Christoph Wahler und D’Accord FRH – dieses WM-Pferd hat einen Vogel 

Feature 13.08.2026
D'Accord FRH und seine gefiederte Freundin Chiquitita. D'Accord FRH und seine gefiederte Freundin Chiquitita.
Liebe auf den ersten Blick war es nicht, als sich die Wege von Christoph Wahler und D’Accord FRH das erste Mal kreuzen. Vier Jahre, zwei Fünf-Sterne-Platzierungen unter den Top Ten und drei Medaillen bei Deutschen Meisterschaften fahren die beiden zur Weltmeisterschaft nach Aachen. Züchter-Familie von Paepcke hatte lange Zeit den Eindruck, einen „Schwervermittelbaren“ im Stall zu haben.

Groß. Sehr groß! Zu groß? Als D’Accord 2012 bei Familie von Paepcke zur Welt kommt, sind das die ersten Gedanken. Und: Ist das ein Pferd, das sich für den Vielseitigkeitssport eignet? Diese Frage stellte sich auch, als der hochaufgeschossene braune, Diarado-Sohn kein Jungpferd mehr ist.


Vielleicht liegt es auch daran, dass die Erwartung groß sind, die auf dem Braunen lasten. Seine Mutter Anette v. Aarking xx-Walhall war selbst ein, wie Hendrik von Paepcke sich erinnert, äußerst arbeitseifriges Pferd, „manchmal etwas crazy“, mit einer besonderen Energie. Ein Pferd, dessen Championatskarriere nichts im Weg gestanden hätte. Doch eine Verletzung verhinderte den Traum von einem eventuellen weiteren Olympiastart. Hendrik von Paepke war 1996 in Atlanta Siebter mit dem Wallach Amadeus, auch ein Hannoveraner.


Außerdem ist da ja noch C’est la vie, der vier Jahre ältere Halbbruder von D’Accord. Er stammt von Contendro ab. „Vielleicht das beste Pferd auf dem ich je gesessen habe,“ so Hendrik von Paepcke. Der muss es wissen. Mit Amadeus FRH war er immerhin Siebter bei den Olympischen Spielen von Atlanta 1996. C’est la vie war unter Hednrik von Paepcke Finalist beim Bundeschampionat der Sechsjährigen, ging später unter Ben Leuwer und wurde dann in die USA verkauft. Er war in mehreren Fünf-Sterne-Prüfungen am Start.


Der – ein Vielseitigkeitspferd?


Während von C’est la vie geschwärmt wird, verstummen die Gespräche, wenn sein Bruder ins Spiel kommt. Andreas Brandt, der die Jungpferde für Familie von Paepcke anreitet und in den Turniersport bringt, winkt ab. Den Gedanken, dass es sich bei D’Accord um ein Vielseitigkeitspferd handeln könnte, könne man getrost vergessen. Was aber tun mit dem Baunen?


Christoph Wahler und D'Accord. Foto: Archiv sportfotos-lafrentz.de
Christoph Wahler und D’Accord. Foto: Archiv sportfotos-lafrentz.de

Irgendwann, da ist D‘Accord schon fünf Jahre alt, setzt sich Hendrik von Paepcke eher durch Zufall einmal selbst in den Sattel. Da hat der Wallach schon erste Turniererfahrungen. Was von Anfang an nicht in Abrede stand: Der Diarado-Sohn verfügt über besonders viel Vermögen. Aber reicht das? Auch Hendrik von Paepcke weiß ich nicht sicher, was mit dem Zuchtprodukt seiner Mutter anzustellen ist. „Aber dann habe ich ihn einmal bei uns draußen auf dem Außenplatz galoppiert. Schneller galoppiert, nicht das Tempo, das man aus Springpferdeprüfungen gewöhnt ist, und da war ich überrascht.“ Überrascht, weil es sich so anders anfühlt, als es von unten ausgesehen hatte. Besser, viel besser!


