Was der Para-Dressur Sport für die Pferde tut – und die Pferde für die Para-Dressurreiter
Para-Dressurreiter – die besten Botschafter

Zigtausende Menschen wurden im August Zeugen, wie bei den Weltmeisterschaften in Aachen Reitsportgeschichte geschrieben wurde. Der Grand Prix von Katharina Hemmer und Denoix, die Geländerunden von Michael Jung mit Chipmunk und Julia Krajewski mit Nickel, das Mannschaftsfinale der Springreiter, der letzte Sprung zum Titel von Steve Guerdat und Dynamix de Belheme usw..
Das alles war hoch spannend und vor allem waren es Demonstrationen von Reiten nah an der Perfektion. Eine Kunst. Die perfekte Symbiose von Reiter und Pferd. Das ist nicht allen Paaren gelungen, aber das liegt in der Natur der Sache. Denn reiten ist verdammt schwierig und es gibt keine Abkürzungen. Jeder Reiter arbeitet Tag für Tag daran, eine Einheit mit dem Pferd zu werden, egal, ob in der Weltspitze oder in A-Dressur und A-Springen, im Sattel und im täglichen Umgang.
In Aachen haben wir sehr viele Paare gesehen, deren Partnerschaft so gefestigt und sicher ist, dass sie diese Einheit fast immer und unter allen Umständen abrufen können. Das sind die Bilder, die überall rauf und runter gezeigt wurden. Vom Sommermärchen war die Rede und das war es zum großen Teil in der Tat.
Die leisen Leistungssportler

Wunderbaren Sport gab es in diesen zwei Wochen aber nicht nur dort zu sehen, wo ohnehin viel los ist. Nicht weniger großartig, aber leider deutlich schlechter besucht waren die Auftritte der Para-Dressurreiter. Zugegeben, wer sich ausschließlich für Piaffen und Passagen oder spektakuläre Tiefsprünge interessiert, ist hier falsch. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um hier das Spektakuläre zu erkennen. Etwa beim Auftritt von Heidemarie Dresing und ihrer Stute Poesie im Grand Prix A des Grade II.
Vertrauensbeweis
Just als die beiden im Schritt auf die Mittellinie abbogen, um zu halten, zu grüßen und die Weltmeisterschaft der deutschen Para-Dressurreiter für Deutschland zu eröffnen, polterte ein Radlader oder ähnliches am Stadion vorbei. Poesie erschrak, krabbelte panisch rückwärts und machte auf dem Absatz kehrt – nur weg hier! Um ein Haar hätte sie dabei ihre Reiterin verloren, die an Multipler Sklerose erkrankte, 71-jährige Heidemarie Dresing. Allerdings schien die Wohnungsnot ihrer Reiterin genau der Moment gewesen zu sein, in dem Poesie sich zusammenriss und wieder den Vorwärtsgang einlegte. Dresing setzte sich so gut es ging zurecht, klopfte der Stute den Hals und die beiden nahmen ihre Aufgabe in Angriff. Im Grade II wird nur Schritt und Trab geritten. Das Paar hatte mit Noten zwischen 1 und 2 für die erste Grußaufstellung begonnen. Aber von Lektion zu Lektion holten sie auf, um am Ende ihren ersten Weltmeister-Titel zu holen. Die Stute dabei ganz zufrieden, ruhig, aufmerksam und mit einer Anlehnung, die man sich bei manchem Paar im Grand Prix Viereck vergeblich wünscht. Trotz des Schreckmoments.
