Alles neu bei den Reitpferden beim Bundeschampionat – eine Bestandsaufnahme

Das neue Reitpferde-Bundeschampionat – Top oder Flop?

Feature 03.09.2026
Danubio gehörte unter Linus Keller zu den Gewinnern des neuen Finalformats. Er holte Bronze bei den vierjährigen Hengsten.
Foto: Rebecca Thamm Danubio gehörte unter Linus Keller zu den Gewinnern des neuen Finalformats. Er holte Bronze bei den vierjährigen Hengsten. Foto: Rebecca Thamm
Viel wurde diskutiert über das neue Format der Reitpferdeprüfungen beim Bundeschampionat. Aber wie war es denn nun eigentlich in der Praxis? Rückblick auf ein ereignisreiches Wochenende.

Anders war schon der Termin des Bundeschampionats. Der wurde nämlich um eine Woche vorgezogen, weil er sonst mit dem Turnier der Sieger in Münster kollidiert wäre, das am 3. September beginnt. Das Turnier der Sieger, das sonst auf dem Termin des Bundeschampionats gelegen hätte, wurde wiederum verschoben, weil Münster am letzten Augustwochenende Schauplatz der Feierlichkeiten zum 80-jährigen Bestehen des Landes Nordrhein-Westfalen war. So hieß es also: Nach der WM Aachen ist vor dem Bundeschampionat.


Das Pflichttraining


Das begann am Dienstag mit der Qualifikation für die siebenjährigen Springpferde. Für die Reitpferde wurde es am Mittwoch ernst. Um 10.30 Uhr begann die Pflichtgewöhnung für die dreijährigen Stuten und Wallache auf dem Prüfungsviereck. Es war ein bedeckter Tag, ruhiges Wetter, nicht allzu kalt, aber auch nicht so warm, dass die Pferde schon aufgrund des Wetters ruhiger gewesen wären als sonst. Zu sehen waren Pferde, die erst einmal zu 90 Prozent nicht so geritten wurden, wie man sich das bei Dreijährigen wünscht. Die meisten waren zu hoch und zu eng eingestellt.


Man muss den Reitern zugutehalten, dass die neue Umgebung, die fremden Kollegen und die vielen Eindrücke die Pferde – je nach Temperament und Sensibilität – reichlich stressen können. Da ist es nachvollziehbarerweise schwierig, eine angemessene Remontehaltung zu finden. Manchen gelang das mit der Zeit aber recht gut. Andere Pferde jedoch haben sich überhaupt nicht beruhigt. Im Gegenteil, sie rollten sich immer mehr ein, schwitzten stark und wirkten sehr gestresst.


Gar nicht nachvollziehbar: wenn ein Pferd offensichtlich vor etwas Angst hat und der Reiter immer wieder versucht, es an besagter Stelle vorbeizudrücken. Warum? Von einem Profi kann man wohl erwarten, dass er sich minimal mit dem Lernverhalten von Pferden auskennt und weiß, dass er dadurch alles nur noch schlimmer macht. Nach diversen vergeblichen Versuchen stellte er das Pferd dann einmal hin und ließ es in Ruhe gucken. Siehe da, Pferd beruhigt sich.


Mehr Ruhe, mehr Übersicht


Der zuständige Steward, Hermann Erver, sagte später, er begrüße die Möglichkeit des Pflichttrainings sehr. „Drei Pferde für jeweils 15 Minuten auf dem Prüfungsviereck hat ganz eindeutig Vorteile. Wir als Stewards haben deutlich mehr Möglichkeiten, dort helfend einzugreifen, und die Reiter haben viel mehr Möglichkeiten, ihr Pferd gezielt vorzubereiten.“


Unter „helfend eingreifen“ versteht Erver beispielsweise, einen Reiter mit einem ruhigeren, mutigeren Pferd aufzufordern, vorweg zu reiten und die anderen hinterherzuschicken, damit sie Vertrauen fassen. Gesehen haben wir das vereinzelt, wenn die Reiter sich untereinander abgestimmt haben.


Dass die Pferde das Prüfungsviereck zu dritt besser kennenlernen, als mit acht bis zehn weiteren Kameraden, dem stimmten Reiter und Ausbilder uneingeschränkt zu. Dazu muss man wissen, dass die Reitpferde auch früher schon vor den eigentlichen Prüfungstagen auf das Viereck durften. Nur waren sie dann zum Teil zu zehnt im Einsatz. Da sind die jungen Pferde dann naturgemäß mehr mit ihren Kollegen beschäftigt als mit allem anderen.


