WM Vielseitigkeit Aachen 2026: Michael Jung Weltmeister, Briten gewinnen Mannschaftsgold, Silber für Deutschland, Bronze an USA

WM Aachen: Michael Jung ist Weltmeister, Deutschland gewinnt Silber hinter den Briten

Vielseitigkeit
Chipmunk hat sich ein bisschen bekleckert, aber das darf ein Weltmeister!
Foto: sportfotos-lafrentz.de Chipmunk hat sich ein bisschen bekleckert, aber das darf ein Weltmeister! Foto: sportfotos-lafrentz.de
Sie haben es geschafft! Michael Jung und fischerChipmunk FRH sind Weltmeister vor Rosalind Canter (GB) und Laura Collett. Deutschland gewinnt die Mannschafts-Silbermedaille hinter den Briten. Die USA gewinnen Bronze.

Ein Moment für die Geschichte bei der Weltmeisterschaft Vielseitigkeit in Aachen: Michael Jung und Chipmunk haben es geschafft. Mit 18 Jahren trug der Hannoveraner aus der Zucht der ZG Meyer-Kulenkamp Michael Jung zum Titel Weltmeister.


„Michi“ und „Chip“ machten es spannend. Beim Aussprung der zweiten zweifachen Kombination, 5b, und am folgenden Oxer, 6, berührte der Wallach die Stangen. Da ging ein Raunen und Stöhnen durchs Stadion. Aber alle Stangen blieben liegen: Null Fehler, 23,0 Punkte aus der Dressur bis in Ziel gebracht – Weltmeister! Sprachlos sei er, sagte Michael Jung im Anschluss: „Es ist ein Traum, ihn zu reiten“.


Emotionale Silbermedaille für Deutschland


Mit der fehlerfreien Runde stand auch fest: Das deutsche Team gewinnt Silber bei der WM Vielseitigkeit in Aachen. 95,6 Zähler hatten die Deutschen, 84,9 die Briten. An das auf ein Trio geschrumpfte Team kam die deutsche Abordnung nicht heran. Denn dieses Trio hatte es in sich: Rosalind Canter und Lordship’s Graffalo gewannen Einzelsilber (23,4), Laura Collet mit London nach einem Abwurf im Parcours Bronze (28,0) und Tom McEwen wurde mit dem Diarado-Sohn Dublin Siebter (32,6).


In Tränen aufgelöst war Julia Krajewski – vor Freude. Als sie heute morgen in die Holding Box habe sie nur gedacht: „Nicht euer Ernst!“ Als die Silbermedaille dann save war, war sie ziemlich überwältigt von ihren Emotionen. „Ab Paris war das nächste Ziel Aachen. Nickels Besitzer, der Professor (Prof. Dr. Bernd Heicke, Anm. d. Red.) ist ja schon 90 und das war sein Traum und etwas, was ihn richtig motiviert hat, dass Nickel hier in Aachen geht bei der Heim WM. Wenn so ein Ziel dann nach und nach erarbeitet wird – das geht ja nicht von allein. Keiner, der hier ist, hat sich das letzte Woche überlegt. Und dann ist man hier und dann liefert man ab, dann ist eine Medaille zum Greifen nah und dann hat das Pferd eine Silbermedaille gewonnen – da muss ich einfach weinen …“ In diesem Moment flossen die Tränen bereits.


Warum das gerade mit Nickel so besonders ist? „Mandy war halt eine Maschine, die liefert einfach ab. Aber Nickel ist so ein Kumpel – das ist, wie wenn dein bester Freund eine Medaille gewinnt.“ Dann kurz schlucken: „Abgesehen davon finde ich es einfach nur geil, wie Michi den Sack zugemacht hat. Das fühlt sich schon sehr nach einer Teammedaille an und zwar nicht nur für vier Leute, sondern für 50. Und ich glaube, deswegen sind auch alle sehr sehr ergriffen gerade.“


Einzelsilber für Rosalind Canter und Lordship’s Graffalo


Die mit Einzelsilber dekorierte Britin Ros Canter hatte Videos von ihrem Badminton-Sieg in der Vorbereitung geguckt. Einfach nur, um sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was für ein Ausnahmepferd „Walter“ ist. Der Sohn des Trakehners Grafenstolz, den Michael Jung einst in den internationalen Sport geritten hatte, beendete die Weltmeisterschaft in Aachen mit ihrem Dressurergebnis von 23,4 Strafpunkten.


Bronze für die Olympia-Zweiten


Laura Collet sitzt seit zehn Jahren im Sattel des Holsteiners, der auf der Insel Föhr zur Welt gekommen ist. Diese Routine merkte man dem Paar an. Ein Ritt aus einem Guss – bis kurz vor Schluss. Da kam die Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Paris vollkommen unpassend zum drittletzten Oxer. Doch der Abwurf änderte nichts am Ranking – 28,0 Strafpunkte, Bronzemedaille in der Einzelwertung.


Briten gewinnen auch zu dritt


Die Dominanz der Briten im Vielseitigkeitssport ist nicht zu leugnen. Selbst der Ausfall der vierten Teamreiterin Gemma Stevens, deren Flash Cooley partout nicht ins Coffin springen wollte, gefährdete den Mannschaftssieg nicht.


