Portrait der U25 Dressurreiterin Katharina Schuster

U25-Dressurreiterin Katharina Schuster und Qence L – plötzlich EM-Team

Feature 12.06.2026
Katharina Schuster und Qence L, hier beim Maimarktturnier in Mannheim. Foto: Sportfotos-lafrentz.de Katharina Schuster und Qence L, hier beim Maimarktturnier in Mannheim. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Der Werdegang von Katharina Schuster ist ungewöhnlich, die Verbundenheit mit ihrer Stute Qence L tief. Wer ist die U25 Dressurreiterin, die für die EM nominiert wurde?

Mit einer äußerst korrekten Vorstellung, der man allerdings eine leichtere Anlehnung gewünscht hätte, ritt Katharina Schuster ihre zwölfjährige Hannoveraner Stute Qence L v. Quantensprung auf Rang drei in der Intermédiaire II bei der U25 DM von Balve. Auf diesem Turnier war die Intermédiaire II die Einlaufprüfung für die Meisterschaftsentscheidungen. Doch wenn vom 6. bis 12. Juli im ungarischen Pilisjászfalu die Dressur-Europameister in der Altersklasse U25 (und U21) gekürt werden, ist die Intermédiaire II die Prüfung, die über die Vergabe der Mannschaftsmedaillen entscheidet. Von daher war die weiße Schleife in Balve eine der wichtigsten in der bisherigen Karriere von Katharina Schuster und Qence L. Zusammen mit ihren Vorleistungen haben sie sich damit ins EM-Team geritten und sehen nun ihrem ersten Einsatz für Deutschland entgegen. Eine Entwicklung, die Katharina Schuster selbst immer noch staunen lässt. Kein Wunder bei der Geschichte, die sie und ihre Stute verbindet.


Junger Reiter, altes Pferd? Von wegen!


Während Schusters Kolleginnen im EM-Team (Lucie-Anouk Baumgürtel/First Vienna, Pia-Carlotta Gagel/Riccio, Rose Oatley/Alive and Kicking) in Pferdefamilien aufwuchsen und Schritt für Schritt auf Momente wie diese vorbereitet wurden, stand bei Katharina Schuster erst einmal die Frage im Raum, ob sie überhaupt ein eigenes Pferd bekommt. Als ihre Eltern sich dazu durchringen konnten, war Katharina 15 Jahre alt und hätte vermutlich ein Buch über ihre Erfahrungen mit Reitbeteiligungen schreiben können.


Doch eines schönen Tages im Jahr 2017 war es so weit. Familie Schuster ging auf Pferdesuche. Wie nervenaufreibend das sein kann, weiß jeder, der schon mal ein Pferd kaufen (oder auch verkaufen) wollte. Nicht so bei Familie Schuster.


Fünf Minuten vom damaligen Zuhause der Schusters entfernt liegt das Gut Adelsried der Familie Limbecker in Bernried am Starnberger See. „Wir sind dahingefahren und haben gefragt, ob sie irgendetwas haben, was zu uns passen könnte. Und dann stand sie da – kaum ein halbes Jahr unterm Sattel, kurz vor Weihnachten, mit Plüschfell“, erinnert sich Katharina Schuster an ihre erste Begegnung mit Qence L.


Es war Liebe auf den ersten Blick. Aber wie es so ist mit frühen romantischen Bindungen – sie haben selten etwas mit Vernunft zu tun. Das war in diesem Fall nicht anders. Denn das Objekt der Begierde der 15-jährigen Kathi war gerade mal drei Jahre alt und erst wenige Monate unter dem Sattel. Trotzdem, die sollte es sein! „Sie war verschmust, ich war verliebt in sie. Dann habe ich gesagt, gut, ich muss da jetzt einmal drauf.“


Gesagt, getan. Einmal Schritt, Trab und Galopp in die Runde, was man mit einem dreijährigen, gerade angerittenen Pferd eben macht. „Es war kein atemberaubendes Gefühl wie heute, aber es hat alles funktioniert. Und sie war vom Charakter einfach wahnsinnig!“


Man hat fast den Eindruck, Katharina Schuster fühlt sich bis heute bemüßigt, die damalige Bauchentscheidung zu rechtfertigen. Dabei war die gar nicht so unvernünftig, wie es auf den ersten Blick scheint, denn der Deal war an eine Bedingung geknüpft.


