Alle reden von Hitzestress. Die Vielseitigkeitsreiter haben ganz anderen Stress, wie Andreas Dibowski berichtet. Schuld ist das WM Vielseitigkeits-Gelände: „Wir sind tatsächlich seit drei Tagen – und das hört sich total verrückt an – vorwiegend damit beschäftigt, die Nummern und Buchstaben der Hindernisse zu sortieren.“ Das klingt nur so lange verrückt, wie man den Kurs nicht abgegangen ist. Das WM Gelände von Aachen umfasst nämlich nicht nur die Hindernisse 1 bis 28 mit den Buchstaben A, B, C, D in den Komplexen, die sich auch noch farblich unterscheiden, sie sind teilweise auch als AB, BC, CD, manchmal auch ABC gekennzeichnet. Warum?
Dibo erklärt
Die Farbunterschiede sind schnell erklärt: Grüne Schilder markieren den direkten Weg, rote die langsamere Alternative.
Was die Buchstabenkombinationen angeht, erklärt der 2008er Mannschaftsolympiasieger und Geländetrainer Dibowski: „Man will verhindern, dass der softere Weg begonnen wird und man dann den direkten Weg reitet. Man hat zum Beispiel auf dem direkten Weg einen Einsprung AB und als direkten Sprung C. Kommt man aber von der anderen Seite, hat man nur A und kann nicht gleich zu C reiten, weil man dann hätte man B nicht gesprungen – es gibt also noch ein B woanders, um dann C zu springen.“
Klingt Kompliziert? Findet Andreas Dibowski auch: „Das ist intellektuell eine extreme Herausforderung für die Reiter und auch für die Trainer, weil wir wirklich wieder und wieder mit den Reitern durchgehen müssen: Was passiert, wenn es passiert?“
WM Vielseitigkeit Gelände: „intellektuelle Herausforderung“
So lange die Reiter sich für einen Weg – ob nun den direkten schnellen Weg oder die sichere Alternative – entscheiden und die Pferde springen alles, besteht kein Problem. Sollte aber ein Vorbeiläufer passieren, müssen die Reiter blitzschnell schalten und erkennen, welchen alternativen Weg sie einschlagen dürfen, um kein Hindernis auszulassen und auszuscheiden oder verbotenerweise doppelt zu springen und Strafpunkte zu kassieren.
Konkret: Hat man beispielsweise einen Stopp am zweiten Sprung eines Komplexes, muss man überlegen: An welchem Buchstaben ist das passiert, was wurde schon gesprungen? Denn hat man z. B. einen Weg gewählt mit einem Einsprung AB, darf man nicht als nächstes einen Sprung BC anreiten. In diesem Fall hätte man B zweimal gesprungen und bekäme 20 Strafpunkte – ebenso viel wie für eine weitere Verweigerung, obwohl man keine hatte.
Gut gemeint – aber auch gut gemacht?
Der Gedanke von Course Designer Guiseppe della Chiesa: überall Alternativen anbieten, damit auch die weniger erfahrenen Reiter eine Chance haben, ins Ziel zu kommen. Das ist löblich. Andreas Dibowskis persönliche Meinung: „Das ist extrem herausfordernd und belastend für die Reiter. Wenn die Stresssituation kommt, gibt es immer wieder Reiter, die falsch reagieren und eliminiert werden. Ich finde, das braucht man nicht – das ist eine zusätzliche Verkomplizierung und eine Entwicklung, über die ich persönlich nicht ganz glücklich bin.“
Es habe auch Diskussionen mit dem Parcourschef darüber gegeben, „dass das wirklich too much ist“, wie Dibowski sagt. Aber: „Die Leute machen sich ja Gedanken und haben es dann auch erklärt und am Ende ist es unsere Aufgabe, den Reitern zu sagen, wo sie langreiten sollen.“ Die Crux: „Die haben ein, zwei Jahre Zeit, sich Gedanken darüber zu machen und wir müssen es sofort verstehen.“
Zu den Aufgaben
Abgesehen von den Denkaufgaben, die der Kurs stellt, findet Dr. Annette Wyrwoll, die Vorsitzende des Vielseitigkeitsausschusses und Teilnehmerin der olympischen Vielseitigkeit in Sydney 2000, das Gelände – zumindest auf den direkten Wegen – „sehr schwer“. Und zwar nicht von der Höhe, sondern in technischer Hinsicht. Da habe der Kurs 5*-Niveau. Oder insgesamt dann eben „4* plus plus“, wie es der britische Equipechef Richard Waygood formulierte.
