Newsletter Editorial, WM Aachen, 22. August: Gold für deutsche Springreiter bei der Weltmeisterschaft
WM Newsletter Tag 12: Gold, Gold und eine Pattsituation
Der WM Newsletter aus Aachen. Täglich wissen, was Sache ist. Was für ein Tag! Ich finde, dieser Tag hatte mindestens zwei Gewinner. Das deutsche Springreiterteam und der Sport. Das mag ja pathetisch klingen, aber Pathos darf auch mal sein. Denn die Zutaten: Erwartungsdruck, Heim-WM, seit 16 Jahren kein Titel in der Mannschaft mehr. Und natürlich: Aachen. Wenn Päpste gekrönt werden, dann ja auch im Petersdom und nicht in der Dorfkirche St. Bartholomäus.
Spannend bis zum Schluss war es aus deutscher Sicht zwar nicht, dafür hatte Daniel Deußer mit seiner Nullrunde gesorgt (den ganzen Abend kann man hier noch einmal im Minutentakt nachvollziehen). Aber die anderen Nationen, die USA, die ein kleines Debakel erlebten. Der Abwurf von Scott Brashs wunderbarer Stute Hello Mango nach dem Einbruch von Adrian Whiteway. Schließlich die Belgier, die im Ranking hoch und runter wanderten, um am Ende Silber zu haben. Ein zufriedener Trainer, Peter Weinberg, sah nach der Pressekonferenz, wie gerade die jüngeren Teammitglieder strahlend an der Reiterbar am Einritt feierten.
Da schüttete es wie aus Kübeln. So wie auch bei der Siegerehrung. So schön und richtig es ist, dass auch die Pflegerinnen und Pfleger geehrt werden, aber wenn gefühlte 20 Eimer Wasser pro Minute und Quadratemeter auf einen einprasseln, dann möchte man wahrscheinlich nur noch schnell aus dem Stadion mit seiner einzigartigen Stimmung wieder raus und unter das nächste Dach.

Bis kurz vor Beginn des zweiten Umlaufs stand übrigens noch gar nicht fest, ob überhaupt geritten werden würde. Es gab eine Unwetterwarnung und tatsächlich donnerte es zu Anfang der Prüfung heftig. Erst eine halbe Stunde vor dem ersten Starter stand fest, dass das Finale wie geplant stattfinden konnte.
Marcus Ehning ist froh, die Scharte ausgewetzt zu haben, die ihm die Verweigerung von Küchengirl im kollektiven und ganz sicher auch seinem eigenen Gedächtnis eingebrockt hatte. 20 Jahre ist das her und er sagt, er habe Druck „auf Otto“ gemacht, dass er unbedingt reiten wollte. Bundestrainer Otto Becker wiederum hat bei vergangenen Championaten so oft erklären müssen, warum es am Ende vielleicht für eine Medaille, nicht aber für die goldene gereicht hat. Jetzt hat er sie. In Aachen. Er ist quasi im Petersdom.
Glücklich, aber nass bis auf die Knochen kamen die Reiterinnen und Reiter zur Pressekonferenz kurz vor Mitternacht. Aachens Turnierleiterin Birgit Rosenberg hatte Handtücher besorgt. „Ich war das glücklichste Reiter der Welt, als ich in den Parcours geritten bin,“ sagte Richard Vogel. „Das hat man gemerkt, deswegen hattest du ja auch die Zeitfehler“, entgegnete Bundestrainer Becker.
Was es noch nie gab: Vor dem Finaltag gibt es zwei, die in Führung liegen, Steve Guerdat und Daniel Deußer – Patt.
Richard Vogel ist jetzt 14. in der Zwischenwertung, der Abwurf aus dem Zeitspringen hat ihn wieder nach hinten geschubst. Sonst wäre er Siebter. Ich traf Achaz von Buchwaldt beim Mittagessen. Richard Vogel und Michael Jung sind seiner Meinung nach absolute Ausnahmesportler, „Jahrhundertreiter, so etwas wird nicht alle Jahre geboren“, so der Derbysieger, der als Trainer immer noch viel unterwegs ist. Aber der Jahrhundertreiter ist weiter weg als Marcus Ehning (Vierter) und Sophie Hinners (Fünfte), die sich nach ihren Runden unter Flutlicht um den Stilpreis streiten dürfen.
Überhaupt ist die WM so etwas wie ein Klassentreffen über mehrere Generationen. Michael Rüping ist da, genauso wie Christian Ahlmann oder Janne Friederike Meyer-Zimmermann, die auch als TV-Kommentatorin fungiert, Mannschaftsweltmeisterin von 2010. Die Weltmeisterin von 2018, Simone Blum, erläutert einer Gruppe den Parcours. Das macht auch Olympiasieger Christian Kukuk, der sich dafür einen changierenden grauen Anzug angezogen hat. Und auch Richard Vogel findet noch Zeit, Menschen den Parcours zu erläutern, über den er in wenigen Stunden selbst reiten soll. Bei seiner ersten Weltmeisterschaft! Das nenne ich dann doch mal Dienst am Fan.
Heute geht es um Para-Medaillen und die Fahrer haben ihre spektakulärste Disziplin vor der Brust, den Marathon.
Welch ein passender Begriff. Denn es gibt nicht wenige, die mittlerweile auf dem WM-Marathon die letzten Kilometer in den Beinen spüren. Devise: Bloß nicht aufhören, zu laufen, sonst wird es krampfig. Gilt auch für Journalistinnen und Journalisten.
Darauf eine Banane!
Die neue Podcastfolge mit wehorse ist da, viel Spaß – mit einem Praktikanten …
In diesem Sinne – bis morgen!
Jan Tönjes
jan.toenjes@equi-pages.de
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Dieser Text wurde erstmals am 22. August 2026 veröffentlicht.

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