„Die Bedingung war: Wir bleiben und werden dauerhaft betreut. Das war die Voraussetzung – sonst hätten wir das nicht gemacht“, so Schuster. So gelangte Qence L in ihren Besitz und sie auf das Gut Adelsried, das in den kommenden Jahren in ihr zweites Zuhause werden sollte. Die Entscheidung hat sich als wegweisend für Katharinas ganzes Leben erwiesen, nicht nur weil sie nun Pferdebesitzerin war.


Viele erste Male


Angeritten wurde Qence L (genannt „Quanti“ nach Vater Quantensprung) von Nikolas Eichelsbacher, der damals als Bereiter auf Gut Adelsried tätig war. Er kannte die Stute dementsprechend gut und half Katharina bei der weiteren Ausbildung. Das tut er bis heute. Er ist Katharina Schusters Heimtrainer. Ansonsten profitiert sie von den Kaderlehrgängen und den Trainingseinheiten bei den Bundestrainern im Zusammenhang mit Turnierstarts. Und vom Zuschauen bei anderen Reitern. „Ich sitze ganz viel am Abreiteplatz. Jeder hat eine andere Technik. Von jedem picke ich mir Sachen raus und denke dann zu Hause: Vielleicht könnte das auch bei mir funktionieren. Wie bei einem Puzzle.“


Auf diese Art ist sie weit gekommen seitdem sie Qence L als Dreijährige unter den Sattel bekam. „Im Rückblick ist es Wahnsinn: Wir haben vierjährig unsere erste Turniersaison bestritten – Eignung, Dressurpferde-A, später dann -L, alles gemeinsam. Mit Quanti haben wir alles zum ersten Mal erlebt: die erste M, die erste S. Bis wir dann langsam in die U21-Tour reingewachsen sind.“


Beim ersten Start in der schweren Klasse war Qence L achtjährig, Katharina 20. Erwartungen hatte sie keine. „Wir haben gesagt, wir fahren zur ersten S und schauen, wie es geht.“ Es ging hervorragend. Die beiden waren mit gut 68 Prozent direkt platziert. Darauf ließ sich aufbauen. Es gab auch weniger gute Prüfungen, aber vor allem haben die beiden in ihrer ersten S-Saison bei den Jungen Reitern für Furore gesorgt.


„Erst kam die erste Sichtung für die Bayerische, dann wurden wir Bayerische Meisterin, oberbayerische Meisterin und dann gleich nominiert für die Deutsche. Das war Wahnsinn!“, staunt Katharina Schuster bis heute, wenn sie von dieser Zeit berichtet. Sie platzierten sich bei ihrer DJM Premiere im Mittelfeld, nicht überragend, aber für die erste Saison sehr gut. Ein Jahr später wurden sie bereits Fünfte, ein gelungener Abschluss der Junge Reiter-Zeit.


Grand Prix? Warum nicht?


Der nächste logische Schritt war der in die Klasse S***. Aber Katharina erinnert sich: „Niemand hatte gedacht, dass sie ein Grand-Prix-Pferd werden würde, geschweige denn, dass ich da mithalten kann.“ Dementsprechend traurig war sie, dass die U21-Zeit endete. „Ich dachte: Jetzt kommt ein Level, da muss alles passen: beim Pferd, bei der Kombination, und die müssen auch einfach Spaß daran haben.“


Aber ausprobieren wollten Schuster und ihr Trainer Eichelsbacher sehr wohl, ob sie in Klasse S*** nicht Fuß fassen könnten. „Wir haben uns im Winter Zeit genommen und gesagt: Wir probieren es spielerisch und versuchen, Piaffe und Passage aufzubauen. Und sie hat es quasi von heute auf morgen mitgemacht – natürlich noch nicht so ausgereift wie heute, aber sie hat alles gezeigt, dass sie es kann. Dann haben wir gesagt: Okay, wir bleiben dabei und versuchen es auszubauen.“


2025 war die erste U25 Saison der beiden. Die lief wie Schuster es formuliert „noch mit Ups and Downs“. Aber: „Wir haben jedes Turnier genutzt, um die Hausaufgaben mit nach Hause zu nehmen und weiterzuarbeiten. Und jetzt dieses Jahr haben wir gesagt: Gut, jetzt schauen wir, was wir über den Winter gelernt haben.“


