Kommentar zu den Neuerungen beim Bundeschampionat
Die Neuerungen bei den Reitpferde-Bundeschampionaten – eine Analyse
Secret mit Jessica Lynn Thomas beim Bundeschampionat 2017. Foto: sportfotos-lafrentz.de Nur noch eine Prüfung für Dreijährige, eine Dressurpferdeprüfung Klasse A im Finale der Vierjährigen statt des Fremdreitertests, Verzicht auf das Vormustern an der Hand – das sind in der Tat einschneidende Maßnahmen, die die beim ersten „FN-Jungpferdegipfel“ gegründete Arbeitsgruppe da beschlossen hat. Das Ziel sei es, so die FN alias Pferdesport Deutschland, „junge Pferde noch altersgerechter und schonender auf ihre sportliche Laufbahn vorzubereiten“. Ich habe mich gefragt, sind diese Maßnahmen geeignet, um dieses Ziel zu erreichen, und bin zu einem gemischten Fazit gekommen.
Sollten die Prüfungen für Dreijährige generell gestrichen werden?
Die Dreijährigen. Ein ewiges Thema. Seit Jahren gibt es Stimmen, die fordern, die Prüfungen für Dreijährige auf den Bundeschampionaten abzuschaffen. Hier besteht eine Interessenkollision. Züchter und Zuchtverbände haben wirtschaftliche Beweggründe, ihre jüngsten Pferde unter dem Sattel beim „Schaufenster der deutschen Pferdezucht“ zu zeigen. Denn letztlich werden Pferde auch gezüchtet, um verkauft zu werden. Und das ist gut so. Schließlich gibt es in Deutschland deutlich mehr Reiter als Züchter und wenn jeder nur für sich züchten würde, könnte die Nachfrage nach Pferden gar nicht bedient werden.
Eigentlich liegt es also im allgemeinen Interesse, junge Pferde bestmöglich zu präsentieren. Und aus Verkäufersicht ergibt es Sinn, dies eher früher als später anzugehen, um den Kostendruck geringer zu halten – was bestenfalls auch dem Käufer zugute kommt, wenn der für einen Dreijährigen, in den noch nicht so viel Berittgeld geflossen ist, weniger zahlen muss als für einen Vierjährigen. Also: Doch, es gibt nachvollziehbare Gründe, Dreijährige weiterhin auf Turnieren und auch dem Bundeschampionat gehen zu lassen – zumal es ohnehin nur ein winzig kleiner Teil der gesamten Population ist, der es hierher schafft.
Tatsächlich gibt es auch einige Beispiele, die beweisen, dass die Pferde dabei nicht notwendigerweise nachhaltig Schaden nehmen – Weihegold OLD etwa. Oder Desperados FRH. Oder Damon Hill NRW. Ob aus jungen Talenten einmal Medaillengewinner oder auch „nur“ regional erfolgreiche Sportpferde werden oder ob sie in der Versenkung verschwinden, entscheidet sich in den seltensten Fällen mit der Frage, ob sie dreijährig beim Bundeschampionat gegangen sind, sondern vielmehr damit, wie ihr Ausbildungsweg bis dahin und weiter aussieht.
Man kann darüber diskutieren, ob die Pferde nicht dreijährig „noch Babys“ sind, auf die Weide gehören etc. Doch es gibt mittlerweile Untersuchungen, die herausgefunden haben, dass moderates frühzeitiges Training der Gesundheit von Reitpferden eigentlich eher zuträglich als hinderlich ist – dabei kommt es auf das Wie an. Das bringt uns zum nächsten Punkt.
Nur noch ein statt zwei Starts für die Dreijährigen
Wie kann man Dreijährige vor großer Kulisse pferdefreundlich präsentieren? Hardliner sagen: gar nicht. Die FN sagt: indem man sie nur einmal gehen lässt. Ich frage mich: Was macht es für einen Unterschied, ob sie ein- oder zweimal gehen, wenn z. B. dreijährige (und auch vierjährige) Pferde mit auch für Nicht-Richter deutlich sichtbar angerittenem falschen Knick eine 9,0 in der Rittigkeitsnote bekommen? An der falsch ausgebildeten Muskulatur und der entsprechenden Kopf-Hals-Einstellung lässt sich leicht ablesen, dass diese Pferde bisher falsch ausgebildet wurden. Nachhaltiger in Sachen Pferdewohl wäre es wohl, konsequenter zu signalisieren, dass man eine bestimmte Art der Reiterei nicht sehen will und damit hoffentlich auch das Leben der Pferde im Alltag positiver zu gestalten.
Nun hat die FN in ihrer Mitteilung zu den Neurungen betont, dass das Merkmal „Rittigkeit“ als Teilnote erhalten bleibt, „allerdings mit besonderem Fokus auf die altersgemäße Erfüllung der Kriterien der Skala der Ausbildung“. Das ist eine Phrase, die regelmäßige Zaungäste am Reitpferdeviereck auswendig mitsprechen können. Klaus Blässing wiederholt sie Jahr für Jahr bei jeder Reitpferde- und Reitponyprüfung am Bundeschampionatswochenende. Das ist also nichts Neues. Aber reden ist das eine, handeln bzw. richten ist das andere …
Sicherlich ist es für die Pferde eine kürzere Belastungszeit, wenn sie nur einmal gehen müssen. Gleichzeitig müssen sie dann auch sofort „funktionieren“. Eine zweite Chance gibt es nicht. Wird das zu drastischeren Maßnahmen in der Vorbereitung führen? Möglicherweise. Auf jeden Fall bleiben ihnen aber zwei weitere Tage im Stallzelt erspart, was insbesondere für die meisten Hengste ein echter Stressfaktor ist.
