Dr. Carsten Munk, Deutsche Richter Vereinigung, Gastkommentar: Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im Grand Prix „im Zweifel diskussionswürdig“
Dr. Carsten Munk, Deutsche Richter Vereinigung: Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen „im Zweifel diskussionswürdig“
Dr. Carsten Munk, Vorsitzender der Deutschen Richter Vereinigung (DRV). Foto: FN/M. Kaup Die im System der klassischen Reitlehre fest verankerte Übung Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen dient der Überprüfung und Verbesserung der Dehnungsbereitschaft und einer sicheren Losgelassenheit. Dabei soll auch das regelmäßige An- und Entspannen der Muskulatur im Takt der Bewegung erkennbar sein.
Der Beschluss der FEI, diese Übung nunmehr ab 2027 auch im Grand Prix (und anderen internationalen Aufgaben) abzufragen, um vornehmlich auch die Losgelassenheit zu überprüfen, erfordert eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln (hier dazu Stimmen aus dem internationalen Sport). Bleiben wir beim Grand Prix.
Losgelassenheit vor Durchlässigkeit
Da wäre zunächst der Blickwinkel des Richters, der den vorgetragenen Grand Prix zu bewerten hat:
Es gilt doch nach wie vor: Ein losgelassenes Pferd muss noch nicht vollkommen durchlässig sein. Ist es aber durchlässig – auch bis zur höchsten Versammlung! – ist es auch losgelassen! Die Losgelassenheit ist selbstverständlich zwingende Voraussetzung für das Erreichen der notwendigen Durchlässigkeit, der höchsten Versammlung(!), wie sie im Grand Prix erwartet wird.
Beurteilt wird die Durchlässigkeit
Je höher die Stufe der Ausbildung, umso mehr wird somit die Losgelassenheit dann gleichsam mit der Durchlässigkeit überprüft. Dehnungsbereitschaft und Losgelassenheit sind insofern neben einer Vielzahl anderer Faktoren selbstverständlicher Bestandteil der Durchlässigkeit. Diese – und nicht alleine die Losgelassenheit – steht im Zentrum der Beurteilung über den Verlauf der gesamten Prüfung!
„Vielzahl von Gelegenheiten“, Dehnungsbereitschaft zu überprüfen
Zur Überprüfung der Dehnungsbereitschaft des Pferdes gibt es im Verlauf der Grand Prix-Prüfung eine Vielzahl von Gelegenheiten. Generell soll sich das Pferd in allen Phasen von hinten nach vorne über den Rücken an die Hand herandehnen. Diese Grundeigenschaft muss über die gesamte Prüfung deutlich erkennbar sein und ist ein wesentlicher Prüfstein für eine korrekte Ausbildung! Ohne diese ganz wesentliche Voraussetzung werden Paraden und Übergänge (nicht nur diejenigen zwischen Passagen und Piaffen) sowie das gesamte Gehen des Pferdes unvollkommen bleiben.
Um diese Grundvoraussetzung eines Grand Prix-Pferdes zu erkennen, bedarf es jedoch tatsächlich nicht noch zwingend der Übung Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen!
Konkrete Beispiele
Um es noch etwas deutlicher zu machen: Der geforderte Übergang z.B. aus der höchsten Versammlung der Passage zum starken Schritt gelingt nur, wenn das Pferd eine klare Dehnungsbereitschaft über den Rücken zur Hand hin auf der Basis sicherer Losgelassenheit aufweist. Die Ausführung dieses Übergangs ist im Zweifel aufgrund der hierbei auch erforderlichen Durchlässigkeit aussagekräftiger als das reine Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen!
Rahmenerweiterung
Ebenfalls kann man bei den geforderten Rahmenerweiterungen in den Verstärkungen und auch bei den geforderten Rahmenveränderungen bei den Rückführungen in deutlicher Art und Weise sehen, ob sich das Pferd mit der entsprechenden Bereitschaft zur Dehnung über den Rücken an die Reiterhand herandehnt bzw. bereit ist, bei vermehrter Lastaufnahme mit sicherer Anlehnung wieder zur Aufrichtung überzugehen.
Problematisch Linienführung
In der Ausgabe 2027 für den Grand Prix wird gegen Ende der Aufgabe das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im versammelten Trab auf der Zirkellinie RSR gefordert. Auf der Strecke von R bis S kann wahlweise leichtgetrabt werden (wohlgemerkt: im versammelten Trab!); auf der Strecke S bis R sind die Zügel wieder zu verkürzen. Unmittelbar danach ist auf der Diagonalen von R bis K wieder starker Trab zu zeigen.
Für diesen Zirkel mit der Übung Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen und wieder verkürzen hat die FEI dann noch den Koeffizient 2 eingeführt!
Problem: Starker Trab nach dem Wiederaufnehmen der Zügel
Hier stellt sich die Frage, welchen Versammlungsgrad der versammelte Trab während dieser gesamten Übung aufzuweisen hat. Fakt ist, dass dieser versammelte Trab in der Dehnungshaltung und somit ohne Aufrichtung zu entwickeln ist. Entspricht dieses Vorgehen der Anatomie des Pferdes? Unmittelbar nach dem Verkürzen des Zügels ist dann starker Trab zu entwickeln. Welchen Versammlungsgrad kann man für den Übergang zum starken Trab zugrunde legen? Ist der erforderliche Versammlungsgrad beim Verkürzen der Zügel, welches bei R beendet sein soll, zu erreichen, um ab R tatsächlich starken Trab zu entwickeln? Die Verstärkung soll nach wie vor das Produkt und die Kontrolle der Versammlung sein, die in Vorbereitung zum starken Trab durch das vorausgehende Verkürzen der Zügel möglicherweise nicht vollkommen erreicht werden kann!
Unter Berücksichtigung der vorgenannten – tatsächlich nicht vollständigen –Argumente erscheint aus der Sicht des Richters die Ergänzung des Grand Prix durch die Übung Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen tatsächlich nicht erforderlich.
Die Qualität des weit ausgebildeten Pferdes zeigt sich auch dadurch, dass sich die am Bewegungsablauf beteiligte Muskulatur im Wechsel rhythmisch an- und entspannt. Die Fähigkeit der Entspannung der Muskulatur wird natürlich durch die Übung Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen nicht nur überprüft, sondern auch gefördert.
Aber, ob die unmittelbare Wiederherstellung der erforderlichen hohen Versammlung nach dem Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen, sinnvoll ist oder nicht, ist im Zweifel diskussionswürdig. Hier bleibt das Urteil der Reiter/Ausbilder abzuwarten.
Die Pferde selbst werden sicherlich das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen als angenehm empfinden.
Man kann gespannt sein, wie sich diese Lektionsfolge – höchste Versammlung-Dehnungshaltung mit optimaler Entspannung-höchste Versammlung – in der Praxis darstellen und bewähren wird.
Dr. Carsten Munk, Vorsitzender der Deutschen Richtervereinigung (DRV)

