Interview Bundestrainer Springreiten Otto Becker über den Weg zur WM Aachen 2026, Sichtungskriterien und der Situation des Springreiter-Nachwuchs

Otto Becker: „Wenn ich eines Tages aufhöre, will ich mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte mich nicht um die Jugend gekümmert.“

Interview 21.05.2026
Bundestrainer der Springreiter Otto Becker. Foto: sportfotos-lafrentz.de Bundestrainer der Springreiter Otto Becker. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Im Interview im Rahmen des Deutschen Spring-Derby spricht Bundestrainer Otto Becker über den Weg zur WM Aachen 2026, Auswahlkriterien, die Bedeutung von Rasenplätzen und die Nachwuchssituation im deutschen Springsport. Außerdem verrät er, warum eine Weltmeisterschaft im eigenen Land eine besondere Herausforderung darstellt. Und was das mit dem Schlaf des Bundestrainers macht.

Die grüne Saison hat begonnen. Worauf achtet Bundestrainer Otto Becker, auch im Hinblick auf die WM in Aachen im August, beispielsweise beim Deutschen Spring-Derby besonders? Ist es der Boden, der Rasen?


Jedes Jahr hat seine besonderen Herausforderungen, was die Terminierung des Championats betrifft, was die Anforderungen betrifft: Rasen, Sand, großer Platz, kleiner Platz… In diesem Jahr haben wir das Glück, eine WM in Aachen im eigenen Land zu haben, was man normalerweise in einem Reiterleben nur einmal erlebt. Und ja, da sind vielleicht andere Plätze mehr im Fokus als sonst auf Sand. Und dazu gehört Hamburg. Wir haben jetzt Hamburg, Aachen (das TSCHIO) und dann haben wir drei Nationenpreise, die auch auf Rasen sind in Rom, Sankt Gallen und La Boule. Da guckt man natürlich genauer hin.


WM Aachen 2026: Warum Rasen von rasender Bedeutung ist


Was unterscheidet einen Rasenspezialisten unter den vierbeinigen Athleten von einem Sandspezialisten? Oder ist das auch ein bisschen ein überstrapaziertes Thema? Früher waren fast alles auf Rasen und das ging ja auch…


Man hat natürlich immer mehr Sandplätze mittlerweile als Rasenplätze. Ich sage mal, den meisten Pferden, 90 Prozent, merkt man keinen Unterschied an, ob sie auf Sand oder auf Rasen springen. Aber es ist schon so, dass gerade auf so einem imposanten Platz wie hier oder in Aachen alles so ein bisschen wuchtiger ist, dass die Pferde ein bisschen mehr Respekt haben, als wenn sie auf so einem kleinen Sandplatz sind. Das macht einen kleinen Unterschied. Aber die große Masse der der Top-Pferde springt auf beiden Plätzen.


Kader = Kandidat? „keine geschlossene Gesellschaft“


Dann nennen wir doch jetzt mal ein paar Namen. Wer war hier in Hamburg besonders im Blickpunkt? Was für Erkenntnisse hat es gegeben? Und mit Perspektive auf den August, also auf die WM in Aachen: Welche Namen bringt der Bundestrainer ins Spiel?


Da muss ich erst mal ein bisschen ausholen. Der Olympiakader hat sieben Teilnehmer im Moment: Der Perspektivkader, der frühere B-Kader sind acht und das ist natürlich der engere Kreis. Wobei ich sage immer, dass ist keine geschlossene Gesellschaft. Da kann immer noch einer reinkommen oder aufsteigen oder neu in den Kader kommen. Die haben wir auch im Auge.

Es war eben so, dass Anfang des Jahres alle auf verschiedenen Wegen unterwegs waren. Wir haben in den Emiraten Turniere gehabt, haben dann Nationenpreis gehabt im Februar, einige waren in Doha, da waren am Stück zehn Fünf-Sterne-Turniere. Ich glaube, nach dem sechsten war Schluss, als der Krieg anfing. Thieme, Kukuk, Vogel, Dittmer waren in Amerika, in Ocala und Wellington. Drei Monate. Ein paar Reiter haben die Weltcupsaison bestritten, haben das Weltcupfinale gemacht, auch wie ich finde, sehr erfolgreich. Und jetzt kommen sie alle zusammen.



