
Helen Brandt und Vulkan Vegas Foto: sportfotos-lafrentz.de
Helen Brandt war schon als Kind klar: Sie möchte wie Isabell Werth für Deutschland starten. Als Fünfjährige hat sie die inzwischen weltweit erfolgreichste Reiterin im Fernsehen verfolgt, kennt ihr Erfolgspferd Gigolo und hat den Traum, das auch einmal zu schaffen. Ihr Traum wird wahr - allerdings anders, als sie denkt. Die Dortmunderin startet für Deutschland im Team der deutschen Para-Dressur-Equipe.
Helen Brandt, geb. Schildhauer, Jahrgang 1998, kommt schon früh mit dem Reitsport in Berührung. Als Kind reitet sie Ponys, bekommt mit neun Jahren ihr erstes eigenes. Rose ist eine Westfalenstute, ein Springpferd, und das zeigt der kleinen Reiterin, was alles möglich ist.
Die ersten Erfolge – allerdings im Viereck – kommen vier Jahre später mit Rosalie, einer Hannoveranerin, Stockmaß 1,70 Meter. Die Stute wird Helens Herzenspferd. Beide starten in der westfälischen U14 Tour, kommen immer in die Top Ten und insgesamt gleich bei ihrer ersten Westfälischen Meisterschaft auf den vierten Platz.
Mit 19 Jahren bildet sie die KWPN-Stute ihrer Freundin dressurmäßig aus. Ein Traumpferd, das Helen eigentlich bis S reiten möchte. Aber die Stute hat Probleme bei hoher Versammlungsbereitschaft und muss schließlich ganz aus dem Sport genommen werden. Das passiert drei Monate, bevor Helen innerhalb von wenigen Wochen im Rollstuhl landet.
„Mit 18 Jahren gab es wohl ein erstes Vorzeichen. Da ging es mir plötzlich sehr schlecht. Niemand wusste, was los ist. Ich habe abgebaut, musste mich ständig übergeben und dann in die Klinik“, erzählt Brandt. In der Klinik kommt es zu einem Multiorganversagen. „Es war wirklich alles sehr knapp“, so die Reiterin. Nach einigen Wochen verbessert sich ihr Zustand, sie darf nach Hause. Eine Ursache kann damals nicht gefunden werden, aber diese Episode scheint nur der Anfang für das zu sein, was zwei Jahre später folgen soll.
Mit Anfang 20 fängt Helens linkes Bein an zu kribbeln, es wird leicht taub, Helen hat kaum Gefühl mehr. Ihre Eltern sind Ärzte. Sie tippen auf einen Bandscheibenvorfall, denn ihre Tochter reitet nicht nur, sondern macht generell viel Sport. Als aber auch das rechte Bein anfängt, taub zu werden, wird Helen durchgecheckt. Wie schon bei ihrem ersten Krankenhausaufenthalt wird nichts gefunden. Dafür geht es erneut rapide abwärts mit der Gesundheit. Helen sitzt innerhalb von wenigen Wochen im Rollstuhl, kann ihre Beine kaum noch bewegen.
Die Diagnose ist vage: Porphyrie – eine extrem seltene Stoffwechselerkrankung, die zu schweren Lähmungen führen kann. Auch ihr erster, dramatischer Klinikaufenthalt hat wahrscheinlich damit zu tun. Helen bekommt Medikamente und Hydrocortison, das schlägt an. Die Lähmungen schreiten nicht weiter fort. Sie muss ihre Ernährung umstellen, verzichtet weitgehend auf Zucker und Fett, um die Erkrankung nicht zu triggern.
Und sie kämpft. Monatelang trainiert sie Koordination, Kraft, Helen will unbedingt wieder laufen können. Mit viel Geduld schafft sie es schließlich aus dem Rollstuhl, sie kann erste Schritte gehen, hat aber vor allem im linken Bein Schwierigkeiten ihre Muskeln anzusteuern.
