Oliver Townends Ballaghmor Class mit letzter Ehrenrunde in Burghley verabschiedet

Ende, Legende – vierfacher Fünf-Sterne- und Olympiasieger in Burghley verabschiedet

Oliver Townend und Balaghmor Class am Cottesmore Leap, einem der berühmtesten Hindernisse des internationalen Vielseitigkeitssports.
Foto: BHT Oliver Townend und Balaghmor Class am Cottesmore Leap, einem der berühmtesten Hindernisse des internationalen Vielseitigkeitssports. Foto: BHT
Jedes Pferd berührt das Leben seines Reiters, egal, ob im örtlichen Reitverein oder in der Weltspitze. Doch manche Pferde berühren Leben nicht nur, sie verändern sie für immer. Ein solches Pferd war Ballaghmor Class aka "Thomas" von Oliver Townend.

Der britische Vielseitigkeitsreiter Oliver Townend steht eigentlich nicht im Verdacht, nah am Wasser gebaut zu haben. Doch als er Sonntag zum letzten Mal mit Ballaghmor Class, „Thomas“, ins Springstadion von Burghley galoppierte und die Zuschauer dieses 19-jährige topfitte und fröhliche Pferd mit Standing Ovations feierten, hatte er Tränen in den Augen.


Erfolgsgeschichte


Kein Wunder, der irische Fliegenschimmel ist das Pferd, das Townends Karriere geprägt hat wie kein Zweites mit zwei Siegen in Bughley sowie jeweils einem in Kentucky und Maryland. Dazu gewannen sie Mannschaftsgold bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und gehörten 2022 zum WM Team von Pratoni del Vivaro.


Zwölf Jahre währte die internationale Karriere der beiden vom ersten CCI1* bis hin zu zwölf Fünf-Sterne-Einsätzen (die zum Teil noch in der alten Form als CCI4* ausgetragen wurden). Wie gesagt, viermal waren die beiden fünf-Sterne-siegreich. Sechs weitere Male beendeten sie unter den Top Ten, viermal unter den Top Drei. Allein in Badminton waren sie zweimal Zweite und zweimal Fünfte.


Wenn Träume wahr werden


Als Oliver Townend Ballghmor Class den Sattel abgenommen hatte und der mit seinem Präsentkorb, randvoll gefüllt mit Möhren und Äpfeln beschäftigt war, fragte der Moderator Townend, ob er in Worte fassen könnte, was „Thomas“ ihm bedeute. Antwort: „No …“ Aber dann fand er doch noch die Worte, die er sich wohl zurechtgelegt hatte. Er bedankte sich bei all jenen, die ihn und den kantigen Fliegenschimmel mit dem eisernen Willen während ihrer gemeinsamen Karriere unterstützt und begleitet haben.


Dann setzte er erneut an, die Frage des Moderators zu beantworten: „Er war …“ Dann versagte ihm wieder die Stimme. Neuer Versuch: „Kinder haben Träume. Und dieses Pferd hat meine wahr werden lassen.“ So einfach ist das.


Das erste Mal Burghley


Mit der Verabschiedung von Ballaghmor Class in Burghley hat sich ein Kreis geschlossen. Denn hier hat er neun Jahre zuvor sein Fünf- bzw. damals noch Vier-Sterne-Debüt gegeben. Er war damals zehnjährig. Im Gespräch mit dem Burghley-Team hat Townend dieses erste Mal noch einmal Revue passieren lassen.


Die Idee, seinen Youngster, der er damals ja noch war, im Herbst 2017 ausgerechnet in Burghley zum ersten Mal über fünf Sterne zu reiten, sei ihm im Frühjahr in Bramham Market gekommen. „Ich weiß nicht genau, was der Auslöser damals war, aber nach der Dressur hatte ich das Gefühl, dass wir in dem Jahr nach Burghley fahren würden. Er gab mir in der Dressur das Gefühl, dass wir durchaus würden mithalten können und für mich hatte sich herauskristallisiert, dass das Gelände seine große Stärke ist.“


So kam es. Burghley sollte die erste ganz große sportliche Herausforderung für Ballaghmor Class werden. „Innerlich war ich sehr optimistisch. Ich hatte das Gefühl, ich hüte ein Geheimnis. Es war merkwürdig.“ Zumal die Dressur von Ballaghmor Class noch alles andere als ausgereift war. Die fliegenden Wechsel saßen noch nicht sicher – und die Aufgabe verlangt vier davon. „Ich dachte, wenn wir das schaffen, können wir das Ding gewinnen.“ Der Haken: „Ich erinnere mich, dass ich noch auf dem Abreiteplatz fliegende Wechsel geübt habe.“


