Verboomen vor Fry in Kür von Hertogenbosch, Netz und Dieudonné mit Personal Best, Treffinger sichert sich wohl Platz im Weltcup-Finale
Verboomen siegt gegen Fry im Duell der schwarzen Hengste
Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: sportfotos-lafrentz.de Justin Verboomen und Zonik Plus haben die letzte Etappe der Westeuropaliga um den Dressur Weltcup gewonnen. Der Belgier zog alle Asse, die er im Ärmel hatte und lieferte technisch hoch komplexe Lektionsabfolgen: Aus dem Halten zum Gruß ging es in die Piaffe, es folgten klar abgesetzte Trabtraversalen im Wechsel mit solchen in der Passage. Aus einer Piaffe-Pirouette Übergang zum starken Schritt. Im versammelten ging Zonik Hit wie schon im Grand Prix deutlich stapfend im Vorderbein (6,8).
Ein kleiner technischer Fehler unterlief dem Paar, das an der Spitze der Weltrangliste steht: Am Ende einer Linie mit Einerwechseln, sprang der Zonik-Sohn einmal gleichbeinig hinten. Verboomen nutzte die Jokerlinie, um dort 13 fehlerfreie fliegende Galoppwechsel von Sprung zu Sprung zu zeigen. In den Serienwechsel wünschte man sich mehr Durchsprung von hinten.
Am Ende dreht Verboomen noch einmal auf – und wie!
Das technische Feuerwerk war damit noch nicht beendet. Zum Abschluss parierte der 38-jährige Belgier in der Rechtspirouette durch, um in einer Piaffe-Pirouette linksherum zu landen. Einhändig beendete Justin Verboomen in der Passage den Ritt, der am Ende mit 89,205 Prozent und dem Sieg belohnt wurde.
Ein Flug mit Glamourdale und „Lottie“ Fry
Im technischen Wert, der A-Note, lag die Britin Charlotte Fry sogar noch vor Justin Verboomen – einen starken Galopp für eine 9,7 hat Zonik Plus nicht im Programm, wohl aber Pirouetten, die ebenso hoch bewertet wurden.
Fry hatte das Thema „Fliegen“ als musikalische Grundlage. Wohl, weil „nur fliegen schöner ist“. Die Musik überspannte fünf Jahrzehnte populärer Musik – von den Venga Boys zum Auftakt „We‘re going to Ibiza“ oder dem Cole Porter-Klassiker „Let’s fly away“. Diese Melodien untermalten alle Lektionen im Zweitakt, weit kreuzende Trabtraversalen, Piaffen, die einfach mehr Absenken der großen Gelenke der Hinterhand beinhalten müssten, und Passagen, in denen der Weltmeister von 2022 hohe Noten bekam.

Ein künstlerischer Coup: Aus der Piaffe-Pirouette (die dem Rappen leichter fällt als „normale“ Piaffen) ein Übergang in den Schritt. John Denvers 70er Schmachtfetzen „I‘m leaving on a jet plane“ begleitete das Paar. Dann „Fly me to the moon“, wieder ein Las Vegas-Gassenhauer, zum Galopp. In den Zweierwechseln, sprang der Rappe einmal hinten nicht sauber durch. Als Nelly Furtados „I’m like a bird“ zwitscherte, folgten die laut Richtlinie geforderten mindestens fünf Zweierwechsel, direkt im Anschluss auch noch Einerwechsel – fehlerfrei!
Am Ende ertönte eine Borddurchsage: „Thank you for flying Glamourdale Airlines“. Und nach dem Gruß guckte Lottie Fry dann das erste Mal nicht mehr so konzentriert wie ein Flugkapitän beim Landeanflug mit Seitenböen, sondern wie eine Flugbegleiterin, die freundlich Tomatensaft anbietet. Oder Champagner – 89,085 Prozent.
Platz drei für die Niederlande
Marieke van der Putten und Zantana RS2 setzten auf Sicherheit. Bis auf einen Stolperer im starken Trab, dem man zumindest den Versuch so etwas wie Rahmenerweiterung anzudeuten gegönnt hätte, gelang der Niederländerin ein Sicherheitsritt.

Viele Piaffen und Passagen mit perfekt dazu arrangierter Musik von einem klassischen Orchester. Streicher, Bläser. Piano zum Schritt und ein Frauenchor darf auch „aaaaah“ singen. Keine großen choreographischen Überraschungen, „nur“ neun Einerwechsel nach einer Pirouette. Da war bei der Konkurrenz einiges mehr zu sehen an technischer Raffinesse. 82,175 Prozent bedeuteten aber Platz drei.
Raphi rockt das Ding
Wer in den 80er Jahren groß geworden ist (Spoiler, hier sitzt einer an den Tasten, für den das gilt), den wird die Kür von Raphael Netz und Dieudonné gleich doppelt vom Sitz gerissen haben. Denn zum feinen Reiten und Netz‘ Hilfen, die dem Pferd immer einen Moment zum Nachdenken einräumen, wenn es technisch ganz schwierig wird (Spoiler zwei, das wurde es mehr als einmal), kommen noch Klassiker der Black Music: „Man in black“ zur Passage, im starken Trab „U Can’t touch this“ von MC Hammer. Der erste starke Trab war zunächst etwas festgehalten, dann nach zehn Metern konnte Netz den Hals länger bekommen und die Vorderbeine flogen, genauso wie die Hinterbeine aktiv Schub entwickelten. „Where ist the love?“ von den Black Eyed Peas, im Galopp dann „Return oft he Mack“, dazu Serienwechsel auf gebogener Linie.

