Olympia-Reiter und Züchter Lutz Gössing (1938 – 2026) lebt nicht mehr

Olympia-Reiter und Züchter Lutz Gössing verstorben

Szene
Lutz Gössing (1938 – 2026) Foto: sportfotos-lafrentz.de Lutz Gössing (1938 – 2026) Foto: sportfotos-lafrentz.de
Lutz Gössing gewann in der Vielseitigkeit 1972 eine olympische Bronzemedaille. Als Springreiter war er erfolgreich, als Züchter machte er sich einen Namen. Und als Mäzen unterstützte er lange Jahre Myléne Diederichsmeier und vor allem Tim Rieskamp-Goedeking. Heute ist er im Alter von 88 Jahren verstorben.

Geboren wurde Lutz Gössing, offiziell Ludwig Gössing, am 13. Mai 1938 in Dortmund. Als Landwirt wuchs er in den 1960er Jahren in den Sport hinein, so viele andere Reitergößen der damaligen Zeit. Aus der ländlichen Reiterei in die Weltspitze, das war damals eine nicht unübliche Karriere. Und wie bei vielen anderen Spring- oder Dressurreitern führte sie über die Vielseitigkeit. Er gehörte zu jener Generation deutscher Reiter, die im „Busch“ begann.


Lutz Gössing: Mit 25 Jahren ans DOKR nach Warendorf


1963 kam er ans Deutsche Olympiadekomitee für Reiterei (DOKR) nach Warendorf. Schon 1964 stand er in engerer Wahl für einen Olympiastart. Doch aus sportpolitischen Gründen war in der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft kein Platz für Gössing.


Zweimal Olympia


1968 schaffte Lutz Gössing es in die Auswahl. 1966 und 1967 war er Deutscher Meister geworden. Bei den Spielen in Mexiko musste er allerdings auf Ersatzpferd Arved zurückgreifen und schied im tropischen Regen auf der Geländestrecke aus. Auch der Auftakt bei den Olympischen Spielen von München 1972 verlief für Lutz Gössing alles andere als ideal. Sein Schimmel Chicago hatte so ziemlich jeden Grundbegriff von Dressurreiten vergessen. Nur einem beherzten Geländeritt – damals erstreckte sich die Geländestrecke plus Rennbahn und Wegestrecke über mehr als 18 Kilometer! – war es zu verdanken, dass das deutsche Team wieder in Richtung Medaillen kam. Am Ende gewann Gössing zusammen mit Harry Klugmann, Karl Schultz und Horst Karsten die Bronzemedaille. In der Einzelwertung war es Platz 13 für den gelernten Landwirt.


Zucht statt Vielseitigkeit: Rosella G und der Stall in Brockhagen


Nach 1972 fehlte Gössing für die Vielseitigkeit das passende Pferd – er wandte sich stattdessen dem Springsport und. Außerdem begeisterte er sich verstärkt für die Zucht. Zusammen mit seiner Frau Christa führte er in Brockhagen im westfälischen Steinhagen einen eigenen Turnierstall. Bemerkenswert bleibt eine Zuchtleistung, die bislang einmalig in der deutschen Pferdesportgeschichte ist: Mit der selbst gezüchteten und selbst gerittenen Stute Rosella v. Ramiro gewann er 1985 und 1986 zweimal das Deutsche Bundeschampionat. Daneben bestritt er 13 Nationenpreise für Deutschland.


Mäzen und Trainer


Junge Reiterinnen und Reiter fanden in Steinhagen eine Ausbildungsstätte: Mylène Diederichsmeier lernte auf dem Hof der Familie Gössing und stellte über Jahre die Pferde ders Ehepaars Gössing auf Turnieren vor. Als Gössing den Turnierstall aus wirtschaftlichen und persönlichen Gründen auflöste, übernahm Tim Rieskamp-Goedeking im Laufe des Jahres 2010 die Pferde der Familie. Zu diesem Zeitpunkt litt Gössing Frau Christa bereits an Krebs. Im Dezember 2011 erlag sie der Krankheit. Die Gössings waren 45 Jahre verheiratet.


Gössing begleitete über Jahre auch als Teamchef Equipen der Junioren und Jungen Reiter zu Europameisterschaften. Weitere Reiterkarrieren, die auch auf dem Hof in Brockhagen eine wichtige Station hatten, waren beispielsweise Heinrich-Hermann Johannsmann und Susanne Behring. Für seine Verdienste erhielt Lutz Gössing den Friedensreiterpreis des Westfälischen Reiterverbandes sowie 2008 das Deutsche Reiterkreuz in Silber der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).


Die Mannschaft von 1972


Die Olympiamannschaft von München 1972 bei einem Treffen anlässlich der Deutschen Meisterschaften 1975. Foto: Repro tofi-images.de

Wie sehr ihm die Freundschaften aus seiner aktiven Zeit am Herzen lagen, zeigte sich 2018: Zu seinem 80. Geburtstag lud Gössing seine Team-Kollegen von München 1972 samt Ersatzreiter – Helmut Rethemeier, Otto Ammermann und Diedrich Fick – zu einem Treffen in nach Steinhagen-Brockhagen ein. „Ich hatte schon länger die Idee, noch einmal ein großes Treffen zu organisieren“, sagte er damals. Alle sieben Olympiareiter von München nahmen teil – es soll das erste gemeinsame Treffen nach rund 20 Jahren gewesen sein.


Lutz Gössing und Tim Rieskamp-Goedeking. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Die Freude am Pferd wurde auch nicht von einer Bandscheibenoperation eingeschränkt. Wenn Tim Rieskamp-Goedeking, mehrfacher Meister der deutschen Berufsreiter, am Start war, war Gössing häufig vor Ort. Der Stilist setzt so das Lebenswerk von Lutz Gössing fort.


Ähnliche Beiträge

Yara Reicherts Springbank II schwer verletzt
Yara Reicherts Springbank II schwer verletzt Zum Artikel
Paul Wendeln – 95 Jahre Oldenburger Erfolgszüchter
Paul Wendeln – 95 Jahre Oldenburger Erfolgszüchter Zum Artikel
Quentin Simonet als EEF Präsident bestätigt, Philine Ganders-Meyer neu im Vorstand
Quentin Simonet als EEF Präsident bestätigt, Philine Ganders-Meyer neu im Vorstand Zum Artikel
WP Wehrmann Publishing