Alle Para-Pferde durch den Vet-Check, WM Aachen die Erfüllung eines Kindheitstraums

Pferde fit, Stimmung gut, die WM der Para-Dressurreiter kann starten

Anna-Lena Niehues und Vive l'Amour bei der Gewöhnung an das Prüfungsviereck im – interimsweise überdachten – Aachener Dressurstadion.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Anna-Lena Niehues und Vive l'Amour bei der Gewöhnung an das Prüfungsviereck im – interimsweise überdachten – Aachener Dressurstadion. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Montag war Boxen- und Bettenwechsel, Dienstag ist Trainingstag für Spring- und Para-Dressurpferde. Mittwoch nimmt die WM Aachen sportlich wieder Fahrt auf. Für die Para-Pferde war heute außerdem Verfassungsprüfung. Die deutschen Pferde sind bereit und ihre Reiter auch.

Anna-Lena Niehues hat Stress. Erst Verfassungsprüfung, dann Pressegespräch und direkt danach aufs Pferd für die „Familiarization“, zu Deutsch das Kennenlernen des Prüfungsvierecks. „Ich dachte, ich hätte wenigstens hier ein bisschen Zeit zu chillen …“, japst die Grade IV-Reiterin außer Atem, als sie als letzte der vier Mannschaftsreiterinnen des deutschen Para-Teams zum ersten Medientermin der WM-Woche erscheint.


Niehues ist Pferdewirtin, hat vor ihrer Ausbildung ihr Abitur gemacht („Man weiß ja nie, was passiert) und danach den heimischen Betrieb übernommen. Beinahe hätte sie sich beruflich tatsächlich noch einmal neu orientieren müssen. 2017 wurde ihr ein Tumor an der Halswirbelsäule entfernt, direkt am Rückenmark. „Als ich aufwachte, war ich auf der rechten Seite komplett gelähmt.“ Ein Albtraum. Aber Niehues sagt: „Als ich da im Bett lag, habe ich mich nie gefragt: Komme ich wieder aufs Pferd? Das war völlig klar.“ Tatsächlich schaffte sie es viel schneller als die Ärzte erwartet hatten, wieder zu laufen und zu reiten. Heute humpelt sie noch, hat weniger Kraft auf der rechten Seite und die Reaktionen und Bewegungen des Arms sind verzögert. Aber sie steht wieder mitten im Leben – einem ziemlich trubeligen.


Wie man auf die Idee kommen kann, dass eine Weltmeisterschaft Erholung bedeuten könnte, versteht man, wenn man weiß, womit Niehues ihren Lebensunterhalt verdient: Die Familie betreibt eine Reitschule mit 40 Pferden, zugehörigem Ferienbetrieb und Reitabzeichenkursen. Letztere sind gerade zu Ende gegangen (Niehues: „Sehr aufregend für alle Beteiligten, auch für mich!“) und nun heißt es umschalten – Betreuermodus aus, Championatsmodus ein.


Bei der WM tritt Niehues mit ihrer Westfalen-Stute Vive l’Amour an, einer Tochter von Dorothee Schneiders Vainqueur aus einer Christ-Mutter (Z.: Josef Decking). Seit Februar 2025 sind die beiden ein Paar. Vive l’Amour kam als Ausbildungspferd zu Niehues in den Stall und war wohl nicht die einfachste unter dem Sattel. „Sie hatte wenig Vertrauen zum Menschen“, erklärt Niehues. Geholfen haben Bodenarbeit, Ausritte und die tägliche Beschäftigung, eben eine „Freundschaft aufzubauen“, wie Niehues sagt. Inzwischen sind die beiden im Regelsport bis M** siegreich und platziert. Mit zwei zweiten Plätzen beim letzten WM Form-Check in Hagen haben sich Niehues und Vive l’Amour ihren Platz im WM-Team verdient.


