Kommentar zur Hengstvorführung in Marbach
Perfekt gibt es nicht – aber den perfekten Weg fürs Pferd

Dass eine Hengstvorführung ein adäquater Einstieg ins Xenophon-Jubiläumswochenende sein kann, wurde im Vorfeld angezweifelt. So manche Hengstvorführung sei doch vor allem eines, ein großes Spektakel, hieß es. Die Realität sah an diesem Wochenende in Marbach anders aus.
Statt mit „gemachten Tritten“ und viel Tamtam im Spot wurden die Dressurhengste in ihren natürlichen Grundgangarten und auf ihrem altersentsprechenden Ausbildungsstand vorgestellt. Bei den Springhengsten gab es keine hypervorsichtigen Gewaltspringer, sondern hoch motivierte Athleten, bei denen mancher Dressurfan ins Grübeln kam, ob ein Springhengst nicht auch zur Stute passen könnte.
Der richtige Weg muss das Ziel sein
Es war ein Abend, der zeigte, dass fein gerittene Pferde in ihrer natürlichen Eleganz um so vieles schöner sind als die artifiziellen Strampler, die so oft bejubelt werden. Nein, auch in Marbach war nicht alles perfekt. Aber der Umgang damit war es. Ein junges Pferd, das noch nicht sicher in der Anlehnung ist? Kein Problem, trotzdem die Hand weich anbieten und versuchen taktmäßig weiterzureiten. Ein Hengst, der sich in der Atmosphäre gar nicht entspannen will? Ruhig bleiben, vorsichtig und gefühlvoll versuchen, ihn mit bekannten Lektionen abzulenken statt aus der Rage Passage zu machen. Die Art, wie auf Probleme reagiert wurde, machte den Unterschied – und den Abend so wertvoll.
Der ehemalige Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule, Arthur Kottas, kommt schon seit einer Weile einmal im Monat nach Marbach, um den Bereitern bei der Arbeit mit den Pferden zu helfen. „Jetzt bittschön eine Traversale“ – wer würde nicht gerne mit Wiener Akzent und ausgesuchter Höflichkeit unterrichtet werden? Aber vor allem scheint sein Training effektiv zu sein. Einen derart geschmeidigen Sitz und eine so feinfühlige Zügelführung wie beim Großteil der Marbacher Reiter sieht man nicht oft. Einer der wertvollen Sätze von Kottas an diesem Abend: „Das Hinterbein stabilisiert das Pferd.“ Dementsprechend wurde geritten – von hinten nach vorne, der Hand hinterher und nicht umgekehrt.
Eine neue Fehlerkultur
Das sieht nicht immer super aus. Dann geht ein Vierjähriger schon mal über dem Zügel, mal hinter dem Zügel und macht schon mal einen Taktfehler. Vollkommen normal bei jungen Pferden – oder auch bei ausgebildeten Pferden in ungewohnter Atmosphäre, wie man gesehen hat. Na und?
Die wenigsten Pferde, die nicht durch reiterliche Einwirkung „in Form gebracht“ wurden, bewegen sich mit vier Jahren ausbalanciert und sicher in der Anlehnung. Es mag Ausnahmen geben. Aber deshalb sind die Regelfälle nicht die schlechteren Pferde. Sie brauchen nur länger. Die unangenehme Wahrheit ist: Die Zucht mag Fortschritte gemacht haben, aber eine Abkürzung auf dem Weg zum korrekt ausgebildeten Reitpferd gibt es trotzdem nicht. Ein „Reiten light“-Konzept, das nicht auf Kosten der Pferde geht, gibt es nicht. Denn auch wenn es Menschen waren, die die Skala der Ausbildung niedergeschrieben haben, die Inhalte haben die Pferde selbst vorgegeben. Wer als Reiter meint, er kennt einen besseren Weg, handelt wider die Pferdenatur. Und es reden doch gerade alle vom Pferdewohl.
Das ist nicht nur ein fancy Schlagwort. Von den Resultaten schlechter „Ausbildung“ und falscher Versprechen lebt eine ganze Armee von Scharlatanen und Heilsbringern. Und das ziemlich gut. Ihre Zulieferer befeuern die Kritik der Pferdesportgegner. Das könnte man schnell abstellen. Richtig Reiten reicht – selbst, wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Erhalt des Kulturgutes Pferd
Wir müssen es feiern, wenn ein Pferd jenen Grad der Ausbildung erreicht hat, in dem es sich unter dem Reiter auszubalancieren und in Selbsthaltung tragen kann. Die Anerkennung gilt in dem Fall nicht nur dem Pferd, sondern ebenso dem Ausbilder im Sattel. Dafür braucht es Pferdefreunde, die es erkennen und honorieren, wenn der Weg der richtige ist, obwohl das Ziel noch nicht erreicht ist. Ob das nun die Richter am Richtertisch sind, die Kunden beim Pferdekauf oder die Züchter bei der Hengstvorführung.
Man kann nur hoffen, dass Besucher der ausverkauften Marbacher Hengstvorführung zu schätzen wussten und wissen, dass Landoberstallmeisterin Dr. Astrid von Velsen-Zerweck und ihr Team die Geduld haben, den klassischen Weg zu beschreiten. Und den Mut und die Größe, es zu akzeptieren, dass auch mal Dinge schiefgehen, obwohl sie dafür vermutlich schon mal den einen oder anderen schiefen Blick ernten.
Denn wenn die Pferdebranche sich Gedanken über die Social License macht, kann man allen Beteiligten nur sagen: Macht’s wie Marbach – hört auf, nur von Pferdewohl zu reden, fangt wieder an in Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung zu denken und zu handeln; gebt Pferden top Wertnoten, die eine solide Grundausbildung genossen haben; kauft und verkauft Pferde, bei denen diese Punkte abgehakt werden können; züchtet mit Hengsten, bei denen ihr sicher seid, ihr natürliches Potenzial gezeigt zu bekommen und nicht das, was der Mensch aus ihnen gemacht hat.

