
Jessica von Bredow-Werndl und Dalera BB. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Zwei Dinge gehörten bei Familie Werndl quasi immer schon zum Leben: Sport und Pferde. Jessica von Bredow-Werndls Eltern waren beide Leistungssportler, Mutter Micaela als Skifahrerin, Vater Klaus als Segler. Und die Tante züchtete in Aubenhausen Lewitzer Schecken. So kamen die Geschwister Werndl, Jessica und ihr zwei Jahre älterer Bruder Benjamin, schon als Kinder mit den Tieren in Kontakt, die ihr Leben bestimmen sollten. Jessica war vier, ihr Bruder sechs, als sie die ersten Reitstunden erhielten.
Drei Jahre später erfüllten die Eltern ihrer Tochter den Traum, den fast alle kleinen Mädchen haben: Sie schenkten ihr ihr erstes eigenes Pony. Der passende Name jenes Ponys: Little Girl. Während andere Mädchen ihres Alters ihre Puppen frisierten, kümmerte sich Jessica von Bredow-Werndl um ihre kleine Scheckstute. Auch die ersten Turniere bestritten die beiden gemeinsam. Sportlich ernst wurde es aber erst, als Jessica ein anderes Pony bekam. Auch das hatte einen bezeichnenden Namen: Nino the Champ.
Der Reitpony-Wallach war erst fünfjährig, als er zu der damals zwölfjährigen Jessica kam. Er hatte im Jahr zuvor bereits Bekanntschaft mit dem Reitpferdeviereck beim Bundeschampionat geschlossen, und auch Jessica gelang es auf Anhieb, ihn für Warendorf zu qualifizieren. Die Reise aus Bayern nach NRW war erfolgreich. Sie belegten einen tollen vierten Platz im Finale. Da habe sie zum ersten Mal das Championatsfeeling gespürt, sagt Jessica von Bredow-Werndl heute. Und mit Pferden zu tanzen war offensichtlich schon immer ihr Ding.
Als Trainer stand ihr damals Stefan Münch zur Seite, der sie und ihren Bruder von der Klasse E bis in den Grand Prix-Sport begleitete.
Ihre ersten Medaillen sammelte Jessica von Bredow-Werndl bereits im Juniorenlager mit den Pferden Bonito und Duchess, deren Vollbruder Duke mit Benjamin Werndl und zum Teil auch mit Jessica ebenso glorreich unterwegs war.
Gleich bei ihrer ersten Europameisterschaft holte Jessica von Bredow-Werndl Doppelgold. Bei den Jungen Reitern knüpfte sie nahtlos an die U18-Zeit an. Nur ein einziges Mal wurde sie in einer EM-Einzelwertung geschlagen. Das war bei der Junge Reiter-EM 2003 in Saumur, wo Thamar Zweistra aus den Niederlanden die Nase vorn hatte. Insgesamt gewann Jessica von Bredow-Werndl sechs Gold- und zwei Silbermedaillen im Nachwuchsbereich, dazu zahlreiche Deutsche Meister- und Preis der Besten-Titel.
Schon damals lernte die Bayerin eine wichtige Lektion: sich auch unter Druck zu konzentrieren. Ihr erster Preis der Besten-Auftritt direkt nach dem Umstieg aufs Großpferd ließ sich so gut an, dass sie beim Preis der Besten an den Start gehen durfte und auf Anhieb Dritte wurde. Doch bei der zweiten EM-Sichtung war sie so aufgeregt, dass sie sich zweimal verritt. Das saß. Seither beschäftigt sie sich mit Mentaltraining. Wer Grand Prix Special und Kür bei den Olympischen Spielen in Paris verfolgt hat, weiß: Es hat gewirkt.
Ganz so einfach wie der Übergang von der Junioren- in die Junge Reiter-Zeit war der Weg in den Grand Prix-Sport für die Geschwister Werndl nicht. Die U25-Tour gab es damals noch nicht. Zwar trat Jessica von Bredow-Werndl mit Duchess und Duke auch bei ersten internationalen Grand Prix-Turnieren an, aber Ergebnisse um 68 Prozent genüg(t)en nicht, um Fuß zu fassen im großen Sport.
Hilfe hatten sie und ihr Bruder in dieser Zeit unter anderem von Isabell Werth, die das Paar fünf Jahre lang unterstützte. Sie war es auch, die sie mit Jonny Hilberath zusammenbrachte, der einer der wichtigsten Trainer für die beiden wurde und bis zu seinem Tod im Frühjahr 2025 blieb.
Heute arbeiten die Werndls mit Bundestrainerin Monica Theodorescu, dem Dänen Morten Thomsen und dem ehemaligen Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule, Andreas Hausberger, zusammen.
