Marcus Ehnings Coolio – Portrait des WM-Nachrückers

Coolio – Albert Einstein unter den Pferden

Feature 16.07.2026
Coolio und Marcus Ehning beim TSCHIO Aachen 2026.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Coolio und Marcus Ehning beim TSCHIO Aachen 2026. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Nachdem Marcus Ehning und Coolio für André Thieme und Chakaria ins WM Team nachgerückt sind, wird es Zeit, diesen Holsteiner Wallach persönlicher vorzustellen.

Coolio? Da war doch mal was mit Gangster’s Paradise … Ja, gab’s auch mal. Aber spätestens nachdem der Holsteiner Wallach dieses Namens 2023 in den Beritt von Marcus Ehning wechselte, verbindet jeder Springsportfan den Namen mit einem 13-jährigen Holsteiner Wallach v. Casalito-Quidam de Revel aus der Zucht von Martina Wirtz in Mecklenburg-Vorpommern. Die wusste, was sie tat, als sie Coolios Mutter Anka VIII zur Zucht einsetzte und mit Casalito anpaarte.




Coolios Abstammung


Bei Coolios Vater Casalito reihen sich in den ersten drei Generationen drei der größten Holsteiner Vererber aus Gegenwart und Vergangenheit in direkter Folge aneinander: Casall - Landgraf I - Lord. Zwei Vollbrüder wurden ebenfalls gekört, einer davon, Colicchio war bis 1,60 Meter erfolgreich im Parcours. Casalito selbst ging international mit Christian Hess in Springen bis 1,50 Meter. Er zeugte mehrere 1,60-Pferde, aber Coolio ist sein Aushängeschild. 


Der entspringt auf der Mutterseite dem Holsteiner Stamm 2067. Und so wie sich bei Coolios Vater ein Zuchtheros an den nächsten reiht, so ist es auch bei seiner Mutter. Anka VIII ist eine Quidam de Revel-Contender-Corofino I-Silvester-Capitol I-Sacramento Song xx-Stute. Interessant ist hier besonders die Capitol-Stute Alraune. Die ist nicht nur die Mutter von Toni Haßmanns gekörtem Landstreicher, sondern auch der Stute Elraune, die ihrerseits nicht nur Ururgroßmutter von Coolio, sondern über die Lavaletto-Tochter Palaune auch die Urgroßmutter von LT Holst Freda ist, die mit Harry Charles Großbritannien bei der WM in Aachen vertreten soll und spätestens seit ihrem Auftritt in Rotterdam zu den vierbeinigen Entdeckungen des Jahres zählt.


Ein weiteres Pferd aus dem diesem Stamm, das sich in Aachen schon bewiesen hat: Conrad de Hus, der bei den Europameisterschaften 2015, dem letzten Championat in der Soers, mit Gregory Wathelet Silber in der Einzelwertung gewann. 




Der Albert Einstein unter den Pferden


Coolio war 2013 das erste Fohlen von Anka. Züchterin Wirtz meldete ihn zur Holsteiner Elite-Fohlenauktion an. Dort fand der junge Mann ein neues Zuhause in Bayern. Seine Karriere unter dem Sattel begann recht unspektakulär mit Auftritten in Springpferdeprüfungen. Fünfjährig wurde jedoch Familie Marschall auf den Wallach aufmerksam, und das war der Beginn von etwas Großem.


Springpferdehändler Manfred Marschall (der z. B. Steve Guerdats Olympiasieger Nino des Buissonnets entdeckt hat) und vor allem dessen Sohn Marcel, der die Ausbildung des Wallachs unter seine Fittiche nehmen sollte, merkten schnell: Das ist ein Rohjuwel, das sie da in den Stall bekommen haben. „Er ist ein absoluter Albert Einstein unter den Pferden. Einen wie Coolio habe ich noch nicht erlebt. Er ist ein Genie. Er hat die Vollausstattung“, schwärmte Manfred Marschall, als Coolio längst ein Star war.


