Ein Moment für die Geschichte bei der Weltmeisterschaft Vielseitigkeit in Aachen: Michael Jung und Chipmunk haben es geschafft. Mit 18 Jahren trug der Hannoveraner aus der Zucht der ZG Meyer-Kulenkamp Michael Jung zum Titel Weltmeister.
„Michi“ und „Chip“ machten es spannend. Beim Aussprung der zweiten zweifachen Kombination, 5b, und am folgenden Oxer, 6, berührte der Wallach die Stangen. Da ging ein Raunen und Stöhnen durchs Stadion. Aber alle Stangen blieben liegen: Null Fehler, 23,0 Punkte aus der Dressur bis in Ziel gebracht – Weltmeister! Sprachlos sei er, sagte Michael Jung im Anschluss: „Es ist ein Traum, ihn zu reiten“.
Emotionale Silbermedaille für Deutschland
Mit der fehlerfreien Runde stand auch fest: Das deutsche Team gewinnt Silber bei der WM Vielseitigkeit in Aachen. 95,6 Zähler hatten die Deutschen, 84,9 die Briten. An das auf ein Trio geschrumpfte Team kam die deutsche Abordnung nicht heran. Denn dieses Trio hatte es in sich: Rosalind Canter und Lordship’s Graffalo gewannen Einzelsilber (23,4), Laura Collet mit London nach einem Abwurf im Parcours Bronze (28,0) und Tom McEwen wurde mit dem Diarado-Sohn Dublin Siebter (32,6).
In Tränen aufgelöst war Julia Krajewski – vor Freude. Als sie heute morgen in die Holding Box habe sie nur gedacht: „Nicht euer Ernst!“ Als die Silbermedaille dann save war, war sie ziemlich überwältigt von ihren Emotionen. „Ab Paris war das nächste Ziel Aachen. Nickels Besitzer, der Professor (Prof. Dr. Bernd Heicke, Anm. d. Red.) ist ja schon 90 und das war sein Traum und etwas, was ihn richtig motiviert hat, dass Nickel hier in Aachen geht bei der Heim WM. Wenn so ein Ziel dann nach und nach erarbeitet wird – das geht ja nicht von allein. Keiner, der hier ist, hat sich das letzte Woche überlegt. Und dann ist man hier und dann liefert man ab, dann ist eine Medaille zum Greifen nah und dann hat das Pferd eine Silbermedaille gewonnen – da muss ich einfach weinen …“ In diesem Moment flossen die Tränen bereits.
Warum das gerade mit Nickel so besonders ist? „Mandy war halt eine Maschine, die liefert einfach ab. Aber Nickel ist so ein Kumpel – das ist, wie wenn dein bester Freund eine Medaille gewinnt.“ Dann kurz schlucken: „Abgesehen davon finde ich es einfach nur geil, wie Michi den Sack zugemacht hat. Das fühlt sich schon sehr nach einer Teammedaille an und zwar nicht nur für vier Leute, sondern für 50. Und ich glaube, deswegen sind auch alle sehr sehr ergriffen gerade.“
Einzelsilber für Rosalind Canter und Lordship’s Graffalo
Die mit Einzelsilber dekorierte Britin Ros Canter hatte Videos von ihrem Badminton-Sieg in der Vorbereitung geguckt. Einfach nur, um sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was für ein Ausnahmepferd „Walter“ ist. Der Sohn des Trakehners Grafenstolz, den Michael Jung einst in den internationalen Sport geritten hatte, beendete die Weltmeisterschaft in Aachen mit ihrem Dressurergebnis von 23,4 Strafpunkten.
Bronze für die Olympia-Zweiten
Laura Collet sitzt seit zehn Jahren im Sattel des Holsteiners, der auf der Insel Föhr zur Welt gekommen ist. Diese Routine merkte man dem Paar an. Ein Ritt aus einem Guss – bis kurz vor Schluss. Da kam die Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Paris vollkommen unpassend zum drittletzten Oxer. Doch der Abwurf änderte nichts am Ranking – 28,0 Strafpunkte, Bronzemedaille in der Einzelwertung.
Briten gewinnen auch zu dritt
Die Dominanz der Briten im Vielseitigkeitssport ist nicht zu leugnen. Selbst der Ausfall der vierten Teamreiterin Gemma Stevens, deren Flash Cooley partout nicht ins Coffin springen wollte, gefährdete den Mannschaftssieg nicht.
Der Weg zum Silber
Es war eine starke deutsche Mannschaftsleistung. Immer wieder hatten alle vier Teamreiter betont, dass dies ein Mannschaftswettbewerb sei. Dem ordneten sich alle unter. Belohnt wurde der Teamspirit mit der Silbermedaille.