Der Weg zum Silber


Es war eine starke deutsche Mannschaftsleistung. Immer wieder hatten alle vier Teamreiter betont, dass dies ein Mannschaftswettbewerb sei. Dem ordneten sich alle unter. Belohnt wurde der Teamspirit mit der Silbermedaille.


Malin Hansen-Hotopp und Carlitos Quidditch K


Als die Holsteinerin mit Wohnsitz Mecklenburg-Vorpommern ins Stadion kam, war klar: Fehlerfrei war wichtig für die Mannschaft, weil Julia Krajewski und Nickel einen Abwurf kassiert hatten. Der Holsteiner Quidditch begann stark, mit einem Riesensatz über Sprung drei, einen rot-weißen Oxer. Auch die zweifachen Kombinationen waren kein Problem. Anschließend wurde es dann aber einmal richtig brenzlig. Der Schimmel kam sehr dicht an einen Busch-Oxer (6). Aber wer dicht kommt, muss halt höher springen – das tat der Quiwi Dream-Sohn. Dann blieben alle Stangen liegen, nur die Zeit schaffte das Paar nicht ganz. 33,0 Minuspunkte, Platz neun individuell. Weil die Schweizerin Melody Johner mit der Stute Erin zwei Abwürfe im Anschluss zu verzeichnen hatte, war der Abstand auf das Team Schweiz, zu dem Zeitpunkt auf Rang drei, größer geworden.


Julia Krajewski und Uelzener’s Nickel – ein Abwurf, Platz 17


Nach der Schrecksekunde am Vormittag, als Nickel in die Holding Box geschickt worden war, kam das Paar konzentriert in die Arena galoppiert. Flüssig waren die beiden unterwegs. Der Holsteiner sprang mit flinkem Vorderbein. Abgesehen von der Kehrtwendung vorm Einritt, in der Nickel im Kreuzgalopp durch die Wendung galoppierte, sah alles souverän aus. Doch die Distanz von der Triplebbare (9) zum weiß-blauen Steilsprung mit einer schmalen Planke zuoberst, wurde etwas weit – die Hinterhand nahm die Planke mit. Damit beendete das Paar die WM, das sie als Führende in der Dressur begonnen hatten, mit 39,6 Strafpunkten auf Platz 17


Libussa Lübbeke und Caramia FRH


Bei Libussa Lübbeke und Caramia FRH klapperte es schon am ersten Sprung. Die Hannoveraner Stute touchierte leicht mit der Hinterhand, ein „Hallo wach“. Auch 5 a, der Steilsprung, wackelte gefährlich, am Oxer 11 kam das Paar dann etwas zu dicht heran, Abwurf. Geklappert hatte es aber noch häufiger. Nicht überraschend für die Reiterin. „Wir wissen, dass das nicht ihre Paradedisziplin ist, wir kennen sie und man muss einfach der Ruhe vertrauen. Sie braucht unheimlich viel mentale Unterstützung, so eine haltende Hand, die sie durch den Parcours trägt und das haben wir heute ganz gut hingekriegt.“ Deswegen schließt sich die WM auch mit einem guten Gefühl ab. „Man ist immer gerne null. Aber das Pferd hat schon so viel geleistet, mehr als wir uns jemals erträumt hätten. Von daher ist das alles, alles super!“


Familienprojekt Caramia FRH


Mit 61,1 Strafpunkten, Platz 41 in der Einzelwertung, beendete das Paar sein WM-Debüt. 2016 ist die damals sechs Jahre alte Stute unter Fritz-Ludwig Lübbeke, Libussas Bruder ihre erste internationale Prüfung gegangen, ein CCI1*.  Nach der EM der ländlichen Reiter 2019 übernahm dann Libussa das bei der Familie geborene Pferd. Damals war sie 18 Jahre jung. Die Weltmeisterschaft Vielseitigkeit in Aachen war die 55 internationale Prüfung der Hannoveraner Stute. Sie hat jeden Geländeritt beendet. Eine Statistik, die wenige Pferde aufweisen können. 2022 gewannen die beiden bei den Jungen Reitern die Mannschafts-Silbermedaille, im vergangenen Jahr wurden sie im Seniorenlager Europameister mit dem deutschen Team. Und jetzt Teamsilber bei der Vielseitigkeits-WM in Aachen!


Platz 16 für Christoph Wahler und D’Accord FRH


Als Einzelreiter war Christoph Wahler mit D’Accord FRH, ein weiterer Diarado-Sohn, Fünfter nach dem Gelände. Im Parcours musste das Paar dann zwei Abwürfe und 1,2 Zeitfehler hinnehmen. Da litt das Publikum mit dem Hengsthalter aus der Lüneburger Heide. 37,4 Minuspunkte – Platz 16.


