Ein Kommentar zur Wohlstandsschere im Pferdesektor

Pferdewelt zwischen Pferdeklappe und Premier Jumping League

Einnahmequelle für die einen, monetärer Treibsand für die anderen – Pferde sind so vieles. Aber eins sind sie für alle: eine lebenslange Liebe.
Foto: Sportfotos-lafrentz.de Einnahmequelle für die einen, monetärer Treibsand für die anderen – Pferde sind so vieles. Aber eins sind sie für alle: eine lebenslange Liebe. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Die Wohlstandsschere in der Pferdebranche klafft immer weiter auseinander – Millionengewinne auf der einen Seite, Menschen, die sich ihr Pferd nicht mehr leisten können, auf der anderen. Während das Unterdeck schon abzusaufen droht, wird oben noch getanzt. Aber untergehen werden beide, wenn sich nichts tut.

Diese Woche wurde in Miami mit großer Gala die Premier Jumping League (PJL) aus der Taufe gehoben, eine neue Springsportserie, in die der US-Milliardär und Sportinvestor Frank McCourt (aktuell Hauptanteilseigner bei Olympic Marseille, bis 2022 50-prozentige Beteiligung an der Global Champions Tour) in den kommenden Jahren 300 Millionen US-Dollar investieren will.

Schätzungen zufolge werden in der Pferdebranche in Summe weltweit 300 Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt, eine zwölfstellige Summe. Kaum vorstellbar.


Reichensport? Mitnichten


Bei solchen Zahlen könnte man meinen, Pferdemenschen seien unermesslich reich. Ein Irrglaube, wie Jan Tönjes bereits am Montag in unserem Newsletter herausgestrichen hat. Für den weitaus größten Teil ist die Beschäftigung mit dem Pferd eine lebenslange, unverzichtbare Leidenschaft. Pferde sind mehr als ein Hobby, sie sind eine Berufung. Aber für die meisten eine, für die sie Geld ausgeben, statt welches zu verdienen. Und zwar bis zur Selbstaufgabe. Darauf basiert ein ganzer Wirtschaftszweig.


Der allerdings wird immer morscher, wie deutlich wird, wenn man sich abwendet vom Spitzensport und hinschaut, wie es im normalen Pferdedeutschland aussieht, einem der traditionsreichsten Pferdeländer der Welt. Vor zehn Jahren war ein Pferd im Reitstall prima mit einem durchschnittlichen Gehalt zu finanzieren. Doch Lieferengpässe durch Krieg, eine allgemein unsichere politische Großwetterlage, irrsinnige Energiepreise, schlechte Ernten, immer höhere Lohnkosten und hierzulande die enorm gestiegenen Tierarztausgaben treiben die Kosten ins Uferlose. Das betrifft jeden Pferdehalter. Dass die Menschen immer weniger Zeit haben, trägt außerdem zum schleppenden Pferdeabsatz bei.


Keinen Käufer für die Pferde zu finden plus die gestiegenen Kosten, das belastet besonders die kleinen Züchter. Sie können oder wollen sich die Zucht nicht mehr leisten, auch, weil sie ihre „normalen“ Pferde kaum noch verkaufen können. Ob in Foren oder den sozialen Medien, überall ist der Tenor der gleiche: „Wir geben die Zucht auf“, „Das ist mein letztes Pferd“ oder „Wer soll sich das alles noch leisten?“ Antwort: Immer weniger Menschen.


Der Teil, der schon versunken ist


Besonders krass wird das am Beispiel der ersten “Pferdeklappe” Deutschlands von Petra Teegen sowie ähnlichen Auffangstationen deutlich. Bei Teegen können Menschen ihre Pferde anonym auf eine versteckte Weide stellen, wenn sie mit deren Haltung aus welchen Gründen auch immer überfordert sind. Der häufigste Grund ist Geldnot, sagt Teegen.


Von 195 Pferden im Jahr 2025 wurden ca. 150 abgegeben, weil ihre Besitzer sich ihren Unterhalt nicht mehr leisten konnten. Seit Januar hatte sie schon 53 Anfragen, einmal mehr als 20 an einem Tag. Das ist nicht nur für die Pferde schlimm, sondern besonders auch für ihre Menschen.


„Die Leute haben ein schrecklich schlechtes Gewissen“, weiß Petra Teegen. Zwei besonders tragische Fälle hat sie im Dezember und Januar aufgenommen. Die Besitzer nahmen sich das Leben, weil sie ihre Pferde nicht mehr finanzieren konnten.