„Poesie hat richtig Angst gehabt“, sagte Heidemarie Dresing nach ihrem Ritt. „Zum Glück habe ich dann schnell ihr Vertrauen wiedergewonnen, weil ich sie inzwischen wirklich sehr gut kenne. Ich mache alles mit meinem Pferd: Ich reite sie nicht nur, sondern pflege sie auch. Ich gehe mit ihr spazieren, so weit wie mir das eben möglich ist.“
Der Lohn klassischer Ausbildung
Heidemarie Dresing kann ihr Pferd in einem solchen Moment nicht „weiterdrücken“. Dafür fehlt ihr die Kraft in den Beinen. Dass ein Pferd in einer solchen Situation seinen Fluchtinstinkt überwindet und sich wieder auf seine Reiterin einlässt, ist das Ergebnis jahrelangen Vertrauensaufbaus. Dass daraus dann noch eine Goldmedaille wurde, ist der Lohn für systematische Ausbildungsarbeit. Eigentlich unreiterliches und doch nur allzu menschliches Verhalten wie „sich durchzusetzen“, wenn etwas nicht klappt, weil man die Geduld verliert und weil man die Möglichkeiten dazu hat, ist für Reiter wie Heidemarie Dresing nicht möglich. Sie müssen geduldig warten, bis ihr Pferd bereit ist, sich auf sie einzulassen. Eine Para-Partnerschaft ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Lebensinhalt Pferd
Keiner der WM-Reiter, mit denen wir in Aachen gesprochen haben, ist schon mit seiner Einschränkung zur Welt gekommen. Alle hatten mehr oder minder starke Schicksalsschläge zu verkraften. Und alle sagten, ohne die Pferde hätten sie das alles nicht überstanden. Die Pferde seien es gewesen, die ihnen wieder einen Sinn, Ziele, Hoffnung und Freude geschenkt haben. Wieder in den Stall gehen zu können, wieder reiten zu wollen, das habe ihnen Hoffnung und Stärke in den dunkelsten Stunden geschenkt, das sei der Antrieb bei mühsamen Rehamaßnahmen gewesen.
Horses for Heroes Award für Britta Wassermann

Ähnlich und doch anders war es bei der bis Klasse M erfolgreichen Dressurreiterin Britta Wassermann, deren Para-WM Erfahrungen schon einige Jahre zurück liegen, und die in Münster mit dem Horses for Heroes Award ausgezeichnet wurde. Den hat sie erhalten, weil ihre Geschichte exemplarisch für das steht, was viele Menschen mit Pferden erleben – sie sind viel weniger Sport-, als Lebenspartner. Und wie sich das in einer guten Partnerschaft gehört, sind sie da, wenn man sie am dringendsten braucht. Auf ihre ganz eigene Pferdeart.
Britta Wassermanns Pferdegeschichte
Britta Wassermann war acht Jahre jung, als bei ihr eine aggressive Form von Knochenkrebs diagnostiziert wurde. Es stellte sich heraus, dass eine Amputation des linken Arms ihre einzige Überlebenschance war. Die Operation in Kombination mit einer anschließenden Chemotherapie rettete sie.
Mit Pferden hatte Britta bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu tun. Oder eher fast nichts. Ihre beste Freundin hatte ein eigenes Pony. Das weckte allerdings weniger Brittas Neid als vielmehr ihre Eifersucht, weil es ihr die Aufmerksamkeit ihrer Freundin streitig machte. Doch Brittas Erkrankung hat alles verändert. Sie musste nicht nur seelisch damit zurechtzukommen, von nun an nur noch einen Arm zu haben, auch ihr Körper musste sich umstellen. Britta musste lernen, mit einer ganz neuen Gleichgewichtssituation zurecht zu kommen.
Da hatte die Mutter ihrer Pony-Freundin eine Idee: Warum es nicht mit therapeutischem Reiten versuchen? Vielleicht könnte man hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – Britta den Lebensmut zurückgeben und ihren Gleichgewichtssinn umschulen.
Britta war wenig begeistert. „Sitz mal auf einem Pony und versuch, mit einer Hand einen Ball zu fangen …“ Aber beim Reiten muss Britta sich sehr geschickt angestellt haben. Jedenfalls durfte sie bald im normalen Schulunterricht mitreiten – der Beginn einer großen Karriere, die sie schon in jungen Jahren zu den damals noch nicht unter FEI Ägide geführten Weltmeisterschaften der Para-Dressurreiter führte. 1994 qualifizierte sie sich dafür mit der Stute Accenta, holte Bronze in der Mannschaftswertung und Silber in der Kür.
