20 Jahre Xenophon

Ein „klassisches“ Wochenende in Marbach

Feature 11.03.2026
Uta Gräfs Pferd, von dem jeder Reiter träumt und das auch Martin Plewa bedauern ließ, keinen Anhänger mit nach Marbach genommen zu haben, trägt den passenden Namen Herzenswunsch. Foto: Silke Rottermann Uta Gräfs Pferd, von dem jeder Reiter träumt und das auch Martin Plewa bedauern ließ, keinen Anhänger mit nach Marbach genommen zu haben, trägt den passenden Namen Herzenswunsch. Foto: Silke Rottermann
Am 7. und 8. März feierte Xenophon e.V. 20-jähriges Jubiläum im Haupt- und Landgestüt Marbach. Bei seiner Gründung im Jahr 2006 hat der Verein sich den Erhalt und die Förderung der klassischen Reitkultur auf die Fahnen geschrieben. Passend dazu durften die Besucher genau das zwei Tage lang in Marbach erleben.

Am Samstag, 7. März, war Anreisetag für die Xenophon-Mitglieder, die zum 20-jährigen Vereinsjubiläum den Weg aus der ganzen Republik ins Haupt- und Landgestüt Marbach auf der Schwäbischen Alb gefunden hatten – viele mit guten Erinnerungen an Lehrgänge in der bekannten Landesreit- und -fahrschule am Dolderbach. Wer wollte, konnte sich die am selben Abend stattfindende Hengstvorführung des Gestüts mit anschauen. Wer nicht wollte, hat etwas verpasst. Das war ein interessanter Abend, der so manchen, der im Vorfeld Zweifel geäußert hatte, ob eine Hengstvorführung die passende Einstimmung auf ein Xenophon-Wochenende sein kann, überzeugt hat. Dazu an anderer Stelle mehr.


Neuer Vorstand


Der neue Xenophon Vorstand mit (v. l.) Helmut Alt (Geschäftsführer), Karin Lührs (stellv. Vorsitzende), Susanne Ridderbusch (1. Vorsitzende), Daniela Noesen-Steiger (Geschäftsführerin) und Marianne Kähler (Geschäftsführerin).
Der neue Xenophon Vorstand mit (v. l.) Helmut Alt (Geschäftsführer), Karin Lührs (stellv. Vorsitzende), Susanne Ridderbusch (1. Vorsitzende), Daniela Noesen-Steiger (Geschäftsführerin) und Marianne Kähler (Geschäftsführerin).

Der Sonntagmorgen war der Mitgliederversammlung vorbehalten. Nachdem Geschäftsführerin Jutta Jäckel den positiven Jahresabschluss 2025 vorgestellt hatte, ging es unter anderem um die Abstimmung über das neue Vereinsorgan EQUI PAGES. Die rund 30 Anwesenden haben einstimmig ihre Zustimmung bekundet. Da Dominique Wehrmann zusammen mit Jan Tönjes Gründerin und Geschäftsführerin von EQUI PAGES ist, stand sie – um Compliance Konflikte zu vermeiden – für eine Wiederwahl in den Xenophon-Vorstand nicht mehr zur Verfügung.


Dafür bereichern nun gleich drei neue kreative Köpfe die Vorstandsarbeit von Xenophon. Da ist zum einen Pferdewirtschaftsmeister Helmut Alt aus Bayern, der als Sattler in ganz Deutschland unterwegs ist. An seiner Seite ist zum einen die im Sattel bis Klasse M erfolgreiche Daniela Noesen-Steiger, die die Vorstandsarbeit unter anderem aus ihrer Tätigkeit als Direktorin der Vereinigung für Bio-Landwirtschaft in ihrer Wahlheimat Luxemburg kennt, und zum anderen die bis Klasse S erfolgreiche Marianne Kähler, die bislang Ansprechpartnerin für Xenophon-Mitglieder aus dem Raum Hessen war. Alle drei wurden einstimmig ins Amt gewählt.


Nach den Formalitäten war Zeit für Meinungsaustausch und Diskussionen, ehe es wieder in Richtung Haupt- und Landgestüt Marbach ging, wo der eigentliche Höhepunkt des Wochenendes wartete: das Praxisseminar „Mit Leichtigkeit Pferde ausbilden und gymnastizieren“ mit Uta Gräf und Stefan Schneider, moderiert von Martin Plewa.


