Die Geschichte des Springreiters René Dittmer

René Dittmer – eine Geschichte von Talent, Mut und Beharrlichkeit

Feature 04.06.2026
Eingespieltes Duo: René Dittmer und der Holsteiner Casall-Sohn Cody. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Tiffany van Halle Eingespieltes Duo: René Dittmer und der Holsteiner Casall-Sohn Cody. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Tiffany van Halle
Dieses Wochenende wird in Balve der Deutsche Meister der Springreiter gekürt (unter anderem). Letztes Jahr stand René Dittmer als Bronzegewinner auf dem Treppchen. In diesem Jahr war er u.a. bereits Teil einer siegreichen Nationenpreismannschaft und wurde Vierter im Weltcup-Finale. Portrait eines 32-Jährigen mit tiefen Wurzeln, der den Mut und das Selbstvertrauen hatte, aus seinem Talent eine Karriere zu machen.

René Dittmer wäre ein heißer Anwärter auf eine Medaille bei den DM 2026, doch Bundestrainer Otto Becker braucht ihn für den CSIO5*-Nationenpreis in St. Gallen. Darum finden die nationalen Titelwettkämpfe in Balve ohne den Vorjahres-Dritten statt. Schade, denn spätestens seit dem Sieg mit der deutschen Mannschaft bei der League Of Nations-Etappe von Ocala und seinem sensationellen vierten Platz beim Weltcup-Finale in Fort Worth, Texas, ist René Dittmer jedem Springsport-Interessierten ein Begriff.


Die USA sind Dittmers zweites Zuhause. Ähnlich wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die erste große Migrationswelle aus Europa in die USA schwappte, war es auch bei René Dittmer der Hunger, der ihn antrieb, sein Glück in Übersee zu suchen – der Hunger nach Erfolg, der Wunsch, sich zu beweisen. Allen Zweiflern – allen voran seinen Eltern – zum Trotz.


Schon seit einigen Jahren ist er jedes Frühjahr für mehrere Wochen in den Vereinigten Staaten im Einsatz. Was beim ersten Mal noch ein großes Abenteuer war, hat sich als mutiger, aber wohl überlegter und goldrichtiger Schritt erwiesen. Der Erfolg hat Dittmer in seiner Entscheidung Recht gegeben. Nicht nur in dieser Hinsicht.


Pferdeliebe liegt in der Familie


René Dittmer stammt aus Stade unweit von Hamburg. Sein Vater war LKW-Fahrer, die Mutter Bankangestellte. Kein exorbitant reiches Elternhaus, aber eines, in dem Pferde schon immer eine Rolle spielten. Dittmers Etern hielten sie am Haus, hatten einen eigenen kleinen Stall, einen Reitplatz. René saß mit sechs Jahren zum ersten Mal im Sattel. Er bekam ein eigenes Pony. Aber man kann sich bei dem Zwei-Meter-Schlaks gut vorstellen, dass er dem Ponymaß schnell entwachsen war. Also stieg er mit elf auf Pferde um.


Seine Eltern hatten einen Blick dafür, ihren Sohn bestmöglich beritten zu machen. „Ich hatte damals ein ziemlich gutes Pferd, mit dem ich als Junior und Junger Reiter bei den Deutschen Meisterschaften starten konnte“, berichtet Dittmer. Doch ähnlich wie auch ein Richard Vogel, eine Sophie Hinners oder ein Christian Kukuk gehörte er nie zu einem Nachwuchs EM-Team in jungen Jahren.


Wäre es nach seinen Eltern gegangen, wäre das Reiten für René Dittmer ein Hobby geblieben. Er machte Abitur und begann, International Management zu studieren. Aber die Pferde ließen ihn nicht los. „Ich habe nebenbei immer geritten. Dann hat das Reiten irgendwann überhandgenommen.“


Er musste und wollte sich entscheiden – und zwar für das Reiten. „Am Ende habe ich das Studium abgebrochen und bin zu Markus und Meredith Michaels-Beerbaum gegangen.“ Der MMB-Turnierstall in Thedinghausen liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Dittmers Elternhaus in Stade. Er sagt: „Dadurch bin ich auch zu internationalen Turnieren gekommen, was mich sehr geprägt hat.“


Dreieinhalb Jahre lang ritt er für Markus und Meredith Michaels-Beerbaum, danach wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Das war Anfang der 2020er-Jahre.


