Standortbestimmung nach der Dressur Weltmeisterschaft 2026: Richten, Rückentätigkeit, Rockkonzert
Katharina Hemmer und Denoix PCH OLD bei der Weltmeisterschaft Dressur in Aachen. Fotos: sportfotos-lafrentz.de Championate, gerade die großen, Olympische Spiele und Weltmeisterschaften, sind immer auch eine Standortbestimmung. Was die Dressur anbelangt, markierten die Olympischen Spiele von Paris eine Trennlinie. Aufgerüttelt vom Dujardin-Skandal war allen Beteiligten klar, dass die Disziplin einmal mehr unter extremer öffentlicher Beobachtung stand. Diskussionen über Nasenriemen und blaue Zungen hatten schon den Weg nach Versailles holpriger gestaltet als von vielen erhofft.
Der ganz große Shitstorm war 2024 ausgeblieben. Aber dass alle Akteure sich ihrer Verantwortung weiterhin bewusst sein sollten und dass die Öffentlichkeit nicht einfach zurück auf Los gehen und sich kritikfrei über tanzende Pferde freuen würde, war auch klar.
Was bleibt von der Weltmeisterschaft Dressur in Aachen in Erinnerung?
Die Dressur in Aachen wird vor allem wegen der Kür in die Geschichte eingehen. Mehr als 40.000 Zuschauer, eine laue Sommernacht, Stimmung wie auf einem Festival. Dazu gekrönte Häupter, Politprominenz und die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry auf der Tribüne. Stimmung, Emotionen – so weit, so gut.
Zu bewundern sind die Pferde, die in diesem Hexenkessel zu bestehen hatten. Die Größe des Stadions und die Distanz zu den Zuschauern hilft. Drinnen ist es leiser als auf den Rängen.
Klatschendes Publikum, auch schon in der Prüfung – da rümpfen Dressurfreunde alter Schule die Nase. Andererseits sind da die, die den Sport vermarkten. Die freuen sich über den „Enthusiasmus“ auf den Rängen. Vermarkten und verkaufen liegen dicht beieinander. Brot und Spiele, das Konzept ist schon immer aufgegangen. Und vermutlich sind die Bilder, die von dieser Nacht in Aachen in die Welt gingen, von großer Bedeutung. Sie sind ein Signal für alle, die sich nicht in der „Pferde-Bubble“ bewegen, dass hier ein Sport ist, der Spaß macht. Und Emotionen. Das ist die Währung für Wahrnehmung.
Ich habe nichts gegen Emotionen, auch nichts gegen Begeisterung auf den Tribünen. Aber mehr muss es bitte nicht werden.
Schwierigkeitsgrad – das neue Konzept geht auf
Unter den 18 Paaren, die es in die Kür geschafft hatten, gab es keines, das einen Ritt geliefert hätte, dem man nicht zusehen konnte. Mit der Atmosphäre kamen die Pferde – Alter und Erfahrung spielen da eine Rolle – unterschiedlich gut zurecht. Was wohltuend war: Küren, die vollgepackt waren mit komplizierten Abfolgen von Lektionen, die nur dann schön aussehen, wenn sie gelingen, jedoch misslangen, gab es eigentlich nicht – und damit auch keine Pferde, die überfordert gewirkt hätten. Kein der-Musik-Hinterher-Gejage, keine Bremsungen, kein Gewürge. Nach dem seit April 2026 gültigem Reglement werden misslungene Lektions-Abfolgen negativ bewertet. Dieses Konzept scheint aufgegangen zu sein.
Was lehrt die Kürentscheidung bei der WM ?
Doch Hand aufs Herz – die Kür spiegelt nicht wider, wie es um die Dressur derzeit bestellt ist. Dafür sind Grand Prix und Grand Prix Special da. Hier kann nichts kaschiert werden. Keine Kompensation, keine „Jokerlinie“.