Ein Nachmittag zum hinter die Ohren schreiben


Zügel aus der Hand kauen lassen als Überprüfung der Losgelassenheit. Foto: Silke Rottermann
Zügel aus der Hand kauen lassen als Überprüfung der Losgelassenheit. Foto: Silke Rottermann

Mehr als 350 Xenophon- und Persönliche Mitglieder der FN erlebten lehrreiche Stunden in Marbach. Uta Gräf hatte einen 14-jährigen S-siegreichen Wallach mitgebracht sowie ein achtjähriges Nachwuchspferd, das auf dem Weg in Richtung Grand Prix ist. Ihr Mann Stefan Schneider, Tierarzt und eine Koryphäe in Sachen Handarbeit, zeigte einen ausgebildeten Lusitano am Langzügel. Xenophon-Aufsichtsratsmitglied Martin Plewa begleitete den Nachmittag als Kommentator.


Uta Gräfs S-Sieger mit Namen San Diamond sah nicht unbedingt aus wie ein Modellathlet – die letzte Schur war wohl schon etwas länger her, das gemütliche Bäuchlein passte perfekt zum leicht behäbigen Schlurfschritt, in dem der Braune in die Marbacher Halle kam. Interessiert, aber tiefenentspannt nahm er seine neue Umgebung in Augenschein und ließ sich auch von den vielen Zuschauern nicht aus der Ruhe bringen. Ein Pferd Sorte Teddybär. Uta Gräf ließ ihn Schritt gehen, um die Steifheit von der Anreise aus den Gliedern zu bekommen, nahm schließlich die Zügel auf und trabte an. Die ersten Runden hielt sich „SD“ – so der Spitzname – noch fest. Gräf ließ ihm Zeit, er durfte seine Kopf-Hals-Einstellung selbst wählen, Gräf hatte kaum Anlehnung, wirklich nur das Zügelgewicht.


Paraden beim jungen oder noch nicht gelösten Pferd sind auslaufend zu reiten.


Nach wenigen Minuten Leichttraben begann sie mit Übergängen, galoppierte zu Beginn der langen Seite an, ließ SD bis ans Ende der Halle galoppieren und parierte wieder durch – übrigens immer auf dem zweiten oder dritten Hufschlag. Es waren keine abrupten Paraden, eher ein weiches Hineingleiten in die nächste Grundgangart. Martin Plewa dazu: „Es ist in Vergessenheit geraten, aber früher stand in den Richtlinien sogar geschrieben, dass Paraden beim jungen oder noch nicht gelösten Pferd auslaufend zu reiten sind.“


Uta Gräf und S-Seriensieger San Diamond, genannt SD. Foto: Silke Rottermann
Uta Gräf und S-Seriensieger San Diamond, genannt SD. Foto: Silke Rottermann

SD wusste die Vorgehensweise seiner Reiterin zu schätzen. Nach zwei, drei Wiederholungen auf beiden Händen änderte sich das Bild des Pferdes. Die Bewegungen wurden geschmeidig und fleißig. Der Wallach begann zu schwingen und die Anlehnung zu suchen. Dabei war er nicht wirklich tief eingestellt. Plewa: „Oft, wenn ich sehe, dass Reiter das Pferd mit der Hand tief holen wollen, frage ich sie, warum sie das machen. Die Antwort ist immer: um die Pferde zu lösen. Aber wo steht es in den Richtlinien, dass man lang und tief löst?“ Voraussetzung für Takt und Losgelassenheit sei vielmehr, dass im Gleichgewicht sind. „Das bedeutet, sie müssen ihr Tempo selbstständig halten können“, so Plewa. Uta Gräf präsentierte das wie aus dem Lehrbuch. Deutlich treiben sieht man sie ohnehin fast nie. Nun nahm sie auch noch die Zügel in eine Hand und SD galoppierte einfach weiter, veränderte weder Takt noch Tempo noch Haltung.


Der Reiter hat die Verantwortung, dass die Übung gelingt.


