Die Theorie hinter der Trageerschöpfung beim Pferd

Trageerschöpfung beim Pferd: Was ist das eigentlich?

Feature 04.05.2026
Redaktion von Redaktion
„Dein Pferd leidet unter einer Trageerschöpfung.“ Ein Satz, der sich zum Schreckgespenst in Reiterkreisen entwickelt hat. Aber was ist das eigentlich genau und wie relevant ist es wirklich? Darüber haben wir mit der Buchautorin Dr. Sandra Ruzicka gesprochen.

2011 veröffentlichte die Physiotherapeutin und Heilpraktikerin Tanja Richter erstmals ein Buch, in dem sie die Trageerschöpfung des Pferdes thematisierte. Im Februar 2025 erschien ein weiteres Werk dazu von der Pferdephysiotherapeutin, Hufbearbeiterin, Verhaltenstrainerin und promovierten Chemikerin Dr. Sandra Ruzicka.


Dieses Buch mit dem Titel „Trageerschöpfung beim Pferd“ ist derzeit in aller Munde. Ruzicka erklärt darin, dass Trageerschöpfung ein Oberbegriff für verschiedene Symptome ist, die vor allem auf eine Ursache zurückzuführen seien – eine Dysbalance in Skelett und Muskulatur, die sich aus Verspannungen in Folge von unphysiologischer Belastung ergibt.


Dabei hat der Pferdekörper vor allem zwei Sollbruchstellen, die aus Ruzickas Sicht in die Trageerschöpfung führen können: der Rumpftrageapparat sowie die Becken- und Lendenregion der Hinterhand.


Wenn die Muskelschlingen, die den Rumpf tragen, verspannt sind, kann das Pferd die Bewegungen nicht mehr abfedern und die Energie geht direkt auf Gelenke sowie Sehnen und Bänder der Vorhand.


Ist das Pferd hingegen im Bereich der Hinterhand verspannt, kann es die Energie aus dem Hinterbein nicht mehr nach vorne durchlassen. Das wiederum könne sich wieder auf den Rumpfträger auswirken, da das Pferd diesen nun nicht mehr anheben könne. Das kann, muss aber nicht mit dem Reiter zusammenhängen. In jedem Fall ist das Bewegungsmuster nun verschleißend und nicht mehr gesunderhaltend.


Letztlich sei die Trageerschöpfung die Summe verschiedener Probleme, die zu Ausgleichsbewegungen und krankhaften Schonhaltungen führen, durch die das Pferd die Probleme zu kompensieren versucht, sich aber letztlich nur tiefer darin verstrickt, so Ruzicka. Nach ihrer Ansicht zeigen ca. 80 Prozent aller Pferde erste Symptome einer Trageschwäche.


Die Autorin teilt Pferde in Bezug auf ihre körperliche Verfassung in vier Kategorien ein:


1.  Ein Pferd mit Tragkraft ist das Ideal. Es ist in der Lage, seinen Rumpf mithilfe der entsprechend ausgeprägten Muskulatur anzuheben, die es problemlos ansteuern kann. Diese Pferde federn unter dem Reiter. Sie sind in der Lage, sich – also ihr eigenes Gewicht und das des Reiters – verschleißfrei und kraftsparend zu tragen.


2. Ein tragfähiges Pferd nach Ruzicka kann den Rumpf anheben und die Tiefenmuskulatur ansteuern, ist aber noch nicht kräftig genug, um diesen Zustand auf Dauer zu halten.


3. Ein tragschwaches Pferd ist zwar prinzipiell in der Lage, sich wie ein Reitpferd zu bewegen, hat das aber noch nicht gelernt. Das entspricht einem jungen, gesunden Pferd zu Beginn seiner Ausbildung, denn kein Pferd ist zum Reittier geboren, sondern muss dafür ausgebildet werden.


