"Pferdeflüsterer" Monty Roberts ist mit 91 Jahren gestorben

Zum Tod von Monty Roberts: Der Mann, der den Pferden zuhörte

Feature 02.08.2026
Monty Roberts 2019 auf der EQUITANA in Essen.
Foto: EQUITANA/Hans Kuczka Monty Roberts 2019 auf der EQUITANA in Essen. Foto: EQUITANA/Hans Kuczka
Am 1. August 2026 ist Monty Roberts im Alter von 91 Jahren auf seiner Flag Is Up Farms in Solvang, Kalifornien, an der Seite seiner Frau Patriciagestorben. Mit ihm verliert die Pferdewelt einen prägenden Charakter, einen Mann, der einst selbst mit Gewalt aufwuchs und seine Erfahrungen nutzte, um dem Pferdesport eine gewaltfreie Sprache zu schenken.

Wie Roberts Kindheitstraumata nutzte, um die Pferdewelt ein Stück besser zu machen


Monty Roberts kam am 14. Mai 1935 als Marvin Earl Roberts in Salinas, Kalifornien, zur Welt. Sein Vater betrieb dort eine Pferdefarm, so dass der Junge praktisch im Sattel aufwuchs. Bereits als Dreijähriger saß er im Sattel. Mit vier Jahren ritt er erste Turniere. Doch diese frühe Nähe zu Pferden war zugleich von Härte überschattet. Roberts‘ Vater trainierte nach den damals üblichen, oft brutalen Methoden des „Breaking“ – dem Brechen des Pferdewillens durch Zwang und Schmerz. Auch in der Erziehung seines Sohnes setzte er auf Härte. Roberts hat immer wieder berichtet, dass er als Kind geschlagen wurde.


In der Erfahrung der Gewalt an Pferden und an sich selbst liegt der Ursprung seines Lebenswerks. Der junge Roberts entwickelte früh eine tiefe Ablehnung gegenüber diesen Methoden und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach einem anderen Weg. Den entscheidenden Anstoß soll eine mehrwöchige Beobachtung wilder Mustangherden in der Wüste Nevadas gegeben haben, zu der er als Jugendlicher aufbrach, um für ein Rodeo Wildpferde einzufangen.


Stundenlang will er beobachtet haben, wie sich die Tiere untereinander verständigten: über Körperhaltung, Blickrichtung, Ohrenspiel und Distanz schufen sie ein feines, aber klar lesbares Kommunikationssystem, das Roberts später „Equus“ nannte. Ihm wurde klar, dass sich dieselbe stille Sprache nutzen ließ, um Pferden Vertrauen anzubieten, statt es ihnen abzupressen. Diesen Moment der gegenseitigen Wahl zwischen Mensch und Pferd nannte er später „Join-Up“, das Fundament seines gesamten weiteren Schaffens.


Es ist diese Biografie, die seiner Methode ihre besondere Glaubwürdigkeit verlieh: Roberts sprach nicht als unbeteiligter Beobachter über Gewaltfreiheit, sondern als jemand, der ihre Alternative am eigenen Leib erfahren musste, bevor er sie für Pferde entwickelte.


Join-Up erobert die Welt


Aus der Beobachtung der Mustangs wurde in den folgenden Jahrzehnten eine ausgearbeitete Methodik. Statt Pferde mit Zwang, Seilen und Druck an Sattel und Reiter zu gewöhnen, setzte Roberts auf den Round Pen: In einem runden Gehege ließ er dem Pferd die Wahl, sich dem Menschen anzuschließen, sobald dieser als vertrauenswürdiger „Herdenführer“ erkannt wurde. Junge Pferde, die nach traditioneller Methode oft tagelang gebrochen wurden, ließen sich mit Join-Up häufig innerhalb von rund 30 Minuten ohne Sporen oder Peitsche an Sattel, Zaumzeug und Reiter gewöhnen.


1986 demonstrierte Roberts sein Konzept erstmals öffentlich. 1989 lud ihn Königin Elizabeth II. nach Windsor Castle ein, wo er ihre Pferde trainierte und in den folgenden Jahrzehnten ihr informeller Berater in Pferdefragen wurde – eine Verbindung, die seinen internationalen Ruhm entscheidend beflügelte. Mit seinem 1996 erschienenen Buch „Der Mann, der Pferde reden hört“ wurde Roberts einem Millionenpublikum bekannt. Das Buch inspirierte auch den Roman und Film „Der Pferdeflüsterer“.


Roberts und Lomitas vom Gestüt Fährhof


Einen besonderen Platz in Roberts‘ Wirken nimmt seine Arbeit in Deutschland ein – ausgelöst durch einen Hengst, dessen Karriere eigentlich schon beendet schien.


Der Vollblüter Lomitas, 1988 im englischen Northmoore Stud geboren und auf dem niedersächsischen Gestüt Fährhof der Familie Jacobs aufgewachsen, hatte als Zwei- und Dreijähriger unter Trainer Andreas Wöhler mehrere Rennen überlegen gewonnen und galt als Favorit für das Deutsche Derby. Doch vor den 2000 Guineas 1991 verweigerte er sich der Startbox. Der Hengst geriet in solche Panik, dass ihn selbst mehrere Pfleger kaum halten konnten. Seine Rennbahnkarriere – und damit auch sein späterer, wirtschaftlich bedeutsamer Einsatz als Zuchthengst – schien gescheitert.