In der Arbeitsphase ritt Gräf Übergänge und Seitengänge, alles unaufwendig und fein. Parallel erklärte sie, was sie tat – dass sie nun mehr Biegung, mehr Fleiß etc. verlange und jedes Mal endete sie mit: „… und nun nehme ich die Hilfen wieder weg.“ Sie als Reiterin will so wenig im Sattel machen wie möglich. Plewa bestätigte: „Wir müssen wieder mehr dahin kommen, dass wir Versammlung und Verstärkungen zulassen.“ Also weniger aktives Pushen, mehr Reiten in „wohlwollender Gemütlichkeit“, wie Gustav Steinbrecht es einst formulierte. Dazu passt auch Plewas Erinnerung, dass es nicht der Reiter ist, der das Pferd schult, sondern „die Übung“. „Der Reiter hat nur die Verantwortung, dass die Übung gelingt.“ Das gilt für alles, vom Trab-Schritt-Übergang über die Traversale bis hin zur Piaffe.


Gleichzeitig hält Gräf ihre Pferde aufmerksam, indem sie sie überrascht (nicht mit den Hilfen überfällt!). Geht das Pferd davon aus, dass ein fliegender Wechsel kommt, reitet sie im Außengalopp weiter. Will das Pferd in der Pirouette zu viel zurückkommen, reitet sie aus dem Zirkel heraus usw..


Der Professor


Meister vorne und hinten an den Leinen: Stefan Schneider und sein Lusitano. Foto: Silke Rottermann
Meister vorne und hinten an den Leinen: Stefan Schneider und sein Lusitano. Foto: Silke Rottermann

Wie sensibel Pferde auf die feinsten Berührungen reagieren können, ließ sich wunderbar bei der Langzügelarbeit von Stefan Schneider erkennen. Sein Hengst, ein Lusitano in den 20ern, aber noch topfit und stets „auf Sendung“, reagierte auf die leisesten Signale des Menschen am Boden. Dabei spielte die Einwirkung über die Leinen auf die Nase augenscheinlich gar nicht die bedeutendste Rolle – wobei Schneider darauf hinwies, dass der Monty Roberts-Zaum, den er verwendet, es zulässt, dass das Gebiss nur eingehängt wird, er die Leinen aber in die Ringe seitlich des Nasenriemens einhaken kann. Schneider: „Die Einwirkung über die Nase verstehen die Pferde leichter.“


Die Einwirkung über die Nase verstehen die Pferde leichter.


Das in Kombination mit Schneiders perfektionierter Körpersprache führte dazu, dass der Schimmel sich auf kleinste Zeichen hin wenden, stellen, biegen, durchparieren und wieder antreten ließ. Das war beeindruckend. Zumal Schneider erklärte, dass die meisten Anfänger mit dem Langzügel unterschätzen, wie herausfordernd diese Arbeit ist – gerade weil die meisten Pferde sehr sensibel sowohl auf die Leinen als auch auf die Körpersprache des Menschen reagieren. „Versuchen Sie mal, das Pferd auf der Viertellinie geradeaus vor sich hergehen zu lassen. Das ist viel schwieriger, als es aussieht“, so Schneiders Erfahrung. Er empfiehlt daher, sich unbedingt einen Experten zur Hilfe zu nehmen, wenn man mit der Arbeit am langen Zügel beginnt.


Warum sich das lohnt? Schneider beginnt mit allen jungen Pferden am Langzügel. „Es hat einen erzieherischen Effekt. Auch die jungen Hengste merken schnell, dass ich als Mensch das Heft in der Hand halte.“ Und damit nicht genug: Faule werden fleißig, heiße Pferde lernen Gelassenheit, guckige Kandidaten entwickeln Mut und Selbstbewusstsein, weil sie gewissermaßen vorweg gehen müssen.


Das Pferd, von dem jeder Reiter träumt



Uta Gräfs Zukunftshoffnung mit "Energie-An- und Aus-Knopf": Herzenswunsch v. Helium. Foto: Silke Rottermann
Uta Gräfs Zukunftshoffnung mit „Energie-An- und Aus-Knopf“: Herzenswunsch v. Helium. Foto: Silke Rottermann


Uta Gräfs SD kann zwar Erfolge bis S*** vorweisen, doch Reiterin und Besitzerin hatten nach wenigen Turnieren gemeinsam beschlossen, dass SD nur noch S** Prüfungen gehen soll. „Ich habe gemerkt, dass ich ihn in Piaffe und Passage doch ziemlich stark drücken muss“, erklärte Gräf. Das widerspricht ihrer Philosophie. „Die Pferde müssen die schwierigen Lektionen gerne machen!“ Dann spricht aus ihrer Sicht überhaupt nichts dagegen, Pferde im großen Sport einzusetzen. So wie den Achtjährigen, den sie mit nach Marbach gebracht hat. Sein Name ist Programm: Herzenswunsch.


