
Anna-Lena Niehues Foto: sportfotos-lafrentz.de
Anna-Lena Niehues‘ Tag müsste 36 Stunden haben – und selbst dann reicht die Zeit wahrscheinlich nicht aus. Die Pferdewirtschaftsmeisterin aus Gronau in Westfalen betreibt einen Hof, bildet Pferde aus, ist Mutter einer kleinen Tochter und ganz nebenbei startet sie für Deutschland in der Para-Dressur.
„Ich weiß schon, es ist immer schwierig, mich zu erreichen“, sagt die 41-Jährige entschuldigend. Vor allem in den NRW-Sommerferien ist auf ihrem Hof Rüenberg sehr viel los. Über 40 Pferde stehen bei ihr. Nicht nur Top-Pferde wie Vive L‘Amour, ihre erst neunjährige Nachwuchsstute, mit der sie international an ihre Erfolge anknüpfen möchte. Sondern auch Schulpferde, auf denen sich viele Reiter unterschiedlichster Niveaus in den Reitsport einfühlen können.
Anna-Lena Niehues ist eigentlich nur Lena. So wird sie zuhause auf dem Hof genannt, den ihre Eltern über Jahre aufgebaut haben. Dabei sind Lenas Eltern eigentlich in ganz anderen Berufen zuhause: Der Vater ist Bauingenieur, die Mutter Architektin. Pferde haben schon immer eine Rolle in der Familie gespielt. „Ich sage immer, ich konnte erst reiten und dann laufen. Auch wenn meine Mama da wahrscheinlich widerspricht“, lacht sie. Ihre Oma hatte zuerst ein paar Pferde bei sich. Familie Niehues wohnt in der Nähe eines Naherholungsgebiets, auch Camping gibt es in der Nähe. Von dort kamen immer wieder Eltern, die ihren Kindern die Pferde zeigen wollten. „Das ist dann alles etwas eskaliert: Wir hatten immer Kinder bei uns im Haus, die dann auch übernachtet haben. Meine Familie hat zeitweise in den Ferien in der Küche geschlafen, bis es meinem Papa gereicht hat. Er hat dann angefangen, den Hof immer weiter auszubauen.“
Erst der Dachboden über den Ställen, später immer mehr, um einen Betrieb rund ums Reiten zu etablieren. Für Lena Niehues auf jeden Fall der Grundstein für ihren Beruf: Sie wird Berufsreiterin, macht eine Ausbildung zu Pferdewirtschaftsmeisterin. „Wir züchten auch Pferde, Ponys, einfach eine Qualität, die wir dann auch im Betrieb einsetzen können“, so Niehues und man spürt, wie sehr sie für ihren Beruf lebt. Auf dem Reiterhof Rüenberg wird auch ausgebildet, etwas, das Niehues sehr wichtig ist. Sie selbst reitet in Springen und Dressur bis M, möchte aber gerne noch mehr erreichen.
2006 kommt allerdings eine Diagnose, mit der Lena Niehues nicht gerechnet hat: Ein Tumor wird an der Halswirbelsäule entdeckt. Ein Zufallsfund, der zunächst regelmäßig überwacht werden soll. Einfach wäre eine Entfernung nämlich nicht, man will kein Risiko eingehen. „Von da an war ich zur Überwachung bei Ärzten, aber ehrlich: Jahrelang hat sich das Ding nicht verändert“, sagt sie. Sie lässt die Kontrollen schleifen, erst 2016 gibt es den nächsten Check-up. Der direkt in der Uniklinik Essen endet: Der Tumor ist gewachsen, eine Operation wird dringend empfohlen, damit er nicht aufs Rückenmark drückt. Niehues war zu diesem Zeitpunkt gerade frisch mit ihrem Partner Timo zusammen. „Das war schon nicht einfach für ihn, denn ein paar Monate später lag ich im OP.“
Als sie wach wird, ist ihre rechte Seite gelähmt. Aber sie kann atmen, eine große Erleichterung. Der nächste Schock allerdings ein paar Tage später: Lena Niehues erkrankt an einer Hirnhautentzündung, eine weitere Operation wird notwendig. „Das war alles andere als einfach in der Klinik, das muss ich schon sagen“, so Niehues. „Aber ich bin sehr eigensinnig und das war für die Reha gut.“
Drei Wochen soll sie lernen, mit ihrem Körper neu umzugehen. Zu jeder Therapie will sie selber laufen, eine enorme Anstrengung, aber sie versucht es. Denn ein Ziel ist klar: Sie will wieder aufs Pferd. Auch, wenn die rechte Seite in Teilen taub bleiben wird, auch ihren Fuß kann sie rechts nicht gut anheben.
