Deutsche Meisterschaften Kür 2026: Isabell Werth vor Semmieke Rothenberger und Rapahel Netz

DM Kür: Isabell Werth ist das 20. Mal Deutsche Meisterin, Generation Z drängt aufs Podium

Dressur
Isabell Werth ritt mit Viva Gold OLD zu ihrem 20. Meistertitel in der Kür bei der DM 2026 in Balve. Foto: sportfotos-lafrentz.de Isabell Werth ritt mit Viva Gold OLD zu ihrem 20. Meistertitel in der Kür bei der DM 2026 in Balve. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Die Deutsche Meisterschaft 2026 in der Kür war auch ein bisschen ein Blick in die Zukunft. Der Dressur im Allgemeinen und der deutschen im Speziellen.

In Abwesenheit der beiden vierbeinigen Routiniers, den Olympiasiegern Wendy und Bluetooth OLD, hat Isabell Werth bei der DM Kür ihren 20. Deutschen Meistertitel gewonnen. Die beiden Pferde von Isabell Werth und Frederic Wandres hatten seitens des Dressurausschusses Dispens. Werth konnte sich somit auf ihr zweites Pferd konzentrieren, den Weihegold-Enkel Viva Gold, der gestern im Grand Prix Special die zweithöchste Bewertung erzielt hatte.


An Hamburg anknüpfen


Für den zehnjährigen Hengst war es die zweite Kür seines Lebens. In Hamburg hatte er bereits bei der Premiere weit über 80 Prozent gelegen. Zu Klängen von Neil Diamond – von „Forever in Blue Jeans“ bis „Song, Song, blue“ – zeigte der Oldenburger bis kurz vor Schluss ein technische genauso anspruchsvolles wie fehlerfreies Programm. „Ohne Wechselfehler“, wie Bundestrainerin Monica Theodsorescu mit einem Zwinkern im Augenwinkel bemerkte.


Zwei Damen, ein Herr, drei Flaschen Schampus: Meisterehrung feucht fröhliche Art mit (v.l.) Semmieke Rothenberger, Raphael Netz und Isabell Werth im Balver Springstadion. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Zwei Damen, ein Herr, drei Flaschen Schampus: Meisterehrung feucht fröhliche Art mit (v.l.) Semmieke Rothenberger, Raphael Netz und Isabell Werth im Balver Springstadion. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Der „Shit happens-Moment“


Isabell Werth öffnete gleich zu Beginn der Kür die große Trickkiste der Dressurkür-Reiterei: Zum Auftakt eine 360-Grad-Piaffe-Pirouette, aus der Piaffe-Pirouette Übergang in Passage-Traversalen. In der ersten Trabverstärkung wurde der Hengst eilig, in einer späteren schien er mehr über den Rücken zu arbeiten. Relaxed und energisch im Schritt, im starken wie im versammelten Tempo.


Neil DIAMOND für Viva GOLD


In der Galopptour („Forever in Blue Jeans“) volles Risiko im starken Galopp über die Diagonale, doppelte Pirouette zurück dann mit neun fehlerfreien Zweierwechseln. Später dann 13 Einerwechsel, den man mit zunehmender Routine mehr Raumgewinn wünschen würde, aber mit ruhigem Schweif sicher gesprungen. Und dann der „Shit happens-Moment“: Ausgerechnet im technisch schwierigsten Teil, dem Übergang in die Piaffe-Pirouette aus dem Galopp musste der Hengst äppeln und drohte stehen zu bleiben. Da brauchte es mehr als eine Aufforderung. Verständlich – wer möchte schon auf der Toilette sich drehen. Zu „Sweet Caroline“ ging es dann auf die Richter zu. 83,65 Prozent – deutlicher Sieg und die zwanzigste (!) deutsche Meisterschaft für Isabell Werth. Ihr Fazit: „Das müssen wir jetzt noch lernen, dass wir beim Äppeln weitermachen müssen.“


Silber für Semmieke Rothenberger und Farrington


Damit hatte sie nicht gerechnet: Semmieke Rothenberger gewann die Silbermedaille bei den Deutschen Meisterschaften. Mit Farrington setzte sie voll auf Klänge von „Cool and the gang“. Ihre eigene Entscheidung, wie die Eltern Gonnelien und Sven Rothenberger verrieten. „Ich war sogar mal mit Moni (Theodorescu) und Ann Kathrin (Linsenhoff) auf einem Konzert“, erinnert sich Vater Sven. Insofern hätte ihnen die Musikauswahl der Tochter gefallen.