Das erste Pferd, das Jessica von Bredow-Werndl selbst bis Grand Prix ausbildete und in den großen Sport brachte, war die KWPN-Stute Zaire-E. Das Pferd, mit dem ihr der internationale Durchbruch gelang, war Unee BB.
Der Hengst gehört der Schweizerin Beatrice Bürchler-Keller. Daher das Kürzel BB in seinem Namen. Unee war das Pferd, das Jessica die Tür zum Spitzensport öffnete und er war das Pferd, das die Freundschaft und Partnerschaft mit ihrer wichtigsten Mäzenin besiegelte. Dabei kannten die beiden sich schon länger. Beatrice Bürchler-Keller hatte ein Pferd aus Aubenhausen für sich zum Reiten erworben, den Wallach Lancôme. Dessen solide Grundausbildung und sein großes Vertrauen zum Menschen überzeugten die ehemalige Richterin Bürchler-Keller (sie hat das Richter-Amt aufgegeben, als ihre Pferde international durchstarteten, um einen Interessenkonflikt zu vermeiden) von den Fähigkeiten der Werndls als Ausbilder.
Unee war in Deutschland kein Unbekannter. 2010 war er Dritter im Finale des Nürnberger Burg-Pokals mit der Schweizerin Jasmine Sanche-Burger, die mit ihm auch die ersten S***-Turniere bestritt. Jessica von Bredow-Werndl mochte den Hengst, einen Gribaldi-Sohn. Da sie seine Besitzerin ja über Lancôme bereits kannte, fasste sie sich ein Herz und fragte Beatrice Bürchler-Keller, ob sie Unee reiten dürfte. Sie durfte. Der Beginn einer sehr erfolgreichen Partnerschaft, sowohl mit dem Pferd als auch mit seiner Besitzerin.
2012 bekam Jessica von Bredow-Werndl Unee BB unter den Sattel. 2014 wurden sie in den Bundeskader berufen und nahmen am ersten von vier Weltcup-Finals teil. Sie wurden Siebte. Die drei Male danach schafften sie es jedesmal aufs Treppchen und wurden Dritte. Bronze holten sie auch bei ihrem ersten Championat für Deutschland, den Europameisterschaften 2015 in Aachen, wo es Rang drei mit dem Team gab.
Nach seiner Verabschiedung aus dem Sport ließ Beatrice Bürchler-Keller Unee in Aubenhausen. Er genießt dort seine Rente.
Jessica von Bredow-Werndl hatte zum Zeitpunkt von Unees Verabschiedung der Öffentlichkeit bereits ein anderes „BB-Pferd“ präsentiert, das Pferd, mit dem sie Sportgeschichte schreiben sollte: die Trakehner Stute Dalera, präziser TSF Dalera BB.
2017 hatte das Paar das Louisdor-Preis Finale in Frankfurt für sich entschieden. Auch in der Festhalle sieht man ein Pferd, bei dem die internationale Karriere so klar vorgezeichnet zu sein scheint, wie bei dieser Trakehner Stute, nicht allzu häufig. Piaffe und Passage schienen die vierte und fünfte Grundgangart für sie zu sein. Den guten Eindruck bestätigte die Stute schon sehr bald auch gegen erfahrene Pferde. Bereits in der ersten internationalen Saison schaffte das Paar es in die Mannschaft für die Weltreiterspiele in Tryon, wo sie Teamgold gewannen. Es folgte eine weitere Mannschaftsgoldmedaille bei den Europameisterschaften 2019 in Rotterdam – die erste von sechs EM-Goldmedaillen insgesamt. Zudem brachten sie ihre erste Einzelmedaille aus den Niederlanden mit heim: Bronze in der Kür.
Nach der Pandemie-bedingten Verschiebung der Olympischen Spiele 2020, war es 2021 endlich so weit – Tokio stand vor der Tür und Jessica von Bredow-Werndl und Dalera waren fürs Team gesetzt. Dass die Mannschaft Gold holt, war keine Überraschung. Alle drei Paare – neben von Bredow-Werndl/Dalera Isabell Werth/Bella Rose und Dorothee Schneider/Showtime – waren ziemlich sichere Ü80 Prozent-Kandidaten. Sehr viel spannender war die Entscheidung in der Einzelwertung.
In der Kür der EM 2019, dem letzten Aufeinandertreffen der großen Drei unter Championatsbedingungen, war Werth vorne gewesen, Schneider hatte Silber geholt und Jessica von Bredow-Werndl Bronze. Bei den Deutschen Meisterschaften in Balve, der ersten Olympiasichtung, hatten Jessica und Dalera alle drei Prüfungen gewonnen. Bei der letzten Sichtung in Kronberg waren sie hingegen „nur“ Zweite und Dritte. Es war also alles möglich.
