Interview mit Reitmeister Martin Plewa zur Bedeutung der Ausbildung im Pferdesport
Martin Plewa: „Ausbildung wichtigstes Kriterium für positive Weiterentwicklung des Sports“
Martin Plewa redet nicht nur über gute Ausbildung für Pferd und Reiter, er praktiziert sie auch. Foto: sportfotos-lafrentz.de EQUI PAGES: Sie hatten bei dem Forum „Heiße Eisen“ erwähnt, wie wichtig das Thema Ausbildung ist. Sehen Sie hier Verbesserungsbedarf? Wenn ja, wo und vor allem wie?
Martin Plewa: Ich bin der festen Überzeugung, dass Bildung und Ausbildung die wichtigsten Kriterien sind, um eine positive Weiterentwicklung des Pferdesports in der Zukunft zu gewährleisten. Wir haben zwar sehr gute Richtlinien mit einer unbestritten exzellenten Reitlehre, die sich an der Natur des Pferdes orientiert. Wir tun uns aber extrem schwer, dafür zu sorgen, dass sie flächendeckend auf allen Ebenen des Pferdesports korrekt angewendet und umgesetzt wird. Das gilt nach meiner Meinung selbst im Spitzensport.
Ich glaube, dass viele Reiter oder Ausbilder nicht aus Böswilligkeit die Anforderungen an pferdegerechten Umgang mit dem Pferd nicht erfüllen, sondern an mangelndem Wissen um die Bedürfnisse des Pferdes, auch im Training und im sportlichen Einsatz. In Konsequenz kann das auf Kosten des Pferdewohls gehen und nicht das gewünschte Ziel der Harmonie zwischen Reiter und Pferd erreicht werden.
Die Frage nach dem Wie ist nicht leicht zu beantworten, aber einige Aspekte will ich nennen: Das Thema Reitlehre hat in den Prüfungen (z.B. bei Reitabzeichen, Trainerqualifikationen) leider zunehmend an Bedeutung verloren auf Grund neuer APO-Bestimmungen; hier ist ein Umdenken dringend erforderlich.
Auf Turnieren müsste erkennbar falsches Reiten deutlicher angesprochen werden, vor allem die zunehmende Tendenz, mit den Händen und Zügeln eine bestimmte, in der Regel falsche Kopf-Hals-Position des Pferdes zu erzielen. Dieses falsche Reiten von vorne nach hinten wird überall wie selbstverständlich akzeptiert mit der Folge heruntergezogener Pferdeköpfe und eng gemachter Hälse.
Gerade Turniere müssen mehr zur Ausbildung beitragen: z.B. mit guten Richterkommentaren, kommentierten guten Vorreitern vor Dressuren oder Stilspringen oder zusätzlichen Lehrvorführungen vergleichbar zu manchen Seminaren der FN bzw. der Landesverbände. Turniere zur Multiplikation der richtigen Ausbildung.
Auch in unserem Verband (die FN, Anm. d. Red.) könnte die Ausbildung mehr Bedeutung bekommen. Die Abteilung Ausbildung ist im Rahmen von internen Umstrukturierungen gerade heruntergestuft worden. Sie ist keine eigenständige Abteilung mehr, sondern der Abteilung Sport untergeordnet. Leider wurde vor mehr als 20 Jahren auch der Ausschuss Ausbildung abgeschafft. Dieser Ausschuss hat regelmäßig Analysen zu allen Bereichen des Pferdesports erstellt und dazu beigetragen, Fehlentwicklungen rechtzeitig entgegenzuwirken.
Turniere zur Multiplikation der richtigen Ausbildung.
Reiten gestern und heute
Was war früher anders als heute?
„Früher“ ist ein dehnbarer Begriff. Wenn ich an meine reiterliche Grundausbildung denke, beginnend Mitte der 50er-Jahre, dann hatte ich das große Glück, von meinem Vater und anderen hervorragenden Pferdeleuten zu lernen, in der Regel (wie mein Vater) ehemalige Offiziere, die alle eine einheitliche Auffassung von richtigem Reiten hatten. Das galt nach meiner Erinnerung auch für die Richter. Sie haben zumeist noch nach der Ausbildungsskala der Reitvorschrift von 1937 unterrichtet, in der Anlehnung erst der vierte und Beizäumung der siebte Punkt war. Danach kamen noch Versammlung und Entwicklung der Aufrichtung.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass Ausbinder bzw. Hilfszügel erst gar nicht zum Einsatz kamen und man sich für den Weg, ein Pferd korrekt an alle Hilfen zu stellen, extrem viel Zeit genommen hat. „An die Hilfen Stellen“ und „Zügel aus der Hand kauen Lassen“ waren die ersten beiden Grundübungen des dressurmäßigen Reitens (s. Richtlinien 1954); wer das nicht konnte, konnte auch nicht Dressur reiten.