Semmieke Rothenberger und Farrington gewannen Silber in der Kürentscheidung bei den Deutschen Meisterschaften 2026 in Balve.
Semmieke Rothenberger und Farrington gewannen Silber in der Kürentscheidung bei den Deutschen Meisterschaften 2026 in Balve. Foto: sportfotos-lafrentz.de


Disco Time


„Let’s groove tonight“ – das Intro gehört zu den ikonischen Klangkunstwerken der 1980er Jahre. Merke: grooven geht immer. Gern auch mal am Mittag – Semmieke ritt um 12.35 Uhr zu den Klängen des Klassikers ins Viereck. Am Anfang zeigte die routinierte Multi-Championesse aus Nachwuchschampionaten die Lektionen, die ihr Farrington am besten beherrscht: Passagen und Piaffen zu „Get down on it“. Dann „Celebration“ zum versammelten Trab, den Traversalen und dem starken Trab, der aber nicht voll ausgeritten wurde. Äußerst präzise ritt die Hessin ihr Programm. Auf die Sekunde genau als „Islands in the stream“ aus den Kehlen von Kenny Rodgers und Dolly Parton ertönt, parierte sie zum starken Schritt durch. Dem hätte man mehr Übertritt gegönnt.


Im Galopp bleibt die Musikauswahl der Epoche treu. Wieder 1980er, diesmal Lionel Richie, „All night long“ – Einerwechsel ohne Fehler. Starker Galopp an unterster Grenze, Fazit: tolle Melodien, tolle Choreographie. Zum Schluss eine Fächerpirouette. Alle Dinge, die eine internationale Topkür ausmacht, sind dabei. Vielleicht ist das Programm im Galopp etwas weniger raffiniert als in allem, was im Zweitakt geritten wird.


80,88 Prozent sind es für Semmieke Rothenberger. Die muss erstmal verkraften, dass sie nicht nur im Seniorenbereich eine Medaille gewonnen hat, sondern auch für den Nationenpreis in Hagen nominiert ist. Damit zählt sie offiziell zu den potenziellen WM-Kandidaten. In Hagen findet der Nationenpreis statt, weil Aachen, der traditionelle Austragungsort, die WM im August ausrichtet.


Raphael Netz und Great Escape Camelot – wann kommt die 11 für den Sitz?


So schön kann Kürreiten sein! Die Stärken zeigen, die weniger starken Momente gut verpacken. Das alles gelang Raphael Netz mit Great Escape Camelot nahezu in Perfektion – einen Fehler in den Zweierwechseln konnte er auf der Jokerlinie korrigieren. Die Highlights reihten sich aneinander: enorm kreuzende Trabtraversalen, die Piaffen verbessert, die Silhouette nahezu immer perfekt. Der Sitz des Reiters so und so. Wann gibt es dafür mal die 11?


Wann bekommt Raphael Netz endlich die 11 für den Sitz, die er verdient hätte? Bronze in der DM Kür von Balve 2026 mit Great Escape Camelot
Wann bekommt Raphael Netz endlich die 11 für den Sitz, die er verdient hätte? Bronze in der DM Kür von Balve 2026 mit Great Escape Camelot. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Raphael Netz bringt dem Auditorium die Flötentöne bei – Pipes und Thin Whistles, wie man sie aus der irischen Folklore kennt. Sie stammen aus dem Soundtrack von „Drachen zähmen leicht gemacht“. Great Escape Camelot gelang eigentlich alles und das in verbesserter Form: Die Serienwechsel gerader, schwieriger Übergang aus den Einerwechseln in eine Piaffe-Pirouette, 180-Grad-Wendung. Am Ende eine perfekte Passage, kadenziert, akzentuiert, schwingend. Der Schweif in Ruhe im Takt pendelnd! Souverän. Schade, dass es nicht ganz 80 Prozent wurden, die Kür fühlte sich eigentlich danach an (79,03).


Unternehmen Balve erfolgreich abgeschlossen


Und „Raphi“ strahlt über seine erste Medaille im Seniorenlager. Vor allem aber über die gesamte Leistung aller Beteiligten an diesem Wochenende. Zuvorderst Great Escape Camelot: „Er hat absolut alles getan. Er hat gekämpft und es ist ihm ein kleines bisschen die Kraft ausgegangen, er ist es nicht gewohnt, drei Prüfungen hintereinander zu gehen, aber er hat wirklich mal wieder einfach gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Er weiß einfach, wenn er im Viereck ist und performt.“