Nächste Ansprechpartnerin: Malin Petersen, die hatte schon die Mutter geritten. Aber der Sohn? Sie vergleicht den aus einer Halbblutstute stammenden Hannoveraner mit einem prominenten Savannenbewohner aus Afrika …


Peter Thomsen denkt sich in den Youngster hinein


Doch Peter Thomsen, damals noch kein Bundestrainer, kann sich ein bisschen in den großen Wallach hineindenken. Vermögen, große Galoppade, großes Pferd – so etwas braucht Zeit. Zeit, um langsam in seinem Körper anuzkommen. Hendrik von Paepcke und Peter Thomsen kommen überein, dass der Wallach im Stall von Thomsen weiter ausgebildet werden soll. In seinen Sattel steigt Svenja Eckert. Die bereitet sich zu dem Zeitpunkt im Stall von Thomsen auf ihre Pferdewirtschaftsmeisterprüfung vor. Dazu bedarf es eines Pferdes, dessen Ausbildungsgang genau dokumentiert wird. Und das dann auch bei der Prüfung in Warendorf mit von der Partie ist.


Svenja Eckert bildet den Wallach vielseitig aus reitet ihn schlussendlich bis auf Drei-Sterne-Niveau.


Es muss etwas geschehen


Irgendwann ist der Wallach dann neun Jahre alt und es muss etwas geschehen. Potenzielle Käufer stehen nicht eben Schlange. Im Gegenteil. Und probiert jemand den Diarado-Sohn aus, kommt kein Geschäft zustande.


Wiederum ist es Peter Thomsen, der mit einer Idee um die Ecke kommt: Christoph Wahler habe aktuell neben seinem Schimmel Carjatan S kein weiteres Pferd für Vier-Sterne-Aufgaben. Vielleicht würden der Wallach und der junge Mann aus der Lüneburger Heide ja zusammenpassen.


Das Ausprobieren findet auf der Reitanlage von Andreas Dibowski in Döhle statt. Dort erinnert sich D’Accord spontan daran, dass er als junges Pferd eher wenig begeistert davon war, Gräben zu springen.


„Puh, ganz schön groß und ganz schön kantig“


Christoph Wahler ist zwar nicht ganz so ablehnend wie „mehr als 20 andere, die nach dem Ausprobieren nicht einmal eine Ankaufsuntersuchung angestrebt haben“, erinnert sich Hendrik von Paepcke. Aber Begeisterung sieht anders aus. „Puh, mein erster Gedanke war, der ist ganz schön groß und ganz schön kantig. Ich habe mir gedacht, das kann ein Haufen Arbeit werden. Aber was mich eben dann auch gereizt hat, war, dass man schon gemerkt hat, wie viel Vermögen er hatte, wie viel Spring-, aber auch Galoppiervermögen. Und dass er eine sehr, sehr interessante Einstellung hat“, erinnert sich der Mannschaftsweltmeister von 2022 im Rückblick.


Hendrik von Paepcke, dem allmählich auch die Ideen ausgehen, fragt Christoph Wahler, ob er sich vorstellen könne, das Pferd erst einmal in Beritt zu nehmen. Wahler stimmt zu und hat dann doch ein Ziel, das er schon zu diesem Zeitpunkt formuliert: Luhmühlen.


Einstellung vom Allerfeinsten


Christoph Wahler muss nicht lange überlegen, was den Wallach auszeichnet: „Wenn er etwas begriffen hatte oder wenn er das machen wollte, dann ist er eigentlich nicht aufzuhalten und will unheimlich gefallen. Das war auch am Anfang schon so.“ Einmal mehr bewahrheitet sich die Erkenntnis: Prüfungen werden zwischen den Ohren gewonnen.


Nach kleineren Prüfungen geht das Paar Ende Mai 2022 das erste Mal auf Vier-Sterne-Niveau an den Start. In Baborowko addieren sich 68,8 Minuspunkte – 23,6 Minuspunkte aus dem Cross, zwei Abwürfe im Parcours, Platz 20.


