Porträt : Greya, die Weltcup-Siegerin von Kent Farrington
Kent Farringtons Greya – Wildpferd, Weltcup-Siegerin, Super-Mama

Christoph Zimmermann, Ehemann der Mannschaftsweltmeisterin von 2010, Janne Friederike Meyer-Zimmermann, kann sich noch gut an das erste Zusammentreffen mit Greya erinnern. Damals war die Stute fünf Jahre jung und stand im Stall von Johannes Ehning. „Wir sind mit Johannes befreundet“, sagt Zimmermann, „und er sagte, er habe da ein besonderes Pferd, das aber nicht einfach sei.“
Zimmermann, immer auf der Suche nach guten Pferden, zögerte nicht lange. Er kam, sah und schluckte. „Dass sie etwas ganz Besonderes war, habe ich vom ersten Blick gemerkt. Schwierig zwischen den Sprüngen, am Sprung immer extragut.“ Schwierig? Stutig? „Wild!“ Christoph Zimmermann muss keine Sekunde überlegen. „Sie war wild, Druck am Schenkel mochte sie nicht.“ Die Halshaltung zwischen den Sprüngen so, wie sie es wollte. Und nicht anders. „Nicht unbedingt ein Pferd für eine Springpferdeprüfung.“ Wobei die Colestus-Tochter, die beim Springpferdezuchtverband Oldenburg International (OS) registriert ist, schon einige gegangen war – mit durchwachsenem Erfolg. Ein Sieg, ein paar Erfolge in Klasse A und L.
Bocken und Bock auf Apfelsaft
„Unser damaliger Bereiter musste einige Bocksprünge aussitzen“, erinnert sich Christoph Zimmermann an das erste Zusammentreffen mit der besonderen Schimmelstute. Greya, noch im Besitz ihrer Züchter Wilfried und Ulrike Sandmann aus Hüven im Emsland (s.u.), wechselte den Besitzer und reiste von Borken nach Pinneberg bei Hamburg auf den Hof Waterkant.
Schnell stellte sich heraus, dass Greya nicht nur unterm Sattel besondere Ansprüche an „ihr Personal“ stellte. Wasser aus der Selbsttränke? Wer, bitte schön, macht denn so etwas? Individuelles Tränken aus dem Eimer, in dem sich wohl oder übel auch mal Wasser befinden durfte. Aber auch das nahm Greya nicht grundsätzlich zu sich. Erst mit einem Schuss Apfelsaft war das kühle Nass der Dame genehm. „Zu der Zeit war Heidi Jäckel noch bei uns, die jetzt Turnierpflegerin bei André Thieme ist. Sie hat sich intensiv um Greya gekümmert“, berichtet Zimmermann.
Mylen Kruse übernimmt die Zügel
Zunächst war Mylen Kruse, damals Lehrling auf Hof Waterkant, für die reiterliche Ausbildung zuständig. „Klein, klein, klein“ – das war die Devise. Die Stute nicht einschränken, sondern ihr Zeit für die Entwicklung geben. „Behutsam“ ist so ein Schlagwort, dass gerne im Zusammenhang mit Pferdeausbildung genannt wird. Im Fall von Greya war das schon deswegen eine Selbstverständlichkeit, weil Greya ein Mitspracherecht in allen Bereichen einforderte.
„Man kann sie begleiten, sie entscheidet selbst.“
Christoph Zimmermann über Greya
Von August 2019 bis Februar 2021 ritt Mylen Kruse Greya bei ca. 27 Starts gut 20-mal „ins Geld“. Ihr letzter Start, ein 1,30 Meter-Springen in Oliva, endete mit dem Sieg. Aber auch hier, in der Ruhe der Mischung aus Trainingscamp und Turnier am Mittelmeer, galt die Devise: langsam, vorsichtig. Die damals Siebenjährige konnte außer Konkurrenz in Springen auf A- und L-Niveau gehen. Solche Springen standen in den ersten Wochen auf dem Programm.
Zu Höherem berufen
Bei diversen Telefonaten, die Christoph Zimmermann mit seinem Freund Kent Farrington zu führen pflegt, fiel immer wieder auch mal der Name Greya. Farrington kaufte am Telefon die Hälfte des Pferdes, ohne es jemals live gesehen zu haben. „Er hat wohl meine Begeisterung gespürt“, sagt Christoph Zimmermann. „Heute liebt er Greya so wie ich sie liebe.“ Woran sich diese Liebe äußerte? „Wenn ich schlechte Laune hatte, dann bin ich Greya geritten.“ Das war besser als jeder medikamentöse oder wie auch sonst geartete Stimmungsaufheller.
Der züchterische Hintergrund von Greya
Wilfried Sandmann ist der Züchter der Weltcup-Siegerin. Den größten Erfolg seiner Zucht konnte er nicht mehr erleben. Sandmann verstarb Anfang 2025. Seine pferdezüchterische Expertise aber wird weiterleben, denn Greya ist kein One-Hit-Wonder. Diverse Pferde aus der Zucht von Wilfried Sandmann, der selbst bis 1,40 Meter im Parcours unterwegs war, und seiner Frau Ulrike haben den Weg in den großen, und einige sogar in den ganz großen Sport geschafft. Greya selbst, die schon in Genf den Rolex Grand Prix gewonnen hat, ist ein Beispiel. Der Cornet Obolensky-Sohn Contago war unter dem Mexikaner Eugenio Garza Pérez Fünfter im Großen Preis von Aachen und nahm an den Olympischen Spielen von Paris teil. Dazu gesellen sich noch weitere international erfolgreiche Pferde.