Otto Becker im Podcast ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Podcast ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD, hier geht’s zur Folge 10 mit Bundestrainer Otto Becker. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Auftakt ins WM-Jahr gelungen


Es ging schon los: Hagen, Mannheim. In Mannheim haben wir ja schon Nationenpreis gehabt, den wir zum Glück gewinnen konnten. Und jetzt kommen eben mehrere Turniere sechs Wochen am Stück. Dann kommt noch Rotterdam, ein Sandplatz. Aber natürlich auch ein Top-Turnier, wo, je nachdem, wie viel nachher noch in der engeren Wahl sind, auch schon eine Vorentscheidung fallen kann. Dann sind zwar noch Turniere, aber vielleicht mal zwei Wochen ein bisschen zum Durchatmen und dann kommen nochmal Falsterbo, Riesenbeck, Global Tour, und Hickstead Nationenpreis. Und danach müssen wir nominieren. Wir werden uns alle in Frage kommenden Reiter genau ansehen. Nächste Woche steht ja Aachen an, der Große Preis von Aachen.


Kondition von Reiter, Reiterin und Pferd – für Otto Becker „nie ein Problem“


 Das Gefühl da mit einer goldenen Schleife außenrum zu galoppieren, ist, glaube ich, ziemlich einmalig. Ich frage einen, der das weiß. Klein Flottbek, Hamburg, ist groß, Aachen ist noch größer, noch größere Wege, noch mehr zu galoppieren. Konditionsfragen – Die Parcours sind länger. Guckst du da ganz speziell hin? Und wie viele Leute oder wie viele Reiterinnen und Reiter aus Deutschland dürfen überhaupt starten in Aachen?


Also natürlich gucken wir in Aachen ganz genau hin, weil es ist ja derselbe Platz, wo auch die WM stattfindet, auch ganz besonders wieder in diesem Jahr, weil ja das Dressurviereck in der Mitte schon verbaut ist. Also das liegt schon und das wird immer spannend zu sehen sein, wie die Pferde sich in Aachen auf diesen Platz verhalten. Insofern ist das für alle Beteiligten ein ganz, ganz wichtiges Turnier und das ist für alle das erste Ziel. Darauf planen sie hin.


Die Sache mit Hengsten im Trainingslager


Wird bis zur eigentlichen WM auch Leistungsdiagnostik gemacht, spezielles Konditionstraining? Gerade im Hinblick auf womöglich fünf Starts, die ein Pferd absolvieren muss, wenn es denn bis ganz zum Schluss kommt? Gibt es ein Trainingslager vorher oder haben die Spitzenreiter so etwas eigentlich gar nicht mehr nötig?


Also wir haben, muss ich sagen, bisher all die Jahre – ich bin jetzt im 18. Jahr Bundestrainer – nie ein Problem gehabt, dass ein Pferd konditionsmäßig nicht ausreichend trainiert war. Bei den jüngeren Leuten kann das ein Thema sein. Hatten wir verschiedentlich auch schon, aber nicht bei unseren Topreitern. Aber trotzdem nimmt unser Tierarzt Jan-Hein Swagemakers regelmäßig Blut, untersucht das. Und wir sehen natürlich die Pferde öfter, sehen, wie sie aussehen, wie sie aus dem Parcours kommen. Ob sie schnaufen. Ob sie schwitzen und sehen an den Blutwerten eben, wie der aktuelle Stand ist. Natürlich machen wir das. Aber wie gesagt, bisher haben wir da kein Problem gehabt. Trainingslager? Das machen wir individuell, je nachdem, wer nominiert wird, welche Pferde nominiert sind. Wir sind da die letzten Jahre ein bisschen vom Weg weggegangen. Wobei, dieses Jahr ist es wieder geplant. Aber wenn zum Beispiel Hengste dabei sind und die brauchen dann immer ein bisschen, um runterkommen, dann kann man die besser gleich zu Hause trainieren und nicht noch mal in einen  fremden Stall. Die sind so schon genug unterwegs.


Guckt man da auch ein bisschen auf die Fitness der Reiter? Zehn Kilometer mal um See oder nicht?


Nein. Auch da haben wir nie ein Problem gehabt. Die Reiter mittlerweile arbeiten viel mehr an sich, als früher zu meiner Zeit. Die sieht man immer in den Hotels, wie die trainieren, wie sie da im Gym sind, wie sie joggen und wie sie fit sind.


Woran erkenne ich ein Championatspferd?