4. Die Trageerschöpfung wie Sandra Ruzicka sie versteht, beschreibt einen Zustand des Pferdes, bei dem es „in seinen Kompensationsmustern gefangen ist“. Das Pferd gleicht seine falschen Bewegungsmuster durch verschiedene Schonhaltungen und Ausweichbewegungen aus, die ganz unterschiedlich ausfallen können, und die wiederum neue Probleme nach sich ziehen. Durch die Schonhaltung verändert sich der Körper des Pferdes. Muskulatur und Skelett passen sich an die Schonhaltung an, der Beginn eines Teufelskreises, aus dem das Pferd ohne Therapie nicht mehr herauskommt.




Über die Autorin


Dr. Sandra Ruzicka ist promovierte Chemikerin und bildet Pferdeverhaltenstrainer aus. Sie ist Physiotherapeutin, Trainerin und Hufbearbeiterin. Verschiedene Institute listen sie als Dozentin. Sie gibt reitweisenübergreifenden Unterricht und hält deutschlandweit Kurse und Fachvorträge. Sie nennt sich Expertin für Trageerschöpfung und steht als solche für Pferdefachzeitschriften als Interviewpartnerin bereit.


Ihr Buch „Trageerschöpfung beim Pferd“ ist 2024 in der 4. Auflage im Verlag Müller Rüschlikon, Stuttgart erschienen. ISBN 978-3-275-02283-0, Preis 26 Euro.




Stress-Teufelskreis


Eine Trageerschöpfung in der Definition von Dr. Sandra Ruzicka bedeutet Dauerstress. Denn wenn das Pferd nicht mehr vollumfänglich Herr über seinen Körper ist und befürchten muss, bei Gefahr nicht weglaufen zu können, ist das eine potenziell lebensbedrohliche Situation für ein Fluchttier. Das macht Angst, und Angst bedeutet Stress. Stress führt auf körperlicher Ebene zu Verspannungen, dauerhafter Stress zu dauerhaften Verspannungen, die laut Ruzicka auch organische Folgeerscheinungen nach sich ziehen können – Magen- und/oder Verdauungsprobleme, Atemwegserkrankungen, weil die Pferde nicht mehr entspannt durchatmen, Durchblutungsstörungen und dadurch eine schlechtere Wundheilung sowie ein geschwächtes Immunsystem.


Chronischer Stress führt auch zu Wesensveränderungen – Überreiztheit und Aggressionen, aber auch Abgestumpftheit und Lethargie können Folgeerscheinungen sein, je nach Typ und Charakter des Pferdes. Übrigens warnt Ruzicka, dass die Trageerschöpfung – Verspannung – Stress-Kette auch in umgekehrter Richtung funktioniert: Dauerhafter Stress durch beispielsweise schlechte Haltungsbedingungen führen zu Verspannungen und die wiederum unter Umständen in die Trageerschöpfung. Hier ist dann nicht der Reiter der auslösende Faktor, sondern die für das Pferd belastenden Lebensumstände. Allerdings sei in den weitaus meisten Fällen die Art des Trainings verantwortlich – ob nun durch bewusst falsches Reiten, Unvermögen oder Unwissen des Reiters.


Richtig Reiten bedeutet, Federkraft zu fördern


Dr. Sandra Ruzicka sieht den Weg aus der Trageerschöpfung in gutem Training – eventuell zunächst nur vom Boden aus und unter Begleitung manueller Therapien. Wobei sie betont, dass Pferdebesitzer den Fachleuten überlassen sollten, da man mit Dehnen & Co. auch Strukturen zerstören könne.


