Wahlfreiheit Trense/Kandare bis CDI3* – Stimmen zum Thema

Wahlfreiheit Trense/Kandare: tolle Möglichkeit oder der Anfang vom Ende?

Feature 31.12.2025
Raphael Netz mit Great Escape Camelot. Foto: Lafrentz Raphael Netz mit Great Escape Camelot. Foto: Lafrentz
Ab dem 1. Januar 2026 ist es bis CDI3* erlaubt, Grand Prix-Prüfungen auf Trense zu reiten. Wir haben Interviews mit Ausbildern, Reitern und Richtern geführt, wie sie diesem Schritt nun gegenüber stehen.
Monica Theodorescu. Foto: Lafrentz
Monica Theodorescu. Foto: Lafrentz

Monica Theodorescu, deutsche Bundestrainerin der Dressurreiter


Ich bin nach wie vor gegen Optionen im gehobenen Grand Prix-Sport. Das FEI Dressurkommittee folgt demokratischen Regeln. Wir haben entschieden die Option für Grand Prix Prüfungen auf 3* Niveau zuzulassen, um nach einem Jahr die gesammelten Daten und Erfahrungen zu evaluieren. Wie viele Reiter benutzen die Trense, mit welchen Reithalftern, wie sieht es mit möglichen Maulverletzungen aus und wie fallen die Bewertungen aus? In manchen Ländern gibt es die Option ja schon. Auch das wollen wir beobachten, wie es sich entwickelt.


Kandare auf Championaten unerlässlich


Aber wir haben trotzdem nochmal ganz klar im Dressurkomitee, im Riders Club (International Dressage Riders Club, IDRC, Anm. d. Red.) und im Trainers Club (International Dressage Trainers Club, IDTC, Anm. d. Red.) gesagt, dass die Reiter auf Vier-Sterne-Plus- und bei Championaten zeigen müssen, dass sie auf Kandare reiten können. Das ist ein Kriterium des Grand Prix. Aber um Erfahrungen zu sammeln und es möglicherweise auch manchen Reitern zu erleichtern, gucken wir uns das jetzt an.


Aber auch im gehobenen Sport sehen wir oft Bilder von Kandaren, die wirklich durchfallen …

So ist es. Aber dafür kann die Kandare ja nichts.


Okay, aber der Reiter. Und wenn wir die Kandare dann erhalten wollen, dann müssen wir ja etwas dafür tun …

Ja, es muss gut geritten werden. Und das muss man lernen.


Aber gerichtet dann ja auch dementsprechend …

… natürlich!


Müsste schlechte Anlehnung dann nicht strenger geahndet werden?

Ja, das wird es ja auch schon. Schlechte Anlehnung, offene Mäuler, sichtbare Zunge, enge Hälse und so weiter –  in den Protokollen steht das häufig. Das wird schon deutlich vermerkt und kritisiert. Also, es gibt ja keine extra Note dafür. Aber es wird absolut bewertet.


Aber wäre das vielleicht ein Kompromiss, dass man sagt, man führt dafür eine Note ein?

Ja, da sind wir auch dran. Immer wieder bringen wir bei der FEI ein, dass wir noch eine Fußnote bekommen, die die Skala der Ausbildung abbildet. Also eine Note für den Reiter und harmonisches Reiten bzw. die Hilfengebung und eine für die Ausbildungsskala, oder wie man es dann auch immer nennen möchte. Das ist schon seit längerem unser Ziel.


Nur die FEI sträubt sich dagegen, weil sie 2018 diese Studie gemacht haben und sagen, dass die Skala der Ausbildung in den Lektionen abgebildet sein soll. Da halte ich gegen und argumentiere, dass ich das nicht genügend sehe in den Einzelnoten, und dass es noch einer Note bedarf, um den Richtern ein Tool zu geben, mit dem sie die Grundlagen der Ausbildung deutlicher bewerten können.


