Interview Julien Epaillard
Julien Epaillard: „Meine Arbeit ist es, ins Pferd zu horchen und hinzuschauen“
Freiheit, aber kontrolliert, das ist das Prinzip in Julien Epaillards Reiterei. Und es funktioniert, wie man in Amsterdam wieder gesehen hat. Foto: FEI/Leanjo de Koster Vielleicht können wir mit einer allgemeineren Frage beginnen. Was gefällt Ihnen am Reiten am meisten? Was ist für Sie das Besondere daran?
Ich liebe die tägliche Zeit mit Pferden. Es ist ein besonderer Sport. Es ist nicht nur Sport, es ist eine Verbindung zu einem Tier. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich versuche, etwas mit dem Pferd zu erreichen. Ein Pferd gibt einem nicht alles von allein. Es ist also tägliche Arbeit. Es braucht Zeit, das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen, aber man kann es, wie bei Menschen, in Sekundenbruchteilen verlieren. Deshalb ist es ein wichtiger Teil meiner Arbeit, und deshalb genieße ich es so sehr, mit dem Pferd anzufangen. Ich arbeite mit ihm zusammen und wir entwickeln uns zusammen weiter.
Könnten Sie beschreiben, wer den größten Einfluss auf Ihre Karriere und Ihren Reitstil hatte und warum?
Ich hatte viele Vorbilder in meiner Karriere. Zuerst muss ich meinen Vater nennen. Mein Vater war ein guter Reiter, er ritt damals 1,40 bis 1,45 Meter-Springen. Er war wirklich gut. Meine Mutter war eine gute Dressurreiterin, sprang auch ein bisschen, aber vor allem eine hervorragende Dressurreiterin. Ich denke also, sie haben mir eine gute Grundlage gegeben, das war der Anfang.
Als ich 18 bis 20 Jahre alt war bin ich im Winter für eine Weile zu Hubert Bourdy gegangen, oder zu Eric Navet. Jeden Winter war 15 Tage am Stück in einem Stall – Rodrigo Pessoa, Michel Robert, ich reite auch mit Bertrand de Belabre. Jedes Mal versuche ich, überall etwas zu sehen und aufzuschnappen, etwas zu lernen, immer zu lernen.
Man hat den Eindruck, die Pferde vertrauen Ihnen sehr. Wie schaffen Sie das? Und wie schaffen Sie es, dass Ihre Pferde so außerordentlich schnell im Stechen sind?
Vertrauen aufzubauen, bedeutet, so wenige Fehler wie möglich zu machen. Ich versuche immer, passend zum Sprung zu kommen, um es dem Pferd so einfach wie möglich zu machen. Und um schnell zu sein, ist es im Prinzip das gleiche: Wenn man eine kurze Wendung vom Pferd verlangt, muss es Vertrauen zu einem haben. Letztendlich gilt meiner Meinung nach immer: Je weniger Fehler man als Reiter macht, desto besser.
Welche Rolle spielt das Dressurreiten für Sie?
Für Präzision im Parcours braucht man Kontrolle. Ohne Kontrolle geht es nicht. Aber es ist nicht die Dressur mit Passage oder so. Ich muss bremsen können, ich muss Gas geben können und ich muss wenden können. Für mich ist es wichtig, dass ich das Pferd nach vorne schicken, wieder aufnehmen und versammeln kann, aber immer mit guter Balance. So stelle ich mir mein Reiten vor. Ich mache also Dressurarbeit, aber so, dass ich mein Pferd galoppieren lasse, wende, wieder galoppieren lasse. Viel mehr brauche ich nicht. Ich will den Pferden ihre Freiheit lassen – aber kotrolliert. Das ist die Idee.
Sie scheinen eine ganz eigene Philosophie im Umgang mit Pferden zu haben. So sind Ihre Pferde nicht beschlagen. Warum?
