Newsletter Editorial, WM Aachen, 20. August: Deutsche Springreiter auf Goldkurs, Heidemarie Dresing Weltmeisterin, nachts in den WM-Stallungen
Newsletter WM Tag 10: Goethe, Goldkurs und die goldige Heidemarie
Der WM Newsletter aus Aachen. Täglich wissen, was Sache ist. Manchmal ist Goethe genau der Richtige für den Auftakt eines Newsletters (#bildungsauftrag). „Walle, walle, manche Strecke, dass zum Zwecke, Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße.“ Der olle Zauberlehrling muss heute herhalten, wo ich mich doch schon gestern über den Regen ausgelassen habe. Dieses Thema lässt sich an diesem Morgen, an dem es um neun Uhr mit dem Nationenpreis losgeht, leider nicht – Achtung Kalauer, oder das, was meine Kinder einen Dad Joke nennen – umschiffen.
Die himmlischen Schleusen taten sich auf, glücklicherweise kamen die Sturzfluten, und das ist keine Übertreibung, erst nach Abschluss des Zeitspringens. Dann aber richtig. Auf das Dach des Zelts mit der Verpflegung für Reiter, Pfleger, Mitarbeiter, Offizielle und auch Journalisten trommelte es so laut, dass man sich anschreien musste. „How are you?“ „What?“ „I said, how are you?“ „Excuse me?“ „Just meant to ask, how you are“. „I am John, who are you?“
🧐
Deutschland führt, das Wokgemüse dampft auf dem Teller, der Regen pladdert und rundum wird geschrien – nach zehn Tagen Aachen nehmen diejenigen, die über alle Disziplinen berichten, alles mit einer gewissen Leichtigkeit. Mit L vorne, L wie Lagerkoller.
Dass ausgerechnet United Touch S einen Springfehler macht, war überraschend. „Ich hab‘ schon ‘ne Antwort, schlechtes reiten“, das sagt Richard Vogel selbst. Ganz ehrlich, hätte ich mich nicht getraut, so zu schreiben. „Ich habe viel zu viel gemacht und so bekam ich sechs Galoppsprünge, wo ich bei seinen Galoppsprüngen nur fünf hätte haben dürfen.“ Um sich von Goethe ein zweites Mal inspirieren zu lassen:
Vogel kam zu dicht,
und dann ging es eben nicht.
Aber das Teamergebnis sieht erstmal gut aus. Anders als beispielsweise bei den Schweizern, die unter „ferner liefen“ nach der ersten Wertung sind. Und das haben „wir“ Sophie Hinners zu verdanken, die ein Pferd reitet, das der Schwede Peder Fredricson als Youngster leichtfertig nach Deutschland verkauft hat. Dominique Wehrmann hat wie ich finde eine ganz hinreißende Geschichte über den sensationell springenden Iron Dames Singclair geschrieben (und recherchiert, dass es aussah, als würde Peder ihm überm Sprung in die Ohren beißen, dass sein Züchter, den sie getroffen hat, Olympiareiter war und noch viel mehr – eines unserer beliebten FEATURES).

Spannend war ein Gespräch, das ich mit einem der „Nachtstewards“ für den Stallbereich geführt habe. Schichtbeginn 21 Uhr, Schichtende 6 Uhr. Um 23 Uhr wird das Licht ausgemacht – ein Job gemacht für jeden, der schon immer Herbergsvater oder Jugendgruppenleiter werden wollte. Die Regeln sind streng. Stündlich wird durch die Ställe gegangen, Das Licht bleibt aus. Sollte etwas genauer betrachtet werden müssen, gibt es Infrarotlicht, sodass die anderen Pferde nicht gestört werden.