Harmonie überzeugt


Wir sehen es jetzt im Top Sport wie in Crozet und im Moment bei unserem Champion aus Belgien mit Zonik Plus – das ist diese Harmonie, gute Anlehnung und Leichtigkeit, gepaart mit Versammlung. Das ist möglich und dann ist es einfach auch wunderschön!


Danach streben wir. Das gelingt vielleicht hier und da nicht am allerbesten. Aber das ist das Ziel. Und das haben auch, wie ich das sehe, alle – oder die meisten – verstanden.


Und die FEI sträubt sich immer noch wegen der Studie, die herausgefunden hat, dass die Richter mit zusätzlichen Fußnoten kognitiv überfordert wären?

Ja. Ich habe das das öfter auch mit ihnen diskutiert und bin der Meinung, dass sie sich das Heft haben aus der Hand nehmen lassen. Natürlich ist es sehr viel, und auch sehr komplex, was in einem Grand Prix beurteilt werden muss, aber das geschulte Auge und derjenige, der auch geritten ist, sieht das. Wichtig ist: Wie ist die Wertigkeit? Vor einigen Jahren wurden spektakuläre Bewegungsabläufe und möglichst kurze Aufgaben aus Vermarktungsgründen priorisiert. Da kam man auf den falschen Weg.




Martin Plewa. Foto: Lafrentz
Martin Plewa. Foto: Lafrentz

Martin Plewa, Reitmeister, Ex-Bundestrainer Vielseitigkeit, Ausbilder, Richter und Mitautor der Richtlinien für Reiten und Fahren



Das Problem ist nicht die Kandare. Das Problem ist der Missbrauch der Kandare.



Dass wir in der Praxis schlechte Bilder sehen, zeigt nur, dass Ausbilder, Richter und Reiter keinen guten Job gemacht haben. Studien haben herausgefunden, dass das richtige Reiten auf Kandare sogar pferdefreundlicher sein kann, weil bei sachgerechter Anwendung der Zungendruck geringer ist als beim Reiten auf Trense. Das ist natürlich nicht der Fall, wenn die Kandare missbraucht wird, etwa um Beizäumung zu erzwingen. Von daher ist die Wahlfreiheit aus meiner Sicht ein Schritt in die falsche Richtung.


Es gibt ja schon Stimmen, die fordern, Gebisse ganz abzuschaffen. Aber wir brauchen das Gebiss im Pferdemaul, denn nur mit dem Gebiss entsteht Anlehnung. Die ist wiederum essenziell, um den positiven Spannungsbogen vom Hinterbein über den Rücken in die Hand zu erzeugen, der es dem Pferd ermöglicht, das Reitergewicht zu tragen. Die Zügelhilfen ermöglichen es mir, das Pferd zu stellen und so in das Gleichgewicht zu bringen, das wir beim Reiten brauchen. Die Qualität der Anlehnung beeinflusst alle anderen Punkte der Skala der Ausbildung. Richtig angewendet, ist der Gebrauch eines Gebisses fürs Pferd schonender als gebisslose Zäumungen. Bei einem mechanischen Hackamore ist der Druck auf den Nasenrücken so hoch, dass er im tierschutzrelevanten Bereich liegt. Man sieht das häufig an den Verknöcherungen auf Nasenrücken und Unterkieferästen. Zudem können Pferde mit einem mechanischen Hakamore den Unterkiefer nicht mehr lösen. Das entspannte Kauen ist aber essenziell für die Losgelassenheit. Aus diesen Gründen sind die zu eng geschnürten Nasenriemen ja auch so problematisch. Das lässt sich aber durch korrekte Verschnallung vermeiden, beim Hackamore nicht. Auch das sogenannte „Glüksrad“ fixiert den Unterkiefer. Selbst ein Sidepull übt erheblichen Druck aus. Zudem ist mit diesen Gebissen eine dressurmäßige Gymnastizierung nicht möglich. Die aber brauchen wir, damit das Pferd das Reitergewicht tragen kann.




