Interview mit Vielseitigkeits-Nachwuchsstar Libussa Lübbeke

Libussa Lübbeke – das stille, strebsame Talent in der Weltspitze

Interview 18.05.2026
Zwei, die sich in und auswendig kennen: Libussa Lübbeke und Caramia FRH. Foto: Archiv sportfotos-lafrentz.de Zwei, die sich in und auswendig kennen: Libussa Lübbeke und Caramia FRH. Foto: Archiv sportfotos-lafrentz.de
Leise aber unaufhaltsam hat sich Vielseitigkeitsreiterin Libussa Lübbeke in den vergangenen Jahren in den Spitzensport vorgearbeitet. Ein Interview.

Libussa Lübbeke gehört zu den Shooting Stars der Vielseitigkeitswelt. Eine Bezeichnung, die sie selbst höchstwahrscheinlich befremdlich finden würde. Aber die Tatsachen sprechen für sich: vier EM-Einsätze von den Ponys über die Jungen Reiter bis hin zu den Senioren, dabei dreimal Gold und einmal Silber mit der Mannschaft und im Einzel immer in der Wertung. Letztes Jahr gab die 25-Jährige ihr Championatsdebüt bei der EM in Blenheim und trug ihren Teil zum deutschen Titel bei.


Vergangenes Wochenende brillierte sie in Marbach beim ersten Nationenpreis der Saison mit der selbst gezogenen und ausgebildeten Caramia FRH. Die beiden waren das erste Paar, das auf die hügelige Vier-Sterne-Strecke rund um Baden-Württembergs Haupt- und Landgestüt ging. Sie ließen das Ganze wie ein Kinderspiel aussehen und legten den Grundstock für den deutschen Sieg. Dass es kein Kinderspiel war, zeigten dann die nachfolgenden Paare.


Zeit, Libussa Lübbeke näher kennenzulernen. Ein Interview.


Libussa Lübbeke im Gespräch


Gloria Alter: Erzähl mal, wie geht’s dir und deinen Pferden gerade? Wie blickst du auf die kommende Saison?


Libussa Lübbeke: Zum Glück geht es mir und auch meinen Pferden sehr gut, alle sind gesund und ich freue mich einfach auf das, was kommt, und auf die bevorstehende Saison.


Mit sechs Jahren bist du mit deinem Schimmelpony Sissy mindestens 20 Mal über denselben selbstgebauten Sprung gesprungen, weil sie „genau da abspringen sollte, wo du es willst“. Ist dieser Perfektionismus heute noch ein Antrieb, oder manchmal auch eine Last? 


Wenn, dann ist es eher ein Antrieb und auf gar keinen Fall eine Last. Ich glaube, es ist so ein bisschen Perfektionismus, dieser Ehrgeiz, jeden Tag besser zu werden. Ich glaube, im Sport weit zu kommen, ohne dass man sich jeden Tag darum bemüht, besser zu werden, funktioniert nicht.


Das gilt übrigens auch für die Pferde. Ein Pferd muss diesen Sport wollen, ein Mensch kann nicht zu jeder Zeit alles zu 100 Prozent richtig machen, gerade in unserem Sport. Pferd und Reiter ergänzen sich dann gegenseitig. Unabhängig vom Sport muss es aber einfach auch zwischen Pferd und Mensch harmonieren.


Erzähl’ mal von deiner Grundausbildung, die du als Sportsoldatin absolvieren musstest. Wie war das für dich, was hast du davon mitgenommen? 


Es war ein bisschen anders, als es normalerweise abläuft, wegen Corona. Wir hatten zum Beispiel keinen „Zugabend“, also keinen Abend mit einer Abschlussfeier, der ist bei uns wegen Corona ausgefallen, ich glaube deswegen haben andere in normalen Zeiten so ein bisschen noch ein anderes Gefühl davongetragen. Es war trotzdem cool, man lernt viel Disziplin.


Was sich bei mir so ein bisschen eingebrannt hat, ist: Das Team ist nur so stark wie das schwächste Glied. Jeder muss mitziehen und da muss man sich drauf einstellen. Das ist schon echt Teamgeist, das nimmt man mit und auch Selbstbewusstsein. Man lernt zum Beispiel über die Jahre, selbst eine Truppe anzuführen und eine Übung anzuleiten. Das hat mir extrem viel Selbstbewusstsein gegeben, weil ich normalerweise nicht so der Typ bin, der sich vorne hinstellt und sagt: „So, jetzt mach mal so und so.“


Du machst derzeit deine Weiterbildung zur Pferdewirtschaftsmeisterin – neben deinen ganzen Pferden. Auch die Fahrerei zwischen den Standorten daheim bei der Familie und in Warendorf ist nicht ohne. Wie schaffst du es, das alles unter einen Hut zu bekommen?


