Wie ein verzerrtes Bild und Sozialneid die Idee für eine Pferdesteuer aufkommen lassen
Wir sind nicht so reich wie ihr (da draußen) meint!
Der Newsletter auf EQUI PAGES. Immer aktuell. Immer montags. Immer wissen, was Sache ist. Foto: sportfotos-lafrentz.de Wie sind Fußballer eigentlich so? Sie haben zu viele Tattoos, bekommen viel zu viel Geld und haben zu wenig Grammatikkenntnisse – eine solche, zugegeben zugespitzte Darstellung, werden einige, meine Wenigkeit nicht ausgeschlossen, durchaus unterschreiben können. Und Beispiele zu finden, dürfte nicht zu schwierig sein. Vorurteile aber auch. Und genau da liegt das Problem. Ein Problem, das in Reutlingen nun alle zu spüren bekommen, die mit Pferden zu tun haben. Präziser formuliert: alle, die zukünftig in der schwäbischen Stadt, die bekannt ist für die engste Straße der Welt, Pferdesteuer zahlen sollen.
Vorurteile und Wahrheiten
Hätte man diejenigen, die im Gemeinderat die Steuer beschlossen haben, gefragt, wie sie Reiterinnen und Reiter erleben, dann hätten sie vermutlich von SUVs gesprochen, die vor Ställen stehen. Von riesengroßen LKW, mit denen zwei Pferde reisen, von Pferden, die aus Doha (wo tatsächlich schon wieder geritten wird) ausgeflogen wurden während Passagiere in Dubai auf die Möglichkeit, nach Hause zu kommen, warteten. Sie hätten von Millionensummen, die für Pferde ausgegeben werden, berichtet. Sie hätten mit jedem einzelnen Punkt recht.
Was der Gemeinderat nicht sieht: Die Trainerin C, die es mit viel Einsatz schafft, ihre Ponytruppe einigermaßen kostendeckend übers Jahr zu bringen und damit Kindern die Möglichkeit bietet, in die wunderbare Welt des Pferdes einzutauchen. Sie sehen nicht die Therapeutin, die Menschen mit Einschränkungen zu ihrem wöchentlichen Highlight auf dem Pferderücken oder in der Begegnung mit dem Pferd verhelfen.
Sie sehen nicht die Freude, die Bereicherung des Lebens, die Pferde vermitteln.
Was tun?
Man könnte sich darüber empören. Man könnte den Gemeinderat von Reutlingen dafür kritisieren, der Ignoranz bezichtigen. Richtig wäre das nicht. Vielmehr sollten wir uns fragen, warum Reutlingen uns Pferdeleute offensichtlich so wahrnimmt, wie andere die Vorurteile gegenüber Fußballertattoos. Eine Antwort: Sichtbarkeit.
Ein Schulbetrieb, ein Stall, in dem es einer Kindergärtnerin oder einem Krankenpfleger mit viel Eigeninitiative möglich ist, das teure Hobby Pferd zu leben, hat nicht die Zeit, sich öffentlichkeitswirksam darzustellen. Sie kümmern sich um die Pferde, first things first.
Nicht nur im Reitsport geht es um horrende Summen
Natürlich spielt Geld eine große Rolle im Pferdesport und erst recht im großen Sport. Aber das gilt nicht nur für das Reiten. Alexander Zverev hat auf dem Tennis Court 2025 mehr als 1,6 Millionen Dollar gewonnen, in seiner gesamten Karriere sollen es mehr als 60 Millionen Dollar sein – allein an Gewinngeld, Sponsoreneinnahmen nicht berücksichtigt.
Reutlingen, so die Google-Recherche, verfügt über mindestens vier Vereine, die Tennis anbieten. Wäre da nicht eine Tennisplatzsteuer eine wirklich gute Idee? Nein, natürlich nicht. Es geht nicht darum, den auf Sozialneid basierenden schwarzen Peter weiterzureichen. Was man den Reutlingern aber empfehlen kann: den Blick zu anderen Kommunen, die ihre haushälterischen Probleme auf dem Rücken der Pferdehaltung kurieren wollten. Viele Gemeinden haben den Fehler eingesehen und die Steuer wieder zurückgenommen. Das hat aber verbrannte Erde hinterlassen. Pferdebetriebe sind an der Steuer kaputtgegangen.
Die Frage muss sich Reutlingen stellen: Will die Stadt Reutlingen nicht nur wegen der engsten Straße der Welt, sondern auch als engstirnigste Kommune Schlagzeilen machen?
In diesem Sinne, beste Grüße und bis nächsten Montag!
Jan Tönjes
jan.toenjes@equi-pages.de
Dieser Text wurde erstmals am 30. März 2026 veröffentlicht. Immer montags kommentiert Jan Tönjes auf EQUI PAGES das Geschehen der vergangenen Woche in unserem Newsletter.
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