Grand Prix-Reiterin, -Ausbilderin und S-Richterin Karin Lührs über die Skala der Ausbildung

Warum die Klassische Reitkultur niemals aus der Mode kommt

Nun gibt es Xenophon schon seit 20 Jahren, 2006 begründet als "Verein zu Erhalt und Förderung der Klassischen Reitkultur". Der Verein ist bekannt, aber längst nicht bekannt genug. Fast täglich werden Videos ins Netz gesetzt, die entweder nicht pferdegerechte Inhalte haben, oder es werden Informationen und Bilder preisgegeben, die fachlich falsch sind und unserem Reitsport schaden. Und es wird immer schlimmer. Beispiele aus der Praxis einer Ausbilderin.

Mit unseren Veranstaltungen in kleinem wie im großen Rahmen versuchen wir das richtige Reiten zu erklären und weiterzugeben. Dazu ein Beispiel: Auf einem Lehrgang erschien eine Teilnehmerin mit einem Bauchergebiss (zur Info: Gebiss mit feststehenden, „b“-förmigen Seitenteilen und kleinen oberen Ringen (Oberbäume), die direkt am Zaumzeug befestigt werden). Das Pferd fühlte sich extrem unwohl, entzog sich der Anlehnung nach oben, schrie quasi um Hilfe, die Reiterin benutzte es wegen der angeblichen Sensibilität des Pferdes im Maul. Fakt war aber, dass die Reiterin nicht in der Lage war, das Pferd überhaupt in Anlehnung, in einer steten, weichen, federnden Verbindung zum Pferdemaul, zu reiten. Mit diesem Gebiss und ihrer geringen Erfahrung verschlimmerte sie die Situation extrem. Das Gebiss wurde umgeschnallt, das Problem für die Reiterin enträtselt, das Pferd war umgehend zufriedener.


Urteilsvermögen aus dem Internet?


Die Reiterin in obigem Beispiel wollte ihrem Pferd nicht schaden, im Gegenteil. Diese Begebenheit zeigt nur sehr deutlich, dass zusammengegoogelte Informationen keine fundierte Ausbildung ersetzen. Sogenannte selbsternannte „Experten“ melden sich zu Wort, ohne reiterliches Know-how, häufig mit sehr geringer reiterlicher Erfahrung, ohne fundierte Ausbildung. Sie urteilen über Dinge, die sie gar nicht beurteilen können, weil ihnen die Sachkompetenz fehlt. Aber sie haben viele Zuhörer, sind laut und werden immer lauter. Da müssen wir gegensteuern. Darum gibt es Xenophon, darum setzen wir uns in unserer Freizeit ehrenamtlich für den Verein ein, denn uns liegt die klassische Reitkultur am Herzen, weil uns die Pferde am Herzen liegen.


Die Ausbildungsskala ist alternativlos


Mit der Ausbildungsskala im Rücken sind wir immer auf dem richtigen Weg, und es gehört auch Mut dazu, diesen Weg weiter zu beschreiten. Mut deshalb, weil es nicht nur auf Social Media Anfeindungen generell dem Reiten gegenüber gibt, sondern auch im Alltag angebliche Pferdemenschen unseren geliebten Vierbeinern grossen Schaden zufügen, wissentlich und/oder unwissentlich.


Diese selbsternannten Pferdemenschen geben Tipps für alternative Trainingsmethoden, die vermeintliche Abkürzungen versprechen und sanftere Alternativen zur klassischen Ausbildung. Aber irgendwann enden diese Trainingsmethoden in einer Sackgasse. Das bedeutet nicht, dass man nicht auch mit falschem Reiten erfolgreich sein kann. Aber das ist das Problem: dass es auf der einen Seite nicht genug geahndet wird und dass auf der anderen Seite die Einsicht fehlt, weil man dem Pferd ja immer irgendwie seinen Willen aufzwingen kann.


Aber um ein Pferd zu motivieren, freiwillig und zufrieden mitzuarbeiten, kommt man an der Skala der Ausbildung nicht vorbei. Aus einem einfachen Grund: Das Pferd selbst hat sie geschrieben. Seine physischen und psychischen Voraussetzungen haben die Schritte vorgegeben.


Hat der Zuchtfortschritt die Skala der Ausbildung obsolet gemacht?


Nein. Auch wenn die Zucht Fortschritte gemacht hat und heute eine andere ist, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die H.Dv.12 geschrieben wurde – die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die aus einem Pferd ein Reitpferd machen, haben sich nicht so sehr verändert. Im Gegenteil. Die moderne Zucht hat die stabilisierende Grundausbildung des Reitpferdes entsprechend der Skala der Ausbildung notwendiger gemacht als je zuvor.


Denn Takt, Losgelassenheit und Anlehnung sind das Maß aller Dinge, um ein Reitpferd auszubilden und es zufrieden zu machen.


Wir wollen aufklären, das faszinierende System Reitlehre „entschlüsseln“, und das fachliche Wissen weiter tragen – zum Wohle unsere Pferde. Es gibt noch viel zu tun, aber wir werden nicht müde, uns für unsere Pferde einzusetzen.


Wenn es Ihnen ähnlich geht, werden Sie gerne Xenophon-Mitglied, aktiv oder passiv, Sie unterstützen in jedem Fall die klassische Ausbildung im Sinne der Pferde.


Infos: xenophon-klassisch.org




Geschrieben von Karin Lührs, 2. Vorsitzende des Vereins Xenophon e.V., selbst Grand Prix-erfolgreiche Richterin bis Klasse S, Ausbilderin für Reiter und Pferde bis Grand Prix.


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