Werth alle Prüfungen der CDI5*-Tour im Rahmen des Hamburger Derbys gewonnen hat, war nicht zu überraschend. Aber wie sie im Viereck agierte ließ aufmerken: Mit der WM-Kandidatin Wendy ritt sie alle Serienwechsel einhändig. Und mit Viva Gold erhielt sie bei der Kürpremiere über 84 Prozent. Im Interview erläutert Isabell Werth ihre Idee und wie es mit beiden Pferden jetzt weitergehen soll.

EQUI PAGES: Es ist ein Jahr her, da ging hier ein Dunkelfuchs unter Isabell Werth im Rahmen der Qualifikation für den Louisdor Preis seinen ersten Jungpferde-Grand Prix. Heute stehen wir hier, 84 Prozentpunkte später. Wie war das heute?


Isabell Werth: Das war erstens super, zu erfahren auf dem Abreiteplatz, dass das Pferd sich hier jeden Tag weiterentwickelt hat. Am ersten Tag war er wirklich rattenheiß und jeden Tag hat er sich mehr zu Hause gefühlt. Im Vergleich zu Mannheim war er im Stall viel ruhiger. In Mannheim hat er im Stall Kilometer gemacht und gekreist, war als Hengst aufgeregt. Also das hat ihm sehr gut getan. Jetzt die Reihe (von Turnieren hintereinander) da hatte ich schon ein super Gefühl  beim Abreiten.


Isabell Werth und Viva Gold: Kür-Debüt mit 84 Prozent


Und die Prüfung heute?


Der kommt rein. Das war eine tolle Stimmung. Wir haben jetzt drei Tage hier ein so volles Haus gehabt, das ist schon besonders. Und dann hat das wirklich super geklappt. Ich habe einmal die Choreografie zu Hause gemacht und jetzt heute das erste Mal mit Musik und es hat gleich schon so gut geklappt. Ich bin habe meine Welt im Döschen und freue mich wirklich, dass beide Pferde hier so abgeliefert haben.


Wer hat die Kür zusammengestellt. Dein „musikalischer Weggefährte“ Michael Erdmann ist ja im vergangenen Jahr gestorben?


Die Kür hat Dietmar Mensinger gemacht, gemeinsam mit Marina Erdmann, die sich da noch mit engagiert hat. Ich hatte die Idee mit Neil Diamond. Das Feintuning hat dann Dietmar Mensing übernommen, der vorher schon mit Michael Erdmann, die Küren mit eingespielt hat. Und ich bin sehr happy, wie toll die das umgesetzt haben. Und dass wir da jetzt so weitermachen können, war auch ein schönes Gedenken an Michael.


Wobei, wenn du mich vorher gefragt hättest – Isabell Werth reitet eine Kür zu „Song, Song blue“. Das hast du manchmal gehört, wo du nicht ganz rechts bei der Siegerehrung hast stehen können… Das war eine der großen Erfolgsküren von Anky van Grunsven (NED) mit Bonfire, deiner Dauerrivalin vor 30 Jahren.


Ja, genau. Das ist richtig. Und deshalb war das auch lange gar kein Thema für mich. Obwohl diese Kür nachhaltig in meinem Kopf geblieben ist. Das war eine großartige Kür, die Anky da gemacht hat. Damals schon vor 30 Jahren. Wirklich toll abgestimmt. Es war eigentlich, dass das Thema war Neil Diamond als Galoppmusik. Und dann bot sich natürlich neben „Sweet Caroline“ logischerweise „Song, Song blue“ an und die haben das so toll aufbereitet, Mit diesem lockeren Pfeifen am Anfang dazu. Das alles macht so einen Spaß, dazu zu reiten und ich glaube, das Publikum hat es auch so empfunden.


Die letzte Linie mit Piaffen mit Richtungswechseln und Passagen kam mir nicht ganz unbekannt vor. Hat die Oma von Viva Gold, Weihegold, dir da etwas ins Ohr geflüstert?


Man kann das Rad nicht neu erfinden und diese Linie ist einfach etwas, was mich wirklich inspiriert und was ich bei zwei, drei Pferden auch weiterführe. Wendy, auch Emilio, zwischendurch Quantaz. Also diese letzte Linie ist schon ein bisschen meine Linie und ist für dieses Pferd wie gemacht.