Positiv zu der Zeit war auch, dass eigentlich jeder Verein einen verantwortlichen Reitlehrer hatte, der die Entscheidungen über Turniereinsätze oder Reitabzeichenprüfungen getroffen hat. Wertvoll waren auch die sog. Landesreit- und Fahrlehrer, die in regelmäßigen Besuchen in den Vereinen die Qualität der Ausbildung überprüften. Solche Aufgaben wären heute mindestens so wichtig wie die der Landestrainer.
Können Sie bitte etwas genauer erklären, was es mit den beiden „Grundübungen des dressurmäßigen Reitens“ auf sich hatte?
Die Grundsätze des „an die Hilfen Stellens“ und des „Zügel aus der Hand kauen Lassens“ beziehen sich sowohl auf die Ausbildung des Reiters als auch auf die Grundausbildung des Pferdes.
Das „An die Hilfen stellen“ erfolgte aus dem völlig hingegebenen Zügel sowohl im Halten als auch im Schritt. Beim vorsichtigen Aufnehmen des Zügels sollte durch vermehrten Schenkeldruck das Pferd die Anlehnung vertrauensvoll annehmen und sich nicht herausheben. Beim Zügel Verlängern wurde erwartet, dass das Pferd den Hals mehr fallen lässt.
Diese Übungen in Folge haben Ausbilder wie Herr Stecken oder auch Herr Brinkmann wirklich stundenlang gefordert, bis die gewünschte Anlehnung (als vertrauensvoller Kontakt zu Reiterhand) entstand und im Trab fortgesetzt werden konnte.
Bei meinen Schülern/innen verlange ich das auch heute noch , aber das gelingt bei ihnen inzwischen sofort. In Lehrgängen muss ich viele Reiter/innen erst vom Wert dieser Übungen überzeugen.
Welche verbreiteten Irrtümer sehen Sie?
Irrmeinungen gibt es meines Erachtens vor allem bei der Art, wie manche Pferde in den Lösungsphasen geritten werden. Ein „tief Einstellen“ steht ebenso nicht in den Richtlinien wie ein „vorwärts-abwärts-Reiten“; vorwärts-abwärts bezieht sich nur auf die Halsung in der Dehnungshaltung.
Auch zur Ausführung von Paraden gibt es z.T. offensichtliche Missverständnisse, wenn sie mit allein rückwärts wirkenden Händen geritten werden. Auch ist nach meiner Auffassung die Kultur des Reitens auf Kandare ziemlich verloren gegangen. Dies wird oft falsch praktiziert und falsch oder gar nicht mehr gelehrt.
Auch in der Ausprägung der Sitzformen findet man Fehlentwicklungen, z.B. eine deutliche Rücklage im Oberkörper in der Dressur mit z.T. für das Pferd schmerzhaften Beeinträchtigungen der Rückentätigkeit oder im Springsitz das „Platznehmen“ im Sattel, auch mit aufgerichtetem Oberkörper.
Falsche Auffassungen erlebe ich auch häufig im Zusammenhang mit den natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes, wobei mich eine falsche Vermenschlichung mit Schuldzuweisungen an das Pferd besonders ärgert.
Gute Ausbilder versus schlechte Ausbilder
Woran erkenne ich als Reiter einen guten Ausbilder für mich – oder auch für mein Pferd?
Die wesentlichen Ausbilderkompetenzen sind ja Fach-, Sozial- und Vermittlungskompetenz und er muss in jeder Hinsicht ein glaubwürdiges Vorbild sein, auch wenn er selbst reitet. In der Fachlichkeit erwarte ich neben richtlinienkonformem Unterricht v.a. auch „Horsemanship“, das heißt, er kann sich individuell auf jedes Pferd einstellen und altersgemäße und dem Entwicklungsstand des Pferdes angemessene Anforderungen stellen. Ein Pferdemensch berücksichtigt stets das Pferdewohl, das Priorität gegenüber einer Erfolgserwartung genießt. Auch wenn in der Ausbildung mal Schwierigkeiten auftreten, erwarte ich, dass das Ziel der Harmonie nie aus den Augen verloren geht. Dem Schüler wird vermittelt, dass das Pferd stets „ehrliche“ Antworten auf reiterliche Einwirkung gibt. Klappt etwas nicht, darf nie dem Pferd eine „Schuld“ gegeben werden, sondern mit Hilfe des Ausbilders an der pferdegerechten Lösung eines Problems gearbeitet werden.
Welches sind Alarmsignale?