Katharina, die Bronzene
Nicht nur aus deutscher Perspektive waren Katharina Hemmers Auftritte absolute Höhepunkte. Der Grand Prix noch mehr als der Grand Prix Special, ohne dabei die Leistung schmälern zu wollen, die das Paar im Special gezeigt hat und die mit der Bronzemedaille belohnt wurde.
Aber dieser Grand Prix bei der Weltmeisterschaft in Aachen zeigte einmal mehr das Problem des Dressursports auf. Es waren keine 40.000 Zuschauer da. Aber die, die vor Ort waren, konnten sehen, was sieben Richterinnen und Richter nicht zu erkennen vermochten: Katharina Hemmer und Denoix lieferten ganz sicher nicht die nur fünftbeste Leistung der Prüfung ab. Für die beiden war es persönliche Bestleistung. Das kann man den sieben rund ums Viereck platzierten Damen und Herren nicht ins Klassenbuch schreiben. Ja, es ist ein Richter-Marathon, der zu bewältigen ist. Aber dennoch schien gerade zum Ende der Prüfung einmal mehr der Reitername wichtiger zu sein als die Leistung im Viereck.
Fragen
Richterschelte ist billig. Pauschalurteile treffen nicht den Punkt. Aber Fragen muss man stellen dürfen:
Warum werden fehlerhafte Serienwechsel noch mit Noten über 5 beurteilt? Warum fällt es bei gewissen Paaren nicht oder kaum ins Gewicht, wenn die Pferde in der Piaffe deutlich rückwärts treten? Und schließlich: Wann werden Pferde mit mangelnder Rückentätigkeit auch in internationalen Prüfungen so abgestraft wie das auf ländlichen Turnieren nicht immer, aber immer öfter vollkommen zu recht geschieht?
Weitere Fragen
Wann wird der Zusammenhang gesehen zwischen offenen Mäulern – die es natürlich auch in Aachen gab – und festen Oberlinien? Wann wird ein durchlässiger Galopp im klaren Dreitakt belohnt und ein fester Kratzgalopp abgestraft? Außerdem: Warum bekommen Raphael Netz, Cathrine Laudrup-Dufour und Katharina Hemmer – und noch ein Paar andere, aber diese drei haben sich in meinem Gedächtnis festgesetzt – für ihren klar herausgearbeiteten versammelten Schritt nicht Achten oder, ja, auch Neunen? Und schließlich: Darf man im starken Schritt keine Zehn vergeben? Und wenn wir gerade dabei sind: Warum wird das Spektrum der Notenskala nicht komplett ausgenutzt, auch bei den Promis?
Es wäre wünschenswert, wenn diese Frage bei einer Evaluierung der Dressurwettbewerbe dieser Weltmeisterschaft diskutiert würden.
Schöner reiten reicht
Es gab viele Ritte, die gut anzusehen waren. Besonders gefallen haben mir dabei häufig auch die Reiterinnen und Reiter aus der vielzitierten zweiten Reihe. Die Schwedin Maria von Essen oder die Dänin Nadja Aaboe Sloth beispielsweise. Schönes Reiten, zufriedene Pferde. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in den Texten so oft auf ruhige, pendelnde Schweife eingegangen zu sein. Das hatte Gründe.
Imponiert hat mir die Weiterentwicklung von Lottie Fry und Glamourdale. In Herning vor vier Jahren zählte ich nicht zu den erklärten Fans des Paars. Die Weiterentwicklung in vielen Lektionen und die um ein vielfaches verbesserte Rückentätigkeit des schwarzen Hengstes zeigt: Wenn Harmonie mehr Punkte bringt als „spektakuläre Bewegungen“, dann liegt der Fokus darauf. Im Viereck wie im Heimtraining.
Neue Gesichter I – danke, „Katha“ und „Raphi“!