Die Kür ist eh in der Choreografie auch eine Mischung aus Emilio, Wendy und Bella und deshalb passt das wunderbar.


Wie viele deiner Pferde haben mit 84 Prozent in der Kür debütiert?


Tatsächlich noch keiner, glaube ich.


Hast du gedacht, das wird eine 80 plus. Hast du das gestern gedacht? Gehofft?


Naja, gehofft schon. Aber man weiß ja auch gar nicht, wie er reagiert in der Kür. Ich habe sie zwar noch ein bisschen entschärft, aber trotzdem war ich mir natürlich nicht sicher, wie der das alles umsetzen kann. Wobei er lektionsmäßig wirklich unglaublich einfach ist. Aber klar, wenn alles hintereinander kommt in so einer Stimmung, muss man auch erst mal sehen, was passiert. Also hoffen tut man immer. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Dass er das so wirklich hingekriegt hat, das war klasse.


Welch großes Talent Viva Gold für Piaffe und Passage mitbringt, zeigte er bereits 2025 bei der Louisdor-Preis Qualifikation. Foto: Thomas Hellmann
Welch großes Talent Viva Gold für Piaffe und Passage mitbringt, zeigte er bereits 2025 bei der Louisdor-Preis Qualifikation. Foto: Thomas Hellmann

Entschärft heißt, da kommen noch Fächerpiaffen hinzu?


Ja, ich habe ja schon wirklich zwei Drehungen. Ich habe leider auch nicht mehr Zeit, sonst würden wir noch ein paar Kunststücke einfallen. Im Galopp, da kann ich die Wechsel noch mal auf Curved Lines (gebogenen Linien) machen. Das habe ich jetzt erst einmal ihm erspart, um da auch Sicherheit reinzubekommen. Und ich glaube, das ist auch gut so. Trotzdem habe ich einen Schwierigkeitsgrad – also die 10 ist da drin. Wenn ich alles gut reite und von der Warte her besteht jetzt im Moment auch kein Anlass, das zu verändern.


Es gilt jetzt der neue DOD (Degree of Difficulty, Schwierigkeitsgrad). Das heißt, die Noten könnten theoretisch jetzt ein bisschen niedriger ausfallen. Ist diese 84 eine 85, die als 84 daherkommt?


Das ist tatsächlich auch so, weil ganz am Ende habe ich eine Galopppirouette, die eigentlich anderthalbfach ist. Ich habe jetzt hier nur eine, eine dreiviertel Pirouette gemacht, weil er, wohl wissend, dass die Piaffe kommt, schon mehr in die Piaffe hineingegangen ist. Und dann wollte ich ihn da auch nicht durcheinanderbringen und noch mal in den Galopp gehen und meine ursprünglichen Drehungen noch machen.





Podcast „Erzähl mir was vom Pferd“, Folge 5: Katrina Wüst, die „Kür-Päpstin“ über das Reiten und Richten einer Dressurkür. Foto: sportfotos-lafrentz/KI


Wie der neue DOD berechnet wird und warum Harmonie darin stärker gewichtet wird, hat 5*-Richterin Katrina Wüst im Podcast ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD erläutert. Hier geht’s zur Folge.




Wie geht es weiter mit Viva Gold? Jetzt planungsmäßig?


Wir machen jetzt ganz in Ruhe weiter. Es tut ihm gut, dass er jetzt in eine gewisse Turniererfahrung kommt. Ihm fehlt ja doch sehr viel Unterbau. Im Grunde genommen hat er wenig Turniere gehabt in seinem Leben und deshalb ist jetzt Balve (die Deutschen Meisterschaften 3.-7. Juni) mit beiden Pferden das nächste Ziel. Und dann sehen wir mal in Ruhe weiter.


Würdest du dort auch alle drei Prüfungen, Grand Prix, Grand Prix Special und Kür mit beiden reiten wollen?


