
Regine Mispelkamp mit Highlander Delight's. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Regine Mispelkamp kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Wer zu ihr auf den Hof ins niederrheinische Kerken kommt, erlebt eine entspannte, freundliche Europameisterin und mehrfache Paralymics Medaillengewinnerin der Para-Dressur. In einer hellen Stallgasse stehen ihre Erfolgspferde, Ausbildungspferde, Berittpferde. Mispelkamp ist Pferdemensch durch und durch.
Die Reiterei ist der heute 55-Jährigen sozusagen in die Wiege gelegt. Regine Mispelkamp sitzt schon mit drei Jahren auf einem Pony, reitet später die elterlichen Großpferde und ist sehr früh im Turniersport unterwegs. Spezialdisziplin: Springen, wo sie erfolgreich bei den Westfälischen Meisterschaften der Junioren und später der Jungen Reiter teilnimmt. Sie trainiert regelmäßig mit Paul Schockemöhle, Franke Sloothaak und bei Ludger Beerbaum. Mit ihren eigenen Pferden wird sie auch als Erwachsene erfolgreich, in beiden Disziplinen bis S. „Dressur finde ich tatsächlich viel interessanter, weil es viel mehr zu entdecken und erarbeiten gibt“, sagt Mispelkamp. „Aber dann kam meine Erkrankung.“
Die kommt mit einer dicken Erkältung. „Das kannte ich gar nicht von mir, so schwer erkältet zu sein“, beschreibt Mispelkamp die Diagnose mit 32 Jahren. „Nach der Erkältung hatte ich allerdings das Gefühl, als würde ich in Gummistiefeln voller Wasser rumlaufen. Da wusste ich: Das ist nicht ganz richtig.“ Sie lässt sich durchchecken und bekommt die Nachricht: Multiple Sklerose.
MS ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und wird auch „Krankheit der 1.000 Gesichter“genannt. Keine MS ist wie die andere, sie kann bei jedem Menschen komplett anders sein und auch anders verlaufen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Erkrankung nicht zwingend im Rollstuhl endet, wie es oft die Vorstellung ist.
Auch bei Regine Mispelkamp dreht sich durch die Diagnose das Gedankenkarussell. „Ich wusste nicht, was heißt das für die Zukunft, kann ich meinen Sport weiter machen? Ich hatte da ja auch schon meinen eigenen Betrieb und Angestellte, was ist mit denen?“ Mispelkamp ist bei Diagnosestellung selbständig als Pferdewirtin, Bereiterin und Diplom-Trainerin unterwegs. Neben ihren Springerfolgen, ist sie auch in der Dressur bis S unterwegs. Sie hat Sorge, wie ihr Umfeld reagiert und ob sie ihren geliebten Beruf überhaupt noch lange weitermachen kann.
Es dauert lange, bis sie sich traut, ihre Krankheit auch im Profisport bekannt zu machen. Erfahrungen aus ihrem privaten Umfeld lassen Regine Mispelkamp vorsichtig werden, denn nicht überall bekommt sie Unterstützung. Ein Training bei Ulrike Nivelle, selbst erfolgreiche Grand Prix Reiterin und inzwischen deutsche 5*-Richterin der FEI, bringt letztlich den Stein ins Rollen. Mispelkamp vertraut sich der erfahrenen Reitsportexpertin an, die selbst beruflich aus dem medizinischen Bereich kommt. Nivelle ermuntert sie, mit der Krankheit offen umzugehen und umzusatteln: auf Para-Dressur.
„Seit ich über meine Erkrankung offen rede, geht es mir auf jeden Fall gesundheitlich besser“, sagt Mispelkamp ruhig. Aber die Überwindung spürt man noch immer. 2018 startet Regine Mispelkamp zum ersten Mal im Para-Dressursport international – und holt gleich drei Siege und zwei zweite Plätze bei ihren ersten fünf Starts. Bei der WM in Tyron 2018 reitet sie in Grade V zu Bronze und legt den Grundstein für eine erfolgreiche internationale Karriere.
Zahlreiche Meistertitel folgen und schließlich die Teilnahme an den Paralymics in Tokio. Auch hier kehrt sie mit Bronze zurück. 2024 noch ein Schüppchen mehr: Regine Mispelkamp gewinnt Silber in Paris. Ein Jahr später wird sie mehrfache Europameisterin im Einzel in Grade V. Deutschland gewinnt außerdem dank starker Leistungen von Mispelkamp, Heidemarie Dresing, Isabell Nowak und Melanie Wienand auch noch Team-Gold.
„Reiten ist für mich alles“, lächelt die Kerkenerin. „Wenn es mir einmal nicht so gut geht, dann bringen meine Pferde mir alles zurück. Sie sind so klar in ihren Ansagen und machen auch keinen Unterschied zwischen behindert und nicht-behindert.“ Durch ihre Erkrankung hat Mispelkamp wenig Kraft auf der linken Seite in Arm und Bein. Auch die Koordination ist beeinträchtigt. An manchen Tagen merkt sie das mehr, an anderen weniger. Der Sport hilft ihr auf jeden Fall, denn er stärkt Muskulatur und Reaktionsvermögen. Und Mispelkamp ist ehrgeizig, willensstark. Sie will immer das Beste für ihre Pferde und sich geben.
Gleich zwei Top-Pferde hat die Para-Athletin derzeit unterm Sattel: Highlander Delight’s, einen Dunkelfuchs, der Mispelkamp schon einige Jahre begleitet, und die Oldenburger Stute Pramwaldhof’s Bayala, mit der Mispelkamp letztes Jahr drei EM-Goldmedaillen holte.
„Lights“ ist ihr Herzenspferd. „Ich habe ihn ganz unspektakulär auf Facebook entdeckt und muss sagen: Er war anfangs alles andere als einfach“, erzählt sie. Aber mit Geduld und der nötigen Erfahrung hat sie es geschafft, ihn im internationalen Sport bis ganz nach oben zu bringen. Dazu kommt auch noch ihre Stute Pramwaldhofs Bayala, mit der sie bei der EM 2025 ganz oben auf dem Treppchen landete. „Zwei ganz unterschiedliche Charaktere, aber ich liebe einfach die individuellen Qualitäten, die jeder von ihnen mitbringt.“ Zudem stellt sie 2026 Para-Dressur-Kollegin Martina Benzinger ihr Nachwuchspferd Imperia zur Verfügung, eine erst sechsjährige Stute.
Zuhause wird Regine Mispelkamp übrigens von Silke Fütterer-Sommer trainiert, die auch Bundestrainerin der Para-Dressur, ist. Gemeinsam haben sie nicht nur die Heim-WM Aachen 2026 vor Augen, sondern möchten noch ein wenig weiter. „2028 Los Angeles - das ist auf jeden Fall ein Ziel für mich!“ MS wird sie dabei nicht aufhalten.