Offensichtlich einiges. Die EM-Nominierung spricht für sich. Aber für Katharina Schuster ist das nur die Kirsche auf der Torte. „Was mich am meisten freut: Es wird alles immer entspannter, relaxter, selbstverständlicher. Ich bin oben nur noch der Pilot und sage ihr: Hier, hier und hier. Und sie sagt schon: Ja ja, ich weiß schon, ich mach das – ich nehme dich einfach mit. Das ist ein Privileg. Und rückblickend ist das wirklich eine ganz, ganz besondere Geschichte.“


Zukunftsmusik


Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Waren die Pferde anfangs allein Katharinas Ding und der Rest der Familie hat ihre Leidenschaft toleriert, ist es Qence L gelungen, aus dem Hobby ihrer Reiterin ein Familienprojekt zu machen. „Mein Pferd hat meine Eltern anscheinend genauso um den Finger gewickelt, wie mich damals“, schmunzelt Schuster. Sie und ihr Trainer Nikolas Eichelsbacher sind mittlerweile ein Paar und haben sich im Stall von Eichelsbachers Eltern niedergelassen, dessen Leitung er 2024 übernommen hat. „Und jetzt stehen wir hier als das Team, mit dem wir vor acht Jahren angefangen haben …“


Ob Katharina Schuster die Reiterei eines Tages zu ihrem Broterwerb machen wird, weiß sie noch nicht. In einem pädagogischen Beruf wird sie aber auf jeden Fall arbeiten, ob mit Pferden oder Menschen. Im Sommer 2025 hat sie ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Den Antritt zum zwei Jahre währenden Referendariat hat sie zugunsten des Sports erst einmal aufgeschoben. Ob sie nach Ablauf der Galgenfrist Stall und Reithalle wirklich gegen Lehrerzimmer und Klassenraum eintauscht? So ganz genau weiß sie das selbst noch nicht.


„Der Plan ist, erst mal die zwei Jahre abzuwarten, was sich da so entwickelt und auftut. Bei Nikolas gibt es natürlich viele Pferde, auf die ich mich ab und zu setze, aber ich habe kein festes Ausbildungspferd. Es ist auf jeden Fall eine ganz große Leidenschaft von mir, wo ich auf keinen Fall Nein sagen würde, wenn das Ganze in eine bestimmte Richtung gehen sollte. Da gehört viel dazu, und es kann immer viel passieren. Wir warten erst mal ab.“


Erfolgspuzzle


Im Augenblick genießt sie den Status Quo, die Möglichkeit, sich voll und ganz auf ihren Sport zu konzentrieren und Schritt für Schritt am Feinschliff mit Qence zu arbeiten. „Ich setze mich zu Hause nach jedem Training hin und analysiere – was war heute gut, was war schlecht? Bei Nikolas und mir ist das Thema Nummer eins beim Abendessen: Wie war das Training heute? Was steht an? Was macht man jetzt? Wie planen wir die Woche? Dafür nehme ich mir jetzt die Zeit, ohne nebenbei noch in Schule oder Uni oder Arbeit zu müssen.“


Bei so einer „go with the flow-Mentalität“ stellt sich unweigerlich die Frage: Gibt es überhaupt konkrete Ziele oder auch Träume im Leben von Katharina Schuster? Sie sagt: „Ich glaube, das ist das Geheimnis von dem Ganzen: Man soll sich Ziele setzen, aber trotzdem am Boden bleiben. Das ist so ein bisschen mein Motto, und das nimmt mir wahnsinnig viel Druck. Wenn man auf ein Turnier fährt und sagt: Mein Ziel ist, ganz oben auf dem Podest zu stehen – dann setzt man sich viel zu viel unter Druck. Meine Ziele sind immer: Wir fahren hin, und das größte Ziel ist, dass wir gesund nach Hause kommen. Das ist mir das Allerwichtigste.“


Allein auf den Turnieren reiten zu dürfen, auf denen sie nun dabei ist, sei ein Privileg. Die Verbesserungen der Leistungen sei ein Prozess. „Ich nehme mir immer vor: ein Stück mehr, ein Schritt weiter, eine Schicht drauflegen – aber dabei bei sich selbst bleiben und auf das eigene Gefühl hören. Dass man nach der Prüfung rausgeht und sagt: Es hat Spaß gemacht. Dem Pferd hat es Spaß gemacht. Unabhängig manchmal von der Note – dass man rausgeht und sagt: Okay, die Note war vielleicht nicht das, was ich gehofft hatte, aber wir sind wieder einen Schritt weiter.“


