Very Special – die „typische Fuchsstute“, die sich ihre Freunde aussucht auf der Road2LA

Brandon Schäfer-Gehrau und die Hannoveraner Stute Very Special v. Viscount werden von der Initiative Road2LA unterstützt. Foto: sportfotos-lafrentz.de
- Name: Very Special
- Geschlecht: Weiblich
- Jahrgang: 2015
- Rasse: Hannoveraner
- Vater: Viscount
- Muttervater: Nobre xx
- Züchter: Ulrike Edel-Heidhues
- Größte Erfolge: CCI4*-L platziert, U25 Deutscher Meister
Jeder hat so ein Once-in-a-Lifetime-Horse. Für Brandon Schäfer-Gehrau, so jung er mit seinen 26 Jahren auch sein mag, ist es Very Special. Da ist sich der Vielseitigkeitsreiter aus dem deutschen Perspektivkader sicher. Gleich mehrere „erste Male“ verbinden ihn mit dieser Stute.
Das geht schon mit der Namensgebung los. Denn als die Hannoveraner Stute, die 2015 bei Ulrike Edel-Heidhues auf dem Klostergut Bündheim in Bad Harzburg zur Welt kam, vierjährig zu Familie Schäfer-Gehrau wechselte, musste Brandon das erste Mal ein Pferd taufen. An den Moment erinnert sich Schäfer-Gehrau noch genau: „Da war ich gerade 19 Jahre alt und habe überlegt, dass ein Name eine Geschichte braucht. Sie hatte einen Namen, aber der passte nicht und weil sie speziell gegenüber Menschen und Pferden war und gleichzeitig über ein Riesenselbstbewusstsein verfügte, fand ich den Namen Very Special passend.“
Special Horse, special Name – Very Special
Eigentlich hatte er zunächst einen anderen Namen ausgesucht, den will er aber nicht verraten. Nur so viel: der Spitzname der Fuchsstute, Vanilla, hat mit dieser ursprünglichen Namensidee irgendetwas zu tun.
Es ist eine interessante Mischung von Gefühlen und Beschreibungen, die zu Tage tritt, wenn man sich Brandon Schäfer-Gehrau über seine Stute unterhält: Einerseits Begeisterung, beinahe Hochachtung, für ein Pferd, das für ihn „zweifelsohne ein Ausnahmepferd“ ist. Andererseits aber der Umstand, dass besondere Persönlichkeiten eben auch besondere Eigenarten haben. Und das ist noch freundlich formuliert…
Die Sache mit den Fuchsstuten
Der 26-Jährige bringt es so auf den Punkt: „Sie erfüllt jedes reelle Klischee, dass es über Fuchsstuten gibt“. Kleine Nachhilfestunde, für all diejenigen, die damit nichts anfangen können: Fuchsstuten eilt der Ruf voraus, sie seien zickig, stur, launisch oder, so formulieren diejenigen, die es etwas positiver beschreiben wollen: „äußerst sensibel“. Damit genug des Fuchsstuten-Bashings.
Natürlich ist der Charakter nicht von der Fellfarbe abhängig. Und tatsächlich galt beispielsweise im Hauptgestüt Trakehner, das in Ostpreußen seine Stutenherden nach Farben zu sortieren pflegte, die Fuchsherde als besonders leistungsstark. Aus ihr sind Hengste wie Abglanz, der den legendären Hannoveraner Absatz zeugte (die Vaterlinie ist über Argentinus heute noch präsent, Vater unter anderem von John Whitakers Argento und Nick Skeltons Arko III sowie dem Hengst Thunder van de Zuuthoeve). Genauso wie Semper idem, der sich in der Abstammung von Stakkato wieder findet. Aber das nur am Rande.
Berühmte Fuchsstuten in der Vielseitigkeit
Außerdem sind in der Vielseitigkeit mindestens zwei Fuchsstuten auf internationaler Bühne zu Legenden geworden: Beispielsweise die Holsteinerin Feine Dame, die unter Herbert Blöcker 1992 in Barcelona bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille in der Einzelwertung gewann. Ein Pferd, dass dreijährig in einem Verleihstall auf Föhr darauf wartete, von mehr oder weniger talentierten Touristen oder Touristinnen am Strand geritten zu werden. Über einen Handelsstall wurde sie eingetauscht, Zeit und Hingabe ließen die Stute zu einem Weltpferd werden. Oder Headley Britannia, die Stute, die in Großbritannien zur Legende wurde. Sie gewann drei CCI5*-L Prüfungen, Burghley 2006, Badminton 2007 und Kentucky 2009 unter der Australierin Lucinda Fredericks. Und das bei kaum mehr als 1,60 Meter Stockmaß.
