Iron Dames Singclair von Sophie Hinners – die Cinderella-Geschichte eines braunen Wallachs

Iron Dames Singclair – Frauen-, aber kein Fredricson-Pferd

Feature 19.08.2026
Sophie Hinners und Singclair, ein "Match made in Heaven", findet Züchter Jan-Olof Wannius.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Sophie Hinners und Singclair, ein "Match made in Heaven", findet Züchter Jan-Olof Wannius. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Sophie Hinners' Iron Dames Singclair, (TS)CHIO Aachen-Dritter, WM-Springer für Deutschland – ein Pferd mit prominentem Hintergrund, das mit Sophie Hinners sein "Match made in heaven" gefunden hat.

Iron Dames Singclair kam in Schweden zur Welt. Sein Züchter ist eine Größe der schwedischen Pferdewelt: Jan-Olof „Jana“ Wannius, Teilnehmer der Olympischen Spiele 1976 im Springsattel, langjähriger Leiter der Falsterbo Horse Show.


Ein Schuss, ein Treffer


Die Zucht ist für Jana Wannius ein reines Hobby. Neben seiner eigenen Karriere im Sattel war er früher als Jurist tätig und eben als Leiter der Falsterbo Horse Show. Er war auf der Suche nach einem guten jungen Pferd, als ihm eine vierjährige Stute angeboten wurde, eine Tochter des Cardento. Ihre Urgroßmutter war eine Vollblutstute namens Geisha xx, in deren Adern unter anderem das Blut des Seabisquit-Dauerrivalen War Admiral v. Man O’War floss. Diese Stute war mit dem Holsteiner Hengst Cortez angepaart worden, der die Gene des Cor de la Bryère mit denen des Ramiro Z verband. Das Fohlen namens Conqubine blieb das einzige jener Vollblutstute. Conqubine selbst erwies sich allerdings als außerordentlich fruchtbar mit 17 Nachkommen. Dazu zählte Coco Chanel Q v. Camaro M – die nächste Generation Cor de la Bryère-Blut, die nun mit Olympiahengst und Starvererber Cardento gekreuzt wurde, der das Vermögen des Capitol mit der Härte des Lord verband.


Das Ergebnis dieser Anpaarung war eben jene Stute, die Jan-Olof Wannius nun kennenlernen sollte. Sie war ein ansprechendes Pferd, hatte aber ein paar Unarten. Unter anderem klebte sie am Stall. Wannius war sich seiner Sache nicht sicher. Da er aber sowieso kurz vor einem längeren Aufenthalt in den USA stand, handelte er aus, dass die Stute in den fünf Monaten seiner Abwesenheit zumindest so weit sein sollte, dass man sie freispringen lassen kann. So kam es. Als Wannius aus den USA zurückkam, sah er die Schimmelstute springen. Das konnte sie außerordentlich gut. Sie klebte zwar noch immer, aber Wannius beschloss, der Sache eine Chance zu geben. Er ließ sie anreiten, wollte aber zunächst mal ein Fohlen aus ihr ziehen.


Warum in die Ferne schweifen?


Wer züchten will, braucht einen geeigneten Hengst. Als Wannius seine Freundin Maria Gretzer, dreifache Olympiateilnehmerin für Schweden und spätere „Bundestrainerin“, nach einem geeigneten Hengst fragte, war für Gretzer die Sache ganz klar: „Da kann es ja nur einen geben!“ Nämlich ihren eigenen, Singular La Silla v. Fergar Mail-Stakkato, gezogen vom Mexikaner Alfonso Romo.


Singular La Silla war zu dem Zeitpunkt frisch gekört und bei Marcus Ehning in Ausbildung. Der stellte ihn in der Youngster Tour der Falsterbo Horse Show vor, und zwar in bestechender Form. Der Hengst wurde Zweiter im Finale. Da musste Wannius nicht mehr lange überredet werden. „Ich bin Fan des Stakkato-Bluts und sowohl mit Alfonso Romo als auch mit Maria Gretzer gut befreundet, das passte also.“