Selbst ist die Reiterin
Dabei hatte Britta sowohl bei der als äußerst schwierig geltenden Accenta als auch bei deren Nachfolgern immer den Ehrgeiz, ihre Pferde ganz allein auszubilden. Das gelang ihr bemerkenswert gut. Nach Accenta schaffte sie es auch, ihr zweites Pferd, den Oldenburger Wallach Don Geronimo aka „Mo“ bis Klasse M** auszubilden und erfolgreich im Regelsport vorzustellen. Die beiden waren auf dem Weg in die schwere Klasse. Pirouetten (!), Zick-Zack-Traversalen (!), Serienwechsel, alles hat Britta ihm mit einer Hand beigebracht. Doch dann hatte Mo einen schrecklichen Koppelunfall. Wochenlang kämpften die Tierärzte um sein Leben – wissend, was dieses Pferd seiner Reiterin bedeutet. Vergeblich. Mo konnte nicht gerettet werden.
Neues Pferd, neue Herausforderungen
Was Britta damals über Mos Tod hinweggeholfen hat, hat ebenfalls vier Beine und ist ein Fuchs: Balduin. Sie entdeckte den Wallach gerade angeritten bei seinen Züchtern, wo sie sich eigentlich ein anderes Pferd ausgesucht hatte. Aber mit Balduin war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Die Freude über den Neuzugang währte allerdings nicht lange. Schon bald nach seiner Ankunft hatte auch Balduin einen Unfall auf der Weide und verletzte sich schwer an der Schulter. Der Nerv war in Mitleidenschaft gezogen und es dauerte zweieinhalb Jahre, bis an Reiten überhaupt nur zu denken war.
Inzwischen ist Balduin neunjährig und Britta erntet immer mal wieder verwunderte Blicke, wenn sie erzählt, dass er auf dem Turnier noch nicht über Klasse A hinausgekommen ist. Britta Wassermann lässt sich von der Meinung anderer schon lange nicht mehr runterziehen. „Er hat durch die Verletzung zwei Jahre verloren und mit nur einem Arm dauert vieles eben länger. Ich kann mein Pferd nicht einfach mal durchstellen, wenn er sich heraushebt oder bremsen, wenn er mal wieder durchgeht, weil er vor irgendetwas Angst hat.“
Täglicher Lichtblick
Auch wenn es die Krankheit war, die Britta überhaupt erst zu den Pferden gebracht hat, und wenn es manchmal mühsam ist – heute sind es die Pferde, die ihr jeden Tag versüßen. Sie sagt: „Auf dem Pferderücken ist der einzige Ort, an dem ich keine Schmerzen habe.“ Dabei hat sie nicht nur mit den Spätfolgen der Amputation wie Phantomschmerzen und Verspannungen zu tun. 2011 musste ihr ein Teil der Lunge entfernt werden – Nachwehen der Chemotherapie.
Horses for Heroes Award
Beim Turnier der Sieger wurde Britta Wassermann wie gesagt mit dem Horses for Heroes Award ausgezeichnet, der Geschichten wie die ihre sichtbar machen und damit verdeutlichen will, welch entscheidende Rolle Pferde in der Gesellschaft spielen.
Hinter dem Award steht ebenfalls eine Geschichte. Anuschka Bayer gründete Horses for Heroes wegen der Erfahrungen mit ihrem schwerbehinderten Sohn Clemens. Pferde wurden für ihn und seine Familie zu wichtigen Begleitern. Aus dieser Erfahrung entstand der Wunsch, auch anderen Menschen mit Beeinträchtigungen den Zugang zu Pferden zu ermöglichen. Heute arbeitet der Verein dafür mit einem bundesweiten Netzwerk aus qualifizierten Therapeuten, Einrichtungen, Coaches und Familien zusammen, unter anderem dem Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR).
Denn wie Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs in seiner Laudatio auf die neue Preisträgerin Britta Wassermann sagte: „Manchmal braucht es eine zweite Chance – und manchmal braucht es ein Pferd, das einem wieder Mut zum Leben gibt.“
Einen ziemlich guten Einblick, wie der Trainingsalltag von Pferden mit nur einem Arm aussieht, vermittelt übrigens der Instagram-Kanal von Britta Wassermann: @wassermannbritta.