Premiere Luhmühlen


Doch wenige Wochen später bei der ersten Deutschen Meisterschaft in Luhmühlen, die die beiden bestreiten, läuft es schon deutlich besser. 28 „Miese“ aus der Dressur, fünf Sekunden über der Zeit im Gelände – die fünftbeste Runde in der internationalen Prüfung. Am Ende Achter und Platz sechs in der Meisterschaftswertung.


Plötzlich rückt der Wallach, den noch vor einem Jahr niemand haben wollte, in den Blickpunkt. Als ein „recht konkretes Angebot“ für D’Accord vorliegt, bespricht sich Christoph Wahler mit Hendrik von Paepcke, dessen Frau Karen und auch Stefan Haupt, Finanzbanker aus London, ist mit an Bord. „Gott sei Dank haben sie entschieden, dass sie ihn behalten wollen und wir dann versuchen, gemeinsam den Weg zu gehen und mal zu schauen, wie weit wir kommen können“, erinnert sich Wahler an das schicksalhafte Gespräch.


Aha-Moment beim Debüt in Boekelo


2023 wird es ernst: D’Accord muss sich beweisen. Und soll er eine internationale Championatskarriere anstreben, muss er ein „Quali-Ergebnis“ haben, sprich eine Platzierung in einer „langen“ Vier-Sterne-Prüfung. Bevor die ansteht, geht es erstmal wieder nach Luhmühlen. Wieder Deutsche Meisterschaften – Silbermedaille! Nun also ein CCI4*-L. Die Wahl fällt auf das niederländische Boekelo. Eine Traditionsprüfung, berühmt auch dafür, dass das Wetter dort im Oktober „vreselijk“, furchtbar, sein kann. Regen, Wind, Kälte – der Boden muss einiges aushalten in dem Dorf bei Enschede unweit der Grenze zu Deutschland. Reiterinnen, Reiter und Pferde auch.


In illustrem Starterfeld die besten Deutschen


Die beiden werden Zwölfte, sind die beste deutsche Kombination. Der Franzose Nicolas Touzaint gewinnt mit seinem späteren Olympiapferd Diabolo Menthe. „In Boekelo merkte man schon, wie unfassbar leicht D’Accord in einer langen Prüfung in die Zeit laufen kann“, sagt Christoph Wahler. „Und Kentucky ein Jahr darauf war es dann ja definitiv klar, dass der das gesamte Potenzial hat, um die die schwersten Prüfungen der Welt zu gehen“. Im Kentucky Horse Park bei Lexington mit seinem welligen bis hügeligen Terrain gibt das Paar 2024 sein Fünf-Sterne-Debüt.  Die beiden sind nur eines von zwei Paaren, das über die Strecke im Pferdestaat Kentucky innerhalb der Optimum Time galoppiert – Platz neun, ein Ritterschlag.


Siebter in Badminton


Ritterschläge zu steigern ist per se eigentlich unmöglich. D’Accord und Christoph Wahler gelingt es dennoch, 2025 in Badminton. Bei der schwersten Vielseitigkeitsprüfung der Welt kommen sie wieder nicht nur ohne Hindernis-, sondern auch ohne Zeitfehler ins Ziel. Im Springen fallen zwei Stangen – und das Paar beendet Badminton auf Platz sieben!


D’Accord FRH – ein Championatspferd


Christoph Wahler und D’Accord FRH beim Vet-Check bei der Weltmeisterschaft in Aachen. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Die Leistungen des Hannoveraners sprechen für sich. Platzierungen auf Fünf-Sterne-Niveau haben nicht sehr viele deutsche Pferde auzuweisen. Von Top Ten-Platzierungen in Badminton ganz zu schweigen. Aber ein Teampferd für Deutschland? Christoph Wahler kann, die Nominierung für die WM in Aachen nach dem Sieg in Avenches in der Tasche, entspannt die Leistungsschwerpunkte des Aarking xx-Sohns analysieren: „Mit der Dressur und dem Springen habe ich ihn jetzt nicht von vornherein als Championatspferd für Deutschland im Sinn gehabt. Aber ich glaube, er kommt über seine Konstanz. Dass, wenn er an Wettbewerben teilnimmt, er die meistens auch sehr gut beendet.“