Auf der anderen Seite monierten Reiter, dass sie es nicht sinnvoll finden, es zur Pflicht zu machen, dass die Gewöhnung unter dem Sattel stattfinden muss. Für manche Pferde sei es besser, wenn sie das Viereck erst einmal geführt an der Hand kennenlernen – eine Option, die zudem den Vorteil hätte, dass der logistische Spagat zwischen Pflichttraining und Gebäudebeurteilung für die Reiter mit mehreren Pferden nicht ganz anstrengend geworden wäre.


Die Gebäudebeurteilung


Die Gebäudebeurteilung sollte im ursprünglich vom „Jungpferdegipfel“ der FN angedachten Konzept ganz wegfallen. Nach zahlreichen Protesten unter anderem aus der deutschen Richtervereinigung wurde sie als Kompromiss als gesonderter Programmpunkt vor den Vorstellungen unter dem Sattel mit ins Programm genommen.


Zusätzlicher Stress


Die Dreijährigen mussten den Richtern im Anschluss an das öffentliche Training in der Springhalle präsentiert werden – eine Herausforderung, wenn man mehrere Pferde hatte, die alle verpflichtend im Sattel an das Prüfungsviereck gewöhnt werden und anschließend ganz am anderen Ende des weitläufigen Geländes den Richtern an der Hand präsentiert werden mussten. Das Vormustern geriet zu einem Extraprogrammpunkt in einem ohnehin vollgepackten Tagesablauf, für den die Pferde eingeflochten und vorbereitet werden mussten wie für einen Prüfungsstart, der dann aber erst Stunden später auf dem Programm stand. „Das war purer Stress – vor allem für uns, aber dadurch letztlich auch für die Pferde“, sagte eine Reiterin, die sowohl bei den Pferden als auch bei den Ponys im Einsatz war.


Wer als Zuschauer der Gebäudebeurteilung der vierjährigen Hengste beiwohnen wollte, musste um 7.30 Uhr in Warendorf parat stehen. Die Notenvergabe fand damit im Wesentlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.


Große Notendiskrepanzen


Was die Zuschauer aber mitbekamen, war, wie ein Wallach, der an der Hand für sein Gebäude eine 9,5 bekommen hatte, für die Funktionalität seines Körpers unter dem Sattel eine 7,0 erhielt. Es gab noch weitere Beispiele mit teilweise haarsträubenden Diskrepanzen zwischen der Bewertung des Gebäudes an der Hand und der Funktionalität unter dem Sattel. Wolfgang Egbers verteidigte die Neuerung: „Die Individualität lässt sich besser beurteilen mit getrennten Gebäudenoten.“ Außerdem verwies er darauf, dass ein traumhaftes Gebäude nicht notwendigerweise Rückschlüsse auf die Funktionalität des Körperbaus zulässt.


Egbers, wie auch seine Kollegen begrüßten die Ruhe, die sie in der Reithalle hatten, um die Pferde ausgiebig zu begutachten und anschließend ihre Notenvergabe zu begründen. Eine Kollegin stellte allerdings die Frage, was das letztlich bringen soll. Schließlich könne ein solches Verfahren bei regionalen Turnieren, bei denen nicht eingestallt wird, auch nicht zur Anwendung kommen. Ihrer Meinung nach solle man das alte Verfahren beibehalten oder doch dazu übergehen, das Gebäude unter dem Reiter zu bewerten. Beim DSP-Championat in Darmstadt habe man das bewusst ausprobiert, und dafür die Reiter extra im Schritt von sich weg- und auf sich zureiten lassen.


Idee zur Anpassung


Reiter, mit denen wir gesprochen haben, wünschen sich das alte System zurück. Was sie allerdings begrüßen würden, wäre, dass die Zuschauer mit dem Applaus warten, bis die jeweilige Pferdegruppe den Platz verlassen hat. Denn das Hinstellen und gemustert werden sei gar nicht das Problem. Stress komme bei den meisten Pferden erst durch das Klatschen auf.


Der Grund, warum die Gebäudebeurteilung nach der Prüfung weggelassen wurde, war die Annahme, dass die Pferde dadurch weniger Zeit auf dem Viereck verbringen. Wie sich in der Praxis gezeigt hat, ging diese Rechnung nicht auf. Die Pferde blieben so lange in der Bahn, bis in den Qualifikationen die fünf Wertnoten aller Teilnehmer einer Gruppe durchgesagt waren und in den Finals bis alle Wertnoten auch begründet waren. Die Pferde waren also ungefähr genauso lange in der Prüfungssituation nur mit dem Unterschied, dass sie dann noch den Reiter auf dem Rücken hatten.


