Neue FN Seminarreihe "Pferdewohl sichtbar machen"

Nachlese vom Seminar „Was will uns das Pferd sagen? Pferdewohl im Fokus“

Feature 29.04.2026
Am 22. April hatte die FN zur Auftaktveranstaltung einer neuen Seminarreihe „Pferdewohl sichtbar machen“ ins Ausbildungszentrum Luhmühlen geladen. Wie es war und was man mitnehmen konnte.
Xenophon Aufsichtsratsmitglied Martin Plewa war einer der Referenten bei dem Seminar in Luhmühlen.
Xenophon Aufsichtsratsmitglied Martin Plewa war einer der Referenten bei dem Seminar in Luhmühlen.

Ca. 70 Seminarteilnehmer hatten sich am 22. April um 17 Uhr in der großen Reithalle des Ausbildungszentrums Luhmühlen versammelt, um in den kommenden Stunden Antworten auf die Frage zu finden „Was will uns das Pferd sagen?“. Zunächst hielt die Biologin und Pferdewissenschaftlerin Dr. Kathrin Kienapfel einen Vortrag über das arttypische Ausdrucksverhalten des Pferdes, veranschaulicht mit zahlreichen Bildern aus der Praxis. Dr. Kienapfel sprach 90 Minuten lang. Klingt langatmig, war es aber nicht. Die Beispiele regten zum Nachdenken an und öffneten für vieles den Blick.


Anschließend überließ Dr. Kienapfel Reitmeister Martin Plewa Rednerpult und Beamer. Der ehemalige Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter und Aufsichtsratsmitglied bei Xenophon erklärte, inwieweit die pferdegerechte Ausbildung zum Pferdewohl beiträgt und im Gegenteil dazu, welche Schäden falsch eingeschlagene Wege anrichten können.


Anschauliche Beispiele aus der Praxis


Nach der Theorie wurden die Erläuterungen praktischen Beispielen demonstriert. Dafür waren mehrere Reiterinnen mit ihren Pferden ins AZL gekommen. Ihre Namen wurden nicht genannt und das war gut so. Denn hier ging es um Ehrlichkeit und man kann den Teilnehmerinnen nur danken, dass sie den Mut hatten, sich auch kritischen Beobachtungen auszusetzen. Davon gab es eine Menge und auf viele davon musste erst das geschulte Auge der Biologin Kienapfel aufmerksam machen. Die Lösung auf eine wie auch immer geartete Abwehrreaktion des Pferdes war meistens die gleiche: Hand weg! Es gab aber auch andere Reaktionen, bei denen die Pferde sich ohne den vertrauten Kontakt zum Gebiss sichtlich „alleingelassen“ fühlten und sich erst entspannten, wenn die Anlehnung wieder hergestellt war.


Wer zieht, verliert


Einen Aha-Moment gab es zum einen beim Auftritt einer Vielseitigkeitsreiterin, die ihr Pferd mit Dreiringtrense vorstellte. Als es ans Springen ging, forderte Martin Plewa sie auf, vor dem Hindernis die Zügel aus der Hand kauen zu lassen. Dies habe sich in der Vielseitigkeitsreiterei bewährt, um die Reiter dazu zu bringen, ihre Pferde selbstständiger arbeiten zu lassen, erklärte der einstige Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster-Handorf.


Das Pferd der Seminarteilnehmerin schien zunächst etwas irritiert durch die fehlende Anlehnung, „schwamm“ vor dem Sprung und würgte sich dann mehr schlecht als recht hinüber. Es brauchte aber nur zwei Anläufe, da hatten die beiden sich an die neue Situation gewöhnt und brachten einen schönen runden Sprung zustande, bei dem das Pferd vor und hinter dem Hindernis wie selbstverständlich Tempo und Rhythmus beibehielt.


Nach dem Warm-Up folgten lose Sprungfolgen. Hier wurde das Pferd heftig und wenn die Reiterin versuchte, es durch halbe Paraden unter Kontrolle zu bringen, hob es sich heraus und wehrte sich gegen die Hand. Warum sie ihr Pferd eigentlich mit Dreiringgebiss reite, frage Dr. Kienapfel die Reiterin. „Weil er sonst zu stark wird“, war die Antwort. Daraufhin Martin Plewa: „Am wenigsten stark war er, als du die Zügel vor dem Sprung aus der Hand kauen ließest.“ Damit war alles gesagt.