Jeder therapeutische Ansatz müsse darauf abzielen, dem Pferd zum einen zu zeigen, wie es sich als Reitpferd bewegen sollte, um sich physiologisch korrekt zu stabilisieren, und zum anderen Maßnahmen zu ergreifen, die es in die Lage versetzen, das auch zu tun – zum Beispiel, indem Blockaden und/oder Verklebungen gelöst werden, die das Pferd daran hindern, die Vorhand anzuheben. Sobald das geschehen ist, muss die Arbeit unter dem Sattel fortgesetzt werden. Wie Ruzicka schreibt: „Das Pferd lernt das Tragen des Reiters schlussendlich nur durch das Ausbalancieren eines Menschen auf seinem Rücken.“


Was heißt das nun? Jedes zum Pferd, das sich unter dem Reiter bewegen soll, muss erst – oder auch wieder – lernen, sich wie ein Reitpferd zu bewegen. Die Skala der Ausbildung gibt den Weg zum gesunden Reitpferd vor. Wenn Takt und Losgelassenheit unter dem Sattel sichergestellt sind, ist die Basis gelegt. Erst danach kann es weitergehen. Wenn das sich taktmäßig und losgelassen bewegende Pferd nun beginnt, das Gebiss zu suchen und den Hals aufzuwölben, schließt sich die Funktionskette. Das Pferd fängt an, seinen Rumpf anzuheben, das Becken vermehrt abzukippen und mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt zu treten. Dann kann das Pferd sowohl das Eigen- als auch das Reitergewicht mit Hilfe der Muskulatur auffangen. Es federt.


Darauf gilt es als Reiter zu achten. Man sollte die Muskulatur fordern, ohne sie zu überfordern. Wenn ein Pferd nicht mehr federt, ist es Zeit, eine Pause zu machen bzw. aufzuhören. Denn sonst wird die Bewegungsenergie nicht mehr von der Muskulatur abgefedert, sondern geht ins Bindegewebe – Fesselträger & Co. lassen grüßen. Dann kann es zu Verschleißerscheinungen und möglicherweise auch schädlichen Kompensationsmustern kommen.


Missverständnis Hinterhandaktivität


Im Fokus steht oft die Vorhand des Pferdes. Dabei ist die Hinterhand für ein phyiologisch korrektes Bewegungsmuster genauso wichtig. Denn, so betont Dr. Sandra Ruzicka, „die Vorhand kann sich ohne die Unterstützung der Hinterhand nicht anheben“.


Dafür muss das Pferd in der Lendenwirbelsäule und in den großen Gelenken ausreichend beweglich sein, aber nicht zu stark, so die Ansicht der Buchautorin: „Vielfach wird gefordert, dass Pferd müsse im Becken abkippen, so dass der Lumbosakralübergang sich öffnet. Hier kommt es aber auf das Wie an. Das darf keinesfalls passieren wie beispielsweise beim Quarter Horse im Sliding Stop.“ Denn in dem Fall habe man es mit einer Hyperflexion des Beckens zu tun, was verschiedene Probleme mit sich bringt, gesundheitliche und biomechanische.


Biomechanisch problematisch ist ein dauerhaft gekipptes Becken nach Meinung von Ruzicka, weil das Pferd die Hanken nicht mehr beugen kann und die Hinterhand instabil wird. Hintergrund: Wäre das Becken dauerhaft gekippt, könnte sich das Lumbosakralgelenk (nicht zu verwechseln mit den Ileosakralgelenken) nicht mehr schließen.


Das Lumbosakralgelenk ist ein Scharniergelenk, das sich um bis zu 20 Grad öffnen kann, und das die Lendenwirbelsäule und das Kreuzbein miteinander verbindet. Menschen haben ein solches Gelenk nicht. Darum seien sie – anders als das Pferd – nicht in der Lage, zu gleicher Zeit das Becken zu kippen und ins Hohlkreuz zu gehen, so Ruzickas Sicht. Genau das passiere aber bei einem trageerschöpften Pferd, das trotzdem das Becken kippen soll, erklärt sie weiter. Eine Situation, die das Problem der Trageerschöpfung noch verschärft.