Der Dante Weltino-Sohn ist da noch nicht ganz gerade im Körper, aber wie Raphael Netz dem DSP-Vorzeigepferd vorn den Raum gab und dabei die Serienwechsel technisch fehlerfrei zeigen konnte – Hut ab! So macht Dressur Spaß!
Am Ende schlichen sich einige ungleich hohe Tritte im Sprunggelenk beim schwierigen Übergang von der Galopp- in die Piaffe-Pirouette ein. Aber – charakteristisch für „Raphi“, der in zehn Tagen 27 Jahre jung wird – er wartete, bis der Dante Weltino-Sohn sich sortiert hatte, um dann die Energie der aktiven Hinterbeine noch ein bisschen weiter unter den Körper von Dieudonné zu bekommen. Der stützt, noch, im Vorderbein. Aber: Der Weg ist das Ziel. Und der Weg war zu erkennen.
Der Lohn: Ein Personal Best mit 80,81 Prozent und die dritte 80%-PLUS Leistung des Paars. Raphael Netz kann nun seine zweite Weltcup-Finalteilnahme im April in Texas planen.
Warum es eine Kieferorthopädin schwerer hat als ein Big Name
Keinen Vorwurf empfinden Dressurrichter übergriffiger als „Promi-Judging“, sprich der Griff in die Schublade mit den hohen Noten, sobald ein Gesicht im Viereck erscheint, dass bekannt ist. Dr. Svenja Kämper-Meyer kennt sich auch mit Gesichtern aus. Sie ist Kieferorthopädin und als solche nicht an jedem Wochenende auf einem internationalen Turnier unterwegs. Zumal sie mit der von ihrer Familie gezogenen Amanyara auch nur über ein Grand Prix-Pferd verfügt, das hier mitspielen kann.
Dr. Svenja Kämper-Meyer und Amanyara M FRH. Foto: sportfotos-lafrentz.deSelbsthaltung in der letzten Minute perfekt in Szene gesetzt
Die Stute, Dritte im Louisdor Preis 2022, hat viel Erfahrung im Viereck. Sie mag keine Grundgangart für eine 10,0 haben. Aber was die beiden heute in Hertogenbosch zeigten, war technisch komplex und gelang. Ein Manko hat die Stute. Muss sie sich körperlich anstrengen und ihr Körper verlangt ihr manchmal genau dies ab, schlägt sie viel mit dem Schweif. Aber nicht, weil ihre Reiterin zu sehr bohrt. Das macht sie lieber in der Praxis wochentags. Mit feiner Hand, die immer in Richtung Pferdemaul nachgab, ritt die Familienmutter eine Kür, die von Sekunde zu Sekunde schwieriger wurde.
Gerade im Galopp können die beiden „zaubern“. Auf Zweierwechsel folgten direkt Einerwechsel, die in einer Pirouette mündeten. Und die wiederum zur Piaffe-Pirouette „heruntergeschaltet“ wurde. Da nahm die Reiterin die Zügel schon ein die linke Hand und ritt dann noch einhändig auf wechselnden Linien Passagen – ja, das geht, wenn Selbsthaltung selbstverständlich ist – und sogar zum Schluss einhändig die Piaffe. Toll, wie sich die Reiterin aus Nottuln freute! Harmonie-Note 8,0 – jedes Promipaar hätte da mehr bekommen. 77,035 Prozent, Platz sieben!
Moritz ist back on the street
Moritz Treffinger, 23, und Cadeau Noir hatten im Grand Prix einen Tag erlebt so schwarz wie das Fell des gekörten Rapphengstes. Doch zu den Klängen der ganz großen Hits der Back Street Boys konnten die amtierenden U25-Europameister die Scharte wieder auswetzen.
Die Choreographie der beiden ist smart. Sie begannen im Galopp. Und wie! „Quit playing games with my heart“ dazu aus dem Gruß eine Pirouette, an die sich 17 Einerwechsel und eine doppelte Pirouette auf der Mittellinie anschlossen. Dann starker Galopp mit der berühmten Frage „Tell me why“ aus „I want it that way“. Und wie die beiden „wanten“, sie wollten. Alles funktionierte: 11 Zweierwechsel an der kurzen Seite, daraus ganze Galopptraversale nach rechts.
Toller Aufbau
Im versammelten und starken Schritt ließ Cadeau Noir heute schon besser los als im Grand Prix von ‘s-Hertogenbosch. Dann „We’ve got it goin on“ für Passage und Traversalen.
Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss – das sagt auch „Kür-Päpstin“ Katrina Wüst im Podcast „Erzähl mir was vom Pferd“. Treffinger lieferte: 21 Einerwechsel auf gebogener Linie. Beim Übergang zur Passage klopfte er einmal seinen Partner ermunternd am Hals. Am Ende zeigte das Paar eine Piaffe-Pirouette mit 360 Grad-Drehung. Leider fußte der Hannoveraner dabei zweimal hinten weit. Das mag ein Paar Punkte gekostet haben. Aber Platz zehn, 74,895 Prozent, bedeuten für Moritz Treffinger höchstwahrscheinlich – das finale Teilnehmerfeld wird im Laufe der kommenden Woche verkündet: Auf nach Texas, Yeeehaaa!
Ergebnisse aus ‘s-Hertogenbosch