Die Relativitätstheorie hat Coolio ihm nicht erklärt, aber: „Wenn wir sieben bis zehn Pferde gearbeitet haben und dann kam Coolio, war alles anders. Nichts fiel ihm schwer. Er konnte es einfach. Er will nicht berühren.“


Eine lobenswerte Einstellung für ein Springpferd, die sich im Fall von Coolio von Anfang an auch noch mit einer gehörigen Portion physischer Fähigkeiten paarte. Viel geübt habe man deshalb nicht mit ihm, sagt Manfred Marschall. Coolio ging trotzdem seinen Weg – und nahm Marschall Junior mit.


Internationaler Durchbruch


Marcel Marschall fliegt mit Coolio Airlines auf Platz sechs der DM Wertung 2022. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Marcel Marschall fliegt mit Coolio Airlines auf Platz sechs der DM Wertung 2022. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Der Blick in Coolios Ergebnisarchiv bestätigt die Aussagen von Manfred Marschall. 2019 stellte Sohn Marcel das Genie in ersten internationalen Youngster-Springen vor. In aller Regel waren sie null und platziert. Wenn sie nicht platziert waren, hatten sie maximal einen Abwurf, nie zwei.


Behutsam baute Marschall den Wallach auf. Es war nicht so, dass der Juniorchef des Handelsstalls vor Coolio noch nie in den großen Sport hinein geschnuppert hätte. Besonders mit der Stute Fenia van Klapscheut hatte er große Erfolge mit Platzierungen in 1,60 Meter-Grand Prix. Aber Coolio versprach noch ganz andere Möglichkeiten.


Ende achtjährig wagte Marschall sich mit ihm beim CSI3* Gorla Minore (ITA) in ein erstes 1,50 Meter-Springen. Und Coolio? Wollte halt nicht berühren und sprang doppelnull. Dass er auch höher kann, hatte er damit bewiesen, danach fuhr Marschall das Programm erst einmal wieder herunter.


Großer Sport …


Im Frühjahr 2022 stellte Marcel Marschall Coolio bei der Sunshine Tour in Vejer de la Frontera das erste Mal vor die Herausforderung eines 1,55/1,60 Meter Grand Prix. Zum ersten Mal in seiner Karriere hatte der Wallach zwei Abwürfe in einem Parcours. Was macht ein geborener Sieger mit einer solchen Niederlage? Er lernt! Im nächsten Großen Preis vier Wochen später war Coolio mit zwei Nullrunden Vierter. In Rotterdam ging er seinen ersten Großen Preis auf Fünf-Sterne-Niveau – und war platziert.


Nach dem gleichen Muster verlief die Nationenpreiskarriere. Zum ersten Mal sprang Coolio in der EEF-Liga für Deutschland. Das war noch nicht so ideal mit einem Abwurf im ersten und zwei Abwürfen im zweiten Umlauf. Macht nichts, wieder etwas gelernt. Danach verging kein einziger Nationenpreis, ob nun mit Marschall oder später Ehning, in dem der Wallach nicht wenigstens einmal null gesprungen wäre.


… große Angebote


Der Handel mit potenziellen Spitzenpferden ist das tägliche Brot des Stalls Marschall. Aber bei Coolio hatte man es nicht eilig, einen neuen Besitzer zu finden. „Ich hatte zu großen Spaß daran, ihn und Marcel auf den großen Plätzen zu erleben“, wie Manfred Marschall 2023 im Interview sagte und zum Beispiel an St. Gallen erinnerte, wo das Paar erstmals in einem 5*-Nationenpreis für Deutschland sprang und schon im ersten Umlauf mit einem fehlerfreien Ritt bis zum letzten Hindernis brillierte. Diese letzte Hürde des schwierigen Parcours schätzte Coolio allerdings offenbar falsch ein und nahm sie voll mit. In Runde zwei wusste Coolio dann ganz genau, wie er mit diesem Sprung umzugehen hatte und kam souverän ohne Fehler ins Ziel – eben ein Albert Einstein-Pferd.


Das war allerdings auch der Moment, in dem die Angebote für Coolio Dimensionen erreichten, bei denen das Neinsagen irgendwann unvernünftig geworden wäre, vor allem, wenn man davon lebt. Die Angebote seien aus aller Welt gekommen und seien immer „unnormaler“ geworden, so Marschall. Wie gut für Deutschland, dass es im August 2023 Marcus Ehning war, der seine Mäzene überzeugen konnte, in Coolio zu investieren.