Was macht denn ein Championatspferd aus? Was unterscheidet vielleicht auch ein Championatspferd von einem guten Fünf-Sterne-Pferd, das beispielsweise Global Champions Tour geht? Oder ist es das dasselbe?


Es kommt auf die Anforderungen an. Bei der Global Champions Tour gibt es ja auch die Teamprüfungen, die sind nicht so schwer. Und dann den Großen Preis. Der ist schwerer. Da geht es schon eher Richtung Championat. Genau wie bei großen Preisen auf Fünf-Sterne-Turnieren. Letztendlich weiß man es auch nur, wenn sie es gemacht haben. In den Kopf eines Pferdes kann man nicht reingucken. Wir wollen natürlich die Pferde, die mitkämpfen. Das sind die Pferde, die wir brauchen. Wir sehen das schon seit vielen, vielen Jahren, wie eng das gerade im Springsport ist. Alles liegt so eng zusammen. Ein Fehler entscheidet da über vier, fünf, sechs Plätze und da muss alles stimmen. Und natürlich versucht man gerade bei Turnieren, wie das nächste Woche in Aachen –zwei Umläufe mit Stechen. Wenn ein Pferd in Aachen das macht, dann ist es auch für ein Championat geeignet. Und da sehen wir auf verschiedenen Plätzen hin. Speziell die nächsten Wochen, wer Top-Leistung bringt, wer konstante Top-Leistung bringt. Das ist für uns ein ganz zentraler Punkt. Weil das einfach so eng ist. Weil es nicht wie im Tennis oder im Fußball ist, wo man vielleicht eine Halbzeit noch was rausreißen kann. Wenn bei uns die Stange unten liegt, liegt sie unten, das nicht wieder gut zu machen. Und deswegen ist die Konstanz wichtig. Und natürlich die Qualität von Reiter und Pferd.


Jessica von Bredow-Werndl Download Das Foto zeigt einen der zahlreichen TV-Mitarbeiter beim CHIO Aachen (Foto: CHIO Aachen/Andreas Steindl). Download Das Foto zeigt die Teilnehmer der Pressekonferenz vor dem TSCHIO Aachen 2026: (v.l.) Christopher Ward (Generalmusikdirektor der Stadt Aachen), Birgit Rosenberg (ALRV-Vorstandsmitglied), CHIO Aachen-Maskottchen Karli, Dr. Michael Ziemons (Oberbürgermeister der Stadt Aachen), Stefanie Peters (ALRV-Präsidentin) und Richard Vogel (Anwärter auf den Rolex Grand Slam) (Foto: Andreas Steindl/CHIO Aachen).
In Aachen ist das Dressurviereck schon aufgebaut. Hintergründe zum TSCHIO finden sich hier.

Ein Championatsreiterin, eine Championatsreiter – was müssen die mitbringen?


Ja, gut. Wir haben ja viele, die in vielen Schlachten gewachsen sind. Mich persönlich freut es, dass wir gerade die letzten Jahre mehrere Jüngere im Team haben. Wenn ich mal das Team vom letzten Jahr von der Europameisterschaft sehe mit Kukuk, mit Vogel, mit Hinners. Drei Jüngere, die wirklich auf allerhöchstem Niveau abgeliefert haben. Marcus Ehning hat das letztes Jahr komplettiert. Und wenn man dann bei einem Routinier ist, dann sehen wir auch wieder Deußer und Ahlmann, die wirklich überragend abliefern. Die sind absolute Weltklasse-Reiter, und das sind auch die, die wir nachher brauchen, wenn es eng wird im Championat. Da darf nichts passieren. Da muss alles klappen. Und da haben die einfach geliefert. Und das beweisen sie jede Woche.


Jenseits des Parcours – Social Media, Videos und Co.


Nun ist der Reitsport tatsächlich im Fokus und auch ein bisschen in der öffentlichen Kritik und in Deutschland vielleicht sogar noch ein bisschen stärker unter Beobachtung als woanders. Ist das auch ein Thema, was in der Vorbereitung adressiert wird? Da gibt es ja alles Mögliche. Es wird gefilmt auf dem Abreiteplatz. Man muss sich erklären Social Media… Wie groß ist das Thema in der Vorbereitung auf so eine WM?