Bronze an die USA


Eng ging es hinter Platz zwei zu. Das US-Team, nach dem Gelände noch auf Platz fünf, profitierte von mehreren Springfehlern der Equipe aus der Schweiz. Am Ende landete William Coleman mit Diabolo v. Diarado auf Platz vier (30,0). Boyd Martin und Cooley Nutcracker, das Pferd, das vor ihrem Unfall noch mit Liz Halliday 19. bei den Spielen von Paris geworden war, wurden 13. (37,3), Philipp Dutton und Denim (46,2/27) war der dritte Reiter in der Wertung.


Auf den weiteren Plätzen folgten die Iren vor der Schweiz und Neuseeland. Diese drei Teams plus Schweden und Belgien haben sich für die Olympischen Spiele in Los Angeles qualifiziert. Sieben Teams konnten sich die Teilnahme sichern. Weil die USA als Gastgeber gesetzt sind, freuten sich die Belgier über ihr Ticket für L.A.


Nullfehlerritte


Es hatte lange gedauert bis die Neuseeländerin Jonelle Price mit dem Holsteiner Senor Crocodillo v. Connor die erste Nullrunde im Parcours lieferte. Am Ende bleiben 13 Paare ohne Fehler. Fünf weitere Kombinationen, darunter Malin Hansen-Hotopp kamen mit Zeitfehlern ins Ziel.


 


Zweimal hat es laut geklappert, das ganze Stadion hielt den Atem an. "Ich auch", sagte Michael Jung. Foto: sportfotos-lafrentz.de Zweimal hat es laut geklappert, das ganze Stadion hielt den Atem an. "Ich auch", sagte Michael Jung. Foto: sportfotos-lafrentz.de
16 Sprünge zum Gold … Foto: sportfotos-lafrentz.de 16 Sprünge zum Gold … Foto: sportfotos-lafrentz.de
Das letzte Hindernis geschafft, und dann waren die Olympiasieger auch noch Weltmeister. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans Das letzte Hindernis geschafft, und dann waren die Olympiasieger auch noch Weltmeister. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans
They did it – und die Kiss & Cry Corner kissed und cried. Foto: sportfotos-lafrentz.de They did it – und die Kiss & Cry Corner kissed und cried. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Zwei Champions nach getaner Arbeit. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans Zwei Champions nach getaner Arbeit. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans
Und das überglückliche deutsche Team mit Equipechefin Dr. Annette Wyrwoll. "Diese Medaille ist für Peter" gingen Grüße an Bundestrainer Peter Thomsen raus, der weiter auf dem Weg der Besserung ist. Nun sicherlich noch schneller. Foto: sportfotos-lafrentz.de Und das überglückliche deutsche Team mit Equipechefin Dr. Annette Wyrwoll. "Diese Medaille ist für Peter" gingen Grüße an Bundestrainer Peter Thomsen raus, der weiter auf dem Weg der Besserung ist. Nun sicherlich noch schneller. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Die drei Medaillengewinner der WM 2026 in der Vielseitigkeit: Gold – Michael Jung/Chipmunk, Silber – Ros Canter/Lorships Graffalo, Bronze – Laura Collett/London. Foto: sportfotos-lafrentz.de Die drei Medaillengewinner der WM 2026 in der Vielseitigkeit: Gold – Michael Jung/Chipmunk, Silber – Ros Canter/Lorships Graffalo, Bronze – Laura Collett/London. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Nicht nur in der Kiss & Cry wurden der Michinator und sein kongenialer Superstar Chipmunk gefeiert. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans Nicht nur in der Kiss & Cry wurden der Michinator und sein kongenialer Superstar Chipmunk gefeiert. Foto: sportfotos-lafrentz.de/Dirk Caremans

Ein bisschen Statistik zur WM-Vielseitigkeit 2026


59 Pferde waren am Sonntag ins Stadion galoppiert. Ursprünglich waren 86 Paare angetreten, zwei hatten bereits vor dem Geländetag ihren Verzicht erklärt. 17 Reiterinnen/Reiter-Pferd-Kombinationen schieden im Gelände aus, darunter auch zwei, die wegen MJ (Missed Jump) den Kurs nicht beendeten, weil sie im Zahlengewirr nach einem Problem nicht den richtigen nächsten Sprung überwunden hatten. Zwei gaben auf. Sechs weitere wurden zur Verfassungsprüfung am Sonntagvormittag nicht mehr vorgestellt. Drei Pferde, darunter auch Julia Krajewskis Nickel waren in die Holding Box gebeten worden, hörten aber im Anschluss das erwünschte „accepted“.


Geländeklippen


Das fehlerträchtigste Hindernis war Sprung 9, die Sunken Road, die auf das Coffin (8) folgte. Dort und auch an der „Longines Challenge“, dem Tiefsprung mit zwei schmalen Ecken, gab es außerdem am häufigsten Probleme. Fünfmal wurde das Sicherheitssystem MIM ausgelöst, acht Reiterinnen oder Reiter mussten unfreiwillig den Sattel verlassen. (Hier geht’s zum Fence Report).


Gute Nachrichten gibt es von der Stute Zinny des Italieners Paolo Torlonia. Sie hat sich nur eine Weichteilverletzung zugezogen, wie die FEI mitteilt, und ist in Behandlung.




Endergebnis Weltmeisterschaft Vielseitigkeit 2026


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