Hubertus Schmidt. Foto: Lafrentz
Hubertus Schmidt. Foto: Lafrentz

Hubertus Schmidt, Reitmeister, Präsident des Deutschen Reiter- und Fahrer-Verbandes (DRFV), Mannschaftsolympiasieger, Welt- und Europameister


Ich bin absolut gegen die Öffnung aus dem einen Grund, weil das suggeriert, dass das Reiten auf Trense pferdefreundlicher wäre als das Reiten auf Kandare. Das ist einfach quatsch, das stimmt nicht. Man kann nur falsch mit der Kandare umgehen.



Wenn man die Kandare richtig benutzt, ist sie auf jeden Fall pferdefreundlicher, weil ich als Reiter viel weniger einwirken muss.



Man muss die Pferde natürlich auch sensibel machen und halten. Das ist genauso wie die Sache mit dem Sporn – den habe ich auch nicht, um ihn die ganze Zeit einzusetzen. So ist es auch mit der Kandare. Selbst wenn ich auf Kandare reite, wirke ich zu 99 Prozent über die Trense ein. Und wenn jemand sagt, er will auf Trense reiten, kann er das ja machen. Dann kann ich die Kandare mit einem ganz kleinen Babykandarengebiss nehmen, wirke mit dem Kandarenzügel nicht ein und reite auf Trense mit Kandare.


Was mich daran wie gesagt stört, ist wie gesagt, dass es suggeriert, dass das Reiten auf Trense pferdefreundlicher wäre, und das ist absolut falsch.




Isabell Werth. Foto: Lafrentz
Isabell Werth. Foto: Lafrentz

Isabell Werth, erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten, Präsidentin des International Dressage Riders Club


Wir haben diese Diskussion ja hinlänglich geführt und sind völlig d‘accord damit, dass wir sagen, wir machen das jetzt mal auf Drei-Sterne-Niveau testweise, sehen am Ende des Jahres, wenn wir evaluieren, wie viele sind tatsächlich auf Trense geritten, wie ist es im Verhältnis gewesen? Erst danach kann man sich ein Urteil erlauben, wie stark es angenommen wird und wie hoch der Bedarf ist.


Und wir sind uns alle einig, dass wir auf dem Top-Level, Vier- und Fünf-Sterne, die Kandare erhalten wollen als Pflicht, weil es dann einfach auch den ganz klaren sportlichen Vergleich gibt und weil es einfach auch die Ausrüstung für den Spitzensport ist und wir da nicht ein Ungleichgewicht auch in der Optik haben wollen.


Die Kandare hat ja auch einen Sinn aus Ausbildungssicht. Wie ist dazu denn Ihre Haltung?

Da ist die ganz klare Haltung, dass die Kandare am Ende des Tages die Zäumung ist, die den Spitzensport und das feine Reiten demonstrieren soll. Die Fehler, die in der Anwendung gemacht werden, haben nichts mit der Tatsache zu tun, dass man wählen kann.



Wir stehen für den Spitzensport und da hat die Kandare ihre ultimative Position.



Die Entwicklung des Pferdes über die Trense zur Kandare, das ist etwas, was individuell ausgebildet werden muss. Und ich habe tatsächlich überhaupt keine Bedenken, dass das überhaupt problematisch diskutiert werden muss.




Cathrine Laudrup-Dufour. Foto: Lafrentz
Cathrine Laudrup-Dufour. Foto: Lafrentz

Cathrine Laudrup-Dufour (DEN), u.a. Mannschaftsweltmeisterin und Einzel-Silbermedaillengewinnerin


In Dänemark ist das ja schon länger möglich. Von daher kenne ich das schon länger, dass wir es uns aussuchen können. Ich denke, es ist gut, dass es nun ausprobiert wird, einfach um zu sehen, wie und warum die Reiter die Möglichkeit nutzen.


Ich persönlich bevorzuge immer noch die Kandare im Grand Prix. Aber es ist okay, dass das nun getestet wird.


Für mich gehört die Kandare zur Ausbildung dazu – dass man selbst lernt, mit der Kandare umzugehen, aber auch dass man die Pferde in einem gewissen Alter daran gewöhnt, die Kandare zu tragen.



