Kommentar: Diskussion über das Abreiten von Charlotte Dujardin (GBR) in Amsterdam

Dujardins Amsterdam-Debakel – „Collectif“es Versagen?

Standpunkt 05.03.2026
Kommentar Jan Tönjes zur Diskussion über das Abreiten von Charlotte Dujardin (GBR) in Amsterdam. Foto: Facebook, sportfotos-lafrentz.de Kommentar Jan Tönjes zur Diskussion über das Abreiten von Charlotte Dujardin (GBR) in Amsterdam. Foto: Facebook, sportfotos-lafrentz.de
Mal wieder hat ein Video vom Abreiten für Diskussionen um den Reitsport gesorgt, aus Amsterdam von Charlotte Dujardin. Und zwar nicht nur in der Bubble, sondern darüber hinaus. Was es bedeutet, wenn die The Times die Olympiasiegerin zum Thema macht. Was man aus Amsterdam lernen könnte – ein Standpunkt von Jan Tönjes.

Schwarz/weiß. Bloß keine Zwischentöne. Die Fronten sind verhärtet. Zwischen Tierschützern, selbsternannten oder tatsächlich organisierten, und Vertreterinnen des Spitzensports. Die einen filmen und veröffentlichen wie die anderen auf Abreiteplätzen agieren. Oder sie fotografieren blaue Zungen, von denen die anderen dann wiederum behaupten, sie seien nicht blau. Und außerdem anführen, es gäbe keinerlei wissenschaftliche Beweise, dass blaue, oder dunkelviolette Zungen das Pferd beeinträchtigen würden. Soweit die Ausgangssituation.


Beim Weltcup-Turnier in Amsterdam hat das „Collectif Pour Les Cheveaux“ um die flämische Tierärztin Eva Van Avermaet mal wieder gefilmt. Kritisiert wurden mehrere Sportlerinnen, allen voran Charlotte Dujardin. Die dreifache Olympiasiegerin machte in ihrer Heimat Großbritannien lange Zeit Werbung für den Dressursport. Dann erschien kurz vor den Olympischen Spielen von Paris ein Prügelvideo, das der zweifachen Mutter eine Sperre und einen Imageverlust einhandelte. In Amsterdam ritt sie Alive and Kicking.


Abreiten von Charlotte Dujardin in Amsterdam


Wohl weil das Video vom Abreiten bei Facebook viel diskutiert und noch mehr geteilt wurde, nahm sich die Tageszeitung The Times des Themas an. Autor Owen Slot, Leiter der Sportredaktion, also nicht irgendjemand, sprach mit der Urheberin des Videos und mit Tierärztinnen und Tierärzten. Allesamt mit Expertise als Praktiker und in der Forschung rund um das Tierwohl im Pferdebereich. Menschen, auf deren Fachkenntnis auch der Weltreiterverband (FEI) im Rahmen seines „FEI Equine Welfare Strategy Action Plan“ gern zurückgreift. Die Doppelseite in der Times – ein Stück gut recherchierter Journalismus. Und eine Klatsche für Charlotte Dujardin sowie, einmal mehr, für den Pferdesport.


Die Times steht nicht im Verdacht, politisch den oft zitierten „veganen Spinnern“ zu nahezustehen. Bemerkenswert ist deshalb ein Nebensatz. Owers verweist darauf, dass zu den Kritikern der Bilder aus Amsterdam auch Roly Owers zählt, Geschäftsführer der Tierschutzorganisation World Horse Welfare, „deren Schirmherrin Prinzessin Anne ist“.  Die Princess Royal, selbst einst im Spitzensport zuhause und Mutter von Zara Tindall, der Weltmeisterin von 2006, wird also indirekt angesprochen. Das ist deutlich.


Wie mit den Filmen in den Sozialen Medien umgehen?


Wir haben bereits direkt nach dem Auftauchen der Videos diskutiert. Zweifelsohne alles andere als schönes Reiten (übrigens nicht nur bei Dujardin!), grenzwertig – so unsere ersten Eindrücke. Und die Frage: Hätte der Steward einschreiten müssen? Wir haben schon damals Martin Plewa nach einer Einschätzung gefragt. Da kursierten noch die Originalvideos, ohne die in der späteren Version hinzugefügten Textblöcke. Reitmeister Plewa stimmte mit uns überein. In Deutschland hätte man aufgrund des Kriterienkatalogs die Reiterin „vielleicht doch ansprechen“ müssen, so Plewa. Problem: Eine derart ausführlich formulierte Abhandlung gibt es international nicht.


Also nochmal die Frage: Wie damit umgehen?