Nomen est omen
Very Special ist genau das, was ihr Name sagt, sehr speziell. Und das gilt nicht nur fürs Reiten. Das beginnt schon bei banalen Dingen des täglichen Umgangs. Natürlich möchte sie auf die Weide – aber doch bitte schön nicht mit anderen Pferden! Dass sie diese anderen nicht mag, das vermag sie mit den Waffen einer Frau, einer Fuchsstute, deutlich zu machen. Also alleine auf die Weide… Wie bitte? Alleine? Nein, geht gar nicht! Die Lösung: ein Shetlandpony. Das wird akzeptiert und sogar ins Herz geschlossen.
„Sie sucht sich ihre Freunde aus“
Brandon Schäfer-Gehrau sagt, Very Special sucht sich ihre Freunde aus, „und die kann man an zwei Händen abzählen“. Der Hintergrund für dieses etwas garstige Verhalten mag tatsächlich in ihrer Jugend begründet sein. Denn die Mutter von Very Special, die Nobre xx-Fabriano-Tochter Nova EH, Sportname Noble Beauty, selbst bis CCI3*-S erfolgreich, soll ihre Fohlen eher schlecht behandelt, ja sogar abgelehnt haben. Insofern sei ein frühkindliches Trauma der Stute zugestanden: Das mag ihre Verhaltensmuster erklären. Und wenn von Fohlen die Rede ist, es gibt noch einen Vollbruder von Very Special, nämlich Viscount Viktor. Auch der ist im internationalen Buschgeschehen aktiv. Früher ging er unter Tim Price (NZL), beendete unter anderem die CCI5*-L Luhmühlen, Badminton und Pau. Jetzt hat ihn Harry Meade (GBR) unter dem Sattel.
Aller Anfang ist …
Wie es mit speziellen Pferden so ist, der Karriereweg verläuft nicht immer ganz gradlinig. Fünfjährig konnte sich Very Special nicht für das Bundeschampionat qualifizieren. Es mangelte an den Resultaten aus Springpferdeprüfungen. „Gelände war nie ein Problem“, so der Reiter. Der aber auch zugibt, die Stute habe in diesem Entwicklungsstadium „ihren Körper noch nicht ganz voreinander gehabt“ habe.
Sechsjährig qualifizierte sie sich dann für das Bundeschampionat, ging die Einlaufprüfung und das Keine Finale. „Da ging es nicht darum einen Bundeschampion zu reiten, sondern darum, das Publikum und die große Bühne kennenzulernen“. Auch in der Ausbildung war nicht immer alles ganz einfach. So dauerte es beispielsweise ein bisschen, bis Brandon Schäfer-Gehrau die richtige Zäumung für die Stute gefunden hatte.
Das richtige Gebiss? Marke „Eigenbau“
Am wohlsten fühlt sich Very Special ohne Gebiss im Maul. Das Hackamore ist die bevorzugte Wahl. „Das dauert ein bisschen, bis man den Weg findet, was zu dem Pferd passt“, so der Reiter, der kurzerhand zum Gebissdesigner wurde: Eine Hackamore-Wassertrensen-Kombination stellte sich als ideale Zäumung für die sensible Stute heraus. „Zunächst habe ich noch mit zwei Zügeln, beziehungsweise vier geritten, dann habe ich mir eine Brücke gebaut“. Die Einwirkung individuell abstimmen, das ist das Ziel jeder Pferdeausbildung. Bei speziellen Pferden entsprechend spezieller. Und „Vanilla“ ist eben Very Special.