Um einen Pferdebesitzer zu zitieren: „Die Gebäudebeurteilung war das geringste Problem. Jetzt haben sie es zu einem gemacht.“


Vorreiter


Eine weitere Neuerung war, dass es Vorreiter gab, die zeigen sollten, wie die Aufgabe zu absolvieren sei. Dafür hatte das Westfälische Pferdestammbuch freundlicherweise Verkaufspferde zur Verfügung gestellt, die qualitativ zum Anlass passten, aber– vielleicht ebenfalls eingeschüchtert von der Kulisse – nicht wirklich jungpferdegerecht vorgestellt wurden. Das wurde vom Richter angesprochen, war aber nicht wirklich zu beheben.


Ausschlüsse


In der Prüfung selbst schlossen die Richter Pferde aus, beispielsweise eines weil es nicht gleichmäßig genug im Ablauf war (was aber wohl eher mit der Anspannung als mit einem körperlichen Problem zu tun hatte), ein anderes, weil es mit den Anforderungen an diesem Tag überfordert war. Das war konsequent.


Ebenso konsequent war der Beschluss eines Stewards, einen der dreijährigen Hengste gar nicht erst in die Prüfung einreiten zu lassen, weil er ein unklares Gangbild aufwies.


Dressurpferdeprüfungen der Klasse A – Für und Wider


Eine wesentliche Änderung, die nur die Vierjährigen betrifft, ist der Wegfall des Fremdreitertests. Stattdessen gingen alle Finalisten eine Dressurpferdeprüfung Klasse A. Die Großpferde kamen damit mehrheitlich einigermaßen zurecht. Auch wenn man bei den Stuten und Wallachen den Eindruck hatte, dass das Aussitzen, das in der Aufgabe vermehrt verlangt wird, für manche zu viel war. Das war bei den Hengsten, die durch Körung, Leistungsprüfungen usw. ja schon mehr gearbeitet haben, besser.


Manch einer gewann durch diesen Modus, etwa der Bronzemedaillengewinner aus Marbach, Danubio, der ein einer Abteilung mit zwei „Lampenaustretern“ etwas untergeht, aber in der Aufgabe mit all seiner Rittigkeit richtig zum Strahlen kam. Das ist auch aus Sicht einiger Reiter ein Plus. „Ja, die Aufgabe ist anspruchsvoller. Aber sie ist auch eine deutlichere Überprüfung der Reitpferdeeignung.“


Aber ob die Dressurpferdeprüfung Klasse A für die Zukunft ein sinnvoller Weg ist, scheint fraglich. Aus der Richterschaft kam hier schon die Warnung, dass in diesem Jahr noch niemand auf die Neuerung vorbereitet war, dass sich das aber ändern wird, sollte der Ablauf bleiben. Denn dann werden die Reiter Dressurpferde-A „üben“.  „Wir hatten eigentlich gesagt, wir wollten es den Pferden leichter machen. De facto wurde es schwieriger.“


Freunde, wo seid ihr?


Zumal die Pferde neben den Anforderungen der Aufgabe damit klarkommen mussten, allein im Viereck zu sein. Warum lässt man sie nicht zu zweit auf den Platz? Bei den Großpferden war es nur ein Hengst, Be my Guest, der Sieger der Qualifikation, der plötzlich beschloss, in Richtung Ausgang durchzugehen. Ob er sich nun erschrocken hat, oder einfach zu seinen Freunden wollte, war nicht eindeutig zu klären.


Bei den Ponyhengsten gab es einige wirklich unschöne Bilder – solche, wo die Ponys plötzlich kehrt machten, durchstarteten und Richtung Abreiteplatz sprinteten und dann nur mit Mühe gestoppt werden konnten. Wobei die schwierigen, weil windigen Rahmenbedingungen mit flatternden Werbebannern an der Bande, knisternden und rauschenden Mikrofonen hier auch Anteil gehabt haben mögen.


Die Richter entschuldigten sich via Mikrofon für die Bedingungen. Ganz sicher wäre es für die Pferde in jedem Fall einfacher, wenn sie zu zweit in die Bahn dürften.


Wie machen es eigentlich die anderen?


Zeitgleich zum Bundeschampionat fand übrigens in den Niederlanden der Pavo Cup statt. Hier gingen die Vierjährigen zu zweit aufs Viereck. Und die Top drei aller Altersklassen wurden von einem Fremdreiter „angefühlt“. Das war interessant und aufschlussreich und die Pferde hatten kaum mehr oder weniger Stress.


Um ein Fazit von Seiten der FN hatten wir Herrn Dr. Miesner als Leiter der Abteilung Zucht gebeten, allerdings bislang noch keine Rückmeldung erhalten.


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