Ignorieren ist sicherlich keine Option. Ein Urteil aus der Ferne ist schnell gesprochen. Wer nicht vor Ort war, sieht nur die Ausschnitte, die die Verfasser den Betrachter sehen lassen wollen. Auch hier gilt das Schwarz-Weiß-Prinzip. Was man in Amsterdam (mutmaßlich, wir waren nicht da) hat sehen können, lag sicherlich zwischen den 7:42 Minuten mit den reitsportkritischen Textblöcken und den Zeitlupenstudien mit lächelnden Menschen, die ihre Pferde klopfen. Realität ist eben nicht schwarz oder weiß.


Geäußerte Kritik hat ihre Berechtigung


Die Kritik einfach abzutun, wäre falsch. Der Sport steht unter Beobachtung, die Times ist weitaus mehr als nur eine Facebook-Seite von Aktivistinnen. Die Filmaufnahmen von diversen Spitzenreiterinnen war nicht das, woraus man ein Lehrvideo „Perfektes Abreiten“ schneiden würde. Einige Kritikpunkte waren also einerseits durchaus berechtigt. Der Ruf nach einer Diskussion verständlich. Andererseits macht sich das Collectif Pour Les Cheveaux auch unglaubwürdig, wenn nicht lächerlich, wenn pauschal alles verurteilt wird.


Der Sattel? Mit Tierquäler-Pauschen, so dick gebaut, um besser ziehen zu können (physikalisch braucht es dazu eigentlich Umlenkrollen, würde ich denken).


Die Trense? Mit einer Ohrenmütze, die das Ohrenspiel einschränkt.


Die Bandagen? Nur angelegt, um die Sehnen durch Überhitzung zu schädigen – es braucht keine großen Mathematikkenntnisse, um sich ausrechnen zu können, was eines der Pferdebeine internationaler Turnierpferde ungefähr an Wert hat. Die zu grillen wäre Geld verbrennen. Das will niemand.


Kollektive Verurteilung


Betty Moody, die den Fairness Preis gewonnen hat, wird auch in die Gruppe der Pferdeschinder eingeordnet. Der Grund: Erst reitet sie ohne Sporen ab, später mit. Sie wirkt auch ein paar Mal mit dem Sporn ein. Aber genauso, wie es sein soll. Ein Impuls, um das Pferd wieder besser vor den treibenden Hilfen zu haben. Dann wieder Ruhe. Das, was man von ihr sieht, ist schönes Reiten.


Was muss in der Dressur passieren?


Der dänische Richter Hans Christian Matthiesen, übrigens wie die Collectif-Gründerin Van Avermaet Tierarzt, hat mir gegenüber in einem Podcast-Gespräch Anfang des Jahres betont, wie begrüßenswert er eine Note fürs Abreiten findet. Und dass im Dressursport alles zu langsam geht. Damit hat er recht, meiner Meinung nach. Gerichtet wird, was in der Arena stattfindet. Und da wirkte Charlotte Dujardin deutlich pferdefreundlicher ein. Aber dass Alive and Kicking nicht immer losgelassen war, hätte durchaus ins Richterurteil im Grand Prix einfließen können/müssen. Denn die artifiziellen Tritte, irgendeine Bewegung im Zweitakt, wie eine schlechte Passage in Zeitraffer, bei der das Vorderbein nicht dahin tritt, wo es zunächst hinzeigt, gab es nicht nur bewusst geritten auf dem Abreiteplatz. Auch in der Prüfung sah man an der kurzen Seite, wo versammelter Trab gefordert ist, diesen „Zuckfuß-Trab“, der schon so lange Einzug genommen hat in den Sport.  Nicht nur bei Dujardins Pferden. Martin Plewa plädierte uns gegenüber dafür, diesen Bewegungsablauf mit „unter 5“ zu bewerten. Dujardin erhielt zweimal eine 7,5 …


Fazit: Übergriffige Kritikerinnen, die alles in Bausch und Bogen ablehnen, mögen teilweise die Finger in die richtige Wunde legen. Doch ihre Pauschalisierungen helfen nicht weiter, weil sie eine inhaltliche Diskussion verhindern. Die aber braucht man, sieht man die Videos aus Amsterdam.


Schönes Reiten – man ist geneigt zu sagen, „richtig abreiten reicht“ – hilft allen. Denen, die den Sport lieben. Und den Pferden.




Stewards auf Turnieren begleitet


Was machen eigentlich Stewards auf internationalen Reitturnieren? Die Hosts des Podcasts ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD sind für ihre aktuelle Folge früh aufgestanden und haben den Stewards bei den VR Classics in Neumünster über die Schulter geschaut.


Ein Tag mit FEI Stewards auf dem internationalen Reitturnier VR Classics in Neumünster unterweg.
Ein Tag mit FEI Stewards auf dem internationalen Reitturnier VR Classics in Neumünster unterwegs.

Eine Reportage für die Ohren mit vielen Infos rund um den Job, der übrigens ein Ehrenamt ist. Hier geht’s direkt zur Folge.


WP Wehrmann Publishing