Es braucht noch einmal ein anderes Niveau an Durchlässigkeit, bevor sie auf Kandare in der Anlehnung perfekt sind. Das ist auf Trense etwas einfacher.





Dorothee Schneider. Foto: Lafrentz
Dorothee Schneider. Foto: Lafrentz

Dorothee Schneider, Reitmeisterin, Mannschaftsolympiasiegerin, Welt- und Europameisterin


Ich freue mich drüber, weil ich gerne auch alles auf Trense reite und ich in den 30 Jahren, in denen ich Pferde ausbilde, Pferde gegeben hat, die sich mit Trense wohler fühlen. Dass es jetzt die Option gibt, zu wechseln bzw. sich auszusuchen ob Trense oder Kandare, dass eben individuell auf das Pferd eingegangen werden kann – ich freue mich darauf.


Würden Sie dann sagen, dass man es auf Vier- und Fünf-Sterne-Niveau eigentlich auch öffnen müsste?

Hier kommt es ja erstmal darauf an, wie das zu richten ist. Ich bin kein Richter, aber es ist ja gleich zu richten, es ist immer das Thema Anlehnung, egal ob auf Kandare oder auf Trense. Wir wollen ja alle, dass sich unsere Pferde im im Maul wohlfühlen. Und grundsätzlich glaube ich, wenn das gut angenommen wird, dass sich das vielleicht auch für vier und fünf Sterne öffnet.


Ich bin wie gesagt Trensenausbilder. Ich mag es gerne auf Trense zu reiten, auch in den ganz schweren Lektionen. Ich weiß, dass es da viel andere Meinung gibt, aber ich wäre sehr offen dafür, wenn sich das auch dann auf vier oder fünf Sterne ausweiten lässt.


Komisch, fast alle Reiter sagen, dass sie gerne auf Trense reiten, aber die Theorie sagt ja, dass auf Kandare das Reiten eigentlich viel feiner sein soll.



Egal mit welchem Gebiss, wenn ein Pferd sich im Maul wohlfühlt, gibt es eine positive Rückmeldung.



Und es gibt nun mal Pferde mit kleineren Mäulern oder ganz leichtem Genick, die einfach lieber an die Trense herantreten als an zwei Gebisse. Warum sollen wir nicht auf diese Individualität eingehen?




Dr. Evi Eisenhardt. Foto: Lafrentz
Dr. Evi Eisenhardt. Foto: Lafrentz

Dr. Evi Eisenhardt, CDI5*-Richterin


Ich finde, dass die Entscheidung von FEI mit der Wahlfreiheit bis zu den Drei-Sterne-CDIs eine gute Sache ist, und dass wir die Kandare bei den Championaten und den Turnieren auf Vier- und Fünf-Sterne-Niveau behalten, auch. Ein gut gerittenes Pferd kann auch auf Trense einen Grand Prix gehen, und dass man die Kandare auf Championaten beibehält, finde ich eigentlich auch okay.


Aber selbst auf 5 Sterne-Niveau sieht man ja Reiter, bei denen das Reiten auf Kandare nicht so ist, wie es sein soll. Wie ändern wir das?


Wie sind ja hier in Europa, wo wir eine relativ gute Basis haben. Und wenn Reiter auf Fünf-Sterne-Niveau Probleme mit der Kandare haben, dann haben sie oft vielleicht noch ein Defizit in ihrem eigenen Sitz oder in ihrer Ausbildung. Die meisten Europäer haben ja eine relativ gute Basisausbildung. Wenn man Reiter aus dressurferneren Ländern sieht, die Probleme mit der Kandare haben, muss man denen helfen.



Ich finde die Lösung, die wir jetzt haben, ist eine gute Lösung und bin gespannt, ob national nachgezogen wird.



Den Fünf-Sterne-Reitern würde ich zutrauen, dass sie das können auf Kandare.


Und wenn sie es nicht können?

Dann muss man in der Note für die „General Impression“ runter gehen.


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