Denn wird ein Pferd mit verspanntem Rumpftrageapparat weiter geritten und dazu animiert, die Hinterhand mehr beizuschließen, kann es das tun, indem es das Becken abkippt, während sich Rumpf und Rücken nicht mitbewegen. Die Folge: Fordert der Reiter weiterhin das Beischließen der Hinterhand und das Pferd kann weder Vorhand noch Rücken im relativ erforderlichen Maß anheben, bekommt das Pferd Stress. Es wird dann trotzdem im Becken abkippen. Aber das Ergebnis sei keine korrekt beigeschlossene Hinterhand, sondern der sogenannte „Angsthintern“, ist Ruzicka überzeugt.


Das führt zu neuen Problemen, so Ruzickas Darlegung: Überdehnung der Weichteilstrukturen oberhalb der Wirbelkörper, Komprimierung der unteren knöchernen Strukturen und dadurch unter Umständen Verknöcherungen, Arthrosen usw.


Effiziente Kraftübertragung


Doch nicht nur beim bereits trageerschöpften Pferd ist ein dauerhaft geöffnetes Lumbosakralgelenk und die damit einhergehende Auffächerung der Dornfortsätze der Lendenregion nach Ruzickas Meinung problematisch. Abgesehen davon, dass das auf Dauer in die Trageerschöpfung führen könne, wäre das Resultat auch für ein Reitpferd überhaupt nicht wünschenswert, weil die Kraft aus der Hinterhand nicht mehr effizient übertragen werden kann.


Um Energie aus dem Kreuzbein optimal in die Lendenregion zu transportieren, müssten die Wirbel nach Ruzickas Darlegung im Moment der Stützbeinphase, also der Kraftübertragung, regelmäßig hintereinander angeordnet sein. Ergo: Das Lumbosakralgelenk muss in der Lage sein, sich zu öffnen, um das Bein vorschwingen zu lassen und zu schließen, damit das Pferd sich abstoßen kann.


Das sei auch die Voraussetzung für echte Versammlung, ist Ruzickas These. Es müsse zwar ein Abkippen stattfinden, aber dabei dürfe sich nur der Abstand von Becken und Kreuzbein zum Boden verringern, nicht aber der Winkel zwischen Becken, Kreuzbein und Lendenwirbelsäule signifikant verkleinert werden.


Um das zu gewährleisten, müssten alle Wirbelkörper hinter der Sattellage ein kleines Stück abkippen. Dann können die großen Gelenke, die für die Hankenbeugung verantwortlich sind, sich wie eine Sprungfeder zusammenziehen und wieder loslassen, weil die für die Kraftübertragung verantwortlichen Achsen stabilisiert sind. Doch dazu müssen die mitarbeitenden Gelenke und insbesondere das Lumbosakralgelenk beweglich, aber nicht hypermobil sein.


Damit ist die Essenz eines funktionierenden Körpers zusammengefasst. Das Ziel, so Ruzicka, sei die Harmonie zwischen Stabilität und Mobilität. Zeichnung: Miriam Grau in Buch „Trageerschöpfung beim Pferd“.




Kein unumstrittener Ansatz


Dr. Sandra Ruzickas Theorie zur Trageerschöpfung beim Pferd bzw. deren Ursachen ist in Fachkreisen nicht unumstritten. Der Pferde-Osteopath, Humanphysiotherapeut, Manualtherapeut und staatlich geprüfte Sportlehrer Stefan Stammer, der mit seinem Therapiekonzept „Stammer Kinetics“ seit 1999 vierbeinige Athleten vom Freizeit- bis zum Olympiasportler betreut, ebenfalls an verschiedenen Einrichtungen als Dozent aktiv ist und seinerseits mehrere Bücher verfasst hat, sieht vor allem die Schlussfolgerungen, die aus der Problematisierung bestimmter körperlicher Merkmale und Verhaltensweisen gezogen werden, kritisch, wie er in einem Kommentar für EQUI PAGES dargelegt hat.


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