Eine Therapeutin von ihr reitet auch und motiviert sie, wieder auf ein Pferd zu steigen. Helen willigt ein, obwohl ihre Eltern aufgrund der Beeinträchtigung Bedenken haben. Helen macht das, was Kinder machen: Vor ihrem ersten Ritt sagt sie ihrer Familie nichts. Aber schon nach den ersten Stunden auf einem Pferderücken merkt sie den Unterschied: Die Pferde tun ihrem Kopf gut und ihren Muskeln. Ihre Haltung wird besser, ihre Muskeln bauen auch auf der linken Seite auf. Jetzt hat sie ein Ziel: Wieder reiten!
Nach und nach kämpft sie sich zurück in den Sattel, neben ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und ihrem anschließenden Medizinstudium. Für Helen ist klar, dass sie nicht aufgeben wird. Über einen ehemaligen Trainer bekommt sie Kontakt zur Para-Dressur und zu Rolf Grebe, den Co-Bundes- und Nachwuchstrainer der Equipe. Ihre neue Reitsport-Reise beginnt.
„Ich wollte keinen Fuchs, kein Auktionspferd und schon gar keine Stute“, lacht Helen. Aber die Preise für gut ausgebildete Dressurpferde sind seit Jahren astronomisch hoch, Helen und ihre Eltern finden nichts, was bezahlbar wäre. Also entschließt sie sich 2022, auf eine Westfalenauktion zu fahren. Dort trifft sie zufällig Melanie Wienand, ehemalige Auktionsreiterin, inzwischen Europameisterin 2025 in der Para-Dressur mit der Mannschaft. Sie empfiehlt Helen Federweiß, eine damals vierjährige Fuchstute von For Final-L‘espoir. „Es hat sofort Klick gemacht. Dieses Pferd hat sich gleich auf meine Einschränkung eingelassen und ich hatte sofort das Gefühl, dass sie auf mich aufpasst“, lächelt Helen Brandt.
Fedi, wie Helen ihre Stute liebevoll nennt, zieht bei ihr ein und gemeinsam überzeugen sie Rolf Grebe nach ein paar Jahren von sich. 2024 wird Helen in den Nachwuchskader aufgenommen, 2025 der erste Start bei der Deutschen Meisterschaft. Dort allerdings nicht mit ihrer Fedi, sondern mit Willi, ihrem zweiten Neuzugang.
„Willi kam zu mir, weil Federweiß sich verletzt hatte. Ich wollte aber unbedingt weitermachen und mir wurde Willi von Ann-Christin Wienkamp empfohlen. Auch ein Fuchs, aber einfach bildschön.“ Willi heißt eigentlich Vulkan Vegas IB, ist auch ein Westfale von Vitalis-Arpeggio. Mit einem Stockmaß von 1,75 Meter ist er etwas größer als Federweiß. Der Achtjährige sollte aber den Grundstock legen für eine erfolgreiche Saison 2026.
Mit ihm startet Helen Brandt in der Saison voll durch. Siege in Mannheim noch in Grade V. Deutsche Vizemeisterin in den gemeinsam gewerteten Disziplinen Grade IV / V in Balve. Und auch bei der letzten Sichtung in Stadl Paura überrascht sie alle mit starken Wertungen. Sie ist überglücklich: „Ich kann es gar nicht fassen. Es ist unbeschreiblich, dass ich jetzt für das deutsche Team bei der Weltmeisterschaft in Aachen antreten darf.“
Nicht nur sportlich läuft das Jahr 2026 für die Dortmunderin bislang tadellos. Im Mai heiratet sie Oliver, ihre große Liebe. Die Flitterwochen fallen erstmal aus, denn stattdessen wird sich auf Aachen vorbereitet. Dort tritt sie in Grade IV an, denn aufgrund ihrer Einschränkungen gab es eine Neubewertung ihrer sportlichen Möglichkeiten. „Ich bin unfassbar stolz auf das, was ich bislang geschafft habe. Klar: Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich gemeinsam mit dem Team möglichst viel erreiche.“ Und dann sind da auch noch die Paralympics 2028 in L.A. Helen könnte es schaffen und ihrem großen Vorbild Isabell Werth ein wenig nacheifern, wenn es mit einem Ticket klappt.
