Anlässlich des Jubiläums des Vereins zum Erhalt und zur Förderung der klassischen Reitausbildung Xenophon e.V.

20 Jahre Xenophon – wo stehen wir?

Vor 20 Jahren hat sich Xenophon als Antwort auf brutales Reiten im internationalen Dressursport gegründet. Damals fielen eklatante Fehlentwicklungen ins Auge. Und wie ist es heute? Wo stehen wir 20 Jahre später? Eine Analyse des Status Quo.

Auch wenn der Begriff „Rollkur“ aus den 1990ern stammt, 2005 war er plötzlich wieder in aller Munde. Auslöser war ein Artikel im St.GEORG unter der Überschrift „Dressur pervers“ in Anspielung darauf, dass Pferde mittels der Rollkur oder Hyperflexion, wie der Weltreiterverband FEI es später nannte, dressiert statt systematisch ausgebildet werden. Die so dressierten/trainierten Pferde waren damals die Speerspitze des Sports.


In dieser Zeit wurde viel diskutiert. Die Verfechter der Hyperflexion wollten es als eine moderne Trainingsmethode verkaufen, die Vertreter der klassischen Reitlehre hielten dagegen. Letztlich fand die FEI einen faulen Kompromiss, indem sie die „10-Minuten-Regel“ einführte, die Hyperflexion auf dem Vorbereitungsplatz 10 Minuten lang duldete. Vielleicht war das das eigentliche Problem. Es wurde keine klare Grenze gezogen, sondern „ein bisschen schwanger“ war okay. Denn auch in den folgenden Jahren verschwanden die schlechten Bilder nie ganz. Auch wenn die Vorstellungen eines Damon Hill, eines Dablino, eines Uthopia, zeitweise auch eines Valegro, eines Showtime, einer Dalera und heute eines Zonik Plus von Justin Verboomen und einer Freestyle von Cathrine Laudrup-Dufour zeigten und zeigen, wie es sein sollte.


Aber kann die Rede davon sein, dass in der Breite, national und international, richtlinienkonformer und pferdegerechter geritten wird? Der erste Impuls sagt vermutlich: auf keinen Fall! Aber um hier mehr als eine „gefühlte Antwort“ geben zu können, müsste man eine statistische Erhebung machen. Die gibt es nicht. Aber es gibt seit 2024 die Möglichkeit, tierquälerische Trainingsmethoden bei der FEI anonym anzuzeigen. Problem: Wie die kanadische Journalistin Pippa Cuckson herausgefunden hat, werden nur 20 Prozent der zur Anzeige gebrachten Fälle auch nachverfolgt. Und überhaupt, was sind denn tierquälerische Trainingsmethoden? Und ist jedes Reiten hinter der Senkrechten Tierquälerei?


Hier gibt es Grauzonen. Am klarsten herausgearbeitet ist das „okay“ und „nicht mehr okay“ im Kriterienkatalog für den Vorbereitungsplatz, den die FN herausgibt. Hier ist zum Beispiel definiert, dass „Herbeiführen einer engen Kopf-Hals-Haltung“ von den aufsichtführenden Richtern zu beobachten ist und dass „grober und falscher Gebrauch der Hilfen und Hilfsmittel“ ebenso wie „jegliche Gewaltanwendung (z. B. Maßregeln mit groben Zügelhilfen)“ sofortigen Handlungsbedarf darstellen. Bei verschiedenen Turnieren sind inzwischen „Info-Stewards“ vor Ort, die Zuschauern Rede und Antwort stehen, die, wie sich herausgestellt hat, aber auch eine Art moralische Unterstützung für die aufsichtführenden Stewards und Richter darstellen.


Keine Handhabe


Problem: Das Reiten in der Öffentlichkeit ist das eine. Das andere ist das, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Vor wenigen Wochen grassierte ein Video aus einem Ausbildungsstall, auf dem ein Mann ein mit Schlaufzügel ausgerüstetes Pferd auf recht brutale Art und Weise zusammenknebelte. Viele Reaktionen in unserem Umfeld hatten diesen Tenor: „Nicht schön, aber nicht selten.“

Wen wundert das, wenn ein Olympiasieger ein nicht taktmäßig gehendes Pferd in aller Öffentlichkeit auf blankem Schlaufzügel reitet. Das scheint die neue Normalität zu sein. Denn hier wurde nicht eingeschritten, obwohl zumindest das Taktproblem auch nach internationalem Reglement vom Steward zu ahnden gewesen wäre. Wenn schon auf dem Turnier niemand etwas sagt, wie soll man Missständen dann zuhause beikommen?


