
Frederic Wandres, Jahrgang 1987, Mannschafts-Olympiasieger Paris 2024. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Frederic Wandres stammt nicht aus einer Pferdefamilie. Ganz im Gegenteil, als er im badischen Kehl groß wird, da kann noch keiner ahnen, dass „Freddie“ einmal Mannschaftsolympiasieger im Dressurreiten werden sollte. Auch nicht, dass er gen Norden auswandern würde.
Eher zufällig hatten Grundschulfreunde Frederic mit zum Reiten genommen. Und dieser Besuch sollte prägend für sein weiteres Leben sein. Longenstunden, reiten auf Schulpferden. „Ich war öfter im Stall als zu Hause“, blickt der 1987 geborene Badener auf seine Schulzeit zurück.
In der Pubertät erhielt er von seinem Vater ein Pferd. Keines, von dem man hätte lernen können. Im Gegenteil: Calypso, dreijährig, ungeritten, ist eher ein Projekt. Frederic Wandres bildet ihn aus. Er reitet ihn in A-Dressuren und A-Springen. Schon bald stellt sich heraus. Dressur ist mehr sein Ding als das Springen.
Es ergibt sich die Gelegenheit, der damals in Baden-Württemberg lebenden dänischen Championatreiterin Lone Jörgensen beim Trainieren zuzuschauen. Piaffen, Passagen, Serienwechsel treten erstmals ins Gesichtsfeld.
Wer nun aber denkt, damit sei der Weg Richtung Ausbildung im Pferdebereich vorgezeichnet, der irrt. Wie so viele Eltern pochen auch die von Frederic darauf, dass er zunächst sein Abitur und anschließend eine Lehre absolvieren sollte. Wandres wird Industriekaufmann. Dann kann er sich voll der Pferdeleidenschaft widmen.
Mit knapp 20 Jahren geht es dann gen Norden. Gut 500 Kilometer trennen Hagen am Teutoburger Wald, wo der Hof Kasselmann gelegen ist, von dem Ort Kehl zwischen Karlsruhe und Freiburg, wo Frederic großgeworden ist. In Hagen wird Insa Hansen seine Ausbilderin. 2008 schließt er die Ausbildung zum Pferdewirt mit Auszeichnung, der Steensbeckplakette, ab.
Nach einigen Jahren der Anstellung auf dem Hof Kasselmann will Freddie sich dann doch noch einmal beruflich verändern. Er geht auf das Gestüt Bonhomme in der Nähe von Potsdam im Brandenburgischen. Dort tritt er unter anderem auf den jungen Hengst Grey Flanell v. Gribaldi. Mit ihm tritt er im niederländischen Pavo Cup, dem Äquivalent zum deutschen Bundeschampionat an. Grey Flanell wird dort bester Hengst seines Jahrgangs.
Auch Fiderdance, der mit Moritz Treffinger 2026 im Weltcup-Finale am Start war, hat Frederic Wandres eine Zeit lang auf dem Gestüt Bonhomme unter dem Sattel gehabt.
Irgendwann ruft dann seine ehemalige Chefin, Bianca Kasselmann, an und fragt, ob Freddie sich eine Rückkehr nach Hagen vorstellen könne. Er kann. Im Jahr 2014/15 zieht Wandres wieder zurück nach Hagen. Und von da an geht es steil bergauf in seiner sportlichen Karriere: Nach einem halben Jahr hat er genug Siege in der schweren Klasse zusammen geritten, um das goldene Reitabzeichen zu erhalten. Und er trifft auf das Pferd, das maßgeblich an seiner internationalen Karriere teilhaben soll: Duke of Britain FRH. Der in Großbritannien geborene Hannoveraner Wallach, qualifiziert sich 2017 für das Finale des Louisdor Preis. 2018 gewinnt das Duo bereits die Weltcup-Kür beim vorweihnachtlichen Turnier in London. 2020 werden die beiden in den Olympiakader berufen.
Im Jahr 2022 werden Freddie Wandres und Duke of Britain Deutsche Vizemeister sowohl im Grand Prix Special als auch in der Kür bei den deutschen Meisterschaften im sauerländischen Balve. Anschließend geht’s zum Nationenpreis in Aachen. Dort liefert das Paar das beste deutsche Ergebnis ab. Es folgt, was folgen muss: die Championatsnominierung. Wandres fährt zur WM. Bei den Weltmeisterschaften im dänischen Herning gewinnt Deutschland Teambronze. Duke of Britain muss allerdings wegen einer Verletzung nach dem Grand Prix aus dem Turnier zurückgezogen werden.