Ich glaube nicht, dass Wendy drei Prüfungen gehen muss. Sie hat sich nun wirklich mehr als bewiesen. Aber ich halte schön fest daran, diesen Rhythmus zu haben, weil uns das gut tut und sie echt langsam immer mehr entspannt. Und ich auch, sodass wir da hoffentlich auch auf unsere letzte Galopptour zurückkehren können. Und bei Viva werden wir es einfach sehen. Das lassen wir auf uns zukommen. Wenn er so cool das wegsteckt wie hier, dann kann er sicherlich auch drei Prüfungen gehen.


Isabell Werth und Wendy: einhändig die fliegenden Wechsel


Stichwort Entspannung. Da hast du für Außenstehende einen Schalter umgelegt, bist die fliegenden Galoppwechsel einhändig geritten und hast mir der „freien“ Hand Wendy eigentlich durchgängig geklopft. Wer war da der Ideengeber? Du hast gesagt, „der Doktor“, dein Entdecker und langjähriger Trainer Dr. Uwe Schulten-Baumer, hat dir da so ein bisschen von oben vielleicht auch etwas gesagt. Gab es von Bundestrainerin Monica Theodorescu oder sonst jemanden Tipps? Wie bist du an den Punkt gekommen zu sagen, ich probiere jetzt mal was ganz anderes? Das ist ja schon einschneidend.


Das ist richtig. Es war natürlich die ganze Zeit in meinem Kopf. Ich habe zu Hause auch diverses probiert. Eigentlich bin ich zunächst den Weg gegangen, dass ich sage, ich muss irgendwie diese Kontrolle haben. Aber jedes Mal war es irgendwie anders und ich habe nie so diese Legèreté da drin gehabt. Und wir haben natürlich viel darüber diskutiert mit Götz (Brinkmann, Heimtrainer) und Monica. Jetzt zuletzt noch in Fontainebleau. Und dann habe ich gesagt, vielleicht wäre Halten mal auch eine Idee. Eigentlich hat das Pferd ja überhaupt kein Problem. Es ist einfach so, dass diese Lässigkeit da weg ist. Und dann kommt es natürlich auch bei beiden in den Kopf und man kommt um die Kurve und denkt: Wie machst du es jetzt, wie machst du es richtig?


Isabell Werth und Wendy, Sieger im CDI5* Grand Prix von Hamburg. Foto: Thomas Hellmann
Isabell Werth und Wendy, Sieger im CDI5* Grand Prix von Hamburg. Foto: Thomas Hellmann

Plötzlich hast du ein Thema.


Genau. Wo eigentlich keins ist. Und dann denke ich okay, jetzt reiten wir einfach mal . Und dann habe ich gedacht: Mensch, Kontrolle weg! Und dieses legere her. Die Stute hatte sich ja so ein bisschen aufgepulvert. Also haben wir das mit einer Hand geritten. Das habe ich früher tatsächlich häufiger mal gemacht. Sie kommt so sehr lässig eigentlich rein in die Wechseltour. Das war in beiden Prüfungen wirklich auffallend, dass sie sich da viel wohler gefühlt hat Und ja, das werden wir so beibehalten.

Ich muss natürlich irgendwann zu zwei Händen wieder zurückkehren, damit ich da keine Abzüge kriege. Das wird ja auch schon diskutiert. Aber mir ist es wichtig, dass ich erst einmal, was auch immer drumherum erzählt wird, mit dem Pferd eine lockere Basis kriege. Und von da aus geht es dann weiter.


Man könnte ja auch theoretisch vom einhändigen Reiten und vom Klopfen zum Kraulen mit einem kleinen Finger mit dem Zügel in der Hand kommen. Das dürfte dann ja regelkonform sein. Es steht ja tatsächlich im Reglement, dass die Zügel beiden Händen sein müssen. Zumindest sinngemäß.


Das ist so. Es steht aber auch nirgendwo, dass man nicht immer wieder loben darf, auch in einer Prüfung. Das habe ich ja.


Eigentlich war mein Ziel immer wieder zu loben und zu entspannen, mich wegzubekommen von der Kontrolle.


Das war jetzt einfach ein Testlauf, der ist gut gelungen und jetzt werden wir versuchen, das weiter zu optimieren.


Vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Jan Tönjes


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