Die Antwort ist so einfach wie frustrierend: gar nicht, wenn nicht irgendwann die Selbsterkenntnis der Reiter einsetzt. Dann wird der Reitsport wie von vielen befürchtet wirklich irgendwann pauschal verboten. So wie das Touchieren, das einst eine anerkannte Ausbildungsmethode für Springpferde war, aber durch wiederholten Missbrauch so in Verruf geriet, dass es inzwischen überhaupt nicht mehr erlaubt ist. Auf die Art hat man wenigstens eine klare Handhabe bei jenen, die erwischt werden.


Lösungsansätze von mehreren Seiten


Im Fokus öffentlicher Kritik stehen vor allem Dressur- und Springsport. Aber in Wahrheit geht das Thema jeden an, der sich mit Pferden beschäftigt. Es genügt nicht, Regelwerke aufzustellen, wenn sie nicht durchgesetzt werden. Es genügt nicht, Bewertungskriterien zu ersinnen, wenn sie in der Praxis nur selektiv angewendet werden. Es genügt nicht, Sanktionen zu verhängen, wenn beim Delinquenten die Einsicht fehlt, dass er falsch gehandelt hat. Auf der einen Seite braucht es hier Konsequenz von Seiten der Kontrollinstanzen. Doch die können nicht überall greifen. Und überhaupt ist der Erhalt der Social License nicht nur eine „Top-Down-Aufgabe“, es muss auch in die andere Richtung funktionieren.


Ausbilder müssen Werte im Umgang mit dem Tier nicht nur predigen, sondern auch vorleben. Kinder und Eltern brauchen die Bereitschaft, das Pferd als Tier kennen- und verstehen zu lernen. Das Verantwortungsbewusstsein für das Tier, das Wissen um seine Bedürfnisse, das Gefühl für das Pferd müssen organisch mit der fortschreitenden reiterlichen Ausbildung mitwachsen. Das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe, die Ausbilder heutzutage haben.


Reiterliche Ausbildung und Themen, die damit zusammenhängen, müssen die Lästereien im Pferdestall wieder ablösen. Gegenseitige Beleidigungen und schlechte, respektlose Behandlung der Pferde gehören weder zum Reitsport noch zum Umgang mit dem Pferd. Die „Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes“ geben hier klare Leitlinien, an die sich jeder Reiter zu halten hätte.


Unser Ziel


Was hat das alles mit Xenophon zu tun? Wir als Verein können einerseits auf Missstände hinweisen. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir ein Netzwerk von Trainern haben, die genau jene oben angesprochenen Werte von der Pike auf vermitteln. Namhafte Ausbilder stellen dafür ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung. Weil die klassische Reitausbildung für das Pferd und nicht gegen das Pferd allen eine Herzensangelegenheit ist. Wir verstehen uns als Multiplikatoren dieser Werte. Die sind zeitlos. Eben klassisch. Darum nennt Xenophon sich „Verein zum Erhalt und zur Förderung der klassischen Reitkultur“.


Als solcher bemühen wir uns, so viele Lehrgangsangebote wie möglich auf die Beine zu stellen, um Wissen zu vermitteln und pferdegerechtes Reiten zu lehren. Dabei geht es nicht nur um „Absatz tiefster Punkt“ (darum auch, dann vor allem um das „Wie“ und das „Warum“), sondern wir erklären auch das Ausdrucksverhalten des Pferdes und beziehen es in das Training mit ein. Für die Pferde. Weil wir Reitern vermitteln wollen, welche Freude es ist, wenn die Pferde gerne mitarbeiten. Und weil wir sie auf Dauer nur so als Teil der Gesellschaft erhalten können.


Zugleich möchten wir gutes Reiten öffentlich sichtbar belohnen. Xenophon war die erste Institution, die pferdegerechtes Abreiten mit einem Preis ausgezeichnet hat, unabhängig von der Platzierung in der Prüfung. Inzwischen vergeben wir diesen Preis zusammen mit unseren Partnern auch beim Bundeschampionat.


Über all diese Aktivitäten informieren wir künftig hier über EQUI PAGES. Bleiben Sie dran!


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