Natürlich sprechen wir darüber, aber ich ertappe mich da oft, was ich auch schon als ich angefangen habe als Bundestrainer gesagt habe: Wir wollen Erfolg, ja, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich als Beispiel anführen darf: Marcus Ehning Als wir vor drei Jahren in Mailand in Führung lagen bei der Europameisterschaft. Sein Pferd war nicht lahm, aber er hat sich nicht wohlgefühlt. Irgendwas stimmte nicht. Und dann hat er verzichtet und wir haben eine Medaille verloren. Also jetzt nur mal als Beispiel. Also Erfolg: Ja. Nicht um jeden Preis. Und auch, dass wir einfach fairen Sport abliefern wollen. Und natürlich sprechen wir darüber, wie wir auftreten. Aber das ist auch nicht neu. Wir haben immer darauf geachtet und werden das auch weiterhin tun.


Wer kommt für die WM Aachen in Frage, lieber Otto Becker?


Das Europameisterschaftsteam hat letztes Jahr Bronze gewonnen, da könnte man natürlich sagen: Never change a running system. Aber: Daniel Deußer ist ganz stark beim Weltcup Finale gewesen. Gab es irgendein Paar, das dich im letzten halben/Dreivierteljahr besonders überrascht hat oder das auf der internen Liste so ein bisschen nach oben geklettert ist?


Es wird ja jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, was der Bundestrainer vor so einem wichtigen Ereignis sagt. Das Team? Die haben letztes Jahr abgeliefert. Da wissen wir, was wir an denen haben. Daniel war beim Weltcup Finale. Christian Ahlmann hat hier (in Hamburg) letztes Jahr gewonnen. Wird interessant zu sehen sein in den nächsten Wochen. André Thiemes Chakaria ist wieder sehr gut in Form (Anm. das Interview haben wir vor dem Sieg von André Thieme im Großen Preis von Hamburg geführt). Die war in Ocala im Nationenpreis-Team, den wir gewinnen konnten.


Zu viel Harmonie?


Es heißt ja immer, die Mannschaftsmedaille ist das Entscheidende. Ist das nach wie vor so oder guckst du auch schon ein bisschen Richtung: Wer hätte Podiumschancen einzeln?


Nein, das ist absolut das oberste Ziel. Und zum Glück sehen das auch die Reiter so und die ziehen alle mit. Wir haben all die Jahre eigentlich immer gute Teams gehabt. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war das schon mal anders.


Manchmal denke ich, es ist fast zu harmonisch, weil ein bisschen Reibung schadet manchmal auch nicht.


Aber wenn man dasselbe Ziel hat, freue ich mich, dass alle mitziehen. Deswegen war ich schon immer ein Gegner wie in Tokio, wenn erst das Einzel ist und dann das Team. (Beim olympischen Modus bei den Spielen von Tokio 2021 wurden erst die Einzelentscheidungen und dann die Team-Springen durchgeführt). Dann guckt jeder erst so ein bisschen nach sich und denkt noch nicht an die Mannschaft. Aber so (im WM Modus) ist das für mich einfacher zu händeln, alle haben dasselbe Ziel, alle wollen eine Mannschaftsmedaille, wollen Erfolg haben. Dann kommt das Einzel danach. Je besser jeder im Teamwettbewerb ist, je größer sind seine Chancen im Einzel. Und das ist auch gut so, dass das wieder geändert wurde und in der Reihenfolge erst Team, dann Einzel ist.


Nachwuchs im deutschen Springsport


Nun sind ja immer wieder auch gute junge Leute nachgerückt. Sophie Hinners, das ist sicherlich ein Beispiel dafür. Wie würden Sie denn insgesamt die Nachwuchssituation im Reitsport, speziell im Springsport einschätzen? Es wird immer teurer. Die Zahl der Veranstaltungen geht zurück, die Zahl der Pferde geht zurück. Immer mehr Menschen haben Probleme, sich dieses Hobby zu leisten. Aber nur aus dem Hobby erwächst letztlich der Spitzensport.


Das ist so. Ich habe immer gesagt, wenn ich eines Tages aufhöre, will ich mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte mich nicht um die Jugend gekümmert. Ich versuche da immer auf der Ballhöhe zu sein, mich zu informieren, was da los ist. Wir haben die letzten Jahre viele Talente mit eingebaut. Angefangen mit Klaphake (Laura Klaphake ritt 2018 im WM-Team in Tryon und gewann eine Mannschaftsbronzemedaille) und die eben genannten. Mir ist das wichtig. Aber ich habe auch den Eindruck, im Moment werden das weniger als vorher, wenn man die Anzahl sieht. Auf Meisterschaften, Landesmeisterschaften – die Anzahl der Reiter wird weniger und damit wird natürlich auch der Pool, aus dem wir schöpfen können, weniger. Aber zum Glück können wir lange reiten. Zum Glück haben wir viele, die ein gutes Alter haben, die noch 15, 20 Jahre Top-Niveau liefern können. Also die nächsten Jahre mache ich mir keine Sorgen. Aber ja, irgendwann kann sich das auswirken, dass einfach weniger nachkommt.