Wer wagt, gewinnt


Schon das erfordert ja einen gewissen Mut zum Risiko. Nach ein oder zwei Jahren der Tätigkeit in Deutschland auf der elterlichen Anlage, beschloss er, über den Winter mit seinen Pferden in die USA zu reisen, um hier Turniere zu reiten. Das Winter Equestrian Festival in Wellington war da längst eine feste Größe im Turnierkalender, Ocala immer mehr im Kommen. „Vor etwa vier Jahren habe ich zum ersten Mal den Schritt gewagt, Pferde in die USA zu fliegen. Das war natürlich ein Risiko. Ich war da noch nicht so lange selbstständig und das kostet alles viel Geld: die Flüge für die Pferde, der Unterhalt drüben und gleichzeitig den Stall zuhause am Laufen halten.“


Warum er es trotzdem gewagt hat? „Zu dem Zeitpunkt gab es dort einfach wirklich gute Chancen, an gute Turniere zu kommen. Die Wintersaison in Europa besteht hauptsächlich aus Weltcup-Turnieren. Und wenn man auf Fünf-Sterne-Level reiten will, war ich damals noch nicht weit genug oben in der Weltrangliste. Da wäre ich vielleicht mal auf ein Weltcup-Turnier gekommen, aber mehr wohl nicht. In den USA gab es dagegen unheimlich gute Möglichkeiten. Ich habe gedacht: Das muss ich jetzt einfach mal riskieren. Es hätte auch schiefgehen können – wenn ein Pferd mal verletzt wird, das ist real. Aber irgendwie lief es richtig gut. Und man bekommt dort viele gute Kontakte, was in unserem Geschäft enorm wichtig ist.“


Seine Eltern waren allerdings alles andere als begeistert von den Entscheidungen des Filius, weder vom Studienabbruch („Manchmal denke ich selbst, ich hätte es vielleicht besser fertig gemacht.“). „Als ich das erste Mal Pferde in die USA geflogen habe, hat mein Vater gedacht: Jetzt ist es ganz vorbei mit dem Jungen.“ Doch inzwischen sind sie stolz. Zu recht, denn der Mut machte sich in jeder Hinsicht bezahlt. Mit René Dittmers Karriere ging es steil bergauf. „Sportlich hatte ich gute Erfolge und für mein Geschäft war es ein klarer Vorteil – ich konnte in den USA trainieren, Leute unterrichten und ein, zwei Schülerinnen aus den USA kamen mit mir rüber, die ich jetzt hier über den Sommer trainiere. Mittlerweile ist das ein fester Bestandteil geworden.“ Ein Leben in zwei Welten. Aber Dittmer sagt ganz klar: „Stade bleibt immer mein Zuhause.“


Der eigene Turnierstall


Aus dem kleinen elterlichen Betrieb mit einer Handvoll Boxen hat er einen Turnierstall gemacht – zum größten Teil mit eigener Hände Arbeit. Zwölf Pferde hat er hier im Training. Sein Geschäft ist eine Mischkakulation aus Sport, Handel und Training. Dabei profitiert er bis heute von dem, was er bei Familie Michaels-Beerbaum in Thedinghausen mitgenommen hat.


„Ich habe dort viel über das gesamte Management der Pferde gelernt – über die Turniervorbereitung, welche Turniere man plant, wie man die Pferde am besten einsetzt. Und reiterlich natürlich auch – allein dadurch, dass ich die Chance bekommen habe, internationale Turniere zu besuchen und gute Pferde zu reiten. Vorher hatte ich keinen Zugang zu solchen Pferden. Die Feinabstimmung hat sich in dieser Zeit sehr verbessert. Ich muss sagen, ich habe da unheimlich viel gelernt – durch die beiden selbst und durch die Erfahrung der vielen Turniere.“