2018 reitet sie ihr erstes Turnier seit ihrer OP, erst vorsichtig in unteren Klassen, später dann wieder auch in der M-Dressur. „Aber ich habe gemerkt: Da fehlt mir der Anschluss. Eine Freundin hat vorgeschlagen, ob der Para-Sport etwas für mich sein könnte. Das wollte ich versuchen.“ Es dauert allerdings eine ganze Zeit, bis der notwendige Sportgesundheitspass für sie vorliegt.
Niehues reitet schließlich Rolf Grebe vor, dem Co-Bundestrainer, der für den Para-Nachwuchs zuständig ist. Das war 2022. Auch ihre damaligen Pferde werden begutachtet. Bei Quimbaya bestehen erstmal Zweifel, ob das Potenzial für eine internationale Karriere reichen könnte. Da war Niehues‘ Ehrgeiz das nächste Mal geweckt. Zur Deutschen Meisterschaft damals noch in München wird sie spontan nominiert. Bei einem Vollzeitjob auf einem eigenen Hof eine Herausforderung, denn alles muss organisiert werden. Ein anstrengender Trip, der sich lohnen soll: Niehues wird in Grade IV Deutsche Meisterin, schlägt damit sogar Seriensiegerin Hanne Brenner. Auf Quimbaya übrigens, mit der sie später zum paralympischen Silber und Bronze in Paris reiten wird.
„Das war für mich ein wirklich herausforderndes Pferd mit tollen Qualitäten. Aber ich möchte gerne noch weiter kommen“, so Niehues. Als Quimbaya zwölf Jahre alt ist, verkauft die Gronauerin die Stute. Mit Vicky sollen die nächsten Erfolge kommen. Vicky, eigentlich Vive L‘Amour, ist eine typvolle Westfälin. Sie kommt 2025 erst zu Niehues, eigentlich als Berittpferd. Aber Niehues merkt, dass in Vicky mehr steckt und steigt mit ihrem inzwischen längst Ehemann Timo als Eigentümerin ein. Auch die Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer ist bei einem ersten Lehrgang begeistert von der Fuchstute, auch wenn sie noch sehr jung und sehr grün hinter den Ohren ist.
Lena Niehues bleibt dran, wie immer ehrgeizig, mit der nötigen Expertise in der Ausbildung von jungen Pferden. Das erste Jahr – noch schwierig. Aber 2026 bei den Deutschen Meisterschaften und internationalen Starts ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Fuchsstute gewinnt an Qualität und bringt Lena in den Kader für die Weltmeisterschaften in Aachen.
„Sie braucht mit Sicherheit noch Unterstützung und Halt“, so Niehues. „Aber sie ist ein absolut liebenswertes Pferd und ich freue mich sehr, wie gut das mit uns inzwischen klappt.“ Sagt’s und verschwindet. Denn neben Vicky gibt es auch noch Nelly, ihre dreijährige Tochter.
Niehues‘ Tag hat immer noch keine 36 Stunden. Aber Zeit für die Familie wird immer sein. Und mit Sicherheit noch Zeit für die nächsten Erfolge im Para-Dressur-Viereck.

Kerstin von der Linden ist Journalistin und Buchautorin, arbeitet unter anderem für den WDR und enagagiert sich ehrenamtlich für das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches reiten (DKThR). Foto: kerstinvonderlinden.de