Zungenfehler? Eher Reitfehler


Ähnlich eindrucksvoll war die Veränderung, die in einem 18-jährigen „Professor“ vorging, einem S-erfolgreichen Dressurpferd, das seiner jungen Reiterin das Einmaleins der Welt zwischen A und C beibringen soll. Schon beim Warmreiten konnte man beobachten, wie die Reiterin das Pferd mit breiter Zügelführung in die Tiefe zu bringen versuchte. Als sie dann mit ihrer „Unterrichtseinheit“ an der Reihe war, zeigte der Wallach sich hoch und eng aufgerichtet in absoluter Aufrichtung und mit stets sichtbarer Zunge auf der rechten Maulseite. Er bewegte sich wie zweigeteilt.


Dr. Kienapfel machte auf die Anzeichen des Unwohlseins des Pferdes aufmerksam, Martin Plewa gab der Reiterin Tipps, wie sie es ihrem Pferd einfacher machen kann. Der wichtigste: Kandarenzügel länger, Trensenzügel vorherrschen lassen. Die Reiterin sollte – wie alle anderen auch – mit einer Hand reiten und zwischendurch die Zügel aus der Hand kauen lassen. Ziel war es, den Hals des Pferdes länger zu bekommen. Und es klappte. Der Wallach begann zu kauen und sich zu strecken. Der ganze Bewegungsablauf veränderte sich, wurde fließender und harmonischer.


Immer wieder wies Martin Plewa darauf hin, dass es das Pferd ist, das die Anlehnung ans Gebiss sucht, und dass der Reiter sie nur gestatten, aber nicht erzwingen darf. Es klingt so logisch. Und trotzdem sieht man es zu schätzungsweise 85 Prozent anders. Dazu hat sich die stellvertretende Xenophon-Vorsitzende Karin Lührs Gedanken gemacht. Sie ist selbst Reiterin und Ausbilderin bis Grand Prix und richtet bis Klasse S.


Hals runter statt Anlehnung?!


Sie kennen es: Pferd und Reiter mit dem typischen Seitenbild in unseren deutschen Reitställen. Der Hals des Pferdes wird mit der Hand runtergezogen, das Pferd wird eng und viel zu tief eingestellt. Fragt man bei den Reitern nach, geht es angeblich darum, das Pferd über den Rücken zu reiten. Hier liegt ein großes Missverständnis vor.


„Das Pferd soll die Anlehnung suchen, der Reiter soll es gestatten.“ So steht es in unseren Richtlinien. Die Anlehnung entsteht durch eine gefühlvolle Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, und ganz wichtig, sie ist dynamisch! Wird mal stärker, mal leichter, je nach Notwendigkeit. Und sie soll „weich, stets, federnd“ sein und eine Dehnungsbereitschaft entwickeln.


Wenn der Hals mechanisch über den Zügel und womöglich noch mit Kraft eng gezogen wird, kann das Pferd weder suchen noch finden. Ihm wird die Balancierstange genommen. Es wird an einer Anlehnung gehindert.


Hier ist ein großer Gewöhnungsprozess entstanden. Im Ergebnis sieht man überwiegend enge Hälse, offene Mäuler und unglückliche Pferde auf deutschen Plätzen. Kaum sitzt der Reiter im Sattel, werden die Zügel kurz genommen und das Pferdemaul auf die Brust gezogen. Vorne kurz, hinten lang. Leider falsch!


Doch wie können wir das ändern? Das geht nur über das Fachwissen, sprich über die korrekte Anwendung / Schulung / Beurteilung unserer Reitlehre in der praktischen Umsetzung. Da sind wir Reiter, Ausbilder und Richter gleichermaßen gefordert! Zum Wohle unserer Pferde und des Sports, denn damit wäre ein wichtiger Beitrag geleistet, um die Reiterei wieder ins rechte Licht zu rücken. So wie sich die Normalität derzeit darstellt, ist vieles von der Kritik – nicht alles – leider berechtigt.


Karin Lührs


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