Stefan Stammer zum Thema Trageerschöpfung beim Pferd
Trageerschöpfung – seriöse Diagnose oder Marketingkonzept?
Stefan Stammer. Foto: Privat Definition Trageerschöpfung beim Pferd
Eine klare und allgemein anerkannte Definition für den Begriff Trageerschöpfung gibt es aktuell nicht. Wie beim Menschen das HWS-Syndrom oder das LWS-Syndrom ist es ein Überbegriff, der ganz unterschiedliche Symptome beinhalten kann, die fast alle Reiter bei ihrem Pferd schon einmal gespürt oder festgestellt haben.
- tritt nicht richtig an die Hand
- macht sich fest im Genick
- verkriecht sich hinter dem Zügel
- ist widersetzlich
- hat Kotwasser
- hat ein Magengeschwür
- macht sich fest (wahlweise im Genick, in der Rippe, in der Lende)
- ist schief
- hat ein Schmerzgesicht
- geht (wahlweise) zu viel oder wenig vorwärts
Die Falle
Viele dieser Symptome begleiten jeden, der schon mal ein Pferd geritten oder ausgebildet hat. Der Umgang damit auf diversen Internetseiten, den sozialen Medien und den Reitställen sollte allerdings zu denken geben.
Frei nach dem Motto: falls eines von diesen Symptomen auf Dein Pferd zutrifft, dann ruf‘ mich unbedingt an. Dein Pferd kann unter Trageerschöpfung leiden, und wenn Du nichts dagegen tust, wird Dein Pferd leiden und krank werden. Direkt im Anschluss wird dann eine einfache oder auch kompliziertere (je nach Kostenkalkulation) Lösung angeboten, die ganz neu entwickelt wurde und die noch niemand vorher finden konnte, weil alle anderen diese Trageerschöpfung zum Leidwesen der Pferde entweder aus Unvermögen nicht erkennen konnten oder absichtlich aus Gewinnsucht vollständig ignoriert haben. Eine Erfolgsgarantie für diese neue Methode bekommst Du natürlich nicht. Keiner weiß ja, wie lange das Pferd schon gelitten hat, welches Schmerzgedächtnis es aufgebaut hat und welche psychische Schäden Du und andere ihm durch Unwissenheit oder Ignoranz schon zugefügt haben. Sicher ist, die angebotene Methode funktioniert und es werden sich genügend Augenzeugen und Influencer finden, die das bestätigen.
Soweit eine (unvollständige) Zusammenfassung der Informationen aus dem Internet.
Deine Entscheidung, wie Du damit umgehst.
Was steckt dahinter?
Gleich zu Beginn, ja es gibt viele Fehlentwicklungen im Reitsport. Pferde werden körperlich und mental über- oder auch unterfordert. Wie häufig und wie intensiv, das wissen wir leider nicht genau, da es keine umfassenden Untersuchungen gibt. Fragt man das Internet, sind es sehr viele. Fragt man bestimmte Tierschutzorganisationen, sind es alle. Fragt man die Reitverbände, sind es wenige Ausnahmen. Eine echte Erhebung, die einen Querschnitt aus allen Reitweisen und Ausbildungsmethoden bildet, gibt es nicht.
Dort, wo sich die Reiter in der Öffentlichkeit beurteilen lassen, auf Turnieren, ist die Überwachung am dichtesten und die Ergebnisse daraus geben durchaus Grund zur Sorge. Vor allem dann, wenn sich die organisierte Turnierreiterei in Deutschland und eingeschränkt auch weltweit den ethischen Grundsätzen, der Ausbildungsskala und den Richtlinien Reiten und Fahren verpflichtet fühlt. An diesem Anspruch, der weit höher ist als bei allen anderen Formen des Reitens, muss sich der Turniersport messen lassen.
Gerade dort sehen wir also immer wieder Bilder, die zumindest erahnen lassen, das Pferde sich nicht so einfach, harmonisch und zwanglos unter dem Reiter bewegen, wie wir das alle gerne sehen würden. Und das nicht selten, sondern durchaus häufig. Die Zahlen im Internet sprechen gerne von 80 Prozent.