Längst hat der Reiter für sich ein Fazit zu deren Persönlichkeit gezogen. „Man muss immer gucken, wo kann man einen Umweg gehen, der für sie aber der richtige ist“. Dass er da häufig genug den richtigen Weg eingeschlagen hat, beweist, dass die Stute in die Gruppe der potenziellen Olympiapferde, die von der Initiative Road 2LA unterstützt werden, aufgenommen wurde. Die finanzielle Unterstützung kommt äußerst gelegen. Die über ihren Vater Viscount auf Furioso II zurückgehende Stute ist elfjährig, muss entsprechend jetzt internationale Erfahrung sammeln. Die monatliche Unterstützung hilft dabei Projekte anzugehen, von denen man sonst vielleicht nur hätte träumen können.
Was zeichnet Very Special aus?
Im Gelände das personifizierte Selbstbewusstsein – das ist wichtig für den Sport. „Dabei war sie von Jung an abgeklärt. Sie hat einfach alles gemacht. Sie hat sich nie infrage gestellt und wenn man ihr einmal etwas gezeigt hat, dann ist es in ihrem System drin. Sie hat keinerlei Angst vor Höhe. Und kämpfen – das ist ihr Naturell!“ Die sensible Stute und der damals 19-jährige hatten vom ersten Moment an einen Draht zueinander. Heute, unter anderem mit einem U 25 Deutscher Meister-Titel in der Tasche (auch wenn die Runde in Wiesbaden, nicht zuletzt, weil zur Hälfte nur mit einem Bügel geritten, sicherlich nicht die beste des Paars war), blickt Brandon Schäfer-Gehrau nach vorne:
Ich habe noch nie vorher auf einem Fünf-Sterne-Pferd gesessen, aber ich bin mir sicher dies ist mein erstes Fünf-Sterne-Pferd.
Meilenstein
Meistens klappt vieles auf dem Turnier, aber nicht immer. 2022 ging das Paar bei der Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde an den Start, Platz 21. Zwei Abwürfe im Springparcours vereitelten eine mögliche Podiumsplatzierung. Ein erster Meilenstein konnte im Oktober 2025 im polnischen Strzegom abgehakt werden: Die erste Platzierung in einer CCI4*-L, Platz sechs in einem stark besetzten Feld, lieferte das „Qualifikationsergebnis“. Sprich einer Championatsnominierung des Paars stünde was die Mindesterfolge anbelangt nichts im Weg.
Ende Mai 2026 stürzten die beiden in Chaumont de Vexin in Frankreich in einer CCI4*-S. Der erste Sturz der beiden, „klarer Reiterfehler“, sagt Brandon Schäfer-Gehrau. Ein Sturz mit Folgen, denn eigentlich hätte die Stute 2026 in Luhmühlen gehen sollen. Der Plan ging in diesem Jahr nicht auf.
Selbst ist der Mann
Stichwort Turnier – auch da ist Brandon Schäfer-Gehrau nicht nur der Reiter, sondern genauso der Pfleger. Wie war das? „Die Stute sucht sich ihre Freunde aus“, und er genießt das Privileg, dazu zu zählen. Es ist aber nicht nur die Persönlichkeit der Stute, die Schäfer-Gehrau zum „Selbstversorger“ werden lässt, wie er zugibt. „Ich bin eine Person, die lieber alles allein macht. Ich muss sicher sein, dass es klappt und dabei verlasse ich mich am liebsten auf mich selbst“.
Der Reiter von Very Special: Brandon Schäfer-Gehrau
Brandon Schäfer-Gehrau kam mit 13 Jahren auf den Geschmack, Vielseitigkeit zu reiten. Zwei Jahre später wurde er mit Pretty in Bleck Achter bei den Ponyeuropameisterschaften. Mit Fräulein Frida gewann er 2018 bei der Junioren-EM Einzel- und Mannschaftsbronze. Nach sechs Jahre in Warendorf verließ er den Bundesstützpunkt und ging ein Jahr zu Madeleine Bruckmann in die Niederlande. Nachdem dieses Engagement endete, heuerte er im Stall von Tim Lips in Breda an. Lips, selbst dreifacher Olympiareiter für die Niederlande, kommt aus einer Vielseitigkeitsfamilie. Sein Vater, 1992 bei Olympia am Start, war bereits Bundestrainer der niederländischen Equipe.
Brandon Schäfer-Gehrau ist Mitglied im Perspektivkader. Er wird seit 2016 von der Stiftung Deutscher Pferdesport unterstützt. Seine Patin ist Graciela Bruch.