So ist ihm beispielsweise ein Pferd, das zu einer Goldmedaillenmannschaft gehörte, aufgefallen, weil es scharrte. Ein Dokument verrät, wer im Notfall zu kontaktieren ist. Gesagt, getan. Das Pferd wurde eine gute Stunde in der Nacht geführt, dann war alles wieder gut. Medikamente darf man nicht geben, sonst wäre das Pferd gedopt. Es war auch nicht notwendig,
Genauso gnadenlos schmeißt der Steward alle aus dem Bett, deren Pferde nichts mehr zu saufen haben. Dafür, dass genug in den Eimern für die gesamte Nacht vorhanden ist, ist wiederum die Pflegerin oder der Pfleger verantwortlich. Selbst zum Eimer zu greifen, geht nicht – wenn das Pferd einen positiven Dopingbefund haben sollte, könnte es ja der Steward gewesen sein.
Irgendwann kommt dann morgens die Müllabfuhr. Und dieser Job ist heiß begehrt. Weil im Stall alle recht achtlos die Pfandflaschen in den Müll schmeißen, sortieren die Müllmänner sie fleißig wieder raus. „100 Flaschen die Nacht sind das locker“. Mal 25 Cent – ein erträglicher Nebenverdienst.
Auf dem Rückweg vom Verpflegungszelt bei nur noch leichtem Regen – Achtung! Einstein: alles ist relativ – habe ich dann erstmal die Chakaria gemacht: ungewollter Fehler am Wasser. Mehrfach. Und das kam so: Ich wollte schnell in die Pressestelle laufen, um nicht zu nass zu werden. Die geschotterten Bereiche in Aachen sind mit Kunststoffmatten ausgelegt auf den Wegen. Die sind wasserdurchlässig. Beim ersten beherzten Joggingschritt spritzte es mir hingegen. Bis zum Knie.
Glücklicherweise traf ich schon bald auf einen sympathischen „Schirmherren“ – Julius Laschet, Pressesprecher des CHIO Aachen. Ich sagte ihm, er könne nun seine ganze Kompetenz in Sachen Pressebetreuung unter Beweis stellen. Er bot mir mit breitem Grinsen einen Platz unter seinem Regenschirm an, „aber gerne doch, Herr Präsident“. (Hintergrund: Vorgestern standen die Wahlen zum Vorstand der internationalen Pferdejournalisten Vereinigung an, das ist wie Elternrat. Wer nicht schnell genug wegguckt, wird gewählt. Ich bin jetzt vier weitere Jahre im Amt des Vorsitzenden). Wie er das so sagte und charmant agierte, dachte ich spontan, wenn das mal mit dem Pressesprecher nicht mehr ausreicht, könnte er auch in die Politik gehen …
Zurück zum Sport: Die Paras – die übrigens den Bereich vor ihren Boxen jeden Abend am saubersten und ordentlichsten verlassen, wie mir der Nachtportier verriet – hatten ihre erste Entscheidung. Gold für Deutschland. Die Architektin Heidemarie Dresing, eine der ältesten Teilnehmerinnen dieser Weltmeisterschaften, hat es mit Poesie in Grade II geschafft. Die an Multipler Sklerose erkrankte Westfälin hatte damit zu kämpfen, dass es beim Einreiten laut krachte – klang wohl irgendwie nach Radlader heißt es aus gut informierten Quellen. Wenn man dann wegen der MS einfach nicht alle Körperregionen, die für Stabilität sorgen, ansprechen kann, dann ist das schon mehr als herausfordernd. Und toll, dass es Pferde, wie Poesie gibt, die sich selbst in solch einer Situation ganz schnell wieder zurücknehmen und auf ihre Reiterin achten. Was für tolle Kreaturen!
Und damit Gummistiefel an und rein zur Parcoursbesichtigung. Details dann auf EQUI PAGES. Außerdem: Die neue Podcastfolge mit wehorse ist online. Wir hatten Damenbesuch: Janne Friederike Meyer-Zimmermann hat noch kurz bei uns hereingeschaut bevor sie sich an die Seite von ARD-Kommentator Carsten Sostmeier begeben hat.
In diesem Sinne – bis morgen!
Jan Tönjes
jan.toenjes@equi-pages.de
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Dieser Text wurde erstmals am 20. August 2026 veröffentlicht.

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