Ja, die Tage sind ein bisschen länger (schmunzelt). Zum Glück ist der Meister mit dem Pferdeteil verbunden, wenigstens ein bisschen. Die Präsenzzeiten sind schon auch einschränkend, sag‘ ich mal, also Urlaub hat man nicht. Wenn man mit nur einem Pferd zum Turnier fährt, ist das so der Jahresurlaub muss man sagen.


Dadurch, dass ich in Warendorf meine Pferde habe und meine Eltern ihren Hof haben, war es schon immer so, dass meistens ein Elternteil zuhause geblieben ist und der andere mit den Kindern losgefahren ist, meistens war meine Mama das und Papa musste arbeiten. Meine Brüder ziehen bis heute durch, sie kommen immer noch super gerne mit und unterstützen oder einer macht mal zuhause den Hof.


Was war denn das Thema deiner Meisterprüfung?


Es ging um die Ausbildung eines Pferdes, das ein Ziel hat und die Dokumentation dieser Ausbildung. Bei der Prüfung musste man dann das Ziel vorreiten. In meinem Fall war das Ziel ein 1,30 bis 1,35 Meter-Parcours mit Daroca de Rioja FRH (u.a. zweifache Bronzemedaillengewinnerin des Bundeschampionats und 2025 bestes Pferd im Gelände im Finale, Anm. d. Red.). In der Meisterarbeit wurde die gesamte Ausbildung der Stute täglich dokumentiert und analysiert.


Dein Aufenthalt bei Andrew Hoy endete wegen Corona früher als geplant. Was hast du in dieser kurzen Zeit mitgenommen, das bis heute in deiner Arbeit steckt?


Ganz neu kennengelernt habe ich dort den natürlichen Aquatrainer. In England hat man die Möglichkeit, auf einen Acker zu gehen mit den Pferden. Man lässt die Pferde dort dann extrem langsam und detailliert dadurch laufen, also in ganz geringem Tempo, und nutzt eben statt Wasser den Schlamm auf dem Acker. Das ginge in Deutschland natürlich so gar nicht, und es kommt auch immer aufs Pferd an, ob das einen positiven Effekt hat.


Caramia, die Stute mit dem Kämpferherz, war zuerst das Pferd deines Bruders Fritz.  Mit ihr war er bis CCI3*-S erfolgreich. Hast du Druck dabei verspürt, dieses Pferd zu übernehmen, das in der Familie schon eine erfolgreiche Geschichte hatte?


Druck würde ich nicht sagen. Ich habe immer gehofft, dass es nicht so wird, dass man sich gegenseitig irgendwas nicht gönnt. Ich hatte immer Respekt davor, dass wenn es bei mir mal besser läuft, weil ich irgendwas anders mache, dass es dann Kommentare von außen gibt, die uns als Geschwister negativ beeinflussen. Und das war zum Glück gar nicht so. Er freut sich genau so sehr wie ich über die Erfolge.


Ich glaube, dass wir uns da perfekt ergänzt haben in der Ausbildung des Pferdes. Ich denke, Caramia wäre nicht so eine Maschine im Gelände geworden, wenn mein Bruder sie vorher nicht geritten hätte. Er hat ihr früher so eine Sicherheit gegeben, dass sie heute ihren Job einfach kennt.


Und: Sie ist ein Pferd, mit dem man sich 24/7 beschäftigen muss. Dass ich dafür so viel Zeit hatte, hat glaube ich nochmal neue Türen geöffnet.


Wie würdest du Caramia beschreiben, was macht sie so besonders?


Caramia ist sehr menschenbezogen. Sie ist gar kein so kuscheliges Pferd, also nicht aufdringlich, aber sie ist zu hundert Prozent fixiert auf die Menschen, die sie kennt. Sie ist hochsensibel. Sie fühlt sich am wohlsten, wenn sie so ihre Routine hat und das mit den ihr vertrauten Menschen.


Sie ist über die Jahre definitiv gereift. Als junges Pferd war sie eigentlich wie ein Welpe. Sie hat ihren Körper teilweise nicht so ganz eingeschätzt. Ich glaube, wir sind dann richtig zusammen mit ihr gewachsen und gereift. Heute ist es egal, was du mit ihr machen willst – sie vertraut dir zu hundert Prozent.