Chancen, ohne eine „Pferdefamilie“ im Hintegrund?


Das, was nachkommt, das ist im Dressursport ja ähnlich, sind ja hauptsächlich Abkömmlinge aus den etablierten Reiterfamilien. Gibt es im Moment noch die Chance für Menschen, die das als Hobby machen, die nicht aus Pferdefamilien kommen, tatsächlich in Spitzensport vorzudringen? Also wird es irgendwann so ein Elitensport, dass man, sagen wir mal, von der ländlichen Basis sich vollkommen entfernt?


Es war immer teuer, es ist noch teurer geworden für viele. Aber trotzdem finde ich, dass die Möglichkeit nach wie vor besteht. Es kommt immer auf jeden Einzelnen an. Ich habe früher immer gesagt, es reicht, wenn man einen bunten Sprung gut anreitet. Das reicht heute nicht mehr. Da gehört mehr dazu. Da gehört dazu, dass man sich gut managt, dass man sich gut verkauft, dass man auch auf Leute zugeht, auf Züchter, auf Pferdebesitzer, auf Mäzene, die einem vielleicht ein Pferd zur Verfügung stellen. Dass man gut reitet, dass man sich durchsetzt und dass man eben die eigene Karriere voranbringt. Diese Möglichkeit besteht nach wie vor. Auch für Reiter, die aus Nicht-Pferdefamilien kommen. Ist vielleicht ein bisschen schwieriger, weil da die Erfahrung bei den Eltern nicht so da ist. Aber die Möglichkeit besteht trotzdem.


Selbstmanagement ist wichtig


Man muss in andere Ställe gehen. Man muss am besten mit Top-Leuten zusammenarbeiten, dass man da am allermeisten profitiert. Und wenn man mal auf dem Weg nach oben ist, ist es, finde ich heutzutage viel einfacher reinzukommen in den Topsport, weil es viel mehr Turniere gibt. Früher gab es Turniere, das sind immer dieselben geritten, große internationale Turniere. Es gibt aber auch noch genug kleine Turniere. Die haben wir zum Glück noch ländlich. Das wird zwar weniger, aber die Turniere gibt es noch. Es gibt viele Profizentren, wo man jedes Wochenende und in der Woche reiten kann. Also die Möglichkeiten sind da. Viel mehr als früher.


In Deutschland geht die Anzahl der Turniere ein bisschen zurück. International wird es mehr. Also die Möglichkeit zu reiten ist da. Und wenn man dann gut ist und ein Pferd hat… Wir suchen ja immer händeringend Leute, die auch Nationenpreise reiten können, sowohl Fünf-Sterne als auch Drei-Sterne. Wenn da einer gut ist, finde ich, ist die Chance mittlerweile viel besser, da reinzukommen als früher, wo immer dieselben losgefahren sind.


Quo vadis Spitzensport?


Reiter im Spitzensport haben zwölf oder 20 Pferde, die fliegen von Turnier zu Turnier. Das Pferd fliegt auch dahin. Da treffen sie es dann wieder. Ist das eine Rahmenbedingung, die den Sport noch als Sport würdigt? Ist das Verhältnis zum Pferd noch da? Muss man da vielleicht ein bisschen downshiften irgendwann einmal? Dass man sagt, man will wieder dahin, dass eine echte Partnerschaft noch besteht?