Am 28. Juli 2021 war es so weit, olympischer Entscheidungstag. Gut, dass Jessica von Bredow-Werndl sich als 15-Jährige beim Preis der Besten zweimal verritten hat. Spätestens an diesem Tag hatte sie die Gelegenheit zu beweisen, dass sie inzwischen mit Druck umgehen kann. Das zeigte sie tatsächlich. Zu ihrer Musik von La La Land war es wirklich ein Tanz des Paares zur olympischen Goldmedaille. Gänsehaut für die (wenigen) Zuschauer, die Erfüllung eines Lebenstraums für Jessica von Bredow-Werndl, ein Erfolg für die Annalen des Sports.
Auch wenn danach noch zwei Weltcup-Titel und fünf EM-Goldmedaillen folgten – es gab für die beiden eigentlich nur eine einzige Gelegenheit, Tokio noch zu toppen: die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Dass sie für die Mannschaft nominiert werden würden, war quasi Formsache. Die Stute war fit und seit Tokio ungeschlagen. Aber würde ihr noch einmal so ein Coup gelingen?
Wie schon in Tokio fiel die Mannschaftsentscheidung im Grand Prix Special. Den Grand Prix hatten Jessica von Bredow-Werndl und Dalera gewonnen. Doch im Special hatten sie einen dicken Patzer ausgerechnet in ihrer Paradelektion, der Piaffe. Außerdem war die Stute untypisch unruhig in der Anlehnung. Die Richter setzten sie auf Rang zwei, hinter die Shooting Stars der Saison, Cathrine Laudrup-Dufour und Freestyle. Für die Mannschaft reichte es trotzdem zu Gold. Aber was würde in der Einzelwertung passieren? Würde es Jessica von Bredow-Werndl und Dalera gelingen, den Special hinter sich zu lassen und in der Kür wieder zu jener Einheit zu verschmelzen, mit der sie regelmäßig Richter wie Zuschauer begeistert haben?
Um es kurz zu machen: Es gelang ihnen. Zu Edith Piafs Klassiker „Je ne regnete rien“ zelebrierten Jessica von Bredow-Werndl und Dalera ihre Kür als hätte es den Ausfall im Special nicht gegeben. Es war eine grandiose Vorstellung, die ihnen ihre vierte Goldmedaille einbrachte. Sie hatten es allen gezeigt. Sie waren die unangefochtene Nummer eins. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere dankte Queen D ab. Paris war der krönende Abschluss für ihre grandiose Karriere.
Nun bekommt Dalera im Frühjahr 2026 ihr erstes Fohlen – das könnte theoretisch sogar seine Großmutter kennenlernen, denn als Daleras Züchterin Silke Druckenmüller viel zu früh an Krebs verstarb und das Schicksal von Daleras Mutter Dark Magic ein ungewisses war, holten die Werndls die Stute nach Aubenhausen. Sie genießt dort nun ihr Altenteil.
Die Karriere von Jessica von Bredow-Werndl ist hingegen noch lange nicht zu Ende. Sie hat eine neue Zukunftshoffnung der Marke BB unter dem Sattel: den Dancier-Sohn Diallo BB, der in seiner ersten internationalen Saison in neun Prüfungen siebenmal siegreich war. Diallo ist erst zehnjährig. Man darf also gespannt sein, was da noch kommt. Der einzige Titel, der Jessica von Bredow-Werndl in ihrer Sammlung noch fehlt, ist der der Einzelweltmeisterin.
Jessica von Bredow-Werndl ist verheiratet mit dem ehemaligen Vielseitigkeitsreiter Max von Bredow. Dessen Vater war bayerischer Landestrainer für die Buschreiter. Das Paar hat zwei Kinder, Moritz und Ella Marie, die 2022, dem Jahr der WM in Herning, zur Welt kam. Die gesamte Familie, auch Bruder Benjamin mit seinen Kindern, lebt auf dem Gut Aubenhausen.
Sie bilden hier nicht nur Pferde aus, sondern betreiben auch die E-Learning Plattform „Aubenhausen Club„. Hier gibt es Tipps für die Pferdeausbildung und Vorschläge zur Lösung typischer Probleme beim Reiten, aber vor allem auch gezielte Sport- und Fitnesstrainings für Reiter. Bei dem Projekt profitiert Jessica von Bredow-Werndl von ihrem Fernstudium Marketing und Kommunikation, das sie parallel zu ihrer reiterlichen Karriere absolviert hat.
Außerdem ist die Veganerin Autorin mehrerer Bücher: „Das Glück der Erde: Was ich täglich von meinen wunderbaren Pferden lernen darf“, „Gut Aubenhausen – Emilias Herz für Pferde“ und „Gut Aubenhausen – Emilia und das Glück der Pferde“.