Nach einigen Trainingsturnieren auf Zwei- und Drei-Sterne-Niveau war Verona das erste Weltcup-Springen der beiden, wo sie das Stechen nach einem Abwurf verpassten. Im Coolio-Style gingen sie dann ihren zweiten Weltcup-Auftritt in Madrid an: Sieg im Stechen mit zwei Nullrunden. Damit legten sie den Grundstein für den ersten ihrer bislang zwei Weltcup-Finalauftritte. Manfred Marschall: „Schön, wenn es so eintritt, wie man es sich vorgestellt hat.“


WM Revival in Aachen


Championatsdebüt für Marcus Ehning und Coolio bei der EM in La Coruña 2025. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Championatsdebüt für Marcus Ehning und Coolio bei der EM in La Coruña 2025. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Den ersten Championatseinsatz hatten Ehning und Coolio bei der EM 2025 in La Coruña. Dort wurde es Bronze mit der Mannschaft. Nun stehen sie vor ihrem ersten WM-Start – der siebten Weltmeisterschaft für Marcus Ehning, der zweiten in Aachen, 20 Jahre nach dem traumatischen Mauer-Erlebnis mit Küchengirl.


Wegen Ehnings Knieverletzung verlief die Saison für die beiden nicht ganz so wie geplant. Erst im März bestritten sie die ersten Turniere. Der erste Fünf-Sterne-Start war die Global Tour-Etappe von Shanghai, wo sie gleich Zweite waren. Im Rolex Grand Prix von Aachen hatten sie einen Abwurf. Dann kam St. Gallen. Dort gewannen sie den Großen Preis.


Das war Anfang Juni, seither ist Coolio kein Turnier mehr gegangen. Für Aachen waren er und Ehning eigentlich als Reservisten eigeplant. Durch die Absage von Thieme kam es anders.


Gemischte Gefühle in Hinblick auf die WM


Für Ehning war das eine Nachricht, die gemischte Gefühle erzeugte. Auf Instagram schrieb er anlässlich seiner nachträglichen Nominierung:


„Nach der ersten Bekanntgabe der Teamzusammenstellung für die Reit-WM in Aachen waren wir zunächst enttäuscht, es nicht direkt unter die ersten Vier geschafft zu haben.


Durch den Ausfall eines Teammitgliedes – zu meinen Gunsten – wollte ich nicht den Zuschlag erhalten. André Thiemes Absage, war nie unser Wunschgedanke. Ich kenne diese niederschmetternde Erfahrung, die André jetzt erleben muss, nur zu gut. Wir mussten diese Erfahrung in den letzen Jahren auch mehrfach erleben.“


Aber er sagt auch: „Coolio und ich blicken voll motiviert und positiv gestimmt auf die WM in Aachen und freuen uns in der Mannschaft dabei zu sein um die deutsche Fahne zu vertreten.“


Vielleicht schauen auch Züchterin Martina Wirtz und Familie Marschall in Aachen zu, wenn Coolio mit Ehning durch die Soers fliegt. Für Martina Wirtz ist es jedenfalls etwas ganz Besonderes, dass ein Pferd aus ihrer Zucht bei Ehning gelandet ist. Über einen gemeinsamen Bekannten, den Besitzer von Weltcup-Sieger Sandro Boy, Josef Estendorfer, entdeckte sie ihre Liebe zur Zucht und lernte sie Marcus Ehning kennen. Nun sind sowohl Sandro Boy als auch sein Besitzer nicht mehr unter den Lebenden. Als 2023 die Nachricht vom Wechsel Coolios zu Ehning bekannt wurde, sagte Wirtz gegenüber dem Holsteiner Verband: „Ich wünschte, Herr Estendorfer hätte noch erlebt, dass ein Pferd aus meiner Zucht zu ihm in den Stall kommt. In dieser Geschichte schließt sich nun ein Kreis und ich freue mich sehr darauf, Coolio und Marcus in Zukunft gemeinsam im Parcours zu sehen – vielleicht auch endlich einmal live.“


Da wäre die WM im eigenen Land doch eine hervorragende Gelegenheit.


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