Wie geht es Caramia jetzt, was hast du mit ihr diese Saison geplant? Geht der Blick Richtung WM?


Caramia geht es sehr gut, sie ist sehr fit und motiviert aus dem Winter gekommen. Die WM-Sichtung in Avenches habe ich auf jeden Fall auch auf dem Plan. Ich hab das Ziel Aachen vor Augen, aber wir machen das ohne Druck, so wie das Pferd sich anbietet.


Deine Familie züchtet bewusst nur ein bis zwei Fohlen pro Jahr, und mit Caramia und der bereits in Blenheim gestarteten Benedetta kann sich die Erfolgsquote der Zucht sehen lassen. Was können wir noch erwarten, wer steht als nächstes in den Startlöchern?


Wir haben viele sehr junge Pferde, der älteste ist dieses Jahr drei. Man macht bei uns etwas aus den Fohlen, die da sind. Der Dreijährige ist aus der Vollschwester von Benedetta (elfjährige selbstgezogene Bonaparte N AA-Tochter, mit der Libussa u.a. Dritte im CCI4*-S in Luhmühlen im vergangenen August war, Anm. d. Red.) , Vater ist Diacontinus. Das Anreiten gestalten wir individuell nach Pferd, auch je nachdem wie wir Kinder Zeit haben. Der Dreijährige kommt jetzt den Sommer nochmal über auf die Wiese, und meistens fangen wir dann frühestens Ende dreijährig an. Wenn sie Buschpferd werden sollen, lernen sie vierjährig dann mal an drei Tagen das „Gelände-Einmaleins“ und gehen danach nochmal auf die Sommerwiese, aber es kommt immer aufs Pferd an.


Du hast neben Caramia noch jüngere Pferde unter dem Sattel. Was sind weitere Ziele von dir für die kommende Saison? 


Dieses Jahr baut sich alles um Caramia herum. Ich würde gerne die Sieben- und Achtjährigen dieses Jahr noch Drei-Sterne reiten. Die jüngeren, da habe ich eine Fünf- und eine Sechsjährige, sollen altersentsprechend VA, vielleicht eine VL bzw. 2* gehen. Generell bin ich ein Fan davon, dem Pferd Zeit zu geben, vor allem auch um mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln.


Wie würdest Libussa Lübbeke beschreiben, der sie nicht kennt? Was macht sie als Mensch aus? Was hat sie für Leidenschaften oder auch leidenschaftliche Abneigungen?


Für jemanden, der mich nicht kennt, würde ich sagen: Sehr ruhig. Egal, um was es bei den Pferden geht, ich versuche auch da immer eine gewisse Ruhe drin zu behalten.


Meine Leidenschaft sind natürlich die Pferde. Mein ganzes Leben bestand aus Pferden, damals kam ich aus der Schule und habe mich direkt aufs Pony gesetzt. Klar, jetzt im großen Sport kommt man auch mal ins Zweifeln, weil es einfach extrem viel Arbeit ist, um weit zu kommen. Ich glaube aber, das ist einfach der Weg, den ich gehen soll in meinem Leben.


Bezogen auf Pferde habe ich eine leidenschaftliche Abneigung dagegen, wenn ich merke, dass da irgendwo Druck dahinter ist. Wenn ich merke, das Pferd muss etwas machen, das es nicht will – das ist dann etwas, das ich gar nicht leiden kann.


Ich habe persönlich gerne meine Ruhe. Menschen, die extrem viel reden, denen das Zuhören schwer fällt, liegen mir nicht so sehr. Auch gegen Unehrlichkeit habe ich eine leidenschaftliche Abneigung. Man muss nicht jedem alles erzählen, aber wenn man was erzählt, sollte es stimmen.


Wie sieht dein Leben aus, wenn du nicht gerade im Stall bist? Bleibt dir überhaupt Zeit für andere Dinge neben den Pferden?


Ja, die gibt es, und diese wenigen Stunden meines Lebens bestehen aus Nicht-Pferde-Sachen. Ich treffe mich gerne mit Freunden auch außerhalb des Pferdesports, diese Zeit nutze ich bewusst um weg vom Stall zu sein, denn diese Stunden sind gezählt. Man muss ein gutes Gleichgewicht haben zwischen man ist gerne im Stall und man genießt die Zeit in denen man mal etwas anderes als die Reithose anzieht, das ist glaube ich ganz wichtig. Genauso wie die Pferde auch mal einen Tag frei haben.


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