Kindheitstraum


Anders als ihre drei Mannschaftskolleginnen sieht die 28-jährige Helen Brandt ihrem Championatsdebüt entgegen. Sie ist perfekt vorbereitet. Sogar ihre Ohrstecker blitzen schwarz-rot-gold. Ihr gegenwärtiger Gemütszustand? „Ich bin sehr happy, aber auch enorm aufgeregt.“ Sie lacht, man hört die Aufregung sogar in ihrer Stimme. „Aber positiv. Natürlich hat man Ziele und natürlich ist da schon Druck hinter, dass man erfolgreich ist. Aber für mich ist es schon ein Highlight, dass ich hier sein darf.“


Verdient hat sie sich den Startplatz unter anderem mit Siegen in Mannheim und Stadl Paura, jedes Mal mit komfortablen 70- bis 75 Prozent-Ergebnissen. Mit dabei hat sie den erst achtjährigen westfälischen Vitalis-Sohn Vulkan Vegas, „Willi“. Den hat sie auf Facebook entdeckt, wo seine Ausbilderin Ann-Christin Wienkamp ein Verkaufsvideo von ihm hochgeladen hatte. „Ich bin da hingefahren und wusste sofort, das ist mein Pferd!“ Sie sollte recht behalten.


Brandt leidet unter einer seltenen Stoffwechselkrankheit und kann in der Folge ihre linke Körperhälfte nur sehr eingeschränkt benutzen. Willi lernte jedoch schnell, die etwas andere Hilfengebung zu übersetzen. 2025 hatten die beiden ihre erste Saison im Para-Sport. Nun sind sie in Aachen und im WM-Team, ein Lebenstraum, der für Brandt in Erfüllung geht. „Es ist noch viel schöner, als ich es mir hätte vorstellen können. Als wir hier angekommen sind, ich zum Stall kam und da hingen alle Fahnen und mein Pferd guckte mich an, da habe ich meine Freundin angeguckt, die mich vor sieben Jahren im Rollstuhl übers (Musik-, Anm. d. Red.)Festival geschoben hat, und jetzt als Pflegerin mit mir mitgekommen ist – ich hab sie angeguckt, hatte Tränen in den Augen und hab gesagt: ,Wir sind wirklich in Aachen …‘“


Die beiden Routiniers


Komplettiert wird das Team von zwei sehr erfahrenen und erfolgreichen Championatsreiterinnen: Regine Mispelkamp (Grade V) und Heidemarie Dresing (Grade II). Beide waren in der komfortablen Lage, die Qual der Wahl zwischen zwei gleichwertigen Pferden mit Championatserfahrung zu haben. Mispelkamp hat sich für ihren zweifachen Paralympics-Partner Highlander Delight’s entschieden, ihre „Herzenspferd“. Heidemarie Dresing wird die Stute Poesie an den Start bringen, mit der sie im vergangenen Jahr zur EM-Goldmannschaft in Ermelo gehörte und mit der sie dieses Jahr Deutsche Meisterin im Grade II wurde.


Mispelkamp, die letztes Jahr im Sattel von Pramwaldhof’s Bayala dreifache Europameisterin geworden war, sagt, „Light’s“ sei „in einer Superform“. Und sie selbst? „Ich bin jemand, der sehr stressresistent ist. Ich bin dann in meinem Fokus und blend‘ alles um mich herum aus. Für mich ist das Viereck immer gleich. Wir müssen von X bis X reiten und helfen kann uns keiner.“


Dresing freut sich auf den Start mit ihrer Poesie. „Das ist ein sensationelles Pferd! Wir passen super zusammen, mussten allerdings auch erst zusammenfinden, ich habe sie erst seit anderthalb Jahren. Aber wir hatten kaum Starts, wo wir nicht gewonnen haben.“


Vielleicht ja auch bei dieser Weltmeisterschaft. Eine Medaille ist auf jeden Fall drin, nicht nur für sie.


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