Das Ergebnis all dieser Überlegungen war ein braunes Hengstfohlen mit Blesse, putzmunter und wie die Familie Wannius schnell merkte, mit großer Freude am Springen ausgestattet. „Wir haben Stute und Fohlen aufs Paddock gelassen. Da war ein Busch“, erzählt Wannius. Man kann sich beinahe denken, wie es weitergeht. Singclair hätte um den Busch herumlaufen können, tat er aber nicht. Wannius: „Da wussten wir, der kann springen!“


Die Anfänge unter dem Sattel


Als es an der Zeit war, Singclair anreiten zu lassen, erwies er sich als äußerst liebes, gelehriges Pferd. Bis eine Reiterin einmal etwas zu schnell aufstieg und er Angst bekam. Bevor sich ein Problem manifestieren konnte,  übernahmen Maria Gretzer und ihr Team die weitere Ausbildung. Ob die spätere schwedische Equipechefin von Anfang an das Gefühl hatte, einen Superstar im Stall zu haben? „Ich habe ihn ja nur so gesprungen“, erzählt Maria Gretzer und deutet mit der Hand einen 80 Zentimeter-Sprung an. „Aber ich hatte einfach ein super Reitgefühl. Es machte sooo Spaß, ihn zu reiten und kleine Sprünge zu springen“, schwärmt sie noch heute.


Später gab Wannius seinen Youngster für die weitere Ausbildung zu Stephanie Holmén, die zu dem Zeitpunkt Bereiterin bei Peder Fredricson war. Sie und Singclair passten zusammen. Der Wallach lernte und lernte, wurde besser und besser. 2022 stellte Holmén ihn in der Youngster Tour in Hickstead vor, wurde Dritte im Finale. Das sei der Moment gewesen, wo Holmén realisierte, dass sie hier ein Juwel unter dem Sattel hatte, sagt Maria Gretzer. „Stephie hatte siebenjährig das Gefühl, dass Singclair eines Tages die schwersten Springen geht.“


Anders ihr Chef, Mannschaftsolympiasieger Peder Fredricson. Er ritt Singclair achtjährig bei zwei Turnieren, war auch fehlerfrei und platziert. Aber so richtig geklickt hat es zwischen den beiden nicht. „Peder hat einen langen Oberkörper und reitet gerne im leichten Sitz“, erklärt Gretzer. „Aber das Pferd hat einen etwas kurzen Hals, das passte einfach nicht. Singclair braucht es, dass der Reiter etwas aufgerichteter im Oberkörper bleibt. Ich glaube auch, das er eher ein Frauenpferd ist. Und Stephie und Sophie reiten denselben Stil.“


Da Fredricson den Wallach selbst nicht reiten wollte, stand ein Verkauf im Raum – obwohl mit Peter Eriksson (der dem schwedischen Team bei den Olympischen Spielen 2004 mit Singclairs Großvater Cardento die Silbermedaille sicherte) ein weiterer Olympiareiter von dem Ausnahmetalent des Wallachs überzeugt war und Fredricson zuredete, es doch mit ihm zu probieren. Zum Glück für Sophie Hinners blieb die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste beim Nein.


Wie Singclair nach Deutschland kam


Karl Schneider vom Gut Broichhof auf dem Rodderberg ist als Trainer weltweit gefragt. Die Schweden verdanken ihm unter anderem die Stute Mary Lou, das erste Championatspferd von Henrik von Eckermann nach dessen Weggang von den Beerbaum Stables. Schneider vermittelte Singclair an Sophie Hinners. „Ich habe in den letzten Jahren immer wieder und auch aktuell noch Pferde von Karl Schneider zum Reiten bekommen“, erklärt Hinners. „Singclair war einer davon. Er ist zu uns in den Stall gekommen, dass ich ihn ein bisschen reite und wir ihn dann verkaufen.“


Wie es so ist mit Pferden, sie lassen sich besser vermarkten, wenn sie Erfolge haben. Also stellte Hinners Singclair auch auf Turnieren vor. Gleich zu Beginn ihrer Partnerschaft nahm sie den damals Achtjährigen in den Wintermonaten mit in die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich für die Springreiter in den letzten Jahren zunehmend zum Wellington des Mittleren Ostens entwickelt haben. „Seinen ersten CSI3* Großen Preis ist er gleich doppelnull gesprungen mit seinen acht Jahren. Da haben wir erst wirklich gesehen, was in ihm steckt und was für eine schnelle tolle Entwicklung er genommen hat.“