Walther J. Jacobs, Inhaber des Gestüts Fährhof, engagierte daraufhin Roberts, der zu jener Zeit in Europa noch weitgehend unbekannt war. Mit großer Geduld arbeitete Roberts mit Lomitas, bis dieser die Startbox wieder aus freien Stücken betrat. Der Hengst gewann daraufhin unter anderem den Großen Preis von Berlin sowie mit sieben beziehungsweise acht Längen Vorsprung den Großen Preis von Baden und den Preis von Europa und avancierte zu einem der bedeutendsten deutschen Rennpferde der jüngeren Geschichte.


Auch als Zuchthengst wurde Lomitas prägend: Aus seinen Nachkommen ging unter anderem die Ausnahmestute Danedream hervor, die 2011 als zweites deutsches Pferd überhaupt den Prix de l’Arc de Triomphe gewann. Lomitas selbst starb 2010 im Alter von 22 Jahren nach einer Kolik-Operation auf dem Fährhof.


Für Roberts war die Arbeit mit Lomitas der Türöffner nach Deutschland und Europa: Sie begründete seinen Ruf in der hiesigen Zuchtszene und führte zu jahrzehntelangen Verbindungen zu deutschen Gestüten – darunter eine bis zuletzt bestehende Freundschaft mit der Familie Jacobs und dem Gestüt Fährhof. In den folgenden Jahren kehrte Roberts wiederholt nach Deutschland zurück, unter anderem mehrfach zur Pferdemesse EQUITANA, zuletzt 2019 vor ausverkauftem Haus in Essen.


Neben seiner Arbeit mit Pferden übertrug Roberts die Prinzipien von Vertrauen und Kommunikation später auch auf ein Business-Coaching-Programm, das unter anderem von Unternehmen wie Volkswagen, General Motors oder Merrill Lynch genutzt wurde. 2002 verlieh ihm die Universität Zürich die Ehrendoktorwürde.


Die letzten Jahre


In den vergangenen Jahren war es stiller um Monty Roberts geworden; gesundheitliche Probleme begleiteten ihn zunehmend. Sein treuer Weggefährte, der Mustang-Wallach Shy Boy, mit dem Roberts 1997 sein Join-Up-Prinzip auf spektakuläre Weise unter Beweis gestellt hatte, starb nur wenige Monate vor ihm im Alter von etwa 33 Jahren. Roberts selbst blieb bis zuletzt Botschafter seiner Methode und Ausbilder am Monty Roberts International Learning Center auf der Flag Is Up Farms, wo er weiterhin Nachwuchsinstruktoren zertifizierte. Am 1. August 2026 starb er dort, wo sein Lebenswerk seinen Anfang genommen hatte.


Monty Roberts hinterlässt der Pferdewelt mehr als eine Trainingsmethode. Er hat einer ganzen Branche vorgeführt, dass sich Vertrauen schneller und dauerhafter aufbauen lässt als Unterwerfung – und dass Leistung und Gewaltfreiheit einander nicht ausschließen, sondern bedingen können. Wobei die Methode auch Kritiker hat, die Roberts vorwerfen, er arbeite mit psychischer Gewalt. Dennoch, Reiterinnen und Reiter, Trainerinnen und Trainer weltweit, von olympischen Disziplinen bis zum Freizeitreitsport, orientieren sich bis heute an den Prinzipien von Join-Up und Follow-Up.


In Deutschland bleibt Roberts‘ Geschichte untrennbar mit Lomitas und dem Gestüt Fährhof verbunden – einem Kapitel, das zeigt, wie sein Ansatz nicht nur verängstigte Freizeitpferde, sondern auch hochkarätige Rennpferde und ihre wirtschaftliche Zukunft retten konnte.


Vor allem aber hat Monty Roberts eine Frage in den Mittelpunkt des Pferdesports gerückt, die vor ihm selten gestellt wurde: Was braucht das Pferd, um uns zu vertrauen – und was ist der Mensch bereit, dafür zu verändern? Diese Frage wird seine Methode, seine Bücher und die Generationen von Reiterinnen und Reitern, die er geprägt hat, weit über seinen Tod hinaus lebendig halten.


Seine Bücher


Monty Roberts hat sein Wissen in zahlreichen, teils in viele Sprachen übersetzten Büchern festgehalten, darunter:



  • Der Mann, der mit Pferden spricht (Originaltitel: The Man Who Listens to Horses, 1996)

  • Shy Boy: Gespräche mit einem Mustang (Originaltitel: Shy Boy: The Horse That Came in from the Wild, 1998)

  • Die Sprache der Pferde (Originaltitel: A Hands-On Guide to the Monty Roberts Methods of Join-Up Horsemanship, 2002)

  • Das Wissen der Pferde und was wir Menschen von ihnen lernen können (Originaltitel: Join-Up: Horse Sense for People, 2003)

  • Pferde meines Lebens


 


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