Vierjährige – kein Fremdreitertest mehr, dafür eine Dressurpferde-A
Schade, dass der Fremdreitertest nun auch für die Vierjährigen wegfällt! Das war der erste Gedanke. Denn das war eigentlich der interessanteste Teil des ganzen Championats. Bei den Dreijährigen war es uneingeschränkt nachvollziehbar. Nicht allen, aber vielen hat man beim dritten Auftritt im Prüfungsviereck angemerkt, dass sie müde und erschöpft waren. Für die Vierjährigen erschien der Reiterwechsel zumutbar, auch wenn die Pferde einmal mehr auf dem Viereck sind und das für sie sicherlich auch ein Stressfaktor ist.
Doch aus Zuschauersicht war es hoch interessant. Hier konnte man sehen, ob die Pferde wirklich Qualität haben oder ob sie von einem starken Jungpferdereiter „gemacht“ waren. Manche Pferde haben auch eine erstaunliche Wandlung zum Besseren durchgemacht, wenn z. B. eine Reiterin wie Carina Scholz im Sattel saß. Mit der Streichung des Fremdreitertests wird dem Bundeschampionat ein weiteres Stück objektive Bewertbarkeit genommen, bei der mitunter das Urteil der Richter auch noch mal in eine andere Richtung gedreht wurde. Das war immer nachvollziehbar und hat dazu geführt, dass die richtigen Pferde vorne standen. Doch zugegeben, für die Pferde ist es ohne Reiterwechsel schonender – nachhaltig geschadet haben dürfte es ihnen aber auch nicht.
Was nun den Austausch der zweiten Reitpferdeprüfung gegen eine Dressurpferdeprüfung der Klasse A angeht – das erscheint mit ein richtiger Schritt zu sein und es dürfte auch für mehr Chancengleichheit sorgen, die nicht immer gegeben ist, wenn beispielsweise ein großes Pferd mit viel Raumgriff hinter einem gedrungenen Youngster gehen muss. Und wer meint, eine Dressurpferdeprüfung sei Vierjährigen nicht zuzumuten – inhaltlich wird das gleiche verlangt wie in einer Reitpferdeprüfung.
Freunde, wo seid ihr?
Ob es nennenswert zum Pferdewohl beiträgt, die Stehtribüne zwischen Abreite- und Prüfungsplatz wegzulassen – fraglich. Damit die Vierjährigen in ihrer Dressurpferdeprüfung der Klasse A nicht allein aufs Viereck gehen müssen, hätte man, wie es beim Sporttest auch üblich war, das nächste Pferd schon mit aufs Viereck schicken können.
Ansonsten könnte diese Umbaumaßnahme genauso gut für mehr Unruhe bei den Pferden sorgen. Schon jetzt ziehen manche Pferde sehr energisch Richtung Ausgang, wenn es auf der linken Hand die lange Seite am Richterturm entlang geht. Wenn dann noch nicht mal mehr eine optische Begrenzung da ist und die Kumpel auf der anderen Seite zu sehen sind – man wird erleben, ob das nicht dazu führt, dass noch mehr Pferde das Viereck vorzeitig verlassen.
Keine Exterieurbeurteilung mehr – warum?
Eine weitere Maßnahme für beide Altersgruppen: Das Mustern an der Hand fällt weg. Ich frage mich: Warum nur? Das Bundeschampionat soll doch das „Schaufenster der deutschen Pferdezucht“ sein und zur Beurteilung aus Zuchtperspektive gehört es nun mal dazu, das Pferd auch ohne Sattel in Augenschein zu nehmen. Stattdessen soll die Qualität des Körperbaus nun unter dem Sattel beurteilt und in der Note für den Gesamteindruck berücksichtigt werden. Bloß, wenn die Richter in den vergangenen Jahren schon einem vor ihnen stehendem Pferd mit vier unterschiedlich geformten Hufen die Note 9 gegeben haben, wie sollen sie dann die Qualität des Körperbaus dann in Bewegung beurteilen? Und beim Vormustern konnten sich nicht nur die Richter, sondern auch die Zuschauer ein umfassenderes Bild von den Pferden machen, sowohl hinsichtlich des Exterieurs als auch des Interieurs – was auch nicht ganz unwichtig ist für eine Zuchtveranstaltung, bei der man sowohl die direkten Ergebnisse von Anpaarungen in Augenschein nehmen kann als auch künftige Vatertiere.
Das Vormustern aus dem Programm zu nehmen, wirkt weniger wie eine Maßnahme pro Pferd, als vielmehr eine Maßnahme pro Zeitplan und zur Schonung der Richterseelen, denn das waren die Gelegenheiten, bei denen die Unparteiischen sich auch schon mal Pfiffe gefallen lassen mussten – und das manchmal zu Recht.
Doch wie sagte der FN Zucht-CEO Dr. Klaus Miesner? „Wir werden sehr genau evaluieren, ob unsere beschlossenen Maßnahmen die Effekte haben, die wir uns wünschen.“ Wir sind gespannt.