Aber wie auch immer, nach der Dressur waren die beiden Sechste und hatten damit eine vielversprechende Ausgangsposition. „Ich dachte, wenn wir unter den besten sechs sind nach der Dressur, ist ein Sieg drin.“ Und als das dann geklappt hatte, war der nächste Gedanke: „Jetzt geht’s los.“


Geländetag


Dann war er da, der Tag der Tage. Der Tag des ersten Fünf-Sterne-Geländes. Und dann gleich Burghley. Townend erinnert sich: „Ich ließ ihn auf der Strecke erst einmal etwas warm werden. Er hat einen enormen Galopp. Daher habe ich darauf geachtet, nicht zu schnell loszulegen. Die meiste Zeit ließ er sich gut kontrollieren und ich tatstete mich langsam durch den ersten Teil des Kurses.“


Zu den Experten, die den Ritt live kommentierten, gehörte auch Andrew Nicholson. Seine Co-Kommentatoren fragten ihn, ob er glaubt, dass Townend und sein Neuer es in die Zeit schaffen würden. Antwort: „Realistisch betrachtet: nein!“ Doch diese Ansicht sollte Nicholson im Laufe der kommenden Minuten immer weiter revidieren.


Townend: „Etwa auf halber Strecke gab ich richtig Gas und seine Reaktion war etwas, das so wohl noch nie zuvor erlebt habe. Es war wie der Unterschied zwischen dem Fahren eines normalen schönen Autos und eines Formel 1-Wagens. Die Länge seines Galoppsprungs, alles verschwomm zu einem regelrechten Wirbelsturm.“ Es sei einer dieser „Wow-Momente“ gewesen. „Ich stand völlig unter Schock“, so Townend.


Am Ende waren sie eine Sekunde über der erlaubten Zeit. „Aber das lag wohl an mir, weil ich versucht habe, mich nicht hinreißen zu lassen“, so Townend. Denn als einmal der Gang drin war, hatte er ein neues Problem. „Sobald ich ihn auf dem Galoppstück einmal hatte laufen lassen, musste ich ihn auf dem Rückweg ständig bremsen – immer dieses Whoa, Whoa, Whoa. Wenn man das bei den Hindernissen in Burghley machen muss, hat man definitiv etwas mit richtig Power unter sich.“


Das Springen


Als es ins Springen ging, führten Townend und Ballaghmor Class. Aber das Feld lag so dicht beisammen, dass klar war: Passieren darf nichts. Die Lage entspannte sich etwas, als Gemma Stevens, die 2026er Burghley-Siegerin, damals noch mit dem fantastischen Vollblüter Arctic Soul einen Abwurf hatte. Nun konnte sich Townend einen Abwurf und auch noch Zeitfehler leisten. Es wurden fünf Strafpunkte. Aber den Sieg in seinem ersten CCI5*-L konnte niemand Ballaghmor Class mehr streitig machen.


Townend: „Ich habe damals zu Ian Stark gesagt: Egal, was heute passiert – ich glaube, das ist eines der besten Pferde, die ich je hatte.“ Und das wollte etwas heißen, schließlich hat Townend seinen ersten Fünf- bzw. damals noch Vier-Sterne-Kurs 2005 mit damals 23 Jahren in Angriff genommen. Es war Badminton und er wurde damals Zwölfter, im Jahr darauf mit einem anderen Pferd – Flint Curtis, mit dem er auch bei der WM in Aachen am Start war –  Dritter.


Townend: „Es war viel Zeit zu meinem letzten Fünf-Sterne-Siegen vergangen. Ich hatte das Glück, neun zu gewinnen. Aber die ersten beiden kamen sehr früh in meiner Karriere und irgendwann habe ich mich gefragt: ,War’s das jetzt?‘ Und dann war es plötzlich wieder so weit – und das bei einem meiner Lieblingsturniere, dem weltweit schwierigsten Fünf-Sterne-Turnier überhaupt. Ich glaube, ich habe mir noch nie eine Runde so oft in der Wiederholung angesehen wie diese.“


Rente auf der Wiese


Das Ende seiner Sportkarriere ist erst der Anfang einer hoffentlich langen Zeit als glücklicher Rentner für den 19-jährigen Ballaghmor Class. Er wird seinen Ruhestand auf der Anlage von Oliver Townend, der Gadlas Farm in Shropshire, verbringen. Mach’s gut, Thomas!


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