Deutschland gewinnt League of Nations-Etappe von Ocala
Das siegreiche deutsche Team in Ocala. Foto: FEI/Shannon Brinkman Die deutschen Springreiter haben in der League of Nations-Etappe nahtlos an ihre Siegesserie in diesem Jahr in Ocala angeknüpft. Erst gewann André Thieme mit Paule S den Großen Preis, dann siegte gestern René Dittmer im Hauptspringen des Tages und heute dann die Krönung mit dem überlegenen Triumph in der League of Nations-Etappe von einem Team mit vier Paaren, die allesamt in Bestform geliefert haben. Am Ende hätte Schlussreiter Richard Vogel sich mit seinem Schimmel Claudio sogar einen Abwurf leisten können, ohne den Sieg zu gefährden. Doch den brauchte der frisch gebackene Rolex Live Contender gar nicht. Aber der Reihe nach.
Erster Umlauf – Irland mit weißer Weste
Deutschland hatte die Startnummer neun der zehn Mannschaften gezogen. Equipechef Otto Becker hatte entschieden, André Thieme und Chakaria als erstes Paar ins Rennen zu schicken. Die Stute sprang in ihrem ersten Nationenpreis nach einjähriger verletzungsbedingter Turnierabstinenz überragend bis zum drittletzten Hindernis, einem mit einem Oxer überbauten Liverpool. Eine leichte Berührung, kaum der Rede wert, da machte es Platsch und die Stange lag im Wasser.
Dann waren die beiden Debütanten in der League of Nations für Deutschland an der Reihe, René Dittmer und Corsica X. Auch ihr Auftritt: souverän. Aber auch sie erwischte es, und zwar ein Hindernis später als Thieme und Chakaria am Einsprung der zweifachen Kombination in dem von Parcourschef Alan Wade meisterhaft entworfenen Kurs. Ebenfalls vier Fehler.
Rechtzeitig für Ocala hatte Christian Kukuk seinen Olympiasieger Checker aus Riesenbeck nach Florida geholt. Kukuks Ex-Chef Ludger Beerbaum hat einen guten Job gemacht als Stallreiter. Der inzwischen 16-jährige Comme il faut-Sohn sprang engagiert und fehlerfrei – auch wenn es ein paarmal geklappert hat.
Nun war es an der Reihe von Richard Vogel und dem zwölfjährigen Casall-Sohn Cloudio, Deutschland im Spiel zu halten. „Ich würde nicht sagen, dass ich den Druck liebe“, relativierte Richard Vogel später die Frage der FEI-Korrespondentin, warum er gerne als Schlussreiter in den Parcours geht. „Ich würde eher sagen, ich bin süchtig.“ Einen ordentlichen Adrenalin-Stoß dürfte der Sieger von Hertogenbosch auf jeden Fall bereits nach dem ersten Umlauf bekommen haben. Sein Cloudio sprang vorsichtig, geschmeidig, schnell und fehlerfrei.
Damit blieb es für Deutschland bei vier Strafpunkten, die zählten. In der Zwischenwertung war das der dritte Platz. An der Spitze standen die Iren unter der Ägide ihrer neuen Equipechefin Jessica Kürten mit weißer Weste vor den Niederlanden mit lediglich einem Zeitstrafpunkt.
Doch im zweiten Umlauf werden die Karten nach dem neuen Reglement der League of Nations neu gemischt. Was bei Olympia heftig kritisiert wird, scheint sich in der League of Nation zu bewähren: In Runde zwei treten nur noch drei Paare je Mannschaft an, und jeder Ritt zählt. Das führt dazu, dass man sicher geglaubter Sieg von einer Sekunde auf die andere dahin sein kann. So auch heute.
Schade für die Gastgeber: Da im zweiten Umlauf nur noch die besten acht Teams startberechtigt sind, waren die USA raus. Ausgerechnet Natalie Dean und Pedro van de Barlebuis, die auf den letzten Drücker für McLain Ward nachrückten, der aufgrund einer Handverletzung nicht reiten konnte, waren das einzige fehlerfreie Paar. Doch das frühe Ausscheiden von Lillie Keenan und ihrem eigentlich so routinierten 16jährigen Argan de Beliard erwies sich als umso verhängnisvoller nachdem Laura Kraut auf Tres Bien Z 33 Strafpunkte kassierte und bei Aaron Vale und Carissimo noch einmal 16 hinzukamen.
Ebenfalls raus war die Schweiz mit 25 Fehlern.
Zweiter Umlauf – Deutschland überragend
Nach einer halbstündigen Pause ging es in die nächste Runde, noch einmal über den Parcours mit zwölf Hindernissen, bei dem insbesondere eine auf vier kurze Galoppsprünge angelegte Distanz im Anschluss an die dreifache Kombination auf einen schmalen 1,60 Meter-Steilsprung die Reiter vor Herausforderungen stellte.
Die ersten Doppelnull erreichte das französische Duo Nina Malleveay und Dynastie de Beaufour, einer Tochter des Diamant de Semilly, dessen Züchter Eric Levallois auch Dynastie gezogen hat – der weiß, wie man Springpferde züchtet. Das heute waren die 13. und 14 Nullrunde in Folge über 1,60 Meter für das Paar.