Malin Hansen-Hotopp und Carlitos Quidditch K
Als die Holsteinerin mit Wohnsitz Mecklenburg-Vorpommern ins Stadion kam, war klar: Fehlerfrei war wichtig für die Mannschaft, weil Julia Krajewski und Nickel einen Abwurf kassiert hatten. Der Holsteiner Quidditch begann stark, mit einem Riesensatz über Sprung drei, einen rot-weißen Oxer. Auch die zweifachen Kombinationen waren kein Problem. Anschließend wurde es dann aber einmal richtig brenzlig. Der Schimmel kam sehr dicht an einen Busch-Oxer (6). Aber wer dicht kommt, muss halt höher springen – das tat der Quiwi Dream-Sohn. Dann blieben alle Stangen liegen, nur die Zeit schaffte das Paar nicht ganz. 33,0 Minuspunkte, Platz neun individuell. Weil die Schweizerin Melody Johner mit der Stute Erin zwei Abwürfe im Anschluss zu verzeichnen hatte, war der Abstand auf das Team Schweiz, zu dem Zeitpunkt auf Rang drei, größer geworden.
Julia Krajewski und Uelzener’s Nickel – ein Abwurf, Platz 17
Nach der Schrecksekunde am Vormittag, als Nickel in die Holding Box geschickt worden war, kam das Paar konzentriert in die Arena galoppiert. Flüssig waren die beiden unterwegs. Der Holsteiner sprang mit flinkem Vorderbein. Abgesehen von der Kehrtwendung vorm Einritt, in der Nickel im Kreuzgalopp durch die Wendung galoppierte, sah alles souverän aus. Doch die Distanz von der Triplebbare (9) zum weiß-blauen Steilsprung mit einer schmalen Planke zuoberst, wurde etwas weit – die Hinterhand nahm die Planke mit. Damit beendete das Paar die WM, das sie als Führende in der Dressur begonnen hatten, mit 39,6 Strafpunkten auf Platz 17
Libussa Lübbeke und Caramia FRH
Bei Libussa Lübbeke und Caramia FRH klapperte es schon am ersten Sprung. Die Hannoveraner Stute touchierte leicht mit der Hinterhand, ein „Hallo wach“. Auch 5 a, der Steilsprung, wackelte gefährlich, am Oxer 11 kam das Paar dann etwas zu dicht heran, Abwurf. Geklappert hatte es aber noch häufiger. Nicht überraschend für die Reiterin. „Wir wissen, dass das nicht ihre Paradedisziplin ist, wir kennen sie und man muss einfach der Ruhe vertrauen. Sie braucht unheimlich viel mentale Unterstützung, so eine haltende Hand, die sie durch den Parcours trägt und das haben wir heute ganz gut hingekriegt.“ Deswegen schließt sich die WM auch mit einem guten Gefühl ab. „Man ist immer gerne null. Aber das Pferd hat schon so viel geleistet, mehr als wir uns jemals erträumt hätten. Von daher ist das alles, alles super!“
Familienprojekt Caramia FRH
Mit 61,1 Strafpunkten, Platz 41 in der Einzelwertung, beendete das Paar sein WM-Debüt. 2016 ist die damals sechs Jahre alte Stute unter Fritz-Ludwig Lübbeke, Libussas Bruder ihre erste internationale Prüfung gegangen, ein CCI1*. Nach der EM der ländlichen Reiter 2019 übernahm dann Libussa das bei der Familie geborene Pferd. Damals war sie 18 Jahre jung. Die Weltmeisterschaft Vielseitigkeit in Aachen war die 55 internationale Prüfung der Hannoveraner Stute. Sie hat jeden Geländeritt beendet. Eine Statistik, die wenige Pferde aufweisen können. 2022 gewannen die beiden bei den Jungen Reitern die Mannschafts-Silbermedaille, im vergangenen Jahr wurden sie im Seniorenlager Europameister mit dem deutschen Team. Und jetzt Teamsilber bei der Vielseitigkeits-WM in Aachen!
Platz 16 für Christoph Wahler und D’Accord FRH
Als Einzelreiter war Christoph Wahler mit D’Accord FRH, ein weiterer Diarado-Sohn, Fünfter nach dem Gelände. Im Parcours musste das Paar dann zwei Abwürfe und 1,2 Zeitfehler hinnehmen. Da litt das Publikum mit dem Hengsthalter aus der Lüneburger Heide. 37,4 Minuspunkte – Platz 16.
Bronze an die USA
Eng ging es hinter Platz zwei zu. Das US-Team, nach dem Gelände noch auf Platz fünf, profitierte von mehreren Springfehlern der Equipe aus der Schweiz. Am Ende landete William Coleman mit Diabolo v. Diarado auf Platz vier (30,0). Boyd Martin und Cooley Nutcracker, das Pferd, das vor ihrem Unfall noch mit Liz Halliday 19. bei den Spielen von Paris geworden war, wurden 13. (37,3), Philipp Dutton und Denim (46,2/27) war der dritte Reiter in der Wertung.
Auf den weiteren Plätzen folgten die Iren vor der Schweiz und Neuseeland. Diese drei Teams plus Schweden und Belgien haben sich für die Olympischen Spiele in Los Angeles qualifiziert. Sieben Teams konnten sich die Teilnahme sichern. Weil die USA als Gastgeber gesetzt sind, freuten sich die Belgier über ihr Ticket für L.A.
Nullfehlerritte
Es hatte lange gedauert bis die Neuseeländerin Jonelle Price mit dem Holsteiner Senor Crocodillo v. Connor die erste Nullrunde im Parcours lieferte. Am Ende bleiben 13 Paare ohne Fehler. Fünf weitere Kombinationen, darunter Malin Hansen-Hotopp kamen mit Zeitfehlern ins Ziel.