Die Partnerschaft besteht. Das Vertrauen vom Pferd zum Reiter muss da sein, sonst kann man solche Kurse nicht überwinden. Also ich finde auch für Reiter ist es nicht immer einfach. Zum Glück gibt es viele Turniere, aber ich muss auch als Reiter gut planen, mit meinen Pferden haushalten. Das Management ist dann immer wichtiger, dass ich meine Pferde nicht überfordere. Die Verantwortung haben wir ja. Und ja, natürlich gab es früher weniger Turniere und man kannte die Paare mehr. Jetzt ist es einfach so, dass auch auf den Turnieren viel mehr Prüfungen sind, dass gerade die Top-Reiter mehrere Pferde haben. Da hat man jetzt nicht die Pferdepaare wie Ratina, Deister oder bei mir Cento. Der ist elf Jahre international gegangen. Die hat man natürlich vielleicht mehr vor Augen als im Moment, wo ein Richie Vogel oder Christian Kukuk mehrere Pferde haben. Aber grundsätzlich: Ohne das nötige Vertrauen, ohne die Verbindung zwischen Reiter und Pferd ist der Top-Sport nicht möglich.


Ist die Entwicklung schade oder ist sie einfach, wie es ist?


Ich glaube, dass man das gar nicht zurückdrehen kann. Es ist auch gar nicht nötig. Wir können froh sein, dass es so viele Turniere gibt. Ich weiß noch zu meinen Anfängen, da waren über den Winter gar keine Turniere. Jetzt gibt es im ganzen Jahr, glaube ich, gar kein Wochenende, wo kein Fünf-Sterne-Turnier ist. Also die Entwicklung ist so, die können wir nicht aufhalten. Ob uns da einige Dinge passen oder nicht. Aber trotzdem, auch da wiederhole ich mich, umso wichtiger ist das Management, dass man der Verantwortung, den Pferden gerecht wird und dass man mit denen vernünftig umgeht und sie nicht überfordert.


Welche Nationen sind bei der WM Aachen im Auge zu behalten?


Andere Väter haben auch schöne Töchter, heißt es. Sprich, wenn du auf dem Turnier bist, guckst du natürlich. Was machen die Deutschen? Hast du dann deine interne Liste, die du wahrscheinlich abhakst? Aber da sind natürlich auch noch die anderen Nationen. Kann man ein paar Nationen sagen, die du besonders favorisiert – es ist vielleicht noch zu früh – aber wo du schon besonders hinguckst?


Grundsätzlich, wenn ich am Abreiteplatz stehe, gerade beim Nationenpreis, bekomme ich vom Wettkampf im Ring wenig mit. Aber natürlich versucht man immer und überall von den besten, auch von den besten Nationen, zu lernen, was mitzunehmen. Aber grundsätzlich gucken wir nach uns. Wir müssen unsere Dinge auf der Reihe haben. Meistens sind es die etablierten Nationen, weil die einfach gut reiten. Weil die gut gemanagt sind. Weil die auch die passenden Pferde haben. Also die Engländer ganz stark wieder. Belgien ist immer mit zu rechnen. Irland, Holland, Amerika – auch Richtung Olympia im eigenen Land. Also grundsätzlich sind sie bei einer WM acht bis zehn Nationen, die, wenn sie ein gutes Wochenende haben, um Gold mitreiten. Und das macht es einerseits spannend, aber auch ganz schön schwierig.


Wie schläft denn der Bundestrainer so die letzten Tage vor so einer WM in Aachen?


Ich weiß, was auf uns zukommt. Es ist was ganz Besonderes in einem Reiterleben im eigenen Land. Umgekehrt gesagt: Wenn Championate weit weg waren, ganz weit weg. Ein paar Stunden Zeitumstellung, da waren weniger Freunde, weniger Fans:Dann kann man sich viel mehr auf die Aufgabe konzentrieren. Und Aachen wird dann eine Nummer. Weil, da wird jeder da sein. Und ich hoffe, dass da die Reiter die nötige Ruhe haben, die nötige Konzentration, um sich wirklich auf das Wichtigste konzentrieren zu können. Da müssen wir darauf achten. Die Anspannung wird im Laufe der Wochen und Monate steigen. Ist ja jetzt schon so. Bei den Nominierungen: Man macht sich Gedanken, wer geht wohin? Dass man den Reitern Chancen gibt, sich zu präsentieren und zu qualifizieren.


Dass man da die richtigen Wege für jeden Einzelnen oder für jedes einzelne Pferd findet. Da rattert es schon ganz schön im Kopf zwischendurch.


Danke für das Gespräch


Das Gespräch führten Anja Nehls und Jan Tönjes




Der gesamte Talk mit noch weiteren interessanten Antworten – von der Saisonplanung auf A-, L- oder M-Niveau bis zum Alltime favourite-Pferd des Bundestrainers (Spoiler: es ist keines seiner Pferde) im Podcast ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD. Zur aktuellen Folge geht es hier.


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