Der 11. Juli ist Weltpferdetag – wie ein Wildtier zum wichtigsten Gefährten des Menschen wurde
Gedanken zum Weltpferdetag
Das sind Clara Blau und Paul, erfolgreich im internationalen Springsport – aber vor allem Freunde.
Foto: Sportfotos-lafrentz.de Es gibt verschiedene Theorien, wann, wo und durch wen das Pferd vom Beutetier zum Gefährten des Menschen wurde. Unstrittig ist jedoch: Der Moment, in dem sich der erste Mensch auf den Rücken eines Pferdes schwang, war ein historischer Gamechanger – ein epochaler Einschnitt für die Geschicke von Mensch und Pferd. Es entstand eine fast symbiotische Beziehung: Das Pferd eröffnete dem Menschen neue Dimensionen in Sachen Mobilität, Kriegsführung, Land- und Forstwirtschaft. Der Mensch wiederum „formte“ das Pferd durch gezielte Anpaarung seinen Ansprüchen entsprechend – und das schon seit Jahrtausenden, wie 2021 mithilfe der Archäogenetik gezeigt werden konnte.
Eine genetische Revolution vor 4200 Jahren
Ein internationales, 162-köpfiges Forschungsteam unter Federführung des Genetikers Ludovic Orlando (CNRS/Universität Toulouse) hatte dafür die Genome von 273 unterschiedlich alten Pferdeskeletten aus ganz Eurasien analysiert und mit der DNA heutiger Hauspferde verglichen – veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature“. Das Ergebnis: Die Vorfahren fast aller heutigen Pferde lebten vor rund 4200 Jahren, also etwa ab 2200 v. Chr., in der Region um die untere Wolga und den Don, nördlich des Kaukasus. Von dort aus verbreitete sich ihr genetisches Profil binnen weniger Jahrhunderte explosionsartig über ganz Eurasien – vom Atlantik bis in die Mongolei – und verdrängte dabei sämtliche angestammten Wildpferdelinien, selbst jene, die man zuvor für die Urahnen der Hauspferde gehalten hatte.
Wie das vonstattenging, ist schnell beantwortet: durch den Menschen. Warum es ausgerechnet diese Pferde sein sollten, zeigte die Auswertung ihres Genprofils: Zwei Gene setzten sich durch, die für den Menschen von großem Nutzen waren – GSDMC, verantwortlich für einen stärkeren Rücken, und ZFPM1, verknüpft mit einem ruhigeren, zugewandteren Temperament. Zwei Faktoren, die bis heute darüber entscheiden, ob ein Pferd zum Reit- beziehungsweise Zugpferd taugt. Die erste Zuchtselektion der Mensch-Pferd-Geschichte war getan.
Genutzt und missbraucht …
Inzwischen zählen Fachverbände je nach Quelle zwischen 200 und weit über 400 anerkannte Pferderassen weltweit – von bärenstarken Kaltblütern über pfeilschnelle, ausdauernde Vollblüter und athletische Warmblüter bis hin zu robusten Ponys. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) leben heute weltweit rund 56 bis 61 Millionen Pferde. Ihre Eigenschaften haben sich mit den Aufgaben verändert, die Menschen ihnen im Laufe der Geschichte zugedacht haben: Das Pferd war Arbeitskollege, Reittier, Kriegskamerad, Beförderungsmittel und schon früh auch Sportpartner – das erste hippologische Wettkampfformat der Olympischen Spiele der Antike, das Vierergespann-Wagenrennen, wurde bereits 680 v. Chr. eingeführt.
Dabei wurden Pferde nicht nur „genutzt“ – und zum Teil auch missbraucht, vor allem in kriegerischen Auseinandersetzungen. Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind die beiden Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg wurden schätzungsweise 14 bis 20 Millionen Pferde eingesetzt, rund 8 Millionen von ihnen überlebten den Krieg nicht – mehr als die Hälfte aller eingesetzten Tiere. Und auch noch im Zweiten Weltkrieg waren Pferde unentbehrlich. Ein Artikel im Spiegel von 1976 berichtete von 2,75 Millionen Pferden, die damals Kriegsdienste leisten mussten. Im Durchschnitt sollen täglich 865 von ihnen gestorben sein.
… geliebt und verehrt
Doch Pferde waren nicht nur Opfer des Menschen. Es gibt wohl nur wenige Tiere, um die auch ein derartiger Kult gemacht wurde, wie um Pferde. Auf der ganzen Welt wurden sie geliebt und verehrt. Davon legen Grabbeigaben, Statuen und Darstellungen auf Kunstgegenständen seit Jahrtausenden beredtes Zeugnis ab. Noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren Pferde aus dem Alltag nicht wegzudenken; erst mit der Erfindung der Motoren emanzipierte sich der Mensch – zumindest teilweise – vom Pferd.
Heute hat das Pferd neue Aufgaben, die vielleicht nicht mehr über-, aber trotzdem lebenswichtig für den Menschen sind: Es ist Sport- und Freizeitpartner, oft Pädagoge, manchmal Therapeut, meistens Seelenstreichler und -tröster. Pferde tun gut. Und sie sind ein wesentlicher Teil unserer kulturellen Identität. Das Bewusstsein um unsere Verantwortung für die Tiere, denen wir so viel verdanken, war wahrscheinlich nie so groß wie heute. Gut so! Wir schulden diesen Tieren viel. Daran sollten an diesem Tag nicht nur diejenigen denken, die sich sowieso täglich mit ihnen beschäftigen. Die Pferde brauchen uns nicht. Aber wir brauchen sie. Seit Jahrtausenden.
PS: Der Grund, weshalb ausgerechnet der 11. Juli zum Weltpferdetag ernannt wurde, liegt in einem Volk verwurzelt, bei dem das Pferd bis heute Dreh- und Angelpunkt des Alltags ist, den Mongolen. Man hat den Weltpferdetag in Anlehnung an den mongolischen Unabhängigkeitstag von 1921 gewählt, an dem traditionell das reiterlich geprägte Naadam-Fest beginnt.