Die Zucht der Sandmanns basiert auf der Halbblutstute Prinzessin v. Perser xx. Perser xx war der drei Jahre jüngere Vollbruder des in der Hannoveraner Zucht einflussreichen Pik As xx (Großvater von Pik Bube I und II). Beide stammten von Abendfrieden xx ab. Perser xx hat einige Nachkommen gebracht, die im gehobenen Sport gingen. Zu den bekanntesten zählte Patras, den Peter Weinberg, heute Trainer der belgischen Springreiter, im Sport ritt. Perser xx-Töchter wurden häufig mit dem Springhengst Watzmann v. Weingau angepaart. So entstanden viele Springpferde.
Prinzessin, die Urgroßmutter von Greya, hatte Wilfried Sandmann von seinem Vater übernommen. Die Zucht war immer nur ein Hobby der Sandmanns, deren Familienunternehmen sich mit Tiefbau, Kanal- und Leitungsbau beschäftigt.
Greyas Vater Colestus
Der Cornet Obolensky-Sohn Colestus stand nach seiner Körung, entdeckt von Sandra Ernst, im Reitsportzentrum Massener Heide in Unna. Stationiert war er im Landgestüt Warendorf, wo er unter anderem vom jetzigen Co-Bundestrainer Marcus Döring geritten wurde. Später ritten ihn gleich mehrere Olympiasieger – Ludger Beerbaum und Christian Kukuk sowie u.a. Marco Kutscher. 2020 ging der Schimmel sein letztes Turnier. Seit 2024 ist er in den Niederlanden beim Team Nijhof zuhause.
Irgendwann erwarb Kent Farrington dann auch die zweite Hälfte der Stute. Es dauerte noch ein bisschen, bis er sie in den USA in Empfang nahm. Die Reitweise von Farrington – flottes Grundtempo, ruhige Hand – und Greya stellten sich schnell als „perfect Match“ heraus. Aber auch Farrington ließ es ruhig angehen. 1,30 Meter, 1,40 Meter, dann wieder kleiner.
Kleiner Rückschlag
Der Weg führte langsam, aber beständig nach oben. 2023 ging die Stute erstmals auf CDI5*-Niveau. Es gab aber auch einen Rückschlag als Greya auf einem Turnier in Kanada Probleme mit einer Mauer hatte. Sprich: verweigerte. Also wieder einen Gang zurück, nein zwei. Farrington selbst, keiner seiner Bereiter, ritt die Stute in Parcours über 90 Zentimeter. „Sie musste lernen, an sich selbst glauben zu können“, sagt Christoph Zimmermann. „Vorsichtig genug war sie ja immer.“
Kein Olympia
Die vertrauensbildenden Maßnahmen fruchteten. Der Rolex Grand Prix in La Baule war einer der ganz großen Siege. Zuvor hatten Greya und Kent Farrington in Traverse City gewonnen. 2024 – das olympische Jahr – es lief gut an. Doch statt vor dem Schloss von Versailles als Angstgegner der Konkurrenz Respekt einzujagen, blieb den beiden der Olympiastart verwehrt: Die Stute war mit Fieber in Paris angekommen, das nicht rechtzeitig zurückging. Aus der Traum.
Doch ab dann lief es. Und wie. Greya gewann mehrere Große Preise in Wellington, in Lexington und im Dezember 2025 den Rolex Grand Prix in Genf. 2026 dann der bislang größte Erfolg: Sieg im Weltcup-Finale in Fort Worth. Zu diesem Zeitpunkt war Kent Farrington schon zwei Jahre Besitzer eines weiteren besonderen Schimmels: Chin Grey. Der Holsteiner Hengst ist ein Sohn von Greya, 2021 per Embryotransfer zur Welt gekommen. Vater ist Chinchero, Züchter Christoph Zimmermann, der mit seiner Ehefrau Janne auch Eigentümer des Holsteiner Hengstes Chinchero v. Chopin ist.
Auf Stippvisite in Deutschland
Nach dem Turnier in Genf kommt Kent Farrington gerne für eine Woche auf den Hof Waterkant, so auch 2023. Da war Greya gerade Dritte im Top 10 Finale und 14. im Großen Preis geworden.
Doch Gastgeber Zimmermann hatte von Anfang an gesagt, dass er nur bis Donnerstag Zeit habe. Dann nämlich stand die Holsteiner Körung an und Chin Grey konkurrierte um die Zuchtzulassung. Farrington war neugierig, wie der Sohn von Greya denn sei. Als er dann Videos vom Freispringen zuhause gesehen hatte, veränderte sich die Neugierde in Kauflust. Was der Hengst denn kosten solle. „Unverkäuflich“, blieb Züchter Zimmermann zunächst standhaft. Doch nach den Riesensätzen beim Freispringen in Elmshorn wurde das Kaufinteresse auch bei der Körung immer größer. Zimmermann erläuterte, der Hengst würde nur „für sehr viel Geld“ verkauft. Und, auch das musste Farrington akzeptieren, Chin Grey müsse über die Auktion bei der Holsteiner Körung verkauft werden.
490.000 Euro
Farrington verstand die Gründe und auch das Auktionsprinzip: Einfach länger bieten als alle anderen Interessenten. Gesagt, getan: Der Hammer fiel bei 490.000 Euro. Farrington hatte Greyas Sohn und der Holsteiner Verband eine Preissensation: Chin Grey, derzeit stationiert bei Sven Völz in Bienenbüttel.
Am 12. April am Tag nach dem großen Triumph seiner Mutter Greya ging der Fünfjährige in Westergellersen eine Springpferdeprüfung Klasse A mit einem Zeitfehler. „Klein, klein und langsam“, das Konzept mit den besonderen unter den besonderen Pferden hat ja schon einmal Früchte getragen. Und: Einen Emerald-Sohn aus Greya haben Janne und Christop Zimmermann auch noch …