Damit hatte niemand gerechnet. „Ich muss sagen, als wir ihn die ersten Male gesprungen sind, haben wir ihm das alle gar nicht so zugetraut“, gibt Hinners zu. Bis heute habe der Wallach ja eine sehr eigene Art, zu springen. „Dass er sich manchmal ein bisschen verdreht, dass er sich manchmal nach oben schraubt, dann doch wieder nach vorne, dann ein bisschen rechts und links – wie es ihm gerade passt und wie er meint, dass er am besten über den Sprung kommt“, beschreibt Hinners. „Von daher glaube ich, war das schwierig einzuschätzen als junges Pferd.“


Zum Glück für sie. Besagter CSI3* Grand Prix war erst der Anfang der Erfolgsgeschichte Singclair/Hinners.


Singclair wird Iron Dames Singclair


Dabei spielt noch eine weitere Person eine wichtige Rolle. „Als wir gemerkt haben, was für ein tolles Pferd er ist, war ich gerade ins Team von Iron Dames gekommen. Deborah (Mayer, die „Besitzerin“ des Global Champions League Iron Dames Teams, Anm. d. Red.) wollte gerne ein Pferd für mich sichern. So kam das mit Singclair. Er war das erste Pferd, das sie für ein Iron Dames Mitglied gekauft hat. Von daher ist er für uns alle was ganz Besonderes, weil es mit ihm losging.“


Und wie! Kein Turnier ohne Top Platzierung – Sechste im Preis von Europa beim CHIO Aachen 2025, doppelnull und Zweite im Nationenpreis von Calgary, Vierte im Großen Preis von Genf, Siebte im Rolex Grand Prix von ’s-Hertogenbosch und das Highlight in dieser Saison, Rang drei im Rolex Grand Prix von Aachen. Das ist nur eine kleine Auswahl. Und nun sind sie bestes deutsches Paar nach der ersten Wertungsprüfung der Weltmeisterschaft nach einem Ritt wie aus dem Lehrbuch.


„Als ich sie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt Züchter Jan-Olof Wannius. „Singclair und Sophie – das ist ein Match made in Heaven.“ Seine ganze Familie habe die größte Freude daran, die Entwicklung des Paares zu verfolgen. Nicht nur sie.


Familie Wannius mit dem jungen Singclair. Foto: Privat
Familie Wannius mit dem jungen Singclair. Foto: Privat

Und was wurde aus Singclairs Eltern?


Es heißt ja immer, die meisten guten Pferde seien nicht die einfachsten. Das trifft wohl auch auf Singclairs Mutter zu. Nachdem ihr Sohn abgesetzt war, verkaufte Jan-Olof Wannius die Cardento-Tochter an die Familie Philippaerts. Unter dem Namen Curious Friday machte sie Karriere im Sport, zunächst unter den Philippaerts-Zwillingen, dann unter der Norwegerin Jenny Krogsaeter, mit der sie bei der Junge Reiter EM 2021 am Start war. Später wurde Curious Friday in die USA verkauft und ging mit Caroline Pasmore in Prüfungen bis 1,60 Meter. Singclair ist ihr einziger Nachkomme.


Sein Vater, Singular La Silla, war mit Marcus Ehning nicht nur in Youngster Springen erfolgreich. Später waren die beiden unter andrem Dritte im Weltcup-Springen von Bordeaux und nahmen auch im Finale in Las Vegas teil. Später vertraute Maria Gretzer den Hengst der Dänin Linnea Ericsson-Carey an und das lief ähnlich gut mit Doppelnullrunden im Nationenpreis, Top drei-Platzierungen in Großen Preisen usw. Inzwischen ist Singular La Silla sportlich in Rente und in Frankreich im Gestüt Béligneux le Haras stationiert. „Leider hat er in Schweden kaum Stuten bekommen“, bedauert Maria Gretzer. Dabei ist Singclair wohl das beste Beispiel für die Vererbung von Singular La Silla.


Züchterstolz: Jan-Olof Wannius mit Singclair und Sophie Hinners. Foto: Privat
Züchterstolz: Jan-Olof Wannius mit Singclair und Sophie Hinners. Foto: Privat

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