Das Coffin
Besondere Herausforderungen sehen Wyrwoll und Dibwoski unter anderem im Coffin, das als Hindernis 8 sehr früh im Kurs kommt. Aber eigentlich warten die Herausforderungen vom ersten bis zum letzten Sprung, betont Andreas Dibowski. Die Reiter seien extrem gefordert, in ihre Pferde hineinzufühlen. Ein Beispiel: „Wenn die Pferde am Coffin vielleicht etwas unglücklich gelandet sind, werden sie am nächsten Hindernis, der Sunken Road, eventuell zögern, in die Tiefe zu springen.“ Da könne es also sinnvoll sein, von vornherein die längere Alternative zu nehmen und lieber wenige Zeitfehler als definitiv 20 Strafpunkte für einen Vorbeiläufer zu riskieren.
Allianz Wasser I & II
Ein anderes Beispiel ist Hindernis 11, der erste Wasser Komplex, wo zwei Hecken auf einer weiten Drei-Galoppsprünge-Distanz ins kühle Nass führen. Der Einsprung ist massiv und Dibowski sagt: „Die Dreier-Distanz ist extrem weit. Da wird man viele Pferde haben, die auch mal vier machen – was auch überhaupt gar kein Problem ist. Erst wenn ein Reiter dann auf groß losspringen will und das Pferd bricht den Sprung ab und stößt sich vielleicht das Knie.“
Denn auch wenn das Pferd die darauffolgende Triplebarre auf einer längeren Galoppstrecke danach genauso mutig anzieht wie zuvor das Wasser – danach wartet der gleiche Wasserkomplex als Hindernis 13, nur mit anderen Sprüngen und aus einem anderen Winkel. Dibowski: „Dann muss ich genau überlegen, wie doll hat das Pferd etwas mitgenommen aus dem ersten Wasser, weil dann der direkte Weg nochmal mehr in die Tiefe und nochmal mehr übern Sprung geht. Da sind die Reiter schon sehr gefordert, sich einzufühlen, was ist nötig und was ist sicherer.“
Die Logines Challenge
Auch Hindernis 17, die „Longines Challenge“, regelmäßigen Aachen-Besuchern besser bekannt als „Normandie Bank“, gehört zu den Hindernissen, die den Reitern Kopfzerbrechen bereiten. Dabei ist der Drop, der Tiefsprung, von der Kante nur der Anfang. Auf dem direkten Weg wartet dahinter eine im sehr spitzen Winkel schräg zu springende Hecke und danach etwas versetzt ein Arrowhead mit Bürste von den Dimensionen eines handelsüblichen Küchenstuhls.
„Das ist eine Herausforderung, aber es ist nicht unmöglich“, findet Dibowski. „Die Pferde springen runter, gehen bergab, die sind erstmal ein bisschen kürzer im Galopp. Die Distanz von der schrägen Hecke zu dem schmalen ist normal eine positive Geländedistanz. Aber durch den Weg dahin – das Pferd landet und muss erstmal auf die Füße, dann die Wendung. Vorteil: Es ist ein bisschen wie eine Steilkurve auf der Carrerabahn. Die Pferde werden da nicht rutschen. Aber der Reiter weiß, er muss da im Vorwärts rein und Boden gewinnen. Das kann bei einigen Reitern zu Stress führen und dazu, dass sie im falschen Moment losreiten und dann ins Loch reiten.“
Was Reitersprech ist für: Der Absprungpunkt ist zu weit weg, als dass das Pferd losspringen könnte, also macht es einen kleinen Galoppsprung dazu. Ergebnis: Das Pferd muss sich über das Hindernis schrauben, der ganze Fluss ist unterbrochen.
Wie Dibowski berichtete, sieht auch der langjährige Aachener Chef Aufbauer Rüdiger Schwarz diesen direkten Weg als die schwierigste Aufgabe an, die sich sein Nachfolger Giuseppe della Chiesa für die WM Reiter hat einfallen lassen.