
Heidemarie Dresing Foto: sportfotos-lafrentz.de
Heidemarie Dresing ist die Architektin ihres Erfolgs - im doppelten Sinne. Sie hat vor ihrer sportlichen Karriere im deutschen Para-Dressur-Team lange Zeit als Architektin und Diplom-Bauingenieurin gearbeitet. Pferde gehörten dabei schon immer zu ihrem Leben. „Meine erste Liebe hieß Lotte und war zwar eine Kuh, aber Pferde fand ich einfach immer schöner“, lacht Dresing. Ihre Oma sorgt dafür, dass sie erst einmal geführt auf einem Pony sitzt. Aber das ist nur der Anfang.
Heide, wie sie alle nennen, bleibt bei ihrem Hobby. Sie reitet im Springen erfolgreich bis M, startet auch auf Turnieren im Ausland. Dann bekommt sie ein Pferd, das mehr in der Dressur gearbeitet werden soll. Es wird zum Grundstein für höhere Klassen bis Intermediare I. Sie erreitet sich das Silberne Reitabzeichen und bekommt dadurch immer mehr Pferde, die sie vorstellen soll. Auch als Züchterin macht sie sich einen Namen, immer auf der Suche nach dem perfekten Fohlen.
Doch mit ihrem 50. Geburtstag verändert sich alles. „Wir hatten gefeiert und am nächsten Tag saß ich auf dem Pferd“, erinnert sich Dresing. „Dann sollte ich vortraben, aber irgendwie konnte ich mein linkes Bein nicht mehr heben.“ Auch im Büro fallen ihr Veränderungen auf: Sie kann nicht gut sehen, hat Gleichgewichtsstörungen. „Die anderen haben getuschelt, ob ich betrunken wäre, weil ich richtig getorkelt bin.“ Ein Arzt verordnet ihr eine Bildschirmbrille, andere vermuten phobischen Schwindel und wollen eine Psychologin einschalten. Sechs lange Jahre dauert es, bis die Diagnose steht: Multiple Sklerose.
„Das war schon ein Schock für mich und ich hatte auch echt Angst“, so Heidemarie Dresing nachdenklich. In der Verwandtschaft ist ihr ein Fall bekannt, wo jemand durch MS sehr gelitten hat, kaum den Kopf halten konnte. Für Dresing eine schlimme Vorstellung. Mit der Diagnose im Jahr 2011 beginnt für sie das Leben mit der Erkrankung. Und damit auch Einschränkungen beim Reiten.
„Ich hatte zwar von Para-Dressur gehört, aber ich hatte eine vollkommen falsche Vorstellung und dachte: ‚Hä? Was ist das? Willst du mit denen reiten?‘“ Zwei Frauen werden für Dresings weiteren Weg wichtig. Zum einen Hanne Brenner, die bislang erfolgreichste deutsche Para-Dressur-Reiterin. Sie interessiert sich für eine schwierige Stute von Dresing. Ihr erzählt Heidemarie Dresing, dass sie das Pferd abgeben will, weil sie ein Handicap hat. Antwort von Brenner: „Na und? Das habe ich auch!“
Und dann ist da noch Almut Schlingenkötter vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten. Sie trifft sich mit Dresing und überzeugt sie, es einmal im Para-Sport zu versuchen. „Dann bin ich bei den Deutschen Meisterschaften angetreten mit 18 Startern und wurde 17. Na toll.“ Dresing kann sich heute noch darüber amüsieren, aber auch der Ehrgeiz packt sie: Wie muss sie reiten, damit sie oben mithalten kann?
Sie findet ein Pferd, mit dem sie es noch einmal versuchen will. Damit reitet sie bei Rolf Grebe vor, Co-Bundestrainer des deutschen Para-Dressur-Teams. Heidemarie Dresing startet zunächst in Grade IV. In dieser Wettkampfklasse finden sich ganz unterschiedliche Einschränkungen, geritten wird auf L** Niveau. Für Dresing schwierig, denn durch Spastiken und ihr linkes, taubes Bein kann sie den Anforderungen nicht immer gerecht werden. „In Grade IV musst du ja den Zirkel im Mittelgalopp reiten. Das war für mich wie Kettenkarussell, dann auch noch mit meinem Schwindel. Nein, das ging nicht gut.“ Eine Neueinstufung läuft auf Grade II hinaus. Dresing muss ziemlich schlucken, als sie das hört. In diesem Grade treten Reiter mit starken Beeinträchtigungen der Rumpfbalance und der Beine gegeneinander an. Das Viereck misst 20×40 Meter, die Lektionen werden in Schritt- und Trabsequenzen geritten. In der Kür darf auch der Galopp hinzugenommen werden. „Im Nachhinein muss ich sagen: Das war genau richtig. Ich habe keine Spastiken mehr in der Hand, das konnte jeder sofort sehen.“
Von den Grades her ging es runter, vom Erfolg her ging es in die Weltspitze. Mit ihrer Stute La Boum wird sie zweimal Deutsche Meisterin, jeweils Vierte bei den Paralympics in Tokyo und in der Kür bei der WM in Herning 2022. Danach folgt mit Horse24 Dooloop der nächste Titel, denn Dresing wird 2023 Europameisterin in Riesenbeck in der Einzelwertung und der Kür. Dazu noch Silber mit dem Team. „Dooly hatte ich erst im Februar bekommen und im August waren wir schon Europameister.“ Sie kann das immer noch nicht fassen. „Wobei er schon nicht so einfach ist. Ein Grand Prix Pferd von Nadine Plaster. Da musste ich erstmal die richtigen Knöpfe finden. Wenn du nicht aufpasst, dann passagiert oder piaffiert er halt ganz schnell.“
Mit ihm geht die sportliche Reise weiter, genauso wie mit ihrem Nachwuchspferd Poesie. Mit ihr gewinnt Dresing 2025 bei den Europameisterschaften gleich drei Titel, verteidigt 2026 auch die Deutschen Meisterschaften. Dass inzwischen die 7 beim Alter vorne dran steht, ist für Dresing kein Hindernis. Ebensowenig ihre Nervenerkrankung.
„Das Schöne am Para-Sport ist ja, dass man seinem Krankheitszustand entsprechend Leistung bringen kann. Wenn man sehr krank ist, kann man trotzdem bis in die Spitze kommen“, so Heidemarie Dresing. Da will sie sich so lange wie möglich erhalten.