Drei Pferde hatte Raphael Netz mit in Balve. „Das ist für mich auch ein bisschen Neuland. Auf dem Niveau hat man normalerweise immer nur einen dabei, gerade so im Weltcup, wo wir eher zu Hause sind, sag ich jetzt mal. Und es war für mich dann auch echt schwer oder ’ne Herausforderung, sich so schnell umzuswitchen aufs andere Pferd jeweils.“ Das ist gelungen, Immer im Geld, immer gute Ritte – „Da bin ich, gerade weil wir ein junger Stall sind, stolz.“


Platz vier für Charlott-Maria Schürmann und Dante’s Pearl OLD


Was für ein Wochenende für Charlott-Maria Schürmann und Dante’s Pearl OLD (über die wir zehn wissenswerte Fakten zusammengetragen haben). Sie kamen mit Rückenwind nach Balve und fahren mit einer Bronzemedaille und einem Kür-Debüt von knapp 79 Prozent nach Hause. Und am ersten Juliwochenende geht es nach Hagen. Dort heißt es dann im Nationenpreis „für Deutschland: Charlott-Maria Schürmann und Dante’s Pearl OLD“.


Kürpremiere: 78,78 Prozent


Es war die Premiere der talentierten Rappstute in einer Grand Prix Kür. Die Musik „Year of the fire horse“ bildete einen gleichmäßigen Klangteppich. Mittwochmorgen war das Musikarrangement fertig. Der heutige Ritt war das erste Mal, dass die Stute sich zu dieser Musik bewegte.


Drei Prüfungen in vier Tagen, dem musste die Stute heute etwas Tribut zollen. Das Programm war technisch anspruchsvoll, was zu dem einen oder anderen Missverständnis führte. So zeigte das Paar durchgängig zu wenig Tritte in den Piaffen. Zehn sind verlangt. Ein Anzackeln im Schritt, der im Vergleich zu Trab und Galopp der Dante Weltino-Tochter eher weniger generös ausgestattet ist, kostete Punkte. Dem gegenüber standen Traversalen im Wechsel von Passage und versammeltem Trab, sehr gut gesetzte Pirouetten und herrliche Serienwechsel. Eine Freude, dieses Pferd Serienwechsel springen zu sehen. 78,78 Prozent bedeuteten Platz vier.


Alle lieben Forster


Wenn es eine zweite Entdeckung bei dieser Deutschen Meisterschaft gibt, dann sind es Tobias Nabben und Forster. Chefrichterin Katrina Wüst schwärmte von den Piaffen und Passagen des Rappens, „ein Tänzer“. Sie habe dem Reiter unters Protokoll die Empfehlung geschrieben, davon mehr in die Kür einzubauen. „Dann gibt es noch mehr Punkte.“


Forster, der Hannoveraner mit der besonderen Geschichte, ist ein eher unscheinbares Pferd. Kein Lampenaustreter und keiner, der in Reitpferdeprüfungen eine 10,0 für die Galoppade bekommen würde. Dafür ist er ein herrlich gymnastiziertes Pferd, das neben dem Pi/Pa-Talent durch sein gutes Gerittensein überzeugt. Reell ist das neue spektakulär? Eine Überlegung wert wäre dieser Perspektivwechsel.


Ergebnisse Deutsche Meisterschaft Kür 2026


5 Erkenntnisse der Deutschen Dressurmeisterschaften in Balve 2026



  1. Weniger Kontrolle“ ist Trumpf – Isabell Werth und Wendy haben im Galopp wieder zueinandergefunden. Das war für sie ein Schlüsselmoment, von dem nicht nur Olympiasiegerin Wendy profitiert.

  2. Der Nachwuchs rückt den Etablierten auf den Leib. Auch wenn die DM Balve die Meisterschaft der Ausfälle im Dressurbereich war, ist klar: Mit Semmieke Rothenberger und Raphael Netz ist Deutschland im „U30“-Lager gut aufgestellt.

  3. Dante’s Pearl OLD – das Pferd, von dem vielleicht am meisten in den Tagen gesprochen wurde, ist jetzt im Oberhaus – endgültig – angekommen.

  4. Es muss nicht immer spektakulär sein. So unscheinbar Forster auch auf den ersten Blick sein mag, der Rappe gewinnt, sobald er sich unter Tobias Nabben in Bewegung setzt. Happy athlete gesucht? Gefunden!

  5. Das Konzept des Louisdor Preis trägt Früchte: Der neue deutsche Meister Viva Gold hat die Nachwuchsserie 2025 gewonnen. Sheldon Cooper, Sieger 2024, landete mit Carina Harnisch auf Rang zehn in der Kür. Dante’s Pearl war qualifiziert, Forster, Lord Europe und Escolar’s Emil waren alle Finalisten.


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