Die Pferde müssen die schwierigen Lektionen gerne machen.


Der Helium-Sohn hat ein solch gottgegebenes Talent für Piaffe und Passage, dass es schon jetzt aussieht, wie ein Kinderspiel. Ob Einerwechsel oder Pirouetten – Gräf testete alles nur an und ging sofort wieder Schritt und ließ die Zügel lang, sobald „Herzi“ verstanden und umgesetzt hatte. Was in der Regel im ersten oder spätestens zweiten Anlauf der Fall war. Und wenn es doch einen Moment länger dauerte, blieb Gräf im Sattel völlig gelassen. „Bei Pferden, die so fein und engagiert sind, ist es wichtig, sie nicht zu drängen. Ich als Reiter warte, bis sie die Lösung gefunden habe, die ich haben will, dann höre ich sofort auf“, so Uta Gräf.


Martin Plewa erläuterte: „Das entspricht zu 100 Prozent dem Lernverhalten der Pferde. Die Pause nach einer gelungenen Lektion ist die wichtigste Belohnung überhaupt.“ Und ein Pferd, das sich seine Belohnung gewissermaßen selbst abgeholt hat, weil es selbstständig erkannt hat, was der Reiter von ihm will, wird beim nächsten Mal umso eifriger bei der Sache sein.


Herzi verstand jedenfalls blitzschnell, was von ihm verlangt wurde und sah auch beim Übergang aus dem Galopp in die Piaffe kein bisschen gestresst aus. „Ihm macht das Spaß“, so Gräf. „Warum soll ich dann mit einem solchen Pferd nicht Grand Prix reiten?“ Eine rhetorische Frage.


Fazit – es war ein Nachmittag, der alle Anwesenden begeistert hat. Die offensichtliche Zufriedenheit, das Vertrauen und die Motivation der Pferde demonstrierten nachdrücklich, dass Leistungssport mit Pferden nicht nur möglich, sondern im Sinne der Pferde ist.




Learnings aus dem Xenophon-Seminar zum Jubiläum



  1. Eine der häufigsten Fragen an Gräf und Schneider, die auch in Marbach gestellt wurde, ist diese: „Wie bekomme ich mein faules Pferd fleißig?“ Dazu gab es verschiedene Tipps:





    • Gehlust im Gelände wecken, möglichst mit mehreren Pferden, um den Herdeneffekt auszunutzen

    • Beim Treiben immer nur einen Impuls setzen und bei Reaktion das Pferd sofort mit lockerem Schenkel belohnen. Keinesfalls mit dem Bein klemmen! Das führt dazu, dass das Pferd die Bauchmuskulatur anspannt, dadurch den Rücken festmacht und sich noch unwilliger vorwärts bewegt.

    • Beim Übergang in eine höhere Gangart oder ein höheres Grundtempo treibenden Impuls in Verbindung mit entlastender Gewichtshilfe.

    • Nicht zu schwer einsitzen, um die kurzen Muskeln der Wirbelsäule nicht zu stören




2. Versammlung ist Gleichgewicht auf engstem Raum


3. Den Anfang und das Ende von Lektionen üben – keine 60 Meter Schulterherein, lieber nur 12 Meter und dann neu ansetzen.


4. Eine Lektion nur so lange reiten, bis sie so gut ist, wie das Pferd sie seinem Ausbildungsstand entsprechend ausführen kann, dann sofort aufhören.


5. Paraden von der höheren in die niedrigere Gangart sind beim jungen und noch nicht gelösten Pferd auslaufend zu reiten.


6. Beim Übergang von die höhere in die niedrigere Gangart hineintreiben wollen.


7. Unruhige Hand? Reite mit Zügelbrücke!


8. Geht mein Pferd im Gleichgewicht? Überprüfe es und reite mit einer Hand!


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