Alarmsignale sind beim Reiter, wenn er zunehmend verunsichert wird und er in seinen Einwirkungen immer ungenauer, vielleicht auch gröber wird. Beim Pferd ist unbedingt körperliche und mentale Überforderung zu vermeiden. Ein Pferd muss sich in der Ausbildung muskulär positiv entwickeln, sodass ihm die Arbeit unter dem Reiter zunehmend leichter fällt und der Grad an Zufriedenheit zunimmt. Man ist auf dem falschen Weg, wenn das Pferd an Gehfreude verliert, immer stärkere Einwirkung verlangt und es erkennbares negatives Ausdrucksverhalten zeigt (mangelndes Ohrenspiel, offenes Maul, Schweifschlagen, hochgezogene Unterlippe, verkrampfte Ganaschenmuskulatur u.v.a.m.). Leider werden häufig auch zu selten Pausen (im Schritt mit hingegebenen Zügeln!) eingelegt und damit die Konzentrationsfähigkeit wie auch die Muskulatur, z.B. des Halses überfordert.
Miteinander statt übereinander reden
Wie weit waren früher Ausbilder, Spitzenreiter und Trainer vernetzt? Wie haben sich die unterschiedlichen Abteilungen befruchtet. Oder war da nur Kasernenton und Kadavergehorsam?
Soweit mir berichtet wurde und mir in Erinnerung ist, fand in den militärischen Reitschulen fast täglich ein Erfahrungsaustausch unter den Ausbildungs-Offizieren statt. Auch die Zivilreiter der damaligen Zeit haben sich meines Wissens sehr an den Ausbildungswegen z.B. der Kavallerieschule orientiert. Zur Zeit meiner Ausbildung am DOKR hat es wie selbstverständlich immer auch gemeinsame Gespräche gegeben und ich habe von den damaligen Ausbildern (z.B. General a.D. Viebig, Oberstleutnant a.D. Hans-Heinrich Brinkmann u.a.) und den Spitzenreitern dort (z.B. Winkler, Meyer, Merkel, von Buchwald, u.v.a.) ungefragt Hinweise und Korrekturen erhalten. Das war später am Bundesleistungszentrum (mit u.a. General a.D. A. Stecken oder dem Springreiter H.-W. Johannsmann u.v.a.) nicht anders.
Muss nicht gerade heute (Info Stewards, Social Media, Social License) eine noch engere Zusammenarbeit gelebt werden, um Ausfälle aus einem anderen Mindset der Aktiven heraus gar nicht erst entstehen zu lassen?
Volle Zustimmung! Hier muss ein Ruck durch die Köpfe aller Pferdemenschen gehen! Wir können es uns nicht erlauben, über nicht pferdegerechtes Reiten hinwegzuschauen. Dies muss allen Reitern auf allen Leistungsebenen, aber auch allen Richtern, Stewards und Trainern bewusst sein. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, verlieren wir immer mehr an Glaubwürdigkeit als diejenigen Tierschützer, die naheliegenderweise ja eigentlich die Personen sind, die am Wohlergehen des Pferdes und am Fortbestand des Pferdesports das größte Interesse haben.
Für wichtig halte ich aber auch, ganz besonders positive Beispiele deutlich herauszustellen und entsprechend zu kommentieren, damit auch der Öffentlichkeit bewusst wird, dass wir auch unsere „Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes“ sehr ernst nehmen, in denen u.a. gefordert wird, dass nicht pferdegerechter Umgang „zu ahnden ist“.
Der Verein Xenophon, in dem ich mich (als Aufsichtsratsmitglied, Anm. d. Red.) engagiere, lobt schon seit vielen Jahren Preise für besonders pferdegerechtes Abreiten auf Turnieren aus und ist auch Initiator des Tierschutzpreises auf den jährlichen Bundeschampionaten. Mit der Herausstellung von Positivbeispielen können wir auch der Tendenz in den sog. sozialen Medien begegnen, in denen der Pferdesport oft schlecht geredet wird.
Müssen Reiterinnen und Reiter nicht gerade heute auch so gut in der Ausbildung zu Hause sein, dass sie ermächtigt sind, gut und richtig argumentieren zu können? Oder können sie das?
Es gehört für mich zur Ausbildung von Reitern, dass ich Ihnen im Zusammenhang mit dem Unterricht zunehmend Wissen vermittle, damit sie einerseits die Anweisungen und Hilfestellungen des Reitlehrers verstehen und nachvollziehen können, andererseits aber auch so viel Kenntnisse zur Natur des Pferdes und zum Umgang mit Pferden besitzen, um bei Bedarf entsprechend argumentieren zu können.
Ich empfehle jedem Reiter und Ausbilder, neben den Richtlinien und den Ethischen Grundsätzen auch die Studien „WertPferd“ und „Bildungsfaktor Pferd“ aufmerksam zu lesen, die auf den Internetseiten der FN, jetzt „Pferdesport Deutschland“ zu finden sind.