Die Basis bröckelt


Wer nun denkt, die Pferdeklappe und die Schicksale, die sich hier zeigen, hätten mit PJL, GCT & Co. nichts zu tun, irrt. Die Situation in den Auffangstationen spiegelt wider, wie es um ganz Pferdedeutschland bestellt ist. Und die ländliche Reiterei und die bäuerliche Zucht sind sie das Fundament, auf dem sowohl der Spitzensport als auch besagte 300 Milliarden Dollar-Branche fußen.


Viele der Pferde, die heute Millionen zusammenspringen und -piaffieren, fielen auf einem ländlichen Betrieb ins Stroh. In Ländern mit langer Pferdetradition wie Deutschland, den Benelux-Staaten oder Frankreich war und ist diese ländliche Zucht zuverlässiger Lieferant von Pferden für Sport und Freizeit. Großbetriebe wie die Lewitz, das Gestüt von Paul Schockemöhle mit mehr als 1.000 Zuchtstuten, sind nach wie vor die Ausnahme.


Die Pferde werden hierzulande jedoch nicht nur geboren, sie werden hier auch ausgebildet und auf Turnieren vorgestellt, ehe sie für zum Teil zweistellige Millionensummen als Medaillenhoffnungen für die aufstrebenden Nationen in der Wüste oder nach Übersee verkauft werden. Das ist ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor, der mehr und mehr zu zerfallen droht.


Denn mal ganz abgesehen von der Zucht, wenn es keine ländliche Reiterei mehr gibt, wird es keinen reiterlichen Nachwuchs mehr geben, weder für den Spitzen-, noch den Hobbysport, der ja auch Pferde braucht. Die wenigsten staatlich geprüften Pferdwirte verdingen sich als Ausbilder und Trainer von Weltklassereitern. Die meisten sind in regionalen Reitställen unterwegs – und in nicht allzu ferner Zukunft dann wohl arbeitslos. Es werden keine Hufschmiede und keine Tierärzte mehr gebraucht. Sattler können sich wieder auf Autositze konzentrieren. Produzenten von Pflegemitteln auf Kosmetika. Klingt wie ein Horrorszenario? Wir sind nicht mehr sehr weit davon entfernt. Dabei ist die Leidenschaft fürs Pferd nach wie vor ungebrochen.


Die Menschen wollen Pferde, aber die Kosten erdrücken sie


Eine Studie aus Belgien, die die Pferdebranche in der Region Flandern unter die Lupe genommen hat, reflektiert die Situation, die sicherlich nicht nur für das untersuchte Gebiet zutrifft. Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass in der Region zwar 1,43 Milliarden Euro pro Jahr mit Pferden umgesetzt werden, doch es profitieren von diesem Geld nur wenige Betriebe.


„Ein großer Teil der Reitschulen, Zuchtbetriebe und Pensionen hat Schwierigkeiten, Gewinne zu erzielen“, sagt Stijn van Ormelingen, Professor an der KU Leuven und Mitautor der Studie, in De Ochtend in einem Interview: „Nur etwas mehr als die Hälfte dieser Unternehmen macht Gewinn. Das ist im Vergleich zu anderen Branchen relativ niedrig.“


Die Erklärung des Wirtschaftsprofessors: „Betriebe, die keinen Gewinn machen, haben wahrscheinlich andere Gründe, sich mit Pferden zu beschäftigen. Sie tun es oft aus Leidenschaft und nicht primär, um Gewinn zu erzielen.“


Aber auch ein Hobby muss man sich leisten können.


Lösungen händeringend gesucht


Wie geht man mit dieser Situation um? Das ist die große Frage, auf die es noch keine befriedigende Antwort gibt. Tolle Aktionen wie das Projekt „Pferde für unsere Kinder“ oder „Vielfalt Pferd“ tragen dazu bei, weil sie sich dafür einsetzen, dass wieder mehr Menschen Zugang zum Pferd bekommen. Vielleicht wäre es auch eine Idee, einen Teil von Sponsorengeldern als Züchterprämie auszuschreiben. Das wäre immerhin eine Anerkennung und ein Ansporn für diejenigen, die den Sport überhaupt erst möglich machen.


Doch letztlich ist das Problem ist ein strukturelles, das nicht nur die Pferdebranche betrifft, diese jedoch in besonderem Maße, wie Petra Teegen meint: „Wir machen die Not der Tiere an der Not der Menschen fest.“ Diese Not abzustellen, ist eine Aufgabe, die an höherer Stelle angesiedelt ist. Egal ob durch „mehr Netto vom Brutto“ oder welchen Slogan man bemühen möchte. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung wird allen Pferdeliebhabern noch viel Durchhaltevermögen abverlangt werden.


Hoffen wir, dass die Situation erkannt wird und dass die Lösungskonzepte greifen. Damit es nie wieder Menschen geben muss, die aus lauter Verzweiflung, ihr Pferd in der Pferdeklappe abgeben zu müssen, einen ausweglosen Schritt gehen.


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