Nicht immer auf der Sonnenseite unterwegs


Auch wenn sich Höhepunkte – Kentucky, Badminton, eine Silber- und zwei Bronzemedaillen bei Deutschen Meisterschaften – anhäufen. Die beiden kennen auch die andere Seite des Sports. Die zweite Hälfte des Jahres 2025 hatte davon einige zu bieten. Da wollte es das Team um D’Accord wissen und peilte auch noch einen Start in Burghley an, der zweiten großen Traditionsvielseitigkeit in England. Einige sagen, sie sei noch schwerer als Badminton. „Der Tiefschlag war mit Sicherheit Burghley, wo wir es einfach beide zusammen als Paar, glaube ich, ein Stück weit übertrieben haben mit diesem ganzen Schnellreiten im Gelände und ich dann dafür die Quittung bekommen habe.“  An Hindernis 14, einem von den Burghley Türmen begrenzten Oxer, endete die Reise der beiden. Beim Start in Boekelo verletzt sich der Wallach wenige Wochen darauf – Zwangspause.


2026: D’Accord meldet sich zurück


„Und Chrischi und D’Accord?“ Wenn irgendwo in Buschreiterkreisen in der ersten Jahreshälfte 2026 schon einmal über die potenzielle Zusammensetzung eines WM-Teams gefachsimpelt wird, dann kommt unweigerlich irgendwann diese Frage auf.


Die Antwort geben die beiden in Luhmühlen, wo sie im CCI4*-S ihren ersten Start in der Saison 2026 absolvieren. Sie beenden als Elfte im Feld und gewinnen ihre zweite DM-Bronzemedaille. „Jetzt bin ich unfassbar froh, den so schnell wieder gesund und fröhlich im Stall stehen zu haben“, sagt Christoph Wahler. Und noch fröhlicher kommt er aus Avenches zurück als Sieger des CCIO4*-S NC.


D’Accord privat


Neben Familie von Paepcke, Stefan Haupt und „Chrischi“ Wahler gibt es noch eine Konstante im Leben von D’Accord: Seit einem Jahr begleitet Magdalena Lidenholm das Paar. Die Schwedin ist eine international versierte Pflegerin. Sie hat schon auf dem Schafhof gearbeitet. Bei den Olympischen Spielen in Paris hat sie Daniel Bachmann Andersen und Vayron auf dem Weg zur Team-Silbermedaille in der Dressur begleitet.


„Er ist einfach ein gentle giant, ein freundlicher Riese“, fasst die Schwedin D’Accords Charakter zusammen. „Anfangs war er etwas zurückhaltend, aber wenn er erstmal Vertrauen gefasst hat, dann macht er alles für einen. Er ist ein freundliches Pferd, das es liebt, seine Menschen um sich zu haben. Auch zu anderen Pferden ist er immer freundlich.“


Das Pferd hat einen Vogel


Und die Sympathie beschränkt sich nicht nur auf andere Pferde. Seit einigen Wochen hat D’Accord nämlich eine Freundin: Chiquitita. Sie ist ein Huhn vom Nachbarn. Chiquitita kommt morgens, „nach dem Frühstück“, wie Magdalena sagt. Sie bleibt dann bis in den Nachmittag und verabschiedet sich dann wieder nach Hause. Den Rest der Zeit verbringen die beiden gemeinsam. Häufig steht die Henne dabei unter D’Accords Bauch in der Hoffnung, dass er etwas „Futter“ fallen lässt. Das ein oder andere Ei hat Chiquitita auch schon in D’Accords Box zurückgelassen.


Eines aber findet D’Accord nicht so toll: Wenn ihm jemand an die Ohren fassen möchte. Aber Kratz- und Streicheleinheiten auf der Stirn und über den Augen genießt er.


Bei der Weltmeisterschaft in Aachen 2026 ist das Paar als Einzelreiter für Deutschland am Start.


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