Die Buchautorin und FAZ Journalistin Evi Simeoni ist tot

Nachruf auf Evi Simeoni

Szene
Redaktion von Redaktion
Evi Simeoni (1958-2026)
Foto: sportfotos-lafrentz.de Evi Simeoni (1958-2026) Foto: sportfotos-lafrentz.de
Die Pferdesportszene trauert um Evi Simeoni-Wagner, eine Chronistin des Sports, wie es nur wenige gibt und gegeben hat.

Evi Simeoni suchte den Freitod, konsequent und gradlinig, als ihr krankheitsbedingtes Leiden schwerer wurde, als sie es zu tragen vermochte, als jede Hoffnung auf ein erträgliches Leben geschwunden war. Sie besaß noch die Kraft und den Mut, es selbstbestimmt zu beenden. Ihren Mann, ihre Freunde, ihre Kollegen und viele, die sie durch ihre journalistische Arbeit informiert, unterhalten und begleitet hat, stehen fassungslos vor diesem Verlust. Sie wurde 68 Jahre alt.


Evi Simeoni begann ihre journalistische Laufbahn nach dem Abitur bei der Stuttgarter Zeitung und wechselte 1981 zur Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo sie 40 Jahre bis zu ihrem altersbedingten Ausscheiden blieb. Schon als junge Redakteurin machte sie sich einen Namen als unbestechliche und einfühlsame Beobachterin des sportlichen Geschehens und seiner Akteure, nicht nur im Pferdesport, sondern auch beim Ringen, Rudern, Gewichtheben und anderen Sportarten. Die oft schwer durchschaubaren Pfade des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seiner Funktionäre analysierte sie mit kritischem Blick. Sie hatte Angst vor niemandem und verschaffte sich Respekt und Anerkennung bei denen, über die sie berichtete.


Detail-versessen wie sie war, hakte sie lieber noch mal und noch mal nach, bevor sie einen Text in ihrer eleganten virtuosen Schreibe formulierte. Ihr feines Gespür für Menschen und im Laufe der Zeit auch für Pferde ließ sie Dinge erkennen und ausdrücken, die anderen Schnell-Urteilern verborgen blieben. Sensationslust verachtete sie, aber sie hatte untrügliche Antennen für Geschichten, die erzählt werden mussten und erzählte sie auf ihre Weise.


Jeder, der sich mit ihr auf ein Gespräch einließ, wusste, er wird ernst genommen, er wird fair behandelt, er hat eine Chance, seine Sicht darzustellen, und wird nicht bloßgestellt, um einen schalen Applaus zu erzielen. So mancher Gesprächspartner öffnete sich Evi Simeoni gegenüber wie keinem Journalisten zuvor, was ihren Porträts oft eine besondere, sensible Qualität verlieh.


Sie berichtete von Olympischen Spielen, von Weltmeisterschaften, von IOC-Sessions und prägte den Stil des FAZ-Sportteils mehr als fast jeder andere. 1981 wurde sie mit dem Theodor Wolff-Preis ausgezeichnet, 2004 erhielt sie den Medienpreis das „Silberne Pferd“, 2022 das Reiterkreuz in Silber der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). 1996 und 2012 wurde sie Sportjournalistin des Jahres.


Neben dem journalistischen Tagesgeschäft fand sie Zeit, mehrere Bücher zu schreiben. Zwei Romane beschäftigen sich mit den dunklen Seiten des Sports. „Schlagmann“ handelt von einem Ruderer, der in eine tödliche Magersucht abgleitet, „Rückwärtssalto“ von einer Turnerin, die mit den Ansprüchen ihres überehrgeizigen Umfelds kämpft. Die andere Seite der Medaille war immer auch ein Thema für sie. 2023 erschien das Buch „Höllenjahre“, eine Bearbeitung und Kommentierung der Briefe ihres Onkels von der Front aus dem zweiten Weltkrieg.


Ihre größte Herausforderung, zugleich ihre größte Freude zum Ende ihrer beruflichen Laufbahn waren aber wohl die beiden Bücher, die sie zusammen mit Dressurikone Isabell Werth verfasste, „Vier Hufe tragen meine Seele“ und „Was für ein Mensch ist mein Pferd?“.  Da hatten sich zwei gefunden, die formulierungsgewaltige Journalistin und die temperamentvolle Spitzensportlerin, die Einblicke in die „Seele“ der vierbeinigen Stars schenkten, die es vorher so nicht gab. Jedes Pferd will als Individuum betrachtet, jedes auf seine Art verstanden werden, jedes verdient unseren Respekt und unsere Zuneigung – das war die Botschaft, die ankam, nicht nur bei Pferdeleuten.


Wer wie ich das Glück hatte, ihre Freundin zu sein, verliert mehr als die Ausnahme-Journalistin. Es bleiben die Erinnerungen an lange Gespräche am Kamin, in dem Versuch, die Welt zu retten, an endlose Fahrten und Flüge quer durch die Welt zu irgendeinem Championat, an durchschriebene Nächte aufgrund von Zeitverschiebung, an Team Work bei Interviews und Recherchen, an die Mahnung: „Das müssen wir nochmal überprüfen.“


Wir haben einen zutiefst loyalen Menschen verloren mit empfindsamer Seele, scharfem Verstand, gradliniger Argumentation und unglaublicher Kraft. Die sie bis zu ihrem letzten Atemzug nicht verließ.


Gabriele Pochhammer


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