Ja, alle meine Pferde sind barhuf. Manchmal beschlage ich sie für besondere Turniere, Grasturniere, wenn mir der Boden nicht gefällt. Manche Böden sind einfach nicht ideal für Pferde. Ich habe immer Plastikhufeisen dabei. Aber zuhause haben sie alle keine Eisen. Nur für den Fall, dass der Boden stumpf ist, ich mich darauf nicht wohlfühle oder ähnliches. Letzte Woche zum Beispiel hatte ich bei Donatello die Hinterhufe beschlagen, aber nur die Hinterhufe, weil er damit mehr Kraft hat. Aber wenn man vorne Hufeisen hat, fühle ich mich in den Wendungen nicht sicher. Das Pferd schaut in den Wendungen nicht auf. Deshalb versuche ich immer, auf meine Pferde zu hören und zu sehen, was für sie am besten ist. Aber wenn sie zuhause alle zusammen auf die Weide gehen – die Stuten zusammen, die Wallache zusammen, die Hengste natürlich nicht –, für dieses normale Leben ist es viel besser, keine Hufeisen zu haben.
Das beschreibt also Ihre Philosophie, darauf zu achten, was das Pferd braucht, womit es sich wohlfühlt?
Ja, es ist ein großer Teil meiner Arbeit, ins Pferd zu horchen und hinzuschauen. Früher dachte ich: ,Der Tierarzt muss seinen Job machen, der Hufschmied macht seinen Job und der Reiter macht seinen Job.‘ Aber inzwischen denke ich ganz anders. Heute sehe ich es so: Ich bin derjenige, der jeden Tag mit meinen Pferden lebt. Niemand kennt sie besser als ich. Deshalb weiß ich, ob sie zum Tierarzt oder zum Hufschmied müssen. Vor sechs oder sieben Jahren habe ich mein ganzes System geändert und nun bin ich der Chef (lacht).
Apropos Hufeisen: Ziehen Sie die dann selbst auf, wenn Sie sagen, dass Sie das manchmal spontan entscheiden?
Nein, aber ich bearbeite die Hufe selbst. Okay, ich habe viele Pferde zu Hause, deshalb habe ich Hilfe bei den jungen Pferden. Aber ich muss sagen, wenn ein neues Pferd ankommt, kümmere ich mich immer selbst um die Hufe, auch um sie kennenzulernen. Ich schaue, wie die Pferde sich damit bewegen, ob ich mehr oder weniger wegschneiden muss und wie sie sich danach bewegen. Am Anfang mache ich das immer so. Wenn die Pferde als Teil des Systems eingegliedert sind, bekomme ich auch Unterstützung.
Sie sagten, vor sechs Jahren hätten Sie Ihr System umgestellt. Gab es da eine bestimmte Situation, die Sie dazu bewogen hat? Oder was war der Grund?
Ja, die gab es. Meine Pferde waren zu oft verletzt. Ich musste mir also etwas einfallen lassen. Michel Hecart hat mir damals sehr geholfen. Er gab mir ein paar Pferde, weil er weniger geritten ist. Wir haben zusammen überlegt, uns ausgetauscht, verschiedene Hufeisen ausprobiert, aber keine optimale Lösung gefunden. Toupie de la Roque hatte Sehnenprobleme mit Hufeisen. Also haben wir es ohne versucht. Danach, ohne Hufeisen, hatten wir nie wieder Probleme mit dem Sehnen, sie hat den Weltcup Grand Prix in London gewonnen und alles.
Ich habe das auch mit anderen Pferden mit Gelenkproblemen gemacht. Auch Safari d’Auge war immer wieder ein bisschen lahm, nicht hundertprozentig fit. Also habe ich es auch mit ihm versucht – er hatte danach eine zweite Karriere, gewann viel und war nie wieder verletzt. Deshalb habe ich mich gefragt, warum ich das nicht mit allen Pferden machen sollte. So bin ich auf diesen Weg gekommen. Ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht, warum es ohne Eisen besser funktioniert. Ich denke, der Strahl muss bei der Landung den Bodenkontakt für die Sehnen abfedern, und das auch ohne starke Hufeisen. Das ist dann auch besser für die Gelenke.
Wir sind dabei, eine bessere Lösung anstelle der Hufeisen zu finden. Der Sport ist heute ja völlig anders. Usain Bolt rennt auch nicht mit eisernen Schuhen. Hufeisen sind zu schwer und zu unflexibel. Deshalb verstehe ich nicht, warum wir nicht Hufeisen herstellen, die wie Nikes für Pferde sind.