Mit Katharina Hemmer und Raphael Netz hat der deutsche Dressursport neue, junge Gesichter, jetzt auch international mit Medaillen um dem Hals. Natürlich sind der zweifache Weltcupfinalist Netz und die Vierte der EM 2025 Hemmer keine No Names. Aber international haben sie nicht nur für sich selbst Werbung gemacht, sondern für das gute Reiten. Für Ausbildung gemäß der deutschen Reitlehre. Für Pferde, die durch ihre Losgelassenheit strahlen. Dafür, dass sie – teilweise nahezu in Vollendung – gezeigt haben, wie die Zukunft dieses Sports aussehen muss. Sie sind die Vorbilder für diejenigen, die sich für den Dressursport begeistern. Für all die kleinen Mädchen und Jungen, die davon träumen, ein Reitabzeichen zu machen, um dann irgendwann einmal so wunderbar auf Turnieren reiten zu können wie „Katha“ und „Raphi“.
Neue Gesichter II
Es gibt neue Pferde, die es teilweise, obwohl noch vergleichsweise unerfahren oder auch noch recht jung, bis ins Kürfinale geschafft haben. Lange zählten die Niederländer zu den Goldkandidaten auf Championaten. Aber immer lauter werdende Kritik an deren Reitweise hat die Vormachtstellung bröckeln lassen. Auch der Umstand, dass irgendwann selbst der letzte Richter im Ansatz verstanden hatte, dass nicht alles auf dem niederländische Reiter sitzen, gleich ein Totilas ist, hat zu einer veränderten Situation beigetragen.
Mauro Turfhorst und Zantana
Jetzt ist die niederländische Dressur wieder zurück auf dem Weg nach oben. Die ehemaligen Silhouetten, für die Namen wie van Grunsven/Janssen, Bartels oder auch Minderhoud/Gal standen, haben ausgedient. Mit Dinja van Liere und Marieke van der Putten hatten es zwei Niederländerinnen in die Kür geschafft, die ihre hochtalentierten Pferde Mauro Turfhorst und Zantana – beide von Zonik abstammend – mit dezenten Hilfen vorstellten.
Gerade van Liere war so viel besser anzuschauen als im Sattel von Hermes, mit dem sie 2022 noch Bronze in Herning gewonnen hatte. Sicherlich kann man sich die Frage stellen, ob ein Neunjähriger unbedingt auf eine WM gehört. Aber man muss auch im Hinterkopf haben, dass der Hengst einiges an Routine hat sammeln können. Schon früh hat er bei öffentlichen Auftritten überzeugt und Erfahrungen gemacht. Er war Zweiter der niederländischen Hengstleistungsprüfung, Finalist bei den Weltmeisterschaften als Fünf-, Sechs- und Siebenjähriger. Achtjährig siegte er in Aachen in der Kleinen Tour. Das Piaffe-Passage-Talent des Rappens ist – Inzucht auf Ferro – genetisch abgesichert. Das fällt ihm leicht und damit auch der Sprung in den Grand Prix-Sport. Deswegen wirkte er auch zu keiner Zeit überfordert. Dennoch sollte dieses Talent pfleglich behandelt werden.
Fazit
In der Außenwirkung zählte die Dressur zu den Gewinnern. Ein handfester Shitstorm in den sozialen Medien ist ausgeblieben. Was aber nicht missverstanden werden darf. Bilder von offenen Pferdemäulern gab es genug. Pferde, die zu eng gingen, auch. Reiterinnen und Reiter, die auch mal deutlicher einwirken mussten, ebenso. Dann, wenn etwas nicht klappte. Wenn Pferde wegen Anspannung und Atmosphäre mal nicht so reagierten wie im Training zuhause. Und das unter den Augen, bzw. Kameras der Weltöffentlichkeit.
Wenn es zu diesen Bildern kam, dann konnte man sie im überwiegenden Teil erklären. Bei früheren Weltmeisterschaften waren offene Mäuler, aufgerissene Augen, geweitete Nüstern und Schweiß Alltag auf dem Abreiteplatz und Teil des Systems. Dieses System hat jetzt so gut wie ausgedient.
Endlich.
Nun wäre es an den Richterinnen und Richtern auch die Überbleibsel des Ancien Régime so zu beurteilen, wie sie es verdient hätten.
Wegen des Sports, vor allem aber um der Pferde willen.