Otto Becker hätte die Möglichkeit gehabt, die Reihenfolge, in der die Reiter antreten, zu verändern. Doch er setzte erneut auf André Thieme als ersten Reiter. Und Chakaria lieferte. Diesmal sprang sie fehlerfrei und André Thieme strahlte über das ganze Gesicht. Die Europameisterin und Aachen-Siegerin ist pünktlich zum WM-Jahr zurück in Topform. „Es bedeutet mir alles, sie wiederzuhaben“, freute Thieme sich später und vergaß nicht zu erwähnen, wem er das mit zu verdanken hat, „es war nicht klar, ob sie jemals wieder so fit wird. Aber das ganze Team hat hart dafür gearbeitet. Pferde wie sie werden nicht so häufig geboren …“
Ähnlich lobte Christian Kukuk seinen ehemaligen Chef Ludger Beerbaum und das Team in Riesenbeck für die Arbeit, die sie mit Checker verrichtet haben, denn auch der ist in Bestform, wie er auch im zweiten Umlauf demonstriert hat. Wieder sprang er fehlerfrei. Kukuk später: „Ich habe heute wirklich ein Lächeln auf dem Gesicht. Ich bin Checker seit dem letzten Dezember nicht mehr geritten und Ludger hat ihn für mich fit gehalten. Es hat sich so gut auf ihm angefühlt. Man hat es heute wieder gesehen, er springt einfach auf einem anderen Level und ich bin sehr stolz auf ihn.“
Am Ende hatten es wieder Vogel und sein Schimmel in der Hand. Auch die beiden haben sich vor Ocala länger nicht gesehen. Während Richard Vogel mit diversen Pferden in Wellington im Einsatz war, wurde Cloudio daheim von Vogels Starpflegerin Felicia Wallin fit gehalten, die sich auch um United Touch S‘ Training kümmert, wenn die Nummer vier der Weltrangliste verhindert ist. Eine Felicia muss für einen Springreiter ihr Gewicht in Gold wert sein und das würde in ihrem Fall nicht einmal ausreichen, so, wie ihre Pferde sich präsentieren, erst United Touch letztes Wochenende im Rolex Grand Prix von Hertogenbosch, nun Cloudio in Ocala. Erneut dachte der Hengst gar nicht daran, auch nur in die Nähe einer Stange zu kommen. Nachdem sowohl die Iren als auch die Niederländer gepatzt hatten, wäre sogar ein Abwurf drin gewesen. Doch den Joker brauchten sie nicht. So stand Deutschland schon vor dem Ende der Prüfung als Sieger fest.
Die weiteren Platzierten
Für die Iren blieb schlussendlich Rang zwei nachdem das erste Paar in der zweiten Runde, Bertram Allen auf Qonquest de Rigo zwei Abwürfe ins Ziel brachte. Aber sowohl Cian O’Connor mit Chatolinue PS als auch Shane Sweetnam mit dem Überflieger James Kann Cruz lieferten zwei fehlerfreie Runden und holten die Kohlen so aus dem Feuer.
Platz drei ging an die Europameister, die Belgier um Peter Weinberg mit zwölf Fehlern. Nicola Philippaerts und seine Erfolgsstute Katanga van het Dingeshof waren fehlerfrei in Runde eins und hatten bei ihrem zweiten Auftritt einen ärgerlichen Fehler am letzten Oxer, an dem die Stute einmal kurz die Balance verlor und mit dem Hinterbein zwischen die Stangen fußte. Dafür erfüllte Newcomer Roy van Beek auf Cavoiro-H alle Erwartungen mit zwei Nullrunden und Emelie Conter zeigte mit jeweils vier Fehlern auf Portobella van de Fruitkorf eine souveräne Leistung.
Den mit Siegchance in Runde zwei gestarteten Niederländern wurde das fehlende Streichergebnis zum Verhängnis, als Kevin Jochems zuerst so souverän springende Camilla van de Helle im zweiten Umlauf die Mauer verweigerte. Vielleicht war sie irritiert, weil durch das nun eingeschaltete Flutlicht die Schatten anders fielen. Auf jeden Fall wurden es 20 Strafpunkte. Als Michael Greeves Denver dann gegen Ende des Parcours die Kräfte zu verlassen schienen und neun Fehler auf der Tafel angezeigt wurden, war das Oranje-Team geschlagen, Rang fünf.
Gesamtwertung
In der Gesamtwertung der League of Nations liegt Deutschland nun zur Halbzeit an der Spitze mit 190 Punkten vor den Siegerin von Abu Dhabi, Frankreich, mit 155 Zählern (55 für den heutigen sechsten Platz) und Irland mit 150 Punkten dicht dahinter.
Wie man sich als Equipechef der siegenden Mannschaft fühlt? Otto Becker: „Die ganze Woche war unglaublich. Hier die League of Nations-Etappe zu gewinnen, bedeutet mit natürlich sehr, sehr viel“, so der deutsche Bundestrainer.
Alle Ergebnisse aus Ocala finden Sie hier.