Häufig sei diese Entwicklung nach außen nicht erkennbar, weiß Schuster. „Die Außenstehenden wissen nicht, woran man arbeitet. Die kennen den Alltag daheim nicht. Deswegen ist es wichtig, das Große und Ganze zu sehen, auf das eigene Gefühl zu hören und zu sagen: Hier sind wir einen Schritt weiter. Dann kann man nachjustieren und weiß: Es geht in die richtige Richtung. Das ist wie ein Puzzle.“


Sie hat festgestellt, dass zu hohe Erwartungen kontraproduktiv sind. „Das habe ich in der U21-Zeit gemerkt. Wenn man da so reinrutscht, ist es sehr überwältigend. Ich hatte mal eine Phase, wo ich sehr verkrampft war. Das hat mir nicht gutgetan – und das überträgt sich wahnsinnig aufs Pferd. Sie merkt, sobald ich in den Stall komme, wie ich drauf bin. Dann klappt das Training nicht. Deswegen habe ich mir den Druck komplett rausgenommen.“


Stattdessen sorgt sie für Abwechslung für sich und ihr Pferd. Sie geht laufen, in die Berge, fährt Ski und trifft sich mit Freunden. Ihre Stute geht ins Gelände, wird gesprungen etc. „Wir versuchen, alles so locker wie möglich zu halten. Und das werde ich auch genauso weitermachen.“




Katharina Schuster: 10 Fakten über die U25 Dressurreiterin und Qence L



  • Platz drei in Inter II und EM-Ticket in Balve – Mit Rang drei in der Intermédiaire II bei der U25-DM in Balve hat sich Katharina Schuster mit Qence L ins deutsche EM-Team geritten. Vom 6. bis 12. Juli 2026 geht es in Pilisjászfalu (Ungarn) um Mannschaftsmedaillen.

  • Liebe auf den ersten Blick – 2017 am Starnberger See – Schuster kaufte Qence L 2017 mit 15 Jahren auf dem Gut Adelsried der Familie Limbecker in Bernried am Starnberger See. Die Stute war damals drei Jahre alt und kaum ein halbes Jahr unter dem Sattel.

  • Ein Team von Anfang an – Alle Klassen bestritt das Duo gemeinsam: von der Eignungsprüfung über Dressurpferde-A und -L bis zur M, S und schließlich Grand Prix. „Wir haben alles zum ersten Mal erlebt“ – so Schuster über ihre gemeinsame Laufbahn. Zwischendurch wurde die Stute auch immer mal wieder von ihrem Trainer und Partner Nikolas Eichelsbacher vorgestellt.

  • Direkt platziert beim S-Debüt – Beim ersten Start in der schweren Klasse war Qence L acht Jahre alt. Das Duo erzielte sofort über 68 Prozent – und sorgte in der Junge-Reiter-Saison für Furore: Bayerische Meisterin, Oberbayerische Meisterin, DJM-Teilnehmerin.

  • Keiner glaubte ans Grand-Prix-Pferd – doch Qence L zeigte Piaffe und Passage „quasi von heute auf morgen“. Seit 2025 sind die beiden in der U25-Tour unterwegs.

  • Stall Eiben in Münchberg, das neue Zuhause – Qence L steht heute im Turnier- und Ausbildungsstall Eiben in Münchberg, Oberfranken. Den Stall der Familie Eichelsbacher – ein etabliertes Dressurzentrum im Fichtelgebirge-Vorland – übernahm Nikolas Eichelsbacher 2024.

  • Trainer & Lebenspartner: Nikolas Eichelsbacher – Er ritt Qence L auf Gut Adelsried an, begleitete das Duo seitdem als Heimtrainer – und ist heute Schusters Lebensgefährte. „Jetzt stehen wir hier als das Team, mit dem wir vor acht Jahren angefangen haben.“

  • Lehramt auf Eis gelegt – Schuster schloss im Sommer 2025 ihr Lehramtsstudium ab, schob das zweijährige Referendariat aber zugunsten des Sports auf. Ob Stall oder Klassenzimmer – die Entscheidung ist noch offen.

  • Keine Pferdefamilie im Rücken – Schuster wuchs nicht in der Reitsportwelt auf. Ob sie überhaupt ein eigenes Pferd bekommt, war lange fraglich. Heute steht sie im Nationalkader.

  • Mentale Stärke als Erfolgsgeheimnis – „Mein Ziel ist immer: gesund nach Hause kommen.“ Schusters Anti-Druck-Philosophie – Laufen, Skifahren, Bergtouren, Ausreiten – gilt auch für Qence L: „Wir versuchen, alles so locker wie möglich zu halten.“


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