
Katharina Hemmer und ihr WM-Pferd Denoix PCH Foto: toffi-images.de
Manchmal sind es sehr kleine Handlungen, die sehr viel über einen Menschen aussagen. Einen solchen Moment gab es beim Louisdor-Preis Finale 2025, als Katharina Hemmer vom Pferd stieg, um sich dem obligatorischen Interview nach jedem Ritt zu stellen. Wo viele Reiter ihrem Pferd nur schnell noch einmal auf den Hals klopfen, ehe sie es dem Pfleger überlassen und sich den Interviewpartnern zuwenden, nahm sie sich die Zeit für ein Zwiegespräch mit ihrem Hengst Special Gold PCH aka „Spezi“, den sie gerade durch den ersten Grand Prix seines Lebens gesteuert hatte. Es war, als würden die beiden sich noch einmal kurz daran erinnern, wie lang der Weg war von den ersten Jungpferdeprüfungen bis zu diesem Moment.
„Wenn es richtig gut werden soll, muss es ein Team sein“, sagt Katharina Hemmer. Das sind bei ihr nicht nur leere Worte.
Geboren wurde Katharina „Katha“ Hemmer 1994. Aufgewachsen ist sie im landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Familie in Erwitte, gar nicht so weit entfernt von Borchen-Etteln, wo sie heute auf dem Fleyenhof ihres Ausbilders und Mentors Hubertus Schmidt als dessen designierte Nachfolgerin tätig ist. Pferde gehörten für Katharina Hemmer seit frühester Kindheit zu ihrem Alltag. Sie sagt selbst „ich bin ein Pferdemädchen“. Und das ist sie bis heute geblieben, auch als Championatsreiterin, die täglich rund zwölf Pferde reitet.
Ihr erstes eigenes Pferd bekam Katharina Hemmer mit elf Jahren. Die Stute war drei. Gemeinsam arbeiteten sie sich bis Klasse M vor. Daneben ritt Katha Hemmer im heimischen Reitverein aber auch „alles, was geritten werden wollte“. Einen Job ohne Pferde? Das konnte sie sich nur schwer vorstellen, als sie, das Abitur in der Tasche, vor der Aufgabe stand, die Weichen für ihren weiteren Lebensweg zu stellen. Doch ihre Eltern standen der Idee, eine Ausbildung zur Pferdewirtin zu machen, eher reserviert gegenüber. Sie solle doch etwas „Vernünftiges“ machen. Katha tat wie ihr geheißen, absolvierte ein Praktikum beim Westfälischen Pferdestammbuch, um herauszufinden, ob es nicht auch andere Berufe rund ums Pferd außer Reiten geben könnte, die ihr Spaß machen. „Am Ende saß ich die meiste Zeit im Sattel“, so Hemmer.
Katharina Hemmer fand einfach keine Aufgabe, die sie mit ähnlicher Begeisterung erfüllte, wie das Reiten. Eines Tages stieß sie im Internet auf eine Anzeige – Hubertus Schmidt suchte einen Auszubildenden bzw. eine Auszubildende. Es gibt diese Momente im Leben, in denen man einfach weiß: Das ist das Richtige! Ein solcher Moment war es, als Katha Hemmer diese Anzeige las. Sie rief daheim an, ob sie sich bewerben dürfe. Vermutlich hatten die Eltern Hemmer längst gemerkt, dass aller guter Wille ihrer Tochter nicht ausreicht, um sie von ihrer Bestimmung abzubringen. Sie erlaubten es, Hemmer schickte ihre Bewerbung los. Kurz darauf hatte sie den Reitmeister persönlich am Telefon, der sie zum Vorreiten einlud. „Ich bin voller Ehrfurcht da hin gefahren“, erinnert sich Katharina Hemmer bis heute an diesen Tag. Der war 2013. Seither ist der Fleyenhof ihr Lebensmittelpunkt.
Hubertus Schmidt reitet längst nicht mehr selbst auf Turnieren. Und nach einem Reitunfall mit einem jüngeren Pferd sitzt er auch zuhause nicht mehr im Sattel. Doch er war schon immer Ausbilder mit Leib und Seele und sagt selbst, dass es ein „Geschenk“ sei, mit so talentierten Reiterinnen wie Katharina Hemmer oder U25 Europameisterin Anna Schölermann arbeiten zu dürfen. Er hat aus der ländlichen S-Reiterin Katharina Hemmer eine Grand Prix-Ausbilderin und Championatsreiterin geformt, die seine Nachfolge als Chefbereiterin auf seinem Hof im schönen Altenautal angetreten hat.
Dabei hatte Schmidt die Hilfe eines ganz bestimmten Pferdes, einem der letzten, die er noch selbst bis in die Königsklasse gebracht hat: Denoix PCH, das Pferd, mit dem Katharina Hemmer 2025 zu Goldmannschaft bei der EM in Crozet gehörte, ihrem ersten Seniorenchampionat. Das Pferd, das Bundestrainerin Monica Theodorescu im Grand Prix Special besagter EM ihren „Pferdemoment des Jahres 2025“ bescherte, weil er und seine Reiterin hier eine Prüfung hinlegten, mit der sie zumindest Medaillengewinner der Herzen wurden, auch die Punkte am Ende „nur“ für Rang vier reichten.
Denoix ist Katharina Hemmers Liebling. Den Namen trägt der Destano-Sohn aber nur auf dem Turnier. Zuhause ist er „Purzel“ oder auch mal „Schatzi“. Mit ihm beginnt und endet Katharina Hemmers Arbeitstag. Er ist morgens das erste Pferd, das sie reitet (und vorher selbst putzt und sattelt) und abends das letzte, das sie nochmal zum Grasen oder Spazierengehen aus der Box holt. Einmal Pferdemädchen, immer Pferdemädchen.