Auf zwölf Pferde kommen bei ihm ein Team aus sechs Leuten, vier Pflegern, ihm selbst als Reiter und einer weiteren Reiterin. Er sagt: „Das ist unumgänglich, wenn man will, dass die Pferde optimal versorgt sind. Es kann ja auch mal jemand ausfallen oder krank werden. Und wenn er unterwegs ist, will er das Gefühl haben, dass es den Pferden zuhause an nichts fehlt. Überhaupt, auch selbst er ist gerne daheim. „Gerade jetzt, nach so einer langen Zeit unterwegs, bin ich wirklich froh, mal wieder zuhause zu sein. Ich habe auf der Anlage meiner Eltern relativ viel dazu gebaut. Das ist wirklich schön geworden. Wenn man zuhause eine schöne Anlage hat, macht es auch mehr Spaß. Man freut sich, die Kollegen wiederzusehen. In den USA gibt es natürlich auch Freunde. Aber zuhause ist zuhause.“


Corsica X und Cody – die vierbeinigen Hauptdarsteller


Über persönliche Kontakte kam René auch an seine beiden aktuellen Spitzenpferde, die 13-jährige Holsteiner Stute Corsica X v. Connor, seine DM-Bronzemedaillengewinnerin von 2025, und den elfjährigen Cody v. Casall, ebenfalls ein Holsteiner, dessen Großmutter eine Schwester zu dem gekörten und international erfolgreichen Cartani aus der einstigen Weltmeisterin Taggi von Sören von Rönne ist. Letzterer ist auch der Züchter von Cody und außerdem ein sehr guter Freund René Dittmers. „Sören von Rönne hat Cody damals an Cerrin (Döhle, Anm. d. Red.) verkauft, die ihn lange geritten ist. Cerrin hat den Beritt an Linn Hahmann abgegeben. Ich bin dorthin gefahren, habe ihn probiert und gekauft.“ Allerdings nicht etwa mit dem Hintergedanken, dass dieser Fuchs ihn eines Tages nicht nur ins Weltcup-Finale, sondern hier auch noch auf Platz vier tragen würde. „Ich hatte gedacht, er könnte auf 1,45 bis 1,50 Meter erfolgreich sein – dass er wirklich ein richtiges Fünf-Sterne-Pferd wird, das konnte ich nicht vorhersehen. Aber er ist da unheimlich schnell reingewachsen. Im Februar oder März letzten Jahres sein erstes Weltranglisten-Springen, und jetzt das Weltcupfinale – das ist eine Wahnsinns-Entwicklung.“


An der er als Reiter großen Anteil hat. Wie es zu der Entwicklung kam, kann er genau erklären: „Vermögen hat er sicher durch Kraft aufgebaut, und das Vertrauen ist gewachsen. Er ist immer sehr vorsichtig. Wenn er irgendwo nicht so gerne hinwill, kann er schon ein bisschen stur sein. Aber sobald er locker ist und das Vertrauen hat, berührt er eigentlich keine Stange. Das Weltcup-Finale ist ein super Beispiel dafür.“


Ein Pferd ganz anderer Art ist die Stute Corsica X, die schon einige Reiter in ihrem Leben hatte, unter anderem Marten Witt, ein weiterer Freund von Dittmer. Mit ihm im Sattel sah René die Connor-Tochter zum ersten Mal. Doch bereits kurz nach der ersten Begegnung wurde die Stute in die USA verkauft. Dittmer hörte zunächst nichts mehr von ihr. Doch die beiden scheinen eine Art schicksalshafte Verbindung zu haben. „Mit dem neuen Reiter lief es dann nicht so gut. Ich war zu dem Zeitpunkt in den USA und Marten schlug dem Käufer vor, ob ich mal helfen könnte. Es hat sich dann noch ein Jahr hingezogen, aber irgendwann hat er mir das Pferd gegeben. Dann haben wir uns Stück für Stück hochgearbeitet – angefangen in 1,25 bis 1,30 Meter-Parcours, dann ging es steil aufwärts.“ Besonders sei an der Stute neben ihrer Vorsicht ihr eigener Kopf. „Sie hat einen eigenen Charakter, mit dem man umgehen können muss“, so Dittmer.


Er kann es offensichtlich. 2026 war das Jahr der ersten Male für ihn. Corsica X trug ihn im März über seinen ersten League of Nations-Parcours. Das Team gewann. Cody war der Partner für sein erstes Weltcup-Finale – Rang vier, punktgleich mit der Drittplatzierten. Sein größter Traum? „Den Großen Preis von Aachen zu gewinnen und für Deutschland bei Championaten zu reiten.“


Fest steht: Diese Geschichte von Mut, Talent und Beharrlichkeit ist noch nicht auserzählt.


WP Wehrmann Publishing