Wie kommen diese Zahlen zustande?
Eine wissenschaftsbasierte Definition zur funktionalen Stabilisation eines Pferdes gibt es bis dato nicht. Sie ist auch äußerst schwierig, da von sehr vielen Einzelkomponenten abhängig. Die Diagnose der Trageerschöpfung basiert somit ausschließlich auf der subjektiven Einschätzung des jeweils verantwortlichen Therapeuten.
Aufgrund der Tatsache, dass die fachliche Basis dieser Therapeuten sehr breit gestreut und häufig von eigenen subjektiven Bildern von „gutem Reiten“ geprägt ist, wird die Einschätzung, wann Defizite tatsächlich gesundheitsrelevant werden, ebenso breit gestreut sein.
Das liegt zunächst daran, dass wir alle gerne durchgängig diese optimalen Bilder eines korrekt gerittenen Pferdes sehen würden, die der Richter auf dem Turnier objektiv mit mindestens mit einer Note von 8,0 in den Kategorien Takt, Losgelassenheit und Anlehnung bewertet. Das bedeutet gut. Darunter ist eine Vorstellung phasenweise nicht durchgängig harmonisch, nicht vollständig zwanglos und nicht in optimaler Losgelassenheit.
Die alles entscheidende Frage ist: Ist das dann schon gesundheitsgefährdend für das Pferd? Die erweiterte Frage: In jeder anderen Situation bei der Arbeit mit dem Pferd, wo diese Harmonie, Zwanglosigkeit und Losgelassenheit nicht vollständig erreicht ist, auch außerhalb des Turniersports, ist diese Bewegung auch gesundheits- oder pferdewohlgefährdend?
Meine Antwort: Noch lange nicht!!!
Wie kann man mit diesen Defiziten umgehen?
Das Wichtigste ist aus meiner Sicht zunächst den Stress und den Druck von Pferd und Reiter zu nehmen und ihn nicht noch durch das Schüren von Ängsten zu verstärken.
Die Symptome von oben müssen zwingend unterteilt werden in normale Balancereaktionen eines Pferdes, das nicht in optimaler Dynamik und Losgelassenheit balanciert ist und in echte medizinische Diagnosen.
Balancereaktionen eines Pferdes sind:
- tritt nicht richtig an die Hand
- verkriecht sich hinter dem Zügel
- ist widersetzlich
- macht sich fest (wahlweise im Genick, in der Rippe, in der Lende)
- ist schief
- geht (wahlweise) zu viel oder wenig vorwärts
Das alles sind ganz normale Alltagsreaktionen eines nicht perfekten Pferdes und eines nicht perfekten Reiters. Diese können dementsprechend in der Regel auch durch ganz normale klassische Grundlagenarbeit verbessert werden, soweit diese für Pferd und Reiter gemeinsam, idealerweise mit Hilfe eines guten Ausbilders, dem Rahmen ihrer Möglichkeiten entspricht.
Das Ergebnis ist dann immer noch nicht perfekt. Nicht perfekt durchlässig, nicht perfekt geradegerichtet, nicht perfekt harmonisch. Das alles ist der Spiegel des realen Lebens und weder behandlungsbedürftig noch gesundheitsgefährdend. Diese Erkenntnis zu akzeptieren fällt oft nicht leicht, ist aber der erste Schritt zu einer realistischen Beurteilung und der erste Schritt auf dem Lösungsweg.
Gesundheitliche Probleme entstehen meiner Erfahrung nach vor allem dann, wenn diese Alltagsdefizite kurzfristig durch Abkürzungen mit fehlerhaft eingesetzten Hilfszügeln, Sporen und Gerten, Krafteinsatz des Reiters, Stress, etc. schneller als es die klassische Reitlehre definiert, scheinbar gelöst werden sollen.
Oder, die andere Variante, wenn man den Weg der Ausbildung ganz verlässt und die Bewegungsdynamik des Pferdes soweit herabsetzt, dass die Defizite nicht mehr spürbar sind.
Dann kommen die anderen Symptome ins Spiel:
- Magengeschwüre
- Chronische Überlastungsreaktionen von Sehnen, Gelenken, Knochen
- Kotwasser
- Generalisierte Stresssymptome
- Atemprobleme
- u.a.m.
Das alles sind medizinische Diagnosen und die müssen zunächst von einem Tierarzt abgeklärt werden. Ohne Wenn und Aber.
Denn alle diese Symptome können durchaus durch fehlerhafte Ausbildung verursacht werden. Es gibt aber viele andere Komponenten, die nur umfassend ausgebildete Spezialisten mit den jeweils dem aktuellen Wissensstand entsprechenden Diagnoseverfahren beurteilen können. Und die müssen zuerst möglichst effizient und für den Pferdebesitzer nachvollziehbar abgeklärt werden. Unabhängig von Diskussionen in Bezug auf persönliche Erfahrungen, Wünschen oder Einstellungen.
Der vertrauensvolle Kontakt zu einem Tierarzt vor Ort, der das Pferd, den Reiter, die äußeren Gegebenheiten, möglicherweise auch die finanziellen Möglichkeiten kennt, ist durch nichts zu ersetzen!
Die Rolle der ergänzenden Therapieformen
Danach kommen beispielsweise gute ausgebildete Physiotherapeuten mit einer umfassenden Weiterbildung am Pferd ins Spiel, die funktionale Defizite erkennen, therapeutische Hilfe leisten, Lösungswege planen und umsetzen können. gegebenenfalls gemeinsam mit einem ebenso qualifizierten Ausbilder.
Experten, die an wenigen Wochenenden Diagnosen und Behandlungen erlernen, wofür andere Jahre und Jahrzehnte brauchen, die ganz neue Methoden erfunden haben, die Heilung innerhalb weniger Wochen und Monate versprechen, deren Qualifikationen und Reputationen sich mehrheitlich auf Social Media Plattformen finden lassen, sollten von verantwortungsbewussten Pferdebesitzern, kritisch hinterfragt werden – bevor man sich in Hände begibt, aus denen man sich selbst nur schwer wieder befreien kann.
Denn, und das ist eine der ganz großen Nebenwirkungen dieser marketingbasierten neuen Methoden, die Abhängigkeiten, die durch emotionale Bindungen, das Schüren von Ängsten und das Pflegen des eigenen schlechten Gewissens entstehen, sind nur sehr schwer wieder aufzulösen. Das gilt sowohl für die Menschen, die sich in die Abhängigkeiten dieser Ausbildungsmethoden begeben, als auch für die Pferdebesitzer, die die Gesundheit Ihres Pferdes in die Hände von therapeutischen Laien mit guter Überzeugungskraft legen. Beide in gutem Glauben und Vertrauen, am Ende häufig zum Schaden des Pferdes.
Fazit
Es gibt schon immer gutes und schlechtes Ausbilden, gutes und schlechtes Reiten. Was noch nie zum Ziel geführt hat, sind einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme.
Genau das bieten aber zunehmend die Protagonisten der Trageerschöpfungsszene an. Selbst wenn sie komplex formulieren, bleiben die Antworten einfach und die Lösungen scheinbar sicher. Aber das ist nicht alles.
Nachdem diese Szene den Stein der Weisen gefunden hat, ist sie natürlich gerne bereit, diesen gegen Gebühr zu teilen. So werden für Jedermann Ausbildungen und Kurse angeboten, die dazu befähigen, künftig diese Art des gesundheitsorientierten Reiten und der Rehabilitation des Pferdes selbst zu erlernen und künftig selbst professionell anbieten zu können. Das alles an wenigen Wochenenden, teilweise online und mit dem Komplettpaket Reiten, Ausbildung, Unterrichtsgestaltung, Sattelkunde, Rehabilitation, Gebisskunde, Krankheitslehre, Zahnkunde, Management und Eigenvermarktung. Und das alles zu einem Spottpreis von wenigen Tausend Euro. Dies ist nur eines von vielen Angeboten, das dir eine zukünftige berufliche Laufbahn im Traumberuf mit dem Pferd verspricht.
Was können wir lernen?
Ihr Bereiter, Pferdewirtschaftsmeister und Nationalmannschaftsreiter, geht raus zu den Freizeitreitern und lasst sie an eurem Wissen und an euren Fähigkeiten teilhaben. Nicht um ihnen Grand Prix reiten beizubringen, sondern um ihnen einen erweiterten Eindruck von Losgelassenheit zu vermittelt. Hört ihnen gleichzeitig zu und lernt von ihrer Einstellung dem Pferd gegenüber, von ihrer Empathie und ihrem unermüdlichen Streben es gut machen zu wollen, auch wenn es nicht immer funktioniert. Das sind wunderbare Menschen, die euch in der Liebe und Achtung und Sorge um ihr Pferd in nichts nachstehen.
Ihr Freizeitreiter, geht mal zu den guten Profis und schaut euch an, wie sie arbeiten. Lernt von ihnen, sie haben viel Wissen, Erfahrung und Können in der Ausbildung von Pferdes. Lasst sie gleichzeitig teilhaben an euren Ideen, Ansichten und Erfahrungen, die ihr gemacht habt. Auch diese sind wertvoll. Vielleicht könnt ihr ihnen helfen ihre Pferde stressfreier zu verladen, vielleicht könnt ihr ihnen auch helfen ein jungen Pferd mental artgerechter anzureiten. Versucht es doch einfach mal. Das sind wunderbare Menschen, die Euch in der Liebe und Achtung und Sorge um Ihr Pferd in nichts nachstehen.
Ihr Springreiter, geht mal wieder zu den Dressurreitern und lasst euch mit ergänzenden Methoden inspirieren, euer Pferd noch geschmeidiger und kraftvoller zu bekommen. Das sind wunderbare Menschen, die reiten können und gute Ausbildungsideen haben
Ihr Dressurreiter, macht mal wieder eine Springstunde mit eurem Dressurpferd. Ihr werdet sehen, wie sich das ein oder andere Rittigkeitsproblem in Luft auflöst, wenn Ihr einfach mal „out of the box“ denkt. Das sind wunderbare Menschen, die reiten können und gute Ausbildungsideen haben.
… und für beide gilt: Im Gelände sollten alle Freude haben, wenn nicht, sollte man sich fragen warum, und eine Antwort und eine Lösung dafür suchen … vielleicht bei den Freizeitreitern.
Deshalb brauchen die Vielseitigkeitsreiter keine Ratschläge 😉
Wenn wir das gemeinsam schaffen, brauchen wir keine neuen Ausbildungsmethoden, keine entfesselte Trageerschöpfungsszene und müssen im Internet bei den Hatern nicht immer nur gegenhalten. Dann entziehen wir Ihnen den Boden und können ihnen gleichzeitig dafür danken, dass sie uns inspiriert haben, unsere Routine, die uns dahin geführt hat wo wir heute stehen, zu hinterfragen und zu verbessern.
Stefan Stammer
Über den Autor
Stefan Stammer ist ausgebildeter Pferde-Osteopath, Humanphysiotherapeut, Manualtherapeut und staatlich geprüfter Sportlehrer. Mit seinem Therapiekonzept „Stammer Kinetics“ betreut er seit 1999 vierbeinige Athleten vom Freizeit- bis zum Olympiasportler. Seit 2013 gibt er sein Wissen auch an andere Therapeuten sowie Tiermediziner weiter und ist als Dozent in verschiedenen Einrichtungen aktiv. Er hat mehrere Bücher zum Thema Biomechanik des Reitpferdes verfasst.