Parallel zu seinen Championatspferden reitet Frederic Wandres auf dem Hof Kasselmann Pferde aller Altersklassen. Solche, die auf der P.S.I.-Auktion im Dezember verkauft werden sollen, Bundeschampions, auch Finalisten bei den Weltmeisterschaften junger Dressurpferde.
Bereits 2020 tritt ein weiteres Pferd in sein Leben, das entscheidend für seine Weltkarriere werden soll: der Oldenburger Bluetooth OLD, ein Hengst, der einst über die P.S.I.-Auktion den Besitzer gewechselt hat. Er ist von verschiedenen Reitern geritten worden, unter anderem auch von Ingrid Klimke. 2022 schlägt die Stunde des Paars: Wandres und Bluetooth siegen beim CDI4* in Aachen. 2023 sind sie dann erstmals bei einer deutschen Mannschaft am Start auf einem Championat. In Riesenbeck gewinnt Team Deutschland die Silbermedaille. In der Einzelwertung schaffen die beiden zwei Top Ten Platzierung. Im Grand Prix Special werden sie Siebte, in der Kür Neunte.
Plötzlich ist da ein großes Wort, das im Raum steht: Olympia! Es ist das Jahr 2024, die Welt zählt die Tage rückwärts zu den Spielen in Paris. Reiten vor der Kulisse des Schlosses von Versailles. Das ist die „Kirsche auf der Sahnehaube“, die Olympiastart heißt.
Bei den Deutschen Meisterschaften gibt es im Grand Prix Special die Silbermedaille mit Bluetooth und eine weitere Silbermedaille, allerdings im Sattel von Duke of Britain, in der Kür. Die einzigen, die Frederic Wandres nicht schlagen kann, sind Jessica von Bredow-Werndl und Dalera. Die beiden sollen Wochen später in Paris die Goldmedaille im Einzel gewinnen. In Paris geht Mannschaftsgold an Deutschland, knapp – aber Gold für Jessica von Bredow-Werndl, Isabell Werth und eben Frederic Wanders. Der ist am Höhepunkt seiner Karriere angekommen.
In der Einzelwertung, der Olympischen Kür, wird es Platz 13 für das Paar aus Hagen am Teutoburger Wald. Ende 2024 wird Duke of Britain aus dem aktiven Sport verabschiedet.
Aber sein Stall Kollege Bluetooth ist auch 2025 wieder zur Stelle. Bei den Europameisterschaften in Crozet gewinnt Frederic Wandres mit dem Oldenburger Bordeaux-Sohn abermals Mannschaftsgold. Diesmal an der Seite von Isabell Werth, Katharina Hemmer und Ingrid Klimke. Im Grand Prix Special, bei den Europameisterschaften mit einem Extrasatz Medaillen ausgestattet, wird es Platz sieben. Und in der Kür von Crozet landen die beiden sogar auf Rang fünf.
Frederic Wandres trainiert regelmäßig mit Bundestrainerin Monica Theodorescu.

Frederic Wandres hat einen Mann an seiner Seite: Lars Ligus. Die beiden sind seit 2017 ein Paar. Mittlerweile haben sie sich verlobt. Sie leben und arbeiten gemeinsam auf dem Hof Kasselmann. Ligus wird gerne als Pferdepfleger bezeichnet, diese Funktion führt er auch bei Championaten und Turnieren aus. EFreddie spricht aber lieber von seinem „Auge am Boden“, der ehrlich sagt, was er sieht. Ligus ist selbst bis Grand Prix erfolgreich. So fliegen beide häufig gemeinsam in den ersten Monaten des neuen Jahres nach Wellington, um dort Dressur zu reiten. Der Hof Kasselmann hat dort viele Kunden, die Frederic Wandres teilweise auch im Training betreut. Und während in Deutschland eventuell Schneeschippen angesagt ist, hat man in Florida andere Probleme: Beispielsweise, dass über Nacht ein Alligator sich in die Reithalle verirrt hat. Aber auch solche Probleme sind zu meistern.
2026 – das Jahr der Heim-WM. Frederic Wandres wird bei den Deutschen Meisterschaften mit Bluetooth Zweiter im Grand Prix und Dritter im Special. Weil vor ihm Isabell Werth mit Wendy und Viva Gold zwei Pferde aufs Podium reitet, wird Wandres die Silbermedaille umgehängt, seine mittlerweile sechste. Anschließend werden die beiden nominiert